Rhetorik · 85 BC · Rome

De Inventione

De Inventione

Vorbemerkung

De Inventione, “Über die Auffindung,” ist das früheste erhaltene Werk Ciceros — ein Handbuch der rhetorischen Theorie, verfaßt, als er kaum dem Knabenalter entwachsen war, um 85 v. Chr., während er noch Schüler eben jener Kunst war, die er einst beherrschen sollte. Sein Gegenstand ist der erste und, wie Cicero sagt, der größte der fünf Teile der Rhetorik: die inventio, das Auffinden der Beweisgründe, deren ein Fall bedarf. Zwei Bücher sind erhalten, und sie sind alles, was es je gab von einem größeren Entwurf: am Ende des zweiten bricht Cicero ab mit dem Versprechen weiterer Bände, die er niemals schrieb. Der reife Cicero verleugnete das Werk. In De Oratore verwirft er es als das halbfertige, rohe Notizbuch seiner Jugend, “Dinge, die den Heften meiner Knabenzeit entschlüpft sind”; der vorliegende Band druckt es nicht um des Meisters willen, sondern weil hier seine Stimme beginnt.

Das erste Buch legt die Architektur der Kunst fest. Nach einem berühmten Vorwort über die Beredsamkeit als die zivilisierende Macht, die die verstreuten Menschen aus den Wäldern in die Städte und in das Recht führte, stellt Cicero die drei Gattungen der Beredsamkeit dar — die gerichtliche, die deliberative und die demonstrative — und sodann das Herzstück des Systems, das er von den Griechen, vor allem von Hermagoras von Temnos, übernommen hatte: die Lehre vom constitutio oder “Streitstand,” dem Punkt, um den sich jeder Streit dreht, sei er der Tat (der mutmaßende Streitstand), der Bestimmung, der Beschaffenheit oder des Verfahrens (der übertragende Streitstand). Von da durchläuft er die Teile der Rede in ihrer Reihenfolge — Einleitung, Erzählung, Gliederung, Bekräftigung, Widerlegung, Schluß — mit einer vollständigen Behandlung des Beweises durch Induktion und durch Schlußfolgerung und einer abschließenden Zergliederung des Schlusses und seiner Maschinerie der Entrüstung und des Mitleids. Das zweite Buch wendet die Streitstand-Lehre Fall für Fall über alle drei Gattungen der Beredsamkeit an, ihr größter Teil auf die gerichtlichen Streitstände, mit der deliberativen Erörterung des Ehrenhaften und des Nützlichen und der demonstrativen des Lobes und des Tadels am Ende angefügt.

Das zweite Buch beginnt mit dem berühmten Bild des Malers Zeuxis, der, um für die Krotoniaten die Helena zu malen, die fünf schönsten Jungfrauen der Stadt erwählte und von jeder das Schönste nahm, da die Natur keinem einzigen Körper in jedem Teil Vollkommenheit verleiht. So, sagt Cicero, habe er seine Vorschriften gesammelt — nicht von einem Meister, sondern von allen, von den griechischen Schulen, indem er von jeder das Beste nahm. Das Buch ist hellenistische Schulstubentheorie in lateinischem Gewande, dicht von durchgearbeiteten Rechtsbeispielen und dem technischen Apparat des status-Systems. Es ist alles, wogegen das spätere De Oratore sich wenden sollte: ein Leitfaden, wo der Dialog Philosophie hätte, eine Merkliste, wo der Dialog einen lebendigen Redner hätte. Und doch war es durch das ganze Mittelalter eines der beiden meiststudierten Bücher der Rhetorik im Abendland — die Rhetorica vetus, die “Alte Rhetorik,” gepaart mit der pseudo-ciceronianischen Ad Herennium — und auf seinem Gerüst wurde ein Großteil der mittelalterlichen und der Renaissance-Argumentation errichtet.

Oft und eingehend habe ich darüber bei mir nachgedacht, ob die Gabe der Rede und das höchste Streben nach Beredsamkeit den Menschen und den Staaten mehr Gutes oder mehr Schlechtes gebracht haben. Denn wenn ich die Schäden unseres eigenen Gemeinwesens betrachte und die alten Unglücksfälle der größten Staaten im Geist zusammenfasse, so sehe ich, daß kein geringer Teil der Übel durch die beredtesten Menschen herbeigeführt worden ist; wenn ich aber daranmache, die unserem Gedächtnis durch ihr Alter entrückten Begebenheiten aus den Denkmälern der Überlieferung wiederzugewinnen, so erkenne ich, daß viele Städte gegründet, sehr viele Kriege beigelegt, die festesten Bündnisse und die heiligsten Freundschaften zwar durch die Vernunft des Geistes, doch noch leichter durch die Beredsamkeit zustande gebracht worden sind. Und mich, der ich lange darüber nachdenke, führt die Vernunft selbst vor allem zu diesem Urteil, daß ich meine, die Weisheit ohne Beredsamkeit nütze den Staaten wenig, die Beredsamkeit aber ohne Weisheit schade meistens allzu sehr und nütze niemals. Wenn daher einer die richtigsten und ehrenhaftesten Bestrebungen der Vernunft und der Pflicht beiseite läßt und seine ganze Mühe auf die Übung des Redens verwendet, so wird er als ein sich selbst nutzloser, dem Vaterland verderblicher Bürger herangezogen; wer sich aber so mit Beredsamkeit wappnet, daß er nicht das Wohl des Vaterlandes angreifen, sondern es verteidigen kann, der wird, wie mir scheint, ein für seine eigenen wie für die öffentlichen Belange höchst nützlicher und höchst zugetaner Bürger sein.
Saepe et multum hoc mecum cogitavi, bonine an mali plus attulerit hominibus et civitatibus copia di- cendi ac summum eloquentiae studium. nam cum et nostrae rei publicae detrimenta considero et maxi- marum civitatum veteres animo calamitates colligo, non minimam video per disertissimos homines in- vectam partem incommodorum; cum autem res ab nostra memoria propter vetustatem remotas ex litte- rarum monumentis repetere instituo, multas urbes constitutas, plurima bella restincta, firmissimas socie- tates, sanctissimas amicitias intellego cum animi ra- tione tum facilius eloquentia comparatas. ac me quidem diu cogitantem ratio ipsa in hanc potissimum sententiam ducit, ut existimem sapientiam sine elo- quentia parum prodesse civitatibus, eloquentiam vero sine sapientia nimium obesse plerumque, prodesse numquam. quare si quis omissis rectissimis atque honestissimis studiis rationis et officii consumit omnem operam in exercitatione dicendi, is inutilis sibi, per- niciosus patriae civis alitur; qui vero ita sese armat eloquentia, ut non oppugnare commoda patriae, sed pro his propugnare possit, is mihi vir et suis et pu- blicis rationibus utilissimus atque amicissimus civis fore videtur.
Und wenn wir den Ursprung dieser Sache, die man Beredsamkeit nennt — sei sie eine Kunst, sei sie ein Studium, sei sie eine gewisse Übung oder eine aus der Natur hervorgegangene Fähigkeit —, betrachten wollen, so werden wir finden, daß sie aus den ehrenhaftesten Gründen geboren und von den besten Beweggründen ausgegangen ist. Denn es gab einst eine Zeit, in der die Menschen weit verstreut auf den Feldern nach Art der Tiere umherschweiften und ihr Leben mit wilder Nahrung fristeten und nichts durch die Vernunft des Geistes, sondern das meiste durch die Kraft des Körpers verrichteten; noch wurde keine Ordnung göttlicher Religion, keine Ordnung menschlicher Pflicht gepflegt, niemand hatte eine rechtmäßige Ehe gesehen, niemand sichere Kinder erblickt, niemand begriffen, welchen Nutzen ein gleiches Recht bringt. So mißbrauchte aus Irrtum und Unwissenheit die blinde und unbesonnene Begierde, die Herrin des Geistes, die Kraft des Körpers, ihre verderblichsten Trabanten, um sich selbst zu sättigen. Zu dieser Zeit erkannte ein gewiß großer und weiser Mann, welcher Stoff und welch große Eignung zu den höchsten Dingen in den Geistern der Menschen liege, wenn jemand sie hervorlocken und durch Belehrung besser machen könnte; dieser trieb die zerstreuten und auf den Feldern und in waldigen Behausungen verborgenen Menschen durch eine gewisse vernünftige Überlegung an einen Ort zusammen und versammelte sie, und indem er sie zu jeder nützlichen und ehrenhaften Sache hinführte — sie, die zuerst aus Ungewohntheit dagegen aufschrien, dann aber wegen der vernünftigen Rede aufmerksamer zuhörten —, machte er sie aus wilden und ungeschlachten zu sanften und gezähmten.
Ac si volumus huius rei, quae vocatur eloquentia, sive artis sive studii sive exercitationis cuiusdam sive facultatis ab natura profectae considerare principium, reperiemus id ex honestissimis causis natum atque optimis rationibus profectum. nam fuit quoddam tem- pus, cum in agris homines passim bestiarum modo vagabantur et sibi victu fero vitam propagabant nec ratione animi quicquam, sed pleraque viribus corporis administrabant, nondum divinae religionis, non hu- mani officii ratio colebatur, nemo nuptias viderat legi- timas, non certos quisquam aspexerat liberos, non, ius aequabile quid utilitatis haberet, acceperat. ita propter errorem atque inscientiam caeca ac temeraria domi- natrix animi cupiditas ad se explendam viribus cor- poris abutebatur, perniciosissimis satellitibus. quo tem- pore quidam magnus videlicet vir et sapiens cognovit, quae materia esset et quanta ad maximas res opportunitas in animis inesset hominum, si quis eam posset elicere et praecipiendo meliorem reddere; qui dispersos homines in agros et in tectis silvestribus abditos ratione quadam conpulit unum in locum et congregavit et eos in unam quamque rem inducens utilem atque honestam primo propter insolentiam reclamantes, deinde propter rationem atque orationem studiosius audientes ex feris et inmanibus mites reddidit et mansuetos.
Und mir wenigstens scheint die Weisheit dies weder stumm noch ohne die Gabe der Rede haben vollbringen können: die Menschen plötzlich von ihrer Gewohnheit abzuwenden und zu ganz anderen Lebensweisen hinüberzuführen. Ja, weiter: nachdem die Städte gegründet waren — wie hätte es jemals geschehen können, daß die Menschen lernten, die Treue zu pflegen und die Gerechtigkeit zu wahren, und sich gewöhnten, anderen aus eigenem Willen zu gehorchen und es nicht nur für recht zu halten, um des gemeinsamen Wohles willen Mühen auf sich zu nehmen, sondern sogar das Leben hinzugeben, wenn die Menschen nicht das, was sie durch die Vernunft gefunden hätten, durch Beredsamkeit hätten überzeugend machen können? Sicher hätte niemand, wenn er durch Kraft am meisten vermochte, durch keine andere als durch eine gewichtige und liebliche Rede bewogen, ohne Gewalt zum Recht herabsteigen wollen, so daß er sich denen, die er hätte übertreffen können, gleichstellen ließ und aus eigenem Willen von der angenehmsten Gewohnheit abrückte, die zumal schon durch ihr Alter die Kraft der Natur erlangt hatte. Und so scheint die Beredsamkeit zuerst geboren und weiter fortgeschritten und ebenso später in den größten Angelegenheiten des Friedens und des Krieges zum höchsten Nutzen der Menschen tätig gewesen zu sein; nachdem aber eine gewisse Gewandtheit, eine schlechte Nachahmerin der Tugend, ohne den Sinn für die Pflicht die Fülle des Redens erlangt hatte, da gewöhnte sich die Bosheit, auf ihre Begabung gestützt, daran, Städte zu untergraben und das Leben der Menschen ins Wanken zu bringen.
ac mihi qui- dem hoc nec tacita videtur nec inops dicendi sapientia perficere potuisse, ut homines a consuetudine subito converteret et ad diversas rationes vitae traduceret. age vero urbibus constitutis, ut fidem colere et iusti- tiam retinere discerent et aliis parere sua voluntate consuescerent ac non modo labores excipiendos com- munis commodi causa, sed etiam vitam amittendam existimarent, qui tandem fieri potuit, nisi homines ea, quae ratione invenissent, eloquentia persuadere po- tuissent? profecto nemo nisi gravi ac suavi commotus oratione, cum viribus plurimum posset, ad ius voluisset sine vi descendere, ut inter quos posset excellere, cum iis se pateretur aequari et sua voluntate a iucundissi- ma consuetudine recederet, quae praesertim iam natu- rae vim optineret propter vetustatem. ac primo quidem sic et nata et progressa longius eloquentia videtur et item postea maximis in rebus pacis et belli cum sum- mis hominum utilitatibus esse versata; postquam vero commoditas quaedam, prava virtutis imitatrix, sine ra- tione officii dicendi copiam consecuta est, tum ingenio freta malitia pervertere urbes et vitas hominum labe- factare assuevit.
Und auch den Anfang dieses Übels wollen wir darlegen, da wir ja vom Anfang des Guten gesprochen haben. Höchst wahrscheinlich scheint mir, daß zu einer gewissen Zeit weder unwissende und einfältige Menschen sich in öffentlichen Angelegenheiten zu betätigen pflegten, noch große und beredte Menschen zu privaten Rechtsfällen herantraten, sondern daß, während die größten Angelegenheiten von den höchsten Männern verwaltet wurden, es, wie ich glaube, andere, nicht ungewandte Menschen gab, die zu den kleinen Streitigkeiten der Privatleute herantraten. Da in diesen Streitigkeiten die Menschen sich oft gewöhnten, von der Seite der Lüge gegen die Wahrheit zu stehen, flößte die unablässige Übung des Redens ihnen Dreistigkeit ein, so daß jene besseren Männer notwendig gezwungen wurden, wegen des Unrechts gegen die Bürger den Dreisten zu widerstehen und ein jeder seinen Angehörigen beizustehen. Da daher im Reden oft jener ebenbürtig, bisweilen sogar überlegen erschien, der das Streben nach Weisheit aufgegeben und sich nichts außer der Beredsamkeit erworben hatte, so kam es dazu, daß er nach dem Urteil sowohl der Menge als auch seinem eigenen würdig erschien, das Gemeinwesen zu leiten. Daher entstanden, gewiß nicht zu Unrecht, als unbesonnene und dreiste Menschen ans Steuer des Gemeinwesens gelangt waren, die größten und jämmerlichsten Schiffbrüche. Durch diese Vorkommnisse zog sich die Beredsamkeit so viel Haß und Mißgunst zu, daß die begabtesten Menschen sich, wie aus einem stürmischen Unwetter in einen Hafen, so aus dem aufrührerischen und unruhigen Leben einem ruhigen Studium hingaben. Daher scheinen mir später die übrigen rechten und ehrenhaften Studien, in der Muße von den Besten gepflegt, hervorgeleuchtet zu haben, dieses aber, von den meisten von ihnen verlassen, gerade zu der Zeit in Vergessenheit geraten zu sein, da man es weit nachdrücklicher hätte festhalten und eifriger hätte fördern müssen.
Atque huius quoque exordium mali, quoniam princi- pium boni diximus, explicemus. veri simillimum mihi videtur quodam tempore neque in publicis rebus infantes et insipientes homines solitos esse versari nec vero ad privatas causas magnos ac disertos homines accedere, sed cum a summis viris maximae res admini- strarentur, arbitror alios fuisse non incallidos homines, qui ad parvas controversias privatorum accederent. quibus in controversiis cum saepe a mendacio contra verum stare homines consuescerent, dicendi assiduitas induit audaciam, ut necessario superiores illi propter iniurias civium resistere audacibus et opitulari suis quisque necessariis cogeretur. itaque cum in dicendo saepe par, nonnumquam etiam superior visus esset is, qui omisso studio sapientiae nihil sibi praeter eloquen- tiam comparasset, fiebat, ut et multitudinis et suo iudi- cio dignus, qui rem publicam gereret, videretur. hinc nimirum non iniuria, cum ad gubernacula rei publicae temerarii atque audaces homines accesserant, maxima ac miserrima naufragia fiebant. quibus rebus tantum odii atque invidiae suscepit eloquentia, ut homines in- geniosissimi, quasi ex aliqua turbida tempestate in por- tum, sic ex seditiosa ac tumultuosa vita se in studium aliquod traderent quietum. quare mihi videntur postea cetera studia recta atque honesta per otium concele- brata ab optimis enituisse, hoc vero a plerisque eorum desertum obsolevisse tempore, quo multo vehementius erat retinendum et studiosius adaugendum.
Denn je unwürdiger der Leichtsinn und die Dreistigkeit der Toren und Schurken eine höchst ehrenhafte und höchst rechte Sache verletzte, zum größten Schaden des Gemeinwesens, desto eifriger hätte man ihnen widerstehen und für das Gemeinwesen sorgen müssen. Das ist jenem unserem Cato nicht entgangen, noch dem Laelius, noch — um die Wahrheit zu sagen — ihrem Schüler Africanus, noch den Gracchen, den Enkeln des Africanus: in diesen Männern war die höchste Tugend und eine durch die höchste Tugend gesteigerte Autorität und — was sowohl diesen Eigenschaften zur Zierde als auch dem Gemeinwesen zum Schutz gereichte — die Beredsamkeit. Daher ist nach meinem Sinn die Beredsamkeit um nichts weniger zu betreiben, mögen auch gewisse Leute sie sowohl privat als auch öffentlich mißbrauchen; vielmehr ist sie um so nachdrücklicher zu betreiben, damit nicht die Schlechten zum großen Schaden der Guten und zum gemeinsamen Verderben aller allzu viel vermögen, zumal da dies das einzige ist, was alle Angelegenheiten, private wie öffentliche, am meisten betrifft, wodurch das Leben sicher, ehrenhaft, glänzend und ebenso angenehm wird. Denn von hier kommen dem Gemeinwesen sehr viele Vorteile, wenn die Weisheit, die Lenkerin aller Dinge, zur Stelle ist; von hier strömen denen, die sie erlangt haben, Lob, Ehre und Würde zu; von hier wird auch ihren Freunden der gewisseste und sicherste Schutz bereitet. Und mir wenigstens scheinen die Menschen, obwohl sie in vielen Dingen geringer und schwächer sind, gerade in dieser Sache die Tiere am meisten zu übertreffen, daß sie sprechen können. Daher scheint mir etwas Vortreffliches der erlangt zu haben, der gerade in dem, worin die Menschen die Tiere übertreffen, die Menschen selbst überragt. Wenn dies vielleicht nicht durch die Natur allein und auch nicht durch Übung zustande kommt, sondern auch durch eine gewisse Kunstfertigkeit erworben wird, so ist es nicht unangebracht zu sehen, was jene sagen, die uns gewisse Vorschriften über diese Sache hinterlassen haben. Doch bevor wir von den rednerischen Vorschriften sprechen, scheint von der Gattung der Kunst selbst, von ihrer Aufgabe, von ihrem Ziel, von ihrem Stoff und von ihren Teilen gesprochen werden zu müssen. Denn sind diese Dinge erkannt, so wird der Geist eines jeden leichter und müheloser die Methode und den Weg der Kunst selbst betrachten können.
nam quo indignius rem honestissimam et rectissimam violabat stultorum et improborum temeritas et audacia summo cum rei publicae detrimento, eo studiosius et illis re- sistendum fuit et rei publicae consulendum. quod no- strum illum non fugit Catonem neque Laelium neque eorum, ut vere dicam, discipulum Africanum neque Gracchos Africani nepotes: quibus in hominibus erat summa virtus et summa virtute amplificata auctoritas et, quae et his rebus ornamento et rei publicae prae- sidio esset, eloquentia. quare meo quidem animo nihilo minus eloquentiae studendum est, etsi ea quidam et privatim et publice abutuntur; sed eo quidem vehemen- tius, ne mali magno cum detrimento bonorum et com- muni omnium pernicie plurimum possint, cum prae- sertim hoc sit unum, quod ad omnes res et privatas et publicas maxime pertineat, hoc tuta, hoc honesta, hoc inlustris, hoc eodem vita iucunda fiat. nam hinc ad rem publicam plurima commoda veniunt, si mo- deratrix omnium rerum praesto est sapientia; hinc ad ipsos, qui eam adepti sunt, laus, honos, dignitas con- fluit; hinc amicis quoque eorum certissimum et tu- tissimum praesidium comparatur. ac mihi quidem vi- dentur homines, cum multis rebus humiliores et in- firmiores sint, hac re maxime bestiis praestare, quod loqui possunt. quare praeclarum mihi quiddam videtur adeptus is, qui, qua re homines bestiis praestent, ea in re hominibus ipsis antecellat. hoc si forte non natura modo neque exercitatione conficitur, verum etiam arti- ficio quodam comparatur, non alienum est videre, quae dicant ii, qui quaedam eius rei praecepta nobis reliquerunt. Sed antequam de praeceptis oratoriis dicimus, videtur dicendum de genere ipsius artis, de officio, de fine, de materia, de partibus. nam his rebus cognitis facilius et expeditius animus unius cuiusque ipsam ra- tionem ac viam artis considerare poterit.
Es gibt eine gewisse staatsbürgerliche Wissenschaft, die aus vielen und großen Dingen besteht. Ein gewisser großer und ansehnlicher Teil von ihr ist die kunstgemäße Beredsamkeit, die man Rhetorik nennt. Denn wir stimmen weder mit denen überein, die meinen, die staatsbürgerliche Wissenschaft bedürfe der Beredsamkeit nicht, noch widersprechen wir sehr denen, die meinen, sie sei ganz in der Kraft und Kunstfertigkeit des Redners enthalten. Daher werden wir diese rednerische Fähigkeit so einordnen, daß wir sie einen Teil der staatsbürgerlichen Wissenschaft nennen. Die Aufgabe dieser Fähigkeit aber scheint zu sein, der Überzeugung angemessen zu reden; ihr Ziel, durch die Rede zu überzeugen. Zwischen Aufgabe und Ziel besteht der Unterschied, daß bei der Aufgabe betrachtet wird, was geschehen, beim Ziel, was bewirkt werden soll. Wie wir sagen, die Aufgabe des Arztes sei, der Heilung angemessen zu behandeln, sein Ziel aber, durch die Behandlung zu heilen, so verstehen wir, was wir die Aufgabe und was wir das Ziel des Redners nennen sollen, indem wir das, was er tun muß, die Aufgabe nennen, und jenes, um dessentwillen er es tun muß, das Ziel heißen.
Civilis quaedam ratio est, quae multis et magnis ex rebus constat. eius quaedam magna et ampla pars est artificiosa eloquentia, quam rhetoricam vocant. nam neque cum iis sentimus, qui civilem scientiam eloquentia non putant indigere, et ab iis, qui eam pu- tant omnem rhetoris vi et artificio contineri, magnopere dissentimus. quare hanc oratoriam facultatem in eo genere ponemus, ut eam civilis scientiae partem esse dicamus. Officium autem eius facultatis videtur esse dicere adposite ad persuasionem; finis persuadere dictione. inter officium et finem hoc interest, quod in officio, quid fieri, in fine, quid effici conveniat, con- sideratur. ut medici officium dicimus esse curare ad sanandum apposite, finem sanare curatione, item, ora- toris quid officium et quid finem esse dicamus, intel- legimus, cum id, quod facere debet, officium esse di- cimus, illud, cuius causa facere debet, finem appel- lamus.
Den Stoff der Kunst nennen wir das, womit die ganze Kunst und jene Fähigkeit, die aus der Kunst hervorgeht, sich befaßt. Wie wenn wir sagen, der Stoff der Heilkunde seien Krankheiten und Wunden, weil die ganze Heilkunde sich mit diesen befaßt, so benennen wir ebenso die Dinge, mit denen die rednerische Kunst und Fähigkeit sich befaßt, als den Stoff der rhetorischen Kunst. Diese Dinge aber haben die einen für zahlreicher, die anderen für weniger zahlreich gehalten. Denn Gorgias von Leontinoi, fast der älteste Redelehrer, war der Meinung, der Redner könne über alle Dinge aufs beste reden; dieser scheint dieser Kunst einen unendlichen und unermeßlichen Stoff zu unterstellen. Aristoteles aber, der dieser Kunst sehr viele Hilfsmittel und Zierden beigesteuert hat, war der Ansicht, die Aufgabe des Redners befasse sich mit drei Gattungen von Dingen: der demonstrativen, der deliberativen und der gerichtlichen. Demonstrativ ist, was dem Lob oder Tadel einer bestimmten Person gewidmet ist; deliberativ, was, in die staatsbürgerliche Erörterung gestellt, das Vortragen einer Meinung in sich enthält; gerichtlich, was, vor Gericht gestellt, Anklage und Verteidigung oder Forderung und Zurückweisung in sich enthält. Und wie es jedenfalls unsere Meinung mit sich bringt, ist anzunehmen, daß die Kunst und Fähigkeit des Redners sich mit diesem dreiteiligen Stoff (materia tripertita) zu befassen ist.
Materiam artis eam dicimus, in qua omnis ars et ea facultas, quae conficitur ex arte, versatur. ut si medi- cinae materiam dicamus morbos ac vulnera, quod in his omnis medicina versetur, item, quibus in rebus ver- satur ars et facultas oratoria, eas res materiam artis rhetoricae nominamus. has autem res alii plures, alii pauciores existimarunt. nam Gorgias Leontinus, anti- quissimus fere rhetor, omnibus de rebus oratorem op- time posse dicere existimavit; hic infinitam et inmensam huic artificio materiam subicere videtur. Aristoteles autem, qui huic arti plurima adiumenta atque orna- menta subministravit, tribus in generibus rerum ver- sari rhetoris officium putavit, demonstrativo, delibera- tivo, iudiciali. demonstrativum est, quod tribuitur in alicuius certae personae laudem aut vituperationem; deliberativum, quod positum in disceptatione civili ha- bet in se sententiae dictionem; iudiciale, quod positum in iudicio habet in se accusationem et defensionem aut petitionem et recusationem. et, quemadmodum nostra quidem fert opinio, oratoris ars et facultas in hac ma-
Hermagoras nämlich scheint weder darauf zu achten, was er sagt, noch zu verstehen, was er verspricht, da er den Stoff des Redners in den Fall (causa) und in die Frage (quaestio) einteilt; den Fall nennt er eine Sache, die einen in die Rede gestellten Streit mit Beteiligung bestimmter Personen in sich hat — was auch wir dem Redner als zugewiesen bezeichnen (denn unter ihn ordnen wir die drei Teile, die wir zuvor genannt haben: den gerichtlichen, den deliberativen, den demonstrativen). Frage aber nennt er das, was einen in die Rede gestellten Streit ohne Beteiligung bestimmter Personen in sich hat, auf diese Weise: Gibt es überhaupt ein Gut außer dem Sittlich-Guten? Sind die Sinne zuverlässig? Welche Gestalt hat die Welt? Welche Größe hat die Sonne? Daß diese Fragen weit von der Aufgabe des Redners entfernt sind, versteht, wie wir meinen, jedermann leicht; denn die Dinge, auf die, wie wir wissen, die höchsten Geister der Philosophen mit größter Mühe verwendet worden sind, dem Redner gleichsam als irgendwelche geringen Dinge zuzuweisen, scheint großer Wahnsinn zu sein. Wenn aber Hermagoras in diesen Dingen eine große, durch Studium und Schulung erworbene Fähigkeit besessen hätte, so würde es scheinen, als habe er, auf sein eigenes Wissen vertrauend, etwas Falsches über die Kunst des Redners festgesetzt und nicht dargelegt, was die Kunst, sondern was er selbst vermochte. So aber ist die Begabung in dem Manne derart, daß man ihm eher die Rhetorik entrissen als die Philosophie zugestanden hätte; und das nicht etwa deshalb, weil mir die Kunstlehre, die er herausgegeben hat, höchst fehlerhaft geschrieben zu sein scheint; denn in ihr scheint er aus den alten Lehrbüchern mit Geist und Sorgfalt ausgewählte Dinge zusammengestellt und auch selbst einiges Neue beigebracht zu haben; aber für den Redner ist es das Geringste, über die Kunst zu reden, was dieser tat, das bei weitem Größte aber, aus der Kunst zu reden, wozu er, wie wir alle sehen, am wenigsten imstande war.
teria tripertita versari existimanda est. nam Herma- goras quidem nec quid dicat attendere nec quid polli- ceatur intellegere videtur, qui oratoris materiam in cau- sam et in quaestionem dividat, causam esse dicat rem, quae habeat in se controversiam in dicendo positam cum personarum certarum interpositione; quam nos quoque oratori dicimus esse adtributam (nam tres eas partes, quas ante diximus, subponimus, iudicialem, de- liberativam, demonstrativam). quaestionem autem eam appellat, quae habeat in se controversiam in dicendo positam sine certarum personarum interpositione, ad hunc modum: ecquid sit bonum praeter honestatem? verine sint sensus? quae sit mundi forma? quae sit solis magnitudo? quas quaestiones procul ab oratoris officio remotas facile omnes intellegere existimamus; nam quibus in rebus summa ingenia philosophorum plurimo cum labore consumpta intellegimus, eas sicut aliquas parvas res oratori adtribuere magna amentia videtur. quodsi magnam in his Hermagoras habuisset facultatem studio et disciplina comparatam, videretur fretus sua scientia falsum quiddam constituisse de oratoris artificio et non quid ars, sed quid ipse posset, exposuisse. nunc vero ea vis est in homine, ut ei multo rhetoricam citius quis ademerit, quam philosophiam concesserit: neque eo, quo eius ars, quam edidit, mihi mendosissime scripta videatur; nam satis in ea videtur ex antiquis artibus ingeniose et diligenter electas res collocasse et nonnihil ipse quoque novi protulisse; ve- rum oratori minimum est de arte loqui, quod hic fecit, multo maximum ex arte dicere, quod eum minime po- tuisse omnes videmus.
Daher scheint uns der Stoff der rhetorischen Kunst jedenfalls der zu sein, von dem wir gesagt haben, daß er dem Aristoteles als solcher erschien; ihre Teile aber sind die, welche die meisten genannt haben: die Auffindung, die Anordnung, der Ausdruck, das Gedächtnis und der Vortrag. Die Auffindung ist das Ausdenken wahrer oder wahrscheinlicher Dinge, die den Fall glaubhaft machen; die Anordnung ist die Verteilung der gefundenen Dinge in eine Reihenfolge; der Ausdruck ist die Anpassung geeigneter Worte und Gedanken an die Auffindung; das Gedächtnis ist das feste Erfassen der Dinge und Worte durch den Geist im Hinblick auf die Auffindung; der Vortrag ist die der Würde der Dinge und Worte entsprechende Beherrschung von Stimme und Körper. Nachdem wir nun diese Dinge kurz festgelegt haben, wollen wir jene Erwägungen, durch die wir die Gattung, das Ziel und die Aufgabe dieser Kunst aufzeigen könnten, auf eine andere Zeit verschieben; denn sie bedürfen vieler Worte und tragen nicht so sehr zur Beschreibung der Kunst und zur Vermittlung der Vorschriften bei. Wer aber eine rhetorische Kunstlehre schreibt, der muß, wie wir meinen, über die beiden übrigen Dinge schreiben, über den Stoff der Kunst und über ihre Teile. Und mir wenigstens scheint, daß über Stoff und Teile zusammen gehandelt werden muß. Daher soll die Auffindung, die der erste von allen Teilen ist, vor allem in jeder Gattung von Fällen betrachtet werden, wie sie beschaffen sein muß.
Quare materia quidem nobis rhetoricae videtur artis ea, quam Aristoteli visam esse diximus; partes autem eae, quas plerique dixerunt, inventio, dispositio, elo- cutio, memoria, pronuntiatio. inventio est excogitatio rerum verarum aut veri similium, quae causam proba- bilem reddant; dispositio est rerum inventarum in or- dinem distributio; elocutio est idoneorum verborum et sententiarum ad inventionem accommodatio; memoria est firma animi rerum ac verborum ad inventionem perceptio; pronuntiatio est ex rerum et verborum dignitate vocis et corporis moderatio. Nunc his rebus breviter constitutis eas rationes, qui- bus ostendere possimus genus et finem et officium huius artis, aliud in tempus differemus; nam et mul- torum verborum indigent et non tanto opere ad artis descriptionem et praecepta tradenda pertinent. eum au- tem, qui artem rhetoricam scribat, de duabus reliquis rebus, materia artis ac partibus, scribere oportere existimamus. ac mihi quidem videtur coniuncte agen- dum de materia ac partibus. quare inventio, quae prin- ceps est omnium partium, potissimum in omni causa- rum genere, qualis debeat esse, consideretur.
Jede Sache, die einen in Rede und Erörterung gestellten Streit in sich birgt, enthält eine Frage entweder der Tat, des Namens, der Beschaffenheit oder des Verfahrens. Diese Frage nun, aus der ein Fall entsteht, nennen wir den Streitstand (constitutio). Der Streitstand ist der erste Zusammenstoß der Streitsachen, hervorgegangen aus der Abwehr der Behauptung, auf diese Weise: „Du hast es getan.“ — „Ich habe es nicht getan“ oder „Ich habe es zu Recht getan.“ Wenn der Streit die Tat betrifft, wird der Streitstand, weil der Fall durch Vermutungen gefestigt wird, der mutmaßende (coniecturalis) genannt. Wenn er aber den Namen betrifft, wird der Streitstand, weil die Bedeutung des Wortes mit Worten zu bestimmen ist, der bestimmende (definitiva) genannt. Wenn aber gefragt wird, von welcher Beschaffenheit eine Sache sei, wird der Streitstand, weil der Streit sowohl die Bedeutung als auch die Gattung des Handels betrifft, der allgemeine (generalis) genannt. Wenn aber der Fall davon abhängt, daß entweder nicht der zu klagen scheint, der es soll, oder nicht mit dem, mit dem er soll, oder nicht vor denen, zu der Zeit, nach dem Gesetz, wegen der Beschuldigung, mit der Strafe, wie er soll, so wird der Streitstand der übertragende (translativa) genannt, weil das Verfahren einer Übertragung und Veränderung zu bedürfen scheint. Und einer von diesen muß notwendig auf jede Gattung von Fällen zutreffen; denn worauf keiner zutrifft, darin wird es keinen Streit geben können. Daher ist es nicht angemessen, das überhaupt für einen Fall zu halten.
Omnis res, quae habet in se positam in dictione ac disceptatione aliquam controversiam, aut facti aut no- minis aut generis aut actionis continet quaestionem. eam igitur quaestionem, ex qua causa nascitur, consti- tutionem appellamus. constitutio est prima conflictio causarum ex depulsione intentionis profecta, hoc modo: fecisti: non feci aut iure feci. cum facti con- troversia est, quoniam coniecturis causa firmatur, con- stitutio coniecturalis appellatur. cum autem nominis, quia vis vocabuli definienda verbis est, constitutio de- finitiva nominatur. cum vero, qualis res sit, quaeritur, quia et de vi et de genere negotii controversia est, con- stitutio generalis vocatur. at cum causa ex eo pendet, quia non aut is agere videtur, quem oportet, aut non cum eo, quicum oportet, aut non apud quos, quo tem- pore, qua lege, quo crimine, qua poena oportet, transla- tiva dicitur constitutio, quia actio translationis et com- mutationis indigere videtur. atque harum aliquam in omne causae genus incidere necesse est; nam in quam rem non inciderit, in ea nihil esse poterit controversiae. quare eam ne causam quidem convenit putari.
Und der Streit über die Tat freilich kann auf alle Zeiten verteilt werden. Denn man kann fragen, was geschehen ist, auf diese Weise: ob Ulixes den Aiax getötet habe; und was geschieht, auf diese Weise: ob die Fregellaner gegen das römische Volk gut gesinnt seien; und was geschehen wird, auf diese Weise: wenn wir Karthago unversehrt lassen, ob dem Gemeinwesen irgendein Schaden erwachsen werde. Ein Streit über den Namen liegt vor, wenn man sich über die Tat einig ist und gefragt wird, mit welchem Namen das, was geschehen ist, zu benennen sei. Bei dieser Gattung muß der Streit notwendig deshalb den Namen betreffen, weil man sich über die Sache selbst nicht einig ist; nicht weil über die Tat keine Klarheit bestünde, sondern weil das, was geschehen ist, dem einen dies, dem anderen jenes zu sein scheint und deshalb der eine es mit diesem, der andere mit jenem Namen benennt. Daher wird bei Gattungen dieser Art die Sache mit Worten zu bestimmen und kurz zu beschreiben sein, wie etwa, wenn jemand Geweihtes aus Privatbesitz entwendet hat, ob er als Dieb oder als Tempelräuber zu beurteilen sei; denn wenn dies gefragt wird, wird es notwendig sein, beides zu bestimmen, was ein Dieb, was ein Tempelräuber sei, und durch seine eigene Beschreibung zu zeigen, daß man jene Sache, um die es geht, mit einem anderen Namen benennen müsse, als die Gegner sagen.
Ac facti quidem controversia in omnia tempora potest tribui. nam quid factum sit, potest quaeri, hoc modo: occideritne Aiacem Ulixes; et quid fiat, hoc modo: bonone animo sint erga populum Romanum Fre- gellani; et quid futurum sit, hoc modo: si Carthaginem reliquerimus incolumem, num quid sit incommodi ad rem publicam perventurum. Nominis est controversia, cum de facto convenit et quaeritur, id quod factum est quo nomine appelletur. quo in genere necesse est ideo nominis esse controver- siam, quod de re ipsa non conveniat; non quod de facto non constet, sed quod id, quod factum sit, aliud alii videatur esse et idcirco alius alio nomine id appellet. quare in eiusmodi generibus definienda res erit verbis et breviter describenda, ut, si quis sacrum ex privato subripuerit, utrum fur an sacrilegus sit iudicandus; nam id cum quaeritur, necesse erit definire utrumque, quid sit fur, quid sacrilegus, et sua descriptione ostendere alio nomine illam rem, de qua agitur, appellare opor- tere atque adversarii dicunt.
Ein Streit über die Beschaffenheit liegt vor, wenn man sich sowohl darüber einig ist, was geschehen ist, als auch feststeht, mit welchem Namen es zu benennen sei, und dennoch gefragt wird, wie groß, von welcher Art und überhaupt von welcher Beschaffenheit es sei, auf diese Weise: ob gerecht oder ungerecht, ob nützlich oder unnütz, und alles, worin gefragt wird, von welcher Beschaffenheit das sei, was geschehen ist, ohne irgendeinen Streit über den Namen. Dieser Gattung hat Hermagoras vier Teile untergeordnet: den deliberativen, den demonstrativen, den rechtlichen (iuridicialis) und den geschäftlichen (negotialis). Dieser, wie wir meinen, nicht geringe Fehler von ihm scheint getadelt werden zu müssen, doch in Kürze, damit man nicht entweder, wenn wir schweigend daran vorübergehen, meine, wir seien ihm ohne Grund nicht gefolgt, oder, wenn wir zu lange dabei verweilen, glaube, wir hätten den übrigen Vorschriften Verzögerung und Hemmnis bereitet. Wenn die Beratung und die Vorführung Gattungen von Fällen sind, können sie nicht zu Recht für Teile irgendeiner Gattung von Fällen gehalten werden; denn dieselbe Sache kann für den einen Gattung, für den anderen Teil sein, für denselben aber kann sie nicht Gattung und Teil zugleich sein. Die Beratung aber und die Vorführung sind Gattungen von Fällen. Denn entweder gibt es keine Gattung von Fällen oder allein die gerichtliche oder sowohl die gerichtliche als auch die demonstrative und die deliberative. Zu sagen, es gebe keine Gattung von Fällen, während er doch sagt, es gebe viele Fälle, und für sie Vorschriften gibt, ist Wahnsinn; daß es aber allein die gerichtliche Gattung gebe, wie könnte das jemand behaupten, da doch die Beratung und die Vorführung weder einander selbst ähnlich sind noch von der gerichtlichen Gattung am wenigsten abweichen, sondern am meisten, und eine jede ihr eigenes Ziel hat, auf das sie bezogen werden muß? Es bleibt also übrig, daß es alle drei Gattungen von Fällen gibt. Die Beratung und die Vorführung können nicht zu Recht für Teile irgendeiner Gattung von Fällen gehalten werden. Zu Unrecht also hat er gesagt, sie seien Teile des allgemeinen Streitstandes.
Generis est controversia, cum et, quid factum sit, convenit et, quo id factum nomine appellari oporteat, constat et tamen, quantum et cuiusmodi et omnino quale sit, quaeritur, hoc modo: iustum an iniustum, utile an inutile, et omnia, in quibus, quale sit id, quod factum est, quaeritur sine ulla nominis controversia. huic generi Hermagoras partes quattuor subposuit, de- liberativam, demonstrativam, iuridicialem, negotialem. quod eius, ut nos putamus, non mediocre peccatum reprehendendum videtur, verum brevi, ne aut, si taciti praeterierimus, sine causa non secuti putemur aut, si diutius in hoc constiterimus, moram atque impedimen- tum reliquis praeceptis intulisse videamur. si delibe- ratio et demonstratio genera sunt causarum, non pos- sunt recte partes alicuius generis causae putari; eadem enim res alii genus esse, alii pars potest, eidem genus esse et pars non potest. deliberatio autem et demon- stratio genera sunt causarum. nam aut nullum causae genus est aut iudiciale solum aut et iudiciale et demon- strativum et deliberativum. nullum dicere causae esse genus, cum causas esse multas dicat et in eas praecepta det, amentia est; unum iudiciale autem solum esse qui potest, cum deliberatio et demonstratio neque ipsae similes inter se sint et ab iudiciali genere plurimum dissideant et suum quaeque finem habeat, quo referri debeat? relinquitur ergo, ut omnia tria genera sint cau- sarum. deliberatio et demonstratio non possunt recte partes alicuius generis causae putari. male igitur eas generalis constitutionis partes esse dixit.
Wenn sie aber nicht zu Recht für Teile einer Gattung des Falles gehalten werden können, so werden sie noch viel weniger zu Recht für Teile eines Teiles des Falles gehalten werden. Ein Teil des Falles aber ist jeder Streitstand; denn nicht wird der Fall dem Streitstand, sondern der Streitstand dem Fall angepaßt. Die Vorführung aber und die Beratung können nicht zu Recht für Teile einer Gattung des Falles gehalten werden, weil sie selbst Gattungen sind; noch viel weniger also werden sie zu Recht für Teile dessen gehalten werden, was hier ein Teil genannt wird. Sodann: wenn der Streitstand selbst und ein jeder seiner Teile eine Abwehr der Behauptung ist, so ist das, was keine Abwehr der Behauptung ist, weder ein Streitstand noch ein Teil des Streitstandes; wenn aber das, was keine Abwehr der Behauptung ist, weder ein Streitstand noch ein Teil des Streitstandes ist, so sind die Beratung und die Vorführung weder ein Streitstand noch ein Teil des Streitstandes. Wenn also der Streitstand selbst und sein Teil eine Abwehr der Behauptung ist, so sind die Beratung und die Vorführung weder ein Streitstand noch ein Teil des Streitstandes. Er selbst aber nimmt an, der Streitstand sei die Abwehr der Behauptung; also muß er notwendig annehmen, daß die Vorführung und die Beratung weder ein Streitstand noch ein Teil des Streitstandes sind. Und mit ebendiesem wird er bedrängt werden, mag er den Streitstand nun die erste Bekräftigung des Falles durch den Ankläger genannt haben oder die erste Abwehr des Verteidigers; denn ihn werden dieselben Nachteile alle treffen.
Quodsi generis causae partes non possunt recte pu- tari, multo minus recte partis causae partes putabun- tur. pars autem causae est constitutio omnis; non enim causa ad constitutionem, sed constitutio ad causam adcommodatur. at demonstratio et deliberatio generis causae partes non possunt recte putari, quod ipsa sunt genera; multo igitur minus recte partis eius, quae hic dicitur, partes putabuntur. deinde si constitutio et ipsa et pars eius quaelibet intentionis depulsio est, quae intentionis depulsio non est, ea nec constitutio nec pars constitutionis est: at si, quae intentionis de- pulsio non est, ea nec constitutio nec pars constitutionis est, deliberatio et demonstratio neque constitutio nec pars constitutionis est. si igitur constitutio et ipsa et pars eius intentionis depulsio est, deliberatio et de- monstratio neque constitutio neque pars constitutionis est. placet autem ipsi constitutionem intentionis esse depulsionem; placeat igitur oportet demonstrationem et deliberationem non esse constitutionem nec partem constitutionis. atque hoc eodem urguebitur, sive con- stitutionem primam causae accusatoris confirmationem dixerit sive defensoris primam deprecationem; nam eum eadem omnia incommoda sequentur.
Sodann kann ein mutmaßender Fall nicht zugleich aus derselben Seite in derselben Gattung sowohl mutmaßend als auch bestimmend sein. Noch kann ein bestimmender Fall zugleich aus derselben Seite in derselben Gattung sowohl bestimmend als auch übertragend sein. Und überhaupt kann kein Streitstand und kein Teil des Streitstandes zugleich sowohl seine eigene Kraft haben als auch die eines anderen in sich enthalten, deshalb weil ein jeder aus sich und aus seiner Natur einfach betrachtet wird; nimmt man einen anderen hinzu, so verdoppelt sich die Zahl der Streitstände, doch wird die Kraft des Streitstandes nicht vermehrt. Ein deliberativer Fall aber pflegt zugleich aus derselben Seite in derselben Gattung einen mutmaßenden, einen allgemeinen, einen bestimmenden und einen übertragenden Streitstand zu haben, bald einen einzigen, bald mehrere. Also ist er selbst weder ein Streitstand noch ein Teil des Streitstandes. Dasselbe pflegt sich bei der Vorführung zu ereignen. Diese also sind, wie wir zuvor gesagt haben, für Gattungen von Fällen zu halten, nicht für Teile irgendeines Streitstandes. Dieser Streitstand also, den wir den allgemeinen nennen, scheint uns zwei Teile zu haben, den rechtlichen und den geschäftlichen. Rechtlich ist der, in dem die Natur des Billigen und Rechten oder die Erwägung der Belohnung oder der Strafe in Frage steht; geschäftlich, in dem betrachtet wird, was nach bürgerlicher Sitte und Billigkeit Rechtens ist;
Deinde coniecturalis causa non potest simul ex eadem parte eodem in genere et coniecturalis esse et definitiva. nec definitiva causa potest simul ex eadem parte eodem in genere et definitiva esse et translativa. et omnino nulla constitutio nec pars con- stitutionis potest simul et suam habere et alterius in se vim continere, ideo quod una quaeque ex se et ex sua natura simpliciter consideratur, altera assumpta numerus constitutionum duplicatur, non vis constitu- tionis augetur. at deliberativa causa simul ex eadem parte eodem in genere et coniecturalem et generalem et definitivam et translativam solet habere constitu- tionem et unam aliquam et plures nonnumquam. ergo ipsa neque constitutio est nec pars constitutionis. idem in demonstratione solet usu venire. genera igitur, ut ante diximus, haec causarum putanda sunt, non partes alicuius constitutionis. Haec ergo constitutio, quam generalem nominamus, partes videtur nobis duas habere, iuridicialem et neg- otialem. iuridicialis est, in qua aequi et recti natura aut praemii aut poenae ratio quaeritur; negotialis, in qua, quid iuris ex civili more et aequitate sit, conside- ratur;
welcher Sorgfalt bei uns die Rechtskundigen vorzustehen für berechtigt gehalten werden. Und der rechtliche selbst wird wiederum in zwei Teile geteilt, den selbständigen (absoluta) und den hinzunehmenden (adsumptiva). Selbständig ist der, der selbst in sich die Frage des Rechts und des Unrechts enthält; hinzunehmend, der aus sich selbst nichts Festes zur Zurückweisung bietet, von außen aber etwas zur Verteidigung hinzunimmt. Seine Teile sind vier: das Zugeständnis, die Abwälzung der Beschuldigung, die Zurückwendung der Beschuldigung und der Vergleich. Das Zugeständnis liegt vor, wenn der Angeklagte nicht das, was geschehen ist, verteidigt, sondern verlangt, daß man ihm verzeihe. Dieses teilt sich in zwei Teile, die Rechtfertigung und die Abbitte. Eine Rechtfertigung liegt vor, wenn die Tat zugestanden, die Schuld aber abgewendet wird. Diese hat drei Teile: die Unbedachtheit, den Zufall und die Notwendigkeit. Eine Abbitte liegt vor, wenn der Angeklagte bekennt, sowohl gefehlt als auch mit Vorsatz gefehlt zu haben, und dennoch verlangt, daß man ihm verzeihe; diese Art kann nur höchst selten vorkommen. Eine Abwälzung der Beschuldigung liegt vor, wenn der Angeklagte die Beschuldigung, die erhoben wird, von sich und von seiner Schuld und Befugnis auf einen anderen abzuwälzen versucht. Das wird auf zweierlei Weise geschehen können, wenn entweder die Ursache oder die Tat auf einen anderen übertragen wird. Die Ursache wird übertragen, wenn gesagt wird, es sei durch fremde Gewalt und Befugnis geschehen, die Tat aber, wenn gesagt wird, ein anderer hätte sie tun müssen oder können. Eine Zurückwendung der Beschuldigung liegt vor, wenn gesagt wird, es sei deshalb zu Recht geschehen, weil ein anderer zuvor durch Unrecht herausgefordert habe. Ein Vergleich liegt vor, wenn behauptet wird, es sei etwas anderes, Rechtes oder Nützliches, getan worden, und damit dieses geschehe, sei jenes, was vorgeworfen wird, begangen worden.
cui diligentiae praeesse apud nos iure consulti existimantur. ac iuridicialis quidem ipsa et in duas tribuitur partes, absolutam et adsumptivam. absoluta est, quae ipsa in se continet iuris et iniuriae quae- stionem; adsumptiva, quae ipsa ex se nihil dat firmi ad recusationem, foris autem aliquid defensionis ad- sumit. eius partes sunt quattuor, concessio, remotio criminis, relatio criminis, conparatio. concessio est, cum reus non id, quod factum est, defendit, sed ut ignoscatur, postulat. haec in duas partes dividitur, purgationem et deprecationem. purgatio est, cum fac- tum conceditur, culpa removetur. haec partes habet tres, inprudentiam, casum, necessitatem. deprecatio est, cum et peccasse et consulto peccasse reus se con- fitetur et tamen, ut ignoscatur, postulat; quod genus perraro potest accidere. remotio criminis est, cum id crimen, quod infertur, ab se et ab sua culpa et potestate in alium reus removere conatur. id dupliciter fieri pot- erit, si aut causa aut factum in alium transferetur. causa transferetur, cum aliena dicitur vi et potestate fac- tum, factum autem, cum alius aut debuisse aut potuisse facere dicitur. relatio criminis est, cum ideo iure fac- tum dicitur, quod aliquis ante iniuria lacessierit. con- paratio est, cum aliud aliquid factum rectum aut utile contenditur, quod ut fieret, illud, quod arguitur, dicitur esse commissum.
Beim vierten Streitstand, den wir den übertragenden nennen, liegt der Streit dieses Streitstandes vor, wenn gefragt wird, wer oder mit wem oder auf welche Weise oder vor wem oder nach welchem Recht oder zu welcher Zeit man klagen müsse, oder überhaupt etwas über die Veränderung oder Entkräftung des Verfahrens verhandelt wird. Als Erfinder dieses Streitstandes wird Hermagoras betrachtet, nicht weil ihn nicht oft viele alte Redner gebraucht hätten, sondern weil die früheren Verfasser von Kunstlehren ihn nicht bemerkt und nicht unter die Zahl der Streitstände aufgenommen haben. Nachdem er aber von diesem erfunden worden war, haben ihn viele getadelt, von denen wir glauben, daß sie nicht so sehr durch Unverstand getäuscht werden (denn die Sache ist klar) als vielmehr durch Mißgunst und eine gewisse Herabsetzung gehemmt werden. Und die Streitstände sowie ihre Teile haben wir nun dargelegt; Beispiele aber für jede Gattung werden wir, wie uns scheint, dann bequemer darlegen, wenn wir für jeden einzelnen von ihnen eine Fülle von Beweisgründen beibringen; denn die Methode des Beweisens wird klarer sein, wenn sie sogleich sowohl auf die Gattung als auch auf das Beispiel des Falles angewandt werden kann.
In quarta constitutione, quam translativam nomi- namus, eius constitutionis est controversia, cum aut quem aut quicum aut quomodo aut apud quos aut quo iure aut quo tempore agere oporteat, quaeritur aut omnino aliquid de commutatione aut infirmatione actionis agitur. huius constitutionis Hermagoras in- ventor esse existimatur, non quo non usi sint ea veteres oratores saepe multi, sed quia non animadverte- runt artis scriptores eam superiores nec rettulerunt in numerum constitutionum. post autem ab hoc inventam multi reprehenderunt, quos non tam inprudentia falli putamus (res enim perspicua est) quam invidia atque obtrectatione quadam inpediri. Et constitutiones quidem et earum partes exposui- mus, exempla autem cuiusque generis tum commodius exposituri videamur, cum in unum quodque eorum argumentorum copiam dabimus; nam argumentandi ratio dilucidior erit, cum et ad genus et ad exemplum causae statim poterit accommodari.
Ist der Streitstand des Falles gefunden, so empfiehlt es sich, sogleich zu betrachten, ob der Fall einfach oder zusammengesetzt sei; und wenn er zusammengesetzt ist, ob er aus mehreren Fragen zusammengesetzt sei oder aus einer Gegenüberstellung. Einfach ist der, der eine einzige, in sich abgeschlossene Frage enthält, auf diese Weise: Sollen wir den Korinthern den Krieg erklären oder nicht? Zusammengesetzt aus mehreren Fragen ist der, in dem mehreres gefragt wird, auf diese Weise: ob Karthago zerstört oder den Karthagern zurückgegeben oder eine Kolonie dorthin geführt werden solle. Aus einer Gegenüberstellung ist der, in dem durch Vergleichung gefragt wird, was eher oder was am ehesten geschehen solle, auf diese Weise: ob ein Heer nach Makedonien gegen Philippus geschickt werde, das den Bundesgenossen zu Hilfe komme, oder in Italien gehalten werde, damit gegen Hannibal möglichst große Streitkräfte vorhanden seien. Sodann ist zu betrachten, ob der Streit in der Auslegung oder im Geschriebenen liege; denn ein Streit über das Geschriebene ist der, der aus der Art der Schrift entsteht. Seine Gattungen aber, die von den Streitständen getrennt sind, sind fünf. Denn bald scheinen die Worte selbst mit der Absicht des Verfassers in Widerspruch zu stehen, bald scheinen zwei oder mehr Gesetze untereinander uneinig zu sein, bald scheint das, was geschrieben ist, zwei oder mehr Dinge zu bedeuten, bald wird aus dem, was geschrieben ist, etwas anderes, das nicht geschrieben ist, gefunden, bald wird die Bedeutung eines Wortes gleichsam wie beim bestimmenden Streitstand erfragt, worin sie liege. Daher nennen wir die erste Gattung die vom Geschriebenen und von der Absicht, die zweite die aus widersprechenden Gesetzen, die dritte die mehrdeutige, die vierte die schluß-
Constitutione causae reperta statim placet conside- rare, utrum causa sit simplex an iuncta; et si iuncta erit, utrum sit ex pluribus quaestionibus iuncta an ex aliqua conparatione. simplex est, quae absolutam in se continet unam quaestionem, hoc modo: Corinthiis bellum indicamus an non? coniuncta ex pluribus quaestionibus, in qua plura quaeruntur, hoc pacto: utrum Carthago diruatur an Carthaginiensibus redda- tur an eo colonia deducatur. ex conparatione, in qua per contentionem, utrum potius aut quid potissimum sit, quaeritur, ad hunc modum: utrum exercitus in Mace- doniam contra Philippum mittatur, qui sociis sit auxilio, an teneatur in Italia, ut quam maximae contra Hannibalem copiae sint. Deinde considerandum est, in ratione an in scripto sit controversia; nam scripti controversia est ea, quae ex scriptionis genere nascitur. eius autem genera, quae separata sunt a constitutionibus, quinque sunt. nam tum verba ipsa videntur cum sententia scriptoris dissidere, tum inter se duae leges aut plures discre- pare, tum id, quod scriptum est, duas aut plures res significare, tum ex eo, quod scriptum est, aliud, quod non scriptum est, inveniri, tum vis verbi quasi in de- finitiva constitutione, in quo posita sit, quaeri. quare primum genus de scripto et sententia, secundum ex contrariis legibus, tertium ambiguum, quartum ratio-
folgernde, die fünfte die bestimmende. Auslegung aber liegt vor, wenn die ganze Frage nicht im Geschriebenen, sondern in irgendeiner Beweisführung besteht. Und sobald du dann, nach Betrachtung der Gattung des Falles und nach Erkenntnis des Streitstandes, eingesehen hast, ob er einfach oder zusammengesetzt sei, und gesehen hast, ob er einen Streit über das Geschriebene oder über die Auslegung enthalte, wird sodann zu sehen sein, welches die Frage, welches der Grund, welches der Streitpunkt, welches die Stütze des Falles sei; und all dies muß notwendig vom Streitstand ausgehen. Die Frage ist der Streit, der aus dem Zusammenstoß der Streitsachen entsteht, auf diese Weise: „Du hast es nicht zu Recht getan.“ — „Ich habe es zu Recht getan.“ Ein Zusammenstoß der Streitsachen aber ist es, in dem der Streitstand besteht. Aus ihm also entsteht der Streit, den wir die Frage nennen, dieser: ob er es zu Recht getan habe? Der Grund ist das, was den Fall trägt und nach dessen Beseitigung im Fall kein Streit mehr übrigbliebe, auf diese Weise — um zur Belehrung bei einem leichten und allbekannten Beispiel zu verweilen: wenn Orestes des Muttermordes angeklagt würde und nicht dies sagte: „Ich habe es zu Recht getan; jene nämlich hatte meinen Vater getötet“, so hat er keine Verteidigung. Wäre dieser Grund beseitigt, so wäre auch der ganze Streit beseitigt. Der Grund dieses Falles ist also, daß jene den Agamemnon getötet hat. Der Streitpunkt ist der Streit, der aus der Entkräftung und der Bekräftigung des Grundes entsteht. Denn es sei uns jener Grund vorgelegt, den wir kurz zuvor dargelegt haben: „Jene nämlich“, sagt er, „hatte meinen Vater getötet“; — „aber nicht“, wird der Gegner sagen, „hättest du, der Sohn, die Mutter töten dürfen; denn jene Tat hätte ohne dein Verbrechen bestraft werden können.“ Aus dieser Zurückführung des Grundes entsteht jener oberste Streit, den wir den Streitpunkt nennen. Er ist von dieser Art: ob es recht gewesen sei, daß von Orestes die Mutter getötet wurde, da jene den Vater des Orestes getötet hatte.
cinativum, quintum definitivum nominamus. ratio est autem, cum omnis quaestio non in scriptione, sed in aliqua argumentatione consistit. Ac tum, considerato genere causae, cognita con- stitutione, cum simplexne an iuncta sit intellexeris et scripti an rationis habeat controversiam videris, dein- ceps erit videndum, quae quaestio, quae ratio, quae iudicatio, quod firmamentum causae sit; quae omnia a constitutione proficiscantur oportet. quaestio est ea, quae ex conflictione causarum gignitur controversia, hoc modo: non iure fecisti; iure feci. causarum autem est conflictio, in qua constitutio constat. ex ea igitur nascitur controversia, quam quaestionem dicimus, haec: iurene fecerit? ratio est ea, quae continet cau- sam, quae si sublata sit, nihil in causa controversiae relinquatur, hoc modo, ut docendi causa in facili et pervulgato exemplo consistamus: Orestes si accusetur matricidii, nisi hoc dicat iure feci; illa enim patrem meum occiderat, non habet defensionem. qua ratione sublata omnis controversia quoque sublata sit. ergo eius causae ratio est, quod illa Agamemnonem occi- derit. iudicatio est, quae ex infirmatione et confirma- tione rationis nascitur controversia. nam sit ea nobis exposita ratio, quam paulo ante exposuimus: illa enim meum, inquit, patrem occiderat: at non, inquiet ad- versarius, abs te filio matrem necari oportuit; potuit enim sine tuo scelere illius factum puniri. ex hac de- ductione rationis illa summa nascitur controversia, quam iudicationem appellamus. ea est huiusmodi: rec- tumne fuerit ab Oreste matrem occidi, cum illa Orestis patrem occidisset.
Die Stütze ist die festeste Beweisführung des Verteidigers und die dem Streitpunkt angemessenste: wie wenn Orestes sagen wollte, die Gesinnung seiner Mutter gegen seinen Vater, gegen ihn selbst und seine Schwestern, gegen das Reich, gegen den Ruhm des Geschlechts und der Familie sei derart gewesen, daß gerade ihre Kinder am ehesten von ihr Strafe hätten fordern müssen. Und bei den übrigen Streitständen freilich werden die Streitpunkte auf diese Weise gefunden; beim mutmaßenden Streitstand aber kann, weil es keinen Grund gibt — denn die Tat wird nicht zugestanden —, der Streitpunkt nicht aus der Zurückführung des Grundes entstehen. Daher müssen notwendig Frage und Streitpunkt dieselben sein: „Es ist geschehen.“ — „Es ist nicht geschehen.“ — „Ist es geschehen?“ Wieviele Streitstände aber oder ihrer Teile in einem Fall sein werden, ebenso viele Fragen, Gründe, Streitpunkte und Stützen wird man notwendig finden müssen. Sind dann all diese Dinge im Fall gefunden, so sind schließlich die einzelnen Teile des ganzen Falles zu betrachten. Denn nicht in der Reihenfolge, in der etwas zuerst zu sagen ist, scheint es auch zuerst bedacht werden zu müssen; deshalb, weil du das, was zuerst gesagt wird, wenn du willst, daß es eng mit dem Fall übereinstimme und zusammenhänge, aus dem herleiten mußt, was später zu sagen ist. Wenn daher der Streitpunkt und die Beweisgründe, die für den Streitpunkt gefunden werden müssen, sorgfältig mit Kunst gefunden, mit Sorgfalt und Überlegung durchdacht sein werden, dann erst sind die übrigen Teile der Rede zu ordnen. Diese Teile aber sind nach unserer Ansicht im ganzen sechs: die Einleitung, die Erzählung, die Gliederung, die Bekräftigung, die Widerlegung und der Schluß. Da nun die Einleitung die erste sein muß, werden auch wir zuerst Vorschriften über die Art des Einleitens geben.
firmamentum est firmissima argu- mentatio defensoris et appositissima ad iudicationem: ut si velit Orestes dicere eiusmodi animum matris suae fuisse in patrem suum, in se ipsum ac sorores, in regnum, in famam generis et familiae, ut ab ea poenas liberi sui potissimum petere debuerint. Et in ceteris quidem constitutionibus ad hunc modum iudicationes reperiuntur; in coniecturali autem constitutione, quia ratio non est—factum enim non conceditur—, non potest ex deductione rationis nasci iudicatio. quare ne- cesse est eandem esse quaestionem et iudicationem: factum est, non est factum, factumne sit? quot autem in causa constitutiones aut earum partes erunt, totidem necesse erit quaestiones, rationes, iudicationes, firma- menta reperire. Tum his omnibus in causa repertis denique sin- gulae partes totius causae considerandae sunt. nam non ut quidque dicendum primum est, ita primum animad- vertendum videtur; ideo quod illa, quae prima dicun- tur, si vehementer velis congruere et cohaerere cum causa, ex iis ducas oportet, quae post dicenda sunt. quare cum iudicatio et ea, quae ad iudicationem oportet argumenta inveniri, diligenter erunt artificio reperta, cura et cogitatione pertractata, tum denique ordinandae sunt ceterae partes orationis. eae partes sex esse om- nino nobis videntur: exordium, narratio, partitio, con- firmatio, reprehensio, conclusio. Nunc quoniam exordium princeps debet esse, nos quoque primum in rationem exordiendi praecepta da- bimus.
Die Einleitung ist eine Rede, die den Geist des Hörers in geeigneter Weise auf die übrige Darlegung vorbereitet: was eintreten wird, wenn sie ihn wohlwollend, aufmerksam und gelehrig gemacht hat. Daher muß, wer einen Fall gut einleiten will, notwendig die Gattung seines Falles zuvor sorgfältig erkennen. Es gibt fünf Gattungen von Fällen: die ehrenhafte, die anstößige, die geringe, die zweifelhafte und die dunkle. Eine ehrenhafte Gattung des Falles ist die, der sogleich ohne unsere Rede der Geist des Hörers günstig ist; eine anstößige, der der Geist derer, die zuhören werden, entfremdet ist; eine geringe, die vom Hörer vernachlässigt wird und nicht für sonderlich beachtenswert gehalten wird; eine zweifelhafte, in der entweder der Streitpunkt unentschieden ist oder der Fall sowohl an Ehrenhaftigkeit als auch an Schändlichkeit teilhat, so daß er sowohl Wohlwollen als auch Anstoß erzeugt; eine dunkle, in der entweder die Hörer schwerfällig sind oder der Fall in schwerer zu verstehende Angelegenheiten verwickelt ist. Da also die Gattungen der Fälle so verschieden sind, muß man notwendig auch bei jeder einzelnen Gattung in verschiedener Weise einleiten. Die Einleitung teilt sich daher in zwei Teile, in den Anfang (principium) und die Annäherung (insinuatio). Der Anfang ist eine Rede, die klar und unmittelbar den Hörer wohlwollend oder gelehrig oder aufmerksam macht. Die Annäherung ist eine Rede, die durch eine gewisse Verstellung und Umschweifung verdeckt in den Geist des Hörers eindringt.
Exordium est oratio animum auditoris idonee com- parans ad reliquam dictionem: quod eveniet, si eum benivolum, attentum, docilem confecerit. quare qui bene exordiri causam volet, eum necesse est genus suae causae diligenter ante cognoscere. Genera causarum quinque sunt: honestum, admirabile, humile, anceps, obscurum. honestum causae genus est, cui statim sine oratione nostra favet auditoris animus; admirabile, a quo est alienatus animus eorum, qui audituri sunt; humile, quod neglegitur ab auditore et non magno opere adtendendum videtur; anceps, in quo aut iudicatio dubia est aut causa et honestatis et turpitudinis parti- ceps, ut et benivolentiam pariat et offensionem; obscu- rum, in quo aut tardi auditores sunt aut difficilioribus ad cognoscendum negotiis causa est implicata. quare cum tam diversa sint genera causarum, exordiri quo- que dispari ratione in uno quoque genere necesse est. igitur exordium in duas partes dividitur, in principium et insinuationem. principium est oratio perspicue et protinus perficiens auditorem benivolum aut docilem aut attentum. insinuatio est oratio quadam dissimu- latione et circumitione obscure subiens auditoris animum.
Bei der anstößigen Gattung des Falles wird es, wenn die Hörer nicht ganz und gar feindselig sind, erlaubt sein, durch den Anfang Wohlwollen zu gewinnen. Wenn sie aber heftig entfremdet sind, wird man notwendig zur Annäherung Zuflucht nehmen müssen. Denn wenn man von Erzürnten offen Frieden und Wohlwollen erbittet, so wird dieses nicht nur nicht gefunden, sondern der Haß wird gesteigert und entflammt. Bei der geringen Gattung des Falles aber muß man notwendig, um die Geringschätzung zu beseitigen, den Hörer aufmerksam machen. Wenn die zweifelhafte Gattung des Falles einen unentschiedenen Streitpunkt hat, so ist vom Streitpunkt selbst auszugehen. Wenn sie aber teils an Schändlichkeit, teils an Ehrenhaftigkeit teilhat, wird man Wohlwollen erstreben müssen, damit der Fall in die ehrenhafte Gattung übertragen erscheine. Wenn aber die Gattung des Falles ehrenhaft ist, wird man entweder den Anfang übergehen können oder, wenn es vorteilhaft ist, entweder mit der Erzählung beginnen oder mit dem Gesetz oder mit irgendeinem festesten Grund unserer Darlegung; wenn man aber einen Anfang zu gebrauchen beschließt, so sind die Mittel des Wohlwollens zu gebrauchen, damit das, was ist, gesteigert werde. Bei der dunklen Gattung des Falles wird man durch den Anfang die Hörer gelehrig machen müssen. Da nun gesagt ist, welche Dinge man durch die Einleitung erreichen muß, bleibt übrig, zu zeigen, durch welche Mittel ein jedes erreicht werden kann.
In admirabili genere causae, si non omnino infesti auditores erunt, principio benivolentiam conparare li- cebit. sin erunt vehementer abalienati, confugere ne- cesse erit ad insinuationem. nam ab iratis si perspicue pax et benivolentia petitur, non modo ea non inve- nitur, sed augetur atque inflammatur odium. in humili autem genere causae contemptionis tollendae causa ne- cesse est attentum efficere auditorem. anceps genus causae si dubiam iudicationem habebit, ab ipsa iudi- catione exordiendum est. sin autem partem turpitu- dinis, partem honestatis habebit, benivolentiam captare oportebit, ut in genus honestum causa translata vi- deatur. cum autem erit honestum causae genus, vel praeteriri principium poterit vel, si commodum fuerit, aut a narratione incipiemus aut a lege aut ab aliqua firmissima ratione nostrae dictionis; sin uti prin- cipio placebit, benivolentiae partibus utendum est, ut id, quod est, augeatur. in obscuro causae genere per principium dociles auditores efficere oportebit. Nunc quoniam quas res exordio conficere oporteat dictum est, reliquum est, ut ostendatur, quibus quae- que rationibus res confici possit.
Das Wohlwollen wird aus vier Quellen gewonnen: aus unserer Person, aus der Person der Gegner, aus der Person der Richter und aus dem Fall. Aus unserer Person, wenn wir von unseren Taten und Pflichten ohne Anmaßung sprechen; wenn wir erhobene Beschuldigungen und gewisse weniger ehrenhafte, gegen uns geworfene Verdächtigungen entkräften; wenn wir die Widrigkeiten, die uns getroffen haben, oder die Schwierigkeiten, die uns drohen, vorbringen; wenn wir uns einer demütigen und flehenden Bitte und Beschwörung bedienen. Aus der Person der Gegner aber, wenn wir sie entweder in Haß oder in Mißgunst oder in Verachtung bringen. In Haß werden sie gebracht, wenn etwas von ihnen schmutzig, hochmütig, grausam, böswillig Getanes vorgebracht wird; in Mißgunst, wenn ihre Gewalt, Macht, ihr Reichtum, ihre Verwandtschaft, ihr Geld vorgebracht wird und ihr anmaßender und unerträglicher Gebrauch davon, so daß sie diesen Dingen mehr zu vertrauen scheinen als ihrem Fall; in Verachtung werden sie gebracht, wenn ihre Trägheit, Nachlässigkeit, Feigheit, ihr müßiggängerisches Streben und ihre verschwenderische Muße vorgebracht wird. Aus der Person der Hörer wird Wohlwollen erstrebt, wenn ihre tapfer, weise und milde vollbrachten Taten vorgebracht werden, so daß doch keine allzu große Schmeichelei sich zeige, wenn gezeigt wird, wie ehrenhaft ihr Ansehen und wie groß die Erwartung ihres Urteils und ihrer Autorität sei; aus dem Fall, wenn wir unseren Fall durch Lob erheben und den Fall der Gegner durch Verachtung herabdrücken.
Benivolentia quattuor ex locis comparatur: ab nostra, ab adversariorum, ab iudicum persona, a causa. ab nostra, si de nostris factis et officiis sine arrogantia dicemus; si crimina inlata et aliquas minus honestas suspiciones iniectas diluemus; si, quae incommoda acci- derint aut quae instent difficultates, proferemus; si prece et obsecratione humili ac supplici utemur. ab ad- versariorum autem, si eos aut in odium aut in invidiam aut in contemptionem adducemus. in odium ducentur, si quod eorum spurce, superbe, crudeliter, malitiose factum proferetur; in invidiam, si vis eorum, potentia, divitiae, cognatio pecuniae proferentur atque eorum usus arrogans et intolerabilis, ut his rebus magis vi- deantur quam causae suae confidere; in contemp- tionem adducentur, si eorum inertia, neglegentia, igna- via, desidiosum studium et luxuriosum otium profe- retur. ab auditorum persona benivolentia captabitur, si res ab iis fortiter, sapienter, mansuete gestae profe- rentur, ut ne qua assentatio nimia significetur, si de iis quam honesta existimatio quantaque eorum iudicii et auctoritatis exspectatio sit ostendetur; ab rebus, si nostram causam laudando extollemus, adversariorum causam per contemptionem deprimemus.
Aufmerksam aber werden wir sie machen, wenn wir darlegen, daß das, was wir sagen werden, groß, neu und unglaublich sei, oder daß es entweder alle oder jene, die zuhören werden, oder einige berühmte Männer oder die unsterblichen Götter oder das höchste Wohl des Gemeinwesens betreffe; und wenn wir versprechen, wir würden in Kürze unseren Fall darlegen, und den Streitpunkt oder die Streitpunkte darlegen, falls es mehrere sind. Gelehrige Hörer werden wir machen, wenn wir offen und kurz den Kern des Falles darlegen, das heißt, worin der Streit bestehe. Denn auch wenn du einen gelehrig machen willst, mußt du ihn zugleich aufmerksam machen. Denn der ist am meisten gelehrig, der am aufmerksamsten bereit ist zuzuhören. Nun scheint im Anschluß gesagt werden zu müssen, wie es sich gehört, die Annäherungen zu handhaben. Der Annäherung also muß man sich bedienen, wenn die Gattung des Falles anstößig ist, das heißt, wie wir zuvor gesagt haben, wenn der Geist des Hörers feindselig ist. Das aber geschieht hauptsächlich aus drei Gründen: wenn entweder im Fall selbst eine gewisse Schändlichkeit liegt oder von denen, die zuvor gesprochen haben, dem Hörer schon etwas eingeredet zu sein scheint oder zu der Zeit Gelegenheit zum Reden gegeben wird, da jene, denen man zuhören soll, schon vom Zuhören ermüdet sind. Denn auch aus diesem Grund wird, nicht weniger als aus den ersten beiden, der Geist des Hörers bisweilen gegen den Redner aufgebracht.
Attentos autem faciemus, si demonstrabimus ea, quae dicturi erimus, magna, nova, incredibilia esse, aut ad omnes aut ad eos, qui audient, aut ad aliquos inlustres ho- mines aut ad deos inmortales aut ad summam rem pu- blicam pertinere; et si pollicebimur nos brevi nostram causam demonstraturos atque exponemus iudica- tionem aut iudicationes, si plures erunt. Dociles audi- tores faciemus, si aperte et breviter summam causae exponemus, hoc est, in quo consistat controversia. nam et, cum docilem velis facere, simul attentum facias oportet. nam is est maxime docilis, qui attentissime est paratus audire. Nunc insinuationes quemadmodum tractari con- veniat, deinceps dicendum videtur. insinuatione igitur utendum est, cum admirabile genus causae est, hoc est, ut ante diximus, cum animus auditoris infestus est. id autem tribus ex causis fit maxime: si aut inest in ipsa causa quaedam turpitudo aut ab iis, qui ante dixerunt, iam quiddam auditori persuasum videtur aut eo tempore locus dicendi datur, cum iam illi, quos audire oportet, defessi sunt audiendo. nam ex hac quoque re non minus quam ex primis duabus in oratore nonnumquam animus auditoris offenditur.
Wenn die Schändlichkeit des Falles Anstoß erregt, so muß man entweder an die Stelle des Menschen, an dem man Anstoß nimmt, einen anderen Menschen setzen, der geliebt wird; oder an die Stelle der Sache, an der man Anstoß nimmt, eine andere Sache, die gebilligt wird; oder an die Stelle der Sache einen Menschen oder an die Stelle des Menschen eine Sache, damit der Geist des Hörers von dem, was er haßt, zu dem, was er liebt, hinübergeführt werde; und du mußt verbergen, daß du das verteidigen wirst, was man von dir erwartet; sodann, wenn der Hörer schon milder geworden ist, schrittweise in die Verteidigung eintreten und sagen, daß auch dir das, worüber die Gegner sich entrüsten, unwürdig erscheine; sodann, wenn du den, der zuhört, besänftigt hast, darlegen, daß nichts davon dich betreffe, und erklären, du werdest nichts über die Gegner sagen, weder dies noch jenes, damit du weder offen jene verletzest, die geliebt werden, und doch, indem du es verdeckt tust, soweit du kannst, ihnen das Wohlwollen der Hörer entziehst; und das Urteil einiger über eine ähnliche Sache oder eine nachahmenswerte Autorität vorbringen; sodann darlegen, daß dieselbe oder eine ganz ähnliche oder eine größere oder eine kleinere Sache im gegenwärtigen Fall verhandelt werde.
Si causae turpitudo contrahit offensionem, aut pro eo homine, in quo offenditur, alium hominem, qui dili- gitur, interponi oportet; aut pro re, in qua offenditur, aliam rem, quae probatur; aut pro re hominem aut pro homine rem, ut ab eo, quod odit, ad id, quod diligit, auditoris animus traducatur; et dissimulare te id defensurum, quod existimeris; deinde, cum iam mi- tior factus erit auditor, ingredi pedetemptim in defen- sionem et dicere ea, quae indignentur adversarii, tibi quoque indigna videri; deinde, cum lenieris eum, qui audiet, demonstrare, nihil eorum ad te pertinere et ne- gare quicquam de adversariis esse dicturum, neque hoc neque illud, ut neque aperte laedas eos, qui diliguntur, et tamen id obscure faciens, quoad possis, alienes ab eis auditorum voluntatem; et aliquorum iudicium simili de re aut auctoritatem proferre imitatione dignam; deinde eandem aut consimilem aut maiorem aut minorem agi rem in praesenti demonstrare.
Wenn aber die Rede der Gegner den Hörern Glauben verschafft zu haben scheint — was dem, der versteht, durch welche Mittel Glauben entsteht, leicht zu erkennen sein wird —, so mußt du entweder versprechen, daß du zuerst über das sprechen werdest, was die Gegner für ihr Festestes gehalten und was besonders jene, die zuhören werden, gebilligt haben, oder mit dem Wort des Gegners die Einleitung beginnen und gerade mit dem, was jener ganz zuletzt gesagt hat, oder mit Verwunderung den Zweifel gebrauchen, was du zuerst sagen oder welchem Punkt du am ehesten antworten sollst. Denn wenn der Hörer den, den er durch die Rede der Gegner verwirrt glaubt, mit festestem Geist zum Widerspruch bereit sieht, so meint er meistens, er selbst habe eher unbesonnen zugestimmt, als daß jener ohne Grund zuversichtlich sei. Wenn aber die Ermüdung den Eifer des Hörers vom Fall entfremdet hat, so ist es vorteilhaft zu versprechen, daß du kürzer sprechen werdest, als du vorbereitet warst, und daß du den Gegner nicht nachahmen werdest. Wenn die Sache es zuläßt, ist es nicht unnütz, mit irgendetwas Neuem oder Lächerlichem zu beginnen oder mit etwas, das aus dem Augenblick entstanden ist, wie etwa Lärm oder Zuruf; oder mit etwas schon Bereitem, das entweder eine Fabel oder eine Erzählung oder irgendeinen Spott enthält; oder wenn die Würde der Sache die Möglichkeit zu scherzen nimmt, ist es nicht unangebracht, sogleich etwas Trauriges, Neues oder Schreckliches einzuwerfen. Denn wie der Überdruß und der Ekel an Speisen entweder durch etwas leicht Bitteres gelindert oder durch etwas Süßes gemildert wird, so wird der vom Zuhören ermüdete Geist entweder durch Verwunderung erneuert oder durch Lachen erfrischt. Und was getrennt über den Anfang und über die Annäherung gesagt werden mußte, das ist ungefähr dieses: nun scheint in Kürze etwas gemeinsam über beide vorzuschreiben zu sein. Die Einleitung muß am meisten an Gedanken und an Gewicht haben und überhaupt alles, was zur Würde gehört, in sich enthalten, deshalb weil das am besten zu tun ist, was den Redner dem Hörer am meisten empfiehlt; an Glanz, Heiterkeit und Ebenmaß aber am wenigsten, deshalb weil aus diesen ein gewisser Verdacht der Aufmachung und der kunstvollen Sorgfalt entsteht, der der Rede am meisten den Glauben, dem Redner die Autorität nimmt.
Sin oratio adversariorum fidem videbitur auditoribus fecisse—id quod ei, qui intellegit, quibus rebus fides fiat, facile erit cognitu— oportet aut de eo, quod adversarii firmissimum sibi pu- tarint et maxime ii, qui audient, probarint, primum te dicturum polliceri, aut ab adversarii dicto exordiri et ab eo potissimum, quod ille nuperrime dixerit, aut du- bitatione uti, quid primum dicas aut cui potissimum loco respondeas, cum admiratione. nam auditor cum eum, quem adversarii perturbatum putat oratione, vi- det animo firmissimo contra dicere paratum, plerum- que se potius temere assensisse quam illum sine causa confidere arbitratur. Sin auditoris studium defatigatio abalienavit a causa, te brevius, quam paratus fueris, esse dicturum commodum est polliceri; non imitaturum adversarium. sin res dabit, non inutile est ab aliqua re nova aut ridicula incipere aut ex tempore quae nata sit, quod genus strepitu, acclamatione; aut iam parata, quae vel apologum vel fabulam vel aliquam contineat inrisionem; aut si rei dignitas adimet iocandi facul- tatem, aliquid triste, novum, horribile statim non in- commodum est inicere. nam, ut cibi satietas et fasti- dium aut subamara aliqua re relevatur aut dulci miti- gatur, sic animus defessus audiendo aut admiratione integratur aut risu novatur. Ac separatim quidem, quae de principio et de insi- nuatione dicenda videbantur, haec fere sunt: nunc quiddam brevi communiter de utroque praecipiendum videtur. Exordium sententiarum et gravitatis plurimum debet habere et omnino omnia, quae pertinent ad dignitatem, in se continere, propterea quod id optime faciendum est, quod oratorem auditori maxime commendat; splendoris et festivitatis et concinnitudinis minimum, propterea quod ex his suspicio quaedam apparationis atque artificiosae diligentiae nascitur, quae maxime orationi fidem, oratori adimit auctoritatem.
Die folgenden aber sind die sichersten Fehler der Einleitungen, die man mit höchster Mühe zu vermeiden hat: die gewöhnliche, die gemeinsame, die vertauschbare, die zu lange, die abgetrennte, die übertragene und die gegen die Vorschriften verstoßende. Gewöhnlich ist die, die sich auf mehrere Fälle anpassen läßt, so daß sie zu passen scheint. Gemeinsam ist die, die ebensogut auf diese wie auf die entgegengesetzte Seite des Falles passen kann. Vertauschbar ist die, die vom Gegner leicht verändert für die entgegengesetzte Seite gesagt werden kann. Zu lang ist die, die mit mehr Worten oder Gedanken über das hinaus, was genug ist, ausgedehnt wird. Abgetrennt ist die, die nicht aus dem Fall selbst hergeleitet noch wie irgendein Glied der Rede angefügt ist. Übertragen ist die, die etwas anderes bewirkt, als die Gattung des Falles verlangt: wie etwa, wenn jemand den Hörer gelehrig macht, während der Fall Wohlwollen verlangt, oder wenn jemand einen Anfang gebraucht, während die Sache eine Annäherung verlangt. Gegen die Vorschriften ist die, die nichts von dem bewirkt, dessentwegen über die Einleitungen Vorschriften überliefert werden; das heißt, die den, der zuhört, weder wohlwollend noch aufmerksam noch gelehrig macht, oder, als was es gewiß nichts Schlechteres gibt, bewirkt, daß das Gegenteil eintritt. Und über die Einleitung ist nun genug gesagt.
Vitia vero haec sunt certissima exordiorum, quae summo opere vitare oportebit: vulgare, commune, com- mutabile, longum, separatum, translatum, contra prae- cepta. vulgare est, quod in plures causas potest accom- modari, ut convenire videatur. commune, quod nihilo minus in hanc quam in contrariam partem causae potest convenire. commutabile, quod ab adversario potest leviter mutatum ex contraria parte dici. longum est, quod pluribus verbis aut sententiis ultra quam satis est producitur. separatum, quod non ex ipsa causa ductum est nec sicut aliquod membrum adnexum orationi. translatum est, quod aliud conficit, quam causae genus postulat: ut si qui docilem faciat auditorem, cum beni- volentiam causa desideret, aut si principio utatur, cum insinuationem res postulet. contra praecepta est, quod nihil eorum efficit, quorum causa de exordiis praecepta traduntur; hoc est, quod eum, qui audit, neque beni- volum neque attentum neque docilem efficit, aut, quo nihil profecto peius est, ut contra sit, facit. Ac de exordio quidem satis dictum est.
Die Erzählung ist die Darlegung von Geschehenem oder von etwas, als sei es geschehen. Es gibt drei Gattungen der Erzählung. Die eine Gattung ist die, in der der Fall selbst und die ganze Erörterung des Streites enthalten ist; die andere die, in der irgendeine Abschweifung außerhalb des Falles eingeschoben wird, sei es um der Beschuldigung, der Vergleichung, der dem behandelten Geschäft nicht fremden Ergötzung oder der Steigerung willen. Die dritte Gattung ist von den staatsbürgerlichen Fällen entfernt; sie wird um der Ergötzung willen, doch mit nicht unnützer Übung, gesprochen und geschrieben. Ihre Teile sind zwei, deren einer sich vor allem mit Geschäften, der andere mit Personen befaßt. Jener Teil, der in der Darlegung von Geschäften besteht, hat drei Teile: die Fabel, die Geschichte und die Erfindung. Die Fabel ist die, in der weder wahre noch wahrscheinliche Dinge enthalten sind, von der Art: „Riesige geflügelte Schlangen, ans Joch gespannt“ —; die Geschichte ist eine geschehene Sache, dem Gedächtnis unseres Zeitalters entrückt; von dieser Art: „Appius erklärte den Karthagern den Krieg.“ Die Erfindung ist eine erdichtete Sache, die dennoch hätte geschehen können. Von dieser Art ist bei Terenz: „Denn nachdem dieser dem Knabenalter entwachsen war, Sosia“ —; jene Erzählung aber, die sich mit Personen befaßt, ist von der Art, daß in ihr zugleich mit den Dingen selbst die Reden und Gemüter der Personen durchschaut werden können, auf diese Weise: „Er kam oft zu mir und rief laut: Was treibst du, Micio? Warum verdirbst du uns den jungen Mann? Warum liebt er? Warum zecht er? Warum lieferst du ihm zu diesen Dingen den Aufwand und gestattest ihm übermäßigen Kleiderprunk? Allzu töricht bist du. — Er selbst aber ist allzu hart, über das Billige und Gute hinaus.“ In dieser Gattung der Erzählung muß viel Anmut liegen, gewonnen aus der Mannigfaltigkeit der Dinge, der Ungleichheit der Gemüter, dem Ernst, der Sanftheit, der Hoffnung, der Furcht, dem Argwohn, der Sehnsucht, der Verstellung, dem Irrtum, dem Mitleid, dem Wechsel des Geschicks, dem unverhofften Unglück, der plötzlichen Freude, dem heiteren Ausgang der Dinge. Doch diese Zierden werden aus jenen Dingen genommen werden, die später über den Ausdruck gelehrt werden.
Narratio est rerum gestarum aut ut gestarum expo- sitio. narrationum genera tria sunt: unum genus est, in quo ipsa causa et omnis ratio controversiae con- tinetur; alterum, in quo digressio aliqua extra causam aut criminationis aut similitudinis aut delectationis non alienae ab eo negotio, quo de agitur, aut amplificationis causa interponitur. tertium genus est remotum a civi- libus causis, quod delectationis causa non inutili cum exercitatione dicitur et scribitur. eius partes sunt duae, quarum altera in negotiis, altera in personis maxime versatur. ea, quae in negotiorum expositione posita est, tres habet partes: fabulam, historiam, argumen- tum. fabula est, in qua nec verae nec veri similes res continentur, cuiusmodi est: Angues ingentes alites, iuncti iugo historia est gesta res, ab aetatis nostrae memoria remota; quod genus: Appius indixit Cartha- giniensibus bellum. argumentum est ficta res, quae tamen fieri potuit. huiusmodi apud Terentium: Nam is postquam excessit ex ephebis, Sosia illa autem narratio, quae versatur in personis, eiusmodi est, ut in ea simul cum rebus ipsis personarum sermones et animi perspici possint, hoc modo: Venit ad me saepe clam it ans: Quid agis, Micio? Cur perdis adulescentem nobis? cur amat? Cur potat? cur tu his rebus sumptum suggeris, Vestitu nimio indulges? nimium ineptus es. Nimium ipse est durus praeter aequumque et bonum. hoc in genere narrationis multa debet inesse festivitas, confecta ex rerum varietate, animorum dissimilitudine, gravitate, lenitate, spe, metu, suspicione, desiderio, dissimulatione, errore, misericordia, fortunae commu- tatione, insperato incommodo, subita laetitia, iucundo exitu rerum. verum haec ex iis, quae postea de elocu- tione praecipientur, ornamenta sumentur.
Nun scheint von jener Erzählung gesprochen werden zu müssen, die die Darlegung des Falles enthält. Es gehört sich also, daß sie drei Eigenschaften habe: daß sie kurz, daß sie klar, daß sie glaubhaft sei. Kurz wird sie sein, wenn der Anfang dort genommen wird, wo es nötig ist, und nicht vom Äußersten her wieder aufgerollt wird; und wenn von einer Sache, von der es genügt, das Ganze gesagt zu haben, die Teile nicht gesagt werden — denn oft genügt es zu sagen, was geschehen ist, so daß du nicht erzählst, auf welche Weise es geschehen ist —; und wenn man im Erzählen nicht weiter fortschreitet, als nötig ist; und wenn man nicht zu einer anderen Sache übergeht; und wenn so gesprochen wird, daß bisweilen aus dem, was gesagt ist, jenes, was nicht gesagt ist, verstanden wird; und wenn nicht nur das, was schadet, sondern auch das, was weder schadet noch hilft, übergangen wird; und wenn ein jedes nur einmal gesagt wird; und wenn man nicht von dem, womit man zuletzt aufgehört hat, sogleich wieder anfängt. Und viele täuscht die Nachahmung der Kürze, so daß sie, während sie sich für kurz halten, die längsten sind; weil sie sich bemühen, viele Dinge in Kürze zu sagen, nicht aber, überhaupt wenige Dinge zu sagen und nicht mehr, als nötig ist. Denn den meisten scheint kurz zu reden, wer so redet: „Ich trat ans Haus. Ich rief den Knaben. Er antwortete. Ich fragte nach dem Herrn. Er sagte, er sei nicht zu Hause.“ Obwohl dieser so viele Dinge nicht kürzer hätte sagen können, wird er dennoch, weil es genügt hätte, gesagt zu haben: „Er sagte, er sei nicht zu Hause“, durch die Menge der Dinge lang. Deshalb ist auch in dieser Gattung die Nachahmung der Kürze zu vermeiden, und man muß sich der Menge nicht notwendiger Dinge nicht weniger als der Menge der Worte enthalten.
Nunc de narratione ea, quae causae continet ex- positionem, dicendum videtur. oportet igitur eam tres habere res: ut brevis, ut aperta, ut probabilis sit. Brevis erit, si, unde necesse est, inde initium sumetur et non ab ultimo repetetur, et si, cuius rei satis erit summam dixisse, eius partes non dicentur—nam saepe satis est, quid factum sit, dicere, ut ne narres, quemadmo- dum sit factum—, et si non longius, quam quo opus est, in narrando procedetur, et si nullam in rem aliam transibitur; et si ita dicetur, ut nonnumquam ex eo, quod dictum est, id, quod non est dictum, intellegatur; et si non modo id, quod obest, verum etiam id, quod nec obest nec adiuvat, praeteribitur; et si semel unum quicque dicetur; et si non ab eo, quo in proxime desi- tum erit, deinceps incipietur. ac multos imitatio brevi- tatis decipit, ut, cum se breves putent esse, longissimi sint; cum dent operam, ut res multas brevi dicant, non ut omnino paucas res dicant et non plures, quam ne- cesse sit. nam plerisque breviter videtur dicere, qui ita dicit: Accessi ad aedes. puerum vocavi. respondit. quaesivi dominum. domi negavit esse. hic, tametsi tot res brevius non potuit dicere, tamen, quia satis fuit dixisse: domi negavit esse, fit rerum multitudine longus. quare hoc quoque in genere vitanda est bre- vitatis imitatio et non minus rerum non necessaria- rum quam verborum multitudine supersedendum est.
Klar aber kann die Erzählung sein, wenn das, was jeweils zuerst geschehen ist, auch zuerst dargelegt wird und die Ordnung der Dinge und der Zeiten gewahrt bleibt, so daß sie so erzählt werden, wie die Dinge geschehen sind oder wie sie haben geschehen können scheinen. Hier wird zu beachten sein, daß nichts verworren, nichts verschroben gesagt werde, daß man nicht zu einer anderen Sache übergehe, nicht vom Äußersten her wieder aufrolle, nicht bis zum Letzten vorausgreife, nicht etwas, was zur Sache gehört, übergehe; und überhaupt sind die Vorschriften über die Kürze auch in dieser Gattung zu wahren. Denn oft wird eine Sache eher durch die Länge als durch die Dunkelheit der Erzählung zu wenig verstanden. Und man muß auch durchsichtige Worte gebrauchen; über diese Gattung ist in den Vorschriften des Ausdrucks zu sprechen. Glaubhaft wird die Erzählung sein, wenn in ihr das zu liegen scheint, was gewöhnlich in der Wirklichkeit erscheint; wenn die Würde der Personen gewahrt bleibt; wenn die Ursachen der Taten zutage treten; wenn die Möglichkeiten zum Handeln vorhanden gewesen zu sein scheinen; wenn gezeigt wird, daß die Zeit geeignet, der Raum hinreichend, der Ort günstig für ebendie Sache war, von der erzählt wird; wenn die Sache der Natur derer, die handeln, der Sitte der Menge und der Meinung derer, die zuhören werden, angepaßt wird. Und wahrscheinlich freilich wird sie aus diesen Erwägungen sein können.
Aperta autem narratio poterit esse, si, ut quidque primum gestum erit, ita primum exponetur, et rerum ac temporum ordo servabitur, ut ita narrentur, ut gestae res erunt aut ut potuisse geri videbuntur. hic erit considerandum, ne quid perturbate, ne quid con- torte dicatur, ne quam in aliam rem transeatur, ne ab ultimo repetatur, ne ad extremum prodeatur, ne quid, quod ad rem pertineat, praetereatur; et omnino, quae praecepta de brevitate sunt, hoc quoque in ge- nere sunt conservanda. nam saepe res parum est in- tellecta longitudine magis quam obscuritate narra- tionis. ac verbis quoque dilucidis utendum est; quo de genere dicendum est in praeceptis elocutionis. Pro- babilis erit narratio, si in ea videbuntur inesse ea, quae solent apparere in veritate; si personarum dignitates servabuntur; si causae factorum exstabunt; si fuisse facultates faciundi videbuntur; si tempus idoneum, si spatii satis, si locus opportunus ad eandem rem, qua de re narrabitur, fuisse ostendetur; si res et ad eorum, qui agent, naturam et ad vulgi morem et ad eorum, qui audient, opinionem accommodabitur. Ac veri quidem similis ex his rationibus esse poterit:
Außerdem aber wird man überdies zu beachten haben, daß die Erzählung nicht eingeschoben werde, sei es wenn sie schadet, sei es wenn sie nichts nützt; oder daß sie nicht am unrechten Ort oder nicht so, wie der Fall es verlangt, erzählt werde. Sie schadet dann, wenn die Darlegung der geschehenen Sache selbst großen Anstoß hervorruft, den man durch Beweisführung und durch das Führen des Falles mildern muß. Wenn dies eintritt, wird man die Teile der geschehenen Sache gliedweise in den Fall hinein zerstreuen und jeden einzelnen sogleich an eine Begründung anpassen müssen, damit für die Wunde das Heilmittel zur Hand sei und die Verteidigung den Haß sogleich besänftige. Nichts nützt die Erzählung dann, wenn, nachdem die Sache von den Gegnern dargelegt worden ist, uns nichts daran liegt, sie ein zweites Mal oder auf andere Weise zu erzählen; oder wenn das Geschäft von denen, die zuhören, so festgehalten wird, daß uns nichts daran liegt, sie auf andere Weise zu belehren. Wenn dies eintritt, ist auf die Erzählung gänzlich zu verzichten. Am unrechten Ort wird sie gesprochen, wenn sie nicht in dem Teil der Rede aufgestellt wird, in dem die Sache es verlangt; über diese Gattung werden wir dann handeln, wenn wir von der Anordnung sprechen; denn dies gehört zur Anordnung. Nicht so, wie der Fall es verlangt, wird erzählt, wenn entweder das, was dem Gegner nützt, deutlich und geschmückt dargelegt oder das, was einem selbst hilft, dunkel und nachlässig gesagt wird. Damit also dieser Fehler vermieden werde, ist alles zum Vorteil der eigenen Sache zu wenden, indem man das Gegenteilige, das übergangen werden kann, übergeht, das, was gesagt werden muß, leicht berührt und das Eigene sorgfältig und deutlich erzählt. Und über die Erzählung scheint nun genug gesagt; gehen wir sodann zur Gliederung über.
illud autem praeterea considerare oportebit, ne, aut cum obsit narratio aut cum nihil prosit, tamen inter- ponatur; aut non loco aut non, quemadmodum causa postulet, narretur. obest tum, cum ipsius rei gestae expositio magnam excipit offensionem, quam argu- mentando et causam agendo leniri oportebit. quod cum accidet, membratim oportebit partes rei gestae disper- gere in causam et ad unam quamque confestim rationem accommodare, ut vulneri praesto medica- mentum sit et odium statim defensio mitiget. nihil prodest narratio tum, cum ab adversariis re exposita nostra nihil interest iterum aut alio modo narrare; aut ab iis, qui audiunt, ita tenetur negotium, ut nostra nihil intersit eos alio pacto docere. quod cum accidit, omnino narratione supersedendum est. non loco dici- tur, cum non in ea parte orationis conlocatur, in qua res postulat; quo de genere agemus tum, cum de dispo- sitione dicemus; nam hoc ad dispositionem pertinet. non, quemadmodum causa postulat, narratur, cum aut id, quod adversario prodest, dilucide et ornate expo- nitur aut id, quod ipsum adiuvat, obscure dicitur et neglegenter. quare, ut hoc vitium vitetur, omnia tor- quenda sunt ad commodum suae causae, contraria, quae praeteriri poterunt, praetereundo, quae dicenda erunt, leviter attingendo, sua diligenter et enodate narrando. Ac de narratione quidem satis dictum videtur; dein- ceps ad partitionem transeamus.
Eine im Fall richtig vorgenommene Gliederung macht die ganze Rede hell und durchsichtig. Ihre Teile sind zwei, von denen jeder im hohen Maße dazu beiträgt, den Fall zu öffnen und den Streit festzustellen. Der eine Teil ist der, welcher zeigt, was mit den Gegnern übereinstimmt und was im Streit gelassen wird; aus ihm wird dem Hörer etwas Bestimmtes vor Augen gestellt, worauf er seinen Geist gerichtet halten soll. Der andere ist der, in dem die kurze, gegliederte Darlegung jener Dinge aufgestellt wird, über die wir zu sprechen gedenken; aus ihm ergibt sich, daß der Hörer bestimmte Dinge im Geist festhält, nach deren Behandlung er versteht, daß die Rede zu Ende geführt sein wird. Nun scheint kurz gesagt werden zu müssen, wie es sich gehört, jede der beiden Gattungen der Gliederung zu gebrauchen. Jene Gliederung, die zeigt, was übereinstimmt oder was nicht übereinstimmt, muß das, was übereinstimmt, zum Vorteil der eigenen Sache neigen, auf diese Weise: „Daß die Mutter vom Sohn getötet worden ist, stimmt zwischen mir und den Gegnern überein.“ Ebenso umgekehrt: „Daß Agamemnon von Klytaimnestra getötet worden ist, steht fest.“ Denn hier hat jeder von beiden sowohl das aufgestellt, was übereinstimmte, und doch für den Vorteil seiner Sache gesorgt. Sodann ist das, worin der Streit besteht, in der Darlegung des Streitpunktes aufzustellen;
Recte habita in causa partitio inlustrem et per- spicuam totam efficit orationem. partes eius sunt duae, quarum utraque magno opere ad aperiendam causam et constituendam pertinet controversiam. una pars est, quae, quid cum adversariis conveniat et quid in controversia relinquatur, ostendit; ex qua certum quiddam destinatur auditori, in quo animum debeat habere occupatum. altera est, in qua rerum earum, de quibus erimus dicturi, breviter expositio ponitur distributa; ex qua conficitur, ut certas animo res te- neat auditor, quibus dictis intellegat fore peroratum. Nunc utroque genere partitionis quemadmodum con- veniat uti, breviter dicendum videtur. Quae partitio, quid conveniat aut quid non conveniat, ostendit, haec debet illud, quod convenit, inclinare ad suae causae commodum, hoc modo: interfectam matrem esse a filio convenit mihi cum adversariis. item contra: interfec- tum esse a Clytaemestra Agamemnonem convenit. nam hic uterque et id posuit, quod conveniebat, et tamen suae causae commodo consuluit. deinde, quid contro- versiae sit, ponendum est in iudicationis expositione;
wie dieser aber zu finden sei, ist zuvor gesagt worden. Jene Gliederung, die die gegliederte Darlegung der Dinge enthält, muß folgendes haben: Kürze, Vollständigkeit, Knappheit. Kürze liegt vor, wenn kein Wort außer dem notwendigen aufgenommen wird. Diese ist in dieser Gattung deshalb nützlich, weil der Geist des Hörers durch die Dinge selbst und die Teile des Falles, nicht durch Worte oder fremde Zierden festzuhalten ist. Vollständigkeit ist die, durch welche wir alle Gattungen, die in den Fall fallen und über die zu sprechen ist, in der Gliederung umfassen, damit nicht entweder eine nützliche Gattung ausgelassen oder zu spät außerhalb der Gliederung — was das Fehlerhafteste und Häßlichste ist — eingebracht werde. Knappheit wird in der Gliederung gewahrt, wenn die Gattungen der Dinge selbst aufgestellt und nicht vermischt mit den Teilen verflochten werden. Denn Gattung ist das, was mehrere Teile umfaßt, wie das Lebewesen. Teil ist das, was unter der Gattung steht, wie das Pferd. Doch oft ist dieselbe Sache dem einen Gattung, dem anderen Teil. Denn der Mensch ist Teil des Lebewesens, die Thebaner oder Trojaner aber eine Gattung. Diese Unterscheidung wird deshalb sorgfältiger eingeführt, damit, wenn die Erwägung der Gattungen und Teile klar verstanden ist, die Knappheit der Gattungen in der Gliederung gewahrt werden kann. Denn wer so gliedert: „Ich werde zeigen, daß wegen der Begierde und der Verwegenheit und der Habsucht der Gegner alle Schäden über das Gemeinwesen gekommen sind“, der hat nicht verstanden, daß er in der Gliederung, nachdem er die Gattung dargelegt hatte, einen Teil der Gattung beigemischt hat. Denn die Gattung aller Lüste ist freilich die Begierde, ein Teil dieser Gattung aber ohne Zweifel die Hab-
quae quemadmodum inveniretur, ante dictum est. Quae partitio rerum distributam continet expositionem, haec habere debet: brevitatem, absolutionem, pauci- tatem. brevitas est, cum nisi necessarium nullum assu- mitur verbum. haec in hoc genere idcirco est utilis, quod rebus ipsis et partibus causae, non verbis neque extraneis ornamentis animus auditoris tenendus est. absolutio est, per quam omnia, quae incidunt in cau- sam, genera, de quibus dicendum est, amplectimur in partitione, ne aut aliquod genus utile relinquatur aut sero extra partitionem, id quod vitiosissimum ac tur- pissimum est, inferatur. paucitas in partitione serva- tur, si genera ipsa rerum ponuntur neque permixtim cum partibus implicantur. nam genus est, quod plures partes amplectitur, ut animal. pars est, quae subest generi, ut equus. sed saepe eadem res alii genus, alii pars est. nam homo animalis pars est, Thebani aut Troiani genus. haec ideo diligentius inducitur di- scriptio, ut aperta intellecta generum et partium ra- tione paucitas generum in partitione servari possit. nam qui ita partitur: ostendam propter cupiditatem et au- daciam et avaritiam adversariorum omnia incommo- da ad rem publicam pervenisse, is non intellexit in partitione exposito genere partem se generis admiscuisse. nam genus est omnium nimirum libidinum cupiditas, eius autem generis sine dubio pars est ava-
sucht. Dies also ist zu vermeiden, daß man von dem, dessen Gattung man aufgestellt hat, gleichsam einen abweichenden und unähnlichen Teil in derselben Gliederung aufstelle. Wenn aber unter eine Gattung mehrere Teile fallen, so wird dies, wenn es in der ersten Gliederung des Falles einfach dargelegt worden ist, am bequemsten zu jener Zeit gegliedert werden, da man im Vortrag des Falles nach der Gliederung dazu gelangt, es zu entfalten. Und auch jenes gehört zur Knappheit: daß wir nicht sagen, wir würden mehr aufzeigen, als genug ist, auf diese Weise: „Ich werde zeigen, daß die Gegner das, was wir vorwerfen, sowohl haben tun können als auch haben tun wollen als auch getan haben“; denn es genügt zu zeigen, daß sie es getan haben: oder daß wir, obwohl im Fall keine Gliederung besteht und etwas Einfaches verhandelt wird, dennoch eine Gliederung gebrauchen, was nur höchst selten geschehen kann. Und es gibt auch andere Vorschriften der Gliederungen, die für diesen rednerischen Gebrauch nicht so sehr von Belang sind und die in der Philosophie verhandelt werden; aus ihnen haben wir ebendiese herübergenommen, die uns zu passen schienen, von denen wir nichts in den übrigen Lehrbüchern fanden. Und dieser Vorschriften über die Gliederung wird man bei jedem Vortrag eingedenk sein müssen, damit sowohl jeder erste Teil, so wie er in der Gliederung dargelegt ist, der Reihe nach abgehandelt und, nachdem alles entfaltet ist, die Rede so zu Ende geführt werde, daß nichts Späteres außer dem Schluß eingebracht werde. Bei Terenz gliedert der Greis in der Andria kurz und passend, was er den Freigelassenen erfahren lassen will: „Auf diese Weise wirst du sowohl das Leben meines Sohnes als auch meinen Plan erkennen und das, was ich dich in dieser Sache tun lassen will.“ Und so, wie er es in der Gliederung vorausgestellt hat, erzählt er es: zuerst das Leben des Sohnes: „Denn nachdem dieser dem Knabenalter entwachsen war“; sodann seinen Plan: „Und nun setze ich mich dafür ein“; sodann, was er den Sosia tun lassen will, was er als Letztes in der Gliederung aufgestellt hatte, sagt er als Letztes: „Nun ist es deine Pflicht.“ Wie also dieser sowohl zu jedem ersten Teil zuerst herangetreten ist und, nachdem alles erledigt war, das Ende des Redens gemacht hat, so gefällt es uns, sowohl an die einzelnen Teile heranzutreten als auch, nachdem alles erledigt ist, die Rede zu Ende zu führen. Nun scheint im Anschluß über die Bekräftigung, so wie die Reihenfolge selbst es verlangt, Vorschrift gegeben werden zu müssen.
ritia. hoc igitur vitandum est, ne, cuius genus po- sueris, eius * sicuti aliquam diversam ac dissimilem partem ponas in eadem partitione. quodsi quod in genus plures incident partes, id cum in prima causae partitione erit simpliciter expositum, distribuetur tem- pore eo commodissime, cum ad ipsum ventum erit explicandum in causae dictione post partitionem. atque illud quoque pertinet ad paucitatem, ne aut plura, quam satis est, demonstraturos nos dicamus, hoc modo: ostendam adversarios, quod arguamus, et potuisse facere et voluisse et fecisse; nam fecisse satis est ostendere: aut, cum in causa partitio nulla sit, et cum simplex quiddam agatur, tamen utamur distributione, id quod perraro potest accidere. Ac sunt alia quoque praecepta partitionum, quae ad hunc usum oratorium non tanto opere pertineant, quae versantur in philosophia, ex quibus haec ipsa trans- tulimus, quae convenire viderentur, quorum nihil in ceteris artibus inveniebamus. Atque his de partitione praeceptis in omni dictione meminisse oportebit, ut et prima quaeque pars, ut expo- sita est in partitione, sic ordine transigatur et omnibus explicatis peroratum sit hoc modo, ut ne quid po- sterius praeter conclusionem inferatur. partitur apud Terentium breviter et commode senex in Andria, quae cognoscere libertum velit: Eo pacto et gnati vitam et consilium meum Cognosces et quid facere in hac re te velim. itaque quemadmodum in partitione proposuit, ita narrat, primum nati vitam: Nam is postquam excessit ex ephebis; deinde suum consilium: Et nunc id operam do deinde quid Sosiam velit facere, id quod postremum posuit in partitione, postremum di- cit: Nunc tuum est officium quemadmodum igitur hic et ad primam quamque partem primum accessit et omnibus absolutis finem dicendi fecit, sic nobis pla- cet et ad singulas partes accedere et omnibus abso- lutis perorare. Nunc de confirmatione deinceps, ita ut ordo ipse postulat, praecipiendum videtur.
Die Bekräftigung ist die, durch welche die Rede unserem Fall durch Beweisführung Glauben, Ansehen und Festigkeit verleiht. Für diesen Teil gibt es bestimmte Vorschriften, die auf die einzelnen Gattungen der Fälle aufgeteilt werden. Doch scheint es nicht unangebracht, zuvor gleichsam einen Wald und einen gesamten Stoff aller Beweisführungen vermischt und ungeordnet darzulegen, danach aber zu überliefern, wie eine jede Gattung des Falles zu bekräftigen ist, wenn man von hier alle Weisen des Beweisens herzieht. Alle Dinge werden durch Beweisführung bekräftigt entweder aus dem, was den Personen, oder aus dem, was den Geschäften zugewiesen ist. Und den Personen halten wir diese Dinge für zugewiesen: den Namen, die Natur, die Lebensweise, das Geschick, die Verfassung, die Gemütsbewegung, die Bestrebungen, die Pläne, die Taten, die Zufälle, die Reden. Der Name ist das, was einer jeden Person gegeben wird, womit eine jede mit ihrer eigenen und bestimmten Benennung gerufen wird. Die Natur selbst zu bestimmen ist schwer;
Confirmatio est, per quam argumentando nostrae causae fidem et auctoritatem et firmamentum adiungit oratio. huius partis certa sunt praecepta, quae in singula causarum genera dividentur. verumtamen non incommodum videtur quandam silvam atque materiam universam ante permixtim et confuse exponere omnium argumentationum, post autem tradere, quemadmodum unum quodque causae genus hinc omnibus argumen- tandi rationibus tractis confirmari oporteat. Omnes res argumentando confirmantur aut ex eo, quod personis, aut ex eo, quod negotiis est adtributum. Ac personis has res adtributas putamus: nomen, na- turam, victum, fortunam, habitum, affectionem, studia, consilia, facta, casus, orationes. nomen est, quod uni cuique personae datur, quo suo quaeque proprio et certo vocabulo appellatur. naturam ipsam definire difficile est;
ihre Teile aber aufzuzählen, jene, deren wir für diese Belehrung bedürfen, ist leichter. Diese aber befassen sich teils mit dem göttlichen, teils mit dem sterblichen Geschlecht. Vom Sterblichen aber wird der eine Teil zum Geschlecht der Menschen, der andere zum Geschlecht der Tiere gerechnet. Und das Geschlecht der Menschen wird sowohl nach dem Geschlecht betrachtet, ob es männlich oder weiblich sei, als auch nach der Nation, dem Vaterland, der Verwandtschaft, dem Alter. Nach der Nation: ob Grieche oder Barbar; nach dem Vaterland: ob Athener oder Lakedämonier; nach der Verwandtschaft: von welchen Vorfahren, von welchen Blutsverwandten; nach dem Alter: ob Knabe oder Jüngling, von größerem Alter oder Greis. Außerdem werden die von der Natur dem Geist oder dem Körper gegebenen Vorzüge und Nachteile betrachtet, auf diese Weise: ob er stark oder schwach, lang oder kurz, schön oder häßlich, schnell oder langsam sei, scharfsinnig oder eher stumpf, von gutem Gedächtnis oder vergeßlich, leutselig und dienstfertig oder ungeschliffen, sittsam, geduldig oder das Gegenteil; und überhaupt wird das, was von der Natur dem Geist und dem Körper gegeben wird, betrachtet, und dieses ist bei der Natur zu betrachten. Denn was durch Fleiß erworben wird, gehört zur Verfassung, von der später zu sprechen ist. Bei der Lebensweise gehört es sich zu betrachten, bei wem und nach welcher Sitte und nach wessen Ermessen er erzogen worden ist, welche Lehrer der freien Künste er gehabt hat, welche Lehrmeister des Lebens, mit welchen Freunden er Umgang hat, mit welchem Geschäft, Erwerb, Handwerk er beschäftigt ist, auf welche Weise er sein Hauswesen verwaltet, von welcher häuslichen Gewohnheit er ist. Beim Geschick wird gefragt, ob er Sklave oder Freier sei, vermögend oder mittellos, Privatmann oder mit Amtsgewalt versehen: wenn mit Amtsgewalt, ob zu Recht oder zu Unrecht; ob glücklich, berühmt oder das Gegenteil; was für Kinder er habe. Und wenn von einem Nichtlebenden gefragt wird, so wird auch zu betrachten sein, durch welche Art von Tod er hingerafft worden ist.
partes autem eius enumerare eas, quarum indigemus ad hanc praeceptionem, facilius est. eae autem partim divino, partim mortali in genere ver- santur. mortalium autem pars in hominum, pars in bestiarum genere numerantur. atque hominum genus et in sexu consideratur, virile an muliebre sit, et in natione, patria, cognatione, aetate. natione, Graius an barbarus; patria, Atheniensis an Lacedaemonius; co- gnatione, quibus maioribus, quibus consanguineis; aetate, puer an adulescens, natu grandior an senex. praeterea commoda et incommoda considerantur ab natura data animo aut corpori, hoc modo: valens an inbecillus, longus an brevis, formonsus an deformis, velox an tardus sit, acutus an hebetior, memor an obli- viosus, comis officiosus an infacetus, pudens, patiens an contra; et omnino quae a natura dantur animo et corpori considerabuntur et haec in natura conside- randa. nam quae industria comparantur, ad habitum pertinent, de quo posterius est dicendum. in victu con- siderare oportet, apud quem et quo more et cuius arbitratu sit educatus, quos habuerit artium liberalium magistros, quos vivendi praeceptores, quibus amicis utatur, quo in negotio, quaestu, artificio sit occupatus, quo modo rem familiarem administret, qua consuetu- dine domestica sit. in fortuna quaeritur, servus sit an liber, pecuniosus an tenuis, privatus an cum potestate: si cum potestate, iure an iniuria; felix, clarus an con- tra; quales liberos habeat. ac si de non vivo quaeretur, etiam quali morte sit affectus, erit considerandum.
Verfassung aber nennen wir jene beständige und in irgendeiner Sache vollendete Vollkommenheit des Geistes oder des Körpers, wie das Erfassen der Tugend oder irgendeiner Kunst oder eine beliebige Wissenschaft und ebenso irgendeine Tüchtigkeit des Körpers, die nicht von der Natur gegeben, sondern durch Eifer und Fleiß erworben ist. Die Gemütsbewegung ist eine durch den Augenblick aus irgendeinem Grund bewirkte Veränderung des Geistes oder des Körpers, wie Freude, Begierde, Furcht, Verdruß, Krankheit, Schwäche und anderes, was sich in derselben Gattung findet. Die Bestrebung aber ist eine beständige und heftig auf irgendeine Sache gerichtete Beschäftigung des Geistes mit großer Lust, wie die für die Philosophie, die Dichtkunst, die Geometrie, die Wissenschaft. Der Plan ist die ausgedachte Überlegung, etwas zu tun oder nicht zu tun. Die Taten aber und die Zufälle und die Reden werden aus drei Zeiten betrachtet: was er getan oder was ihm widerfahren oder was er gesagt hat; oder was er tut, was ihm widerfährt, was er sagt; oder was er tun wird, was ihm widerfahren wird, welcher Rede er sich bedienen wird. Und den Personen freilich scheinen diese Dinge zugewiesen zu sein.
habitum autem hunc appellamus animi aut corporis constantem et absolutam aliqua in re perfectionem, ut virtutis aut artis alicuius perceptionem aut quamvis scientiam et item corporis aliquam commoditatem non natura datam, sed studio et industria partam. affectio est animi aut corporis ex tempore aliqua de causa commutatio, ut laetitia, cupiditas, metus, molestia, morbus, debilitas et alia, quae in eodem genere re- periuntur. studium est autem animi assidua et vehe- menter ad aliquam rem adplicata magna cum voluptate occupatio, ut philosophiae, poe+ticae, geometricae, lit- terarum. consilium est aliquid faciendi aut non fa- ciendi excogitata ratio. facta autem et casus et ora- tiones tribus ex temporibus considerabuntur: quid fecerit aut quid ipsi acciderit aut quid dixerit; aut quid faciat, quid ipsi accidat, quid dicat; aut quid fac- turus sit, quid ipsi casurum sit, qua sit usurus oratione. Ac personis quidem haec videntur esse adtributa:
Was aber den Geschäften zugewiesen ist, das hängt teils mit dem Geschäft selbst zusammen, teils wird es in der Ausführung des Geschäftes betrachtet, teils ist es dem Geschäft beigesellt, teils folgt es dem Geschäft. Mit dem Geschäft selbst hängt das zusammen, was stets an die Sache geheftet zu sein scheint und nicht von ihr getrennt werden kann. Von diesen ist das erste die kurze Zusammenfassung des ganzen Geschäftes, die das Ganze der Tat enthält, auf diese Weise: „Tötung des Vaters“, „Verrat am Vaterland“; sodann die Ursache dieses Ganzen, durch die gefragt wird, wodurch und weshalb und um welcher Sache willen es geschehen ist; sodann, was vor der geschehenen Sache zusammenhängend geschehen ist bis zum Geschäft selbst; sodann, was im Vollziehen des Geschäftes selbst getan worden ist; sodann, was danach geschehen ist.
negotiis autem quae sunt adtributa, partim sunt con- tinentia cum ipso negotio, partim in gestione negotii considerantur, partim adiuncta negotio sunt, partim negotium consequuntur. Continentia cum ipso negotio sunt ea, quae semper affixa esse videntur ad rem neque ab ea possunt se- parari. ex his prima est brevis conplexio totius neg- otii, quae summam continet facti, hoc modo: parentis occisio, patriae proditio; deinde causa eius summae, per quam et quam ob rem et cuius rei causa factum sit, quaeritur; deinde ante gestam rem quae facta sint continenter usque ad ipsum negotium; deinde, in ipso gerendo negotio quid actum sit; deinde, quid postea factum sit.
In der Ausführung des Geschäftes aber, was die zweite Rubrik von dem war, was den Geschäften zugewiesen ist, wird nach dem Ort, der Zeit, der Weise, der Gelegenheit, der Möglichkeit gefragt. Der Ort, an dem die Sache geschehen ist, wird betrachtet nach der Günstigkeit, die er zur Ausführung des Geschäftes gehabt zu haben scheint. Diese Günstigkeit aber wird erfragt nach der Größe, der Entfernung, der Weite, der Nähe, der Einsamkeit, der Belebtheit, der Natur des Ortes selbst und der Nachbarschaft und der ganzen Gegend; auch nach diesen Zuweisungen: ob der Ort, um den es geht, heilig oder profan, öffentlich oder privat, fremd oder des Betreffenden eigen sei oder gewesen sei.
In gestione autem negotii, qui locus secundus erat de iis, quae negotiis adtributa sunt, quaeretur locus, tempus, modus, occasio, facultas. locus consideratur, in quo res gesta sit, ex opportunitate, quam videatur habuisse ad negotium administrandum. ea autem op- portunitas quaeritur ex magnitudine, intervallo, longin- quitate, propinquitate, solitudine, celebritate, natura ipsius loci et vicinitatis et totius regionis; ex his etiam attributionibus: sacer profanus, publicus anne privatus, alienus an ipsius, de quo agitur, locus sit aut fuerit.
Die Zeit aber ist — die, von der wir jetzt sprechen, denn sie selbst allgemein zu bestimmen ist schwer — ein gewisser Teil der Ewigkeit mit der bestimmten Bezeichnung irgendeines jährlichen, monatlichen, täglichen oder nächtlichen Zeitraums. Bei ihr wird auch das betrachtet, was vergangen ist: und zwar von eben diesem das, was entweder wegen des Alters veraltet ist oder unglaublich scheint, so daß es schon in die Zahl der Fabeln gesetzt wird; und das, was, schon vor langer Zeit geschehen und unserem Gedächtnis entrückt, dennoch Glauben findet, wahrhaft überliefert zu sein, weil sichere Denkmäler davon in den Schriften vorhanden sind; und das, was kürzlich geschehen ist, das die meisten wissen können; und ebenso das, was in der Gegenwart bevorsteht und gerade jetzt geschieht; und das, was folgt, worin betrachtet werden kann, was eher und was später sein wird. Und ebenso ist im allgemeinen bei der Betrachtung der Zeit deren Länge zu erwägen. Denn oft gehört es sich, das Geschäft mit der Zeit abzumessen und zu sehen, ob entweder die Größe des Geschäftes oder die Menge der Dinge in dieser Zeit hat vollbracht werden können. Betrachtet wird aber die Zeit des Jahres und des Monats und des Tages und der Nacht und der Nachtwache und der Stunde und in irgendeinem Teil eines dieser.
tempus autem est—id quo nunc utimur, nam ipsum quidem generaliter definire difficile est—pars quaedam aeternitatis cum alicuius annui, menstrui, diurni nocturnive spatii certa significatione. in hoc et quae praeterierint, considerantur: et eorum ipsorum, quae aut propter vetustatem obsoleverint aut incredi- bilia videantur, ut iam in fabularum numerum repo- nantur; et quae iam diu gesta et a memoria nostra re- mota tamen faciant fidem vere tradita esse, quia eorum monumenta certa in litteris exstent; et quae nuper gesta sint, quae scire plerique possint; et item quae instent in praesentia et cum maxime fiant; et quae consequan- tur, in quibus potest considerari, quid ocius et quid serius futurum sit. et item communiter in tempore per- spiciendo longinquitas eius est consideranda. nam saepe oportet commetiri cum tempore negotium et vi- dere, potueritne aut magnitudo negotii aut multitudo rerum in eo transigi tempore. consideratur autem tem- pus et anni et mensis et diei et noctis et vigiliae et horae et in aliqua parte alicuius horum.
Die Gelegenheit aber ist ein Teil der Zeit, der in sich die geeignete Günstigkeit trägt, etwas zu tun oder nicht zu tun. Daher unterscheidet sie sich von der Zeit darin: denn der Gattung nach versteht man zwar beide als dasselbe, doch bei der Zeit wird gewissermaßen ein Zeitraum bezeichnet, der in den Jahren oder im Jahr oder in irgendeinem Teil des Jahres betrachtet wird; bei der Gelegenheit aber versteht man, daß dem Zeitraum eine gewisse Günstigkeit zum Handeln beigesellt ist. (Daher wird sie, obwohl der Gattung nach dasselbe, doch zu etwas anderem, das sich, wie wir gesagt haben, in einem gewissen Teil und in der Art unterscheidet.) Diese wird in drei Gattungen gegliedert: die öffentliche, die gemeinsame, die einzelne. Öffentlich ist die, die eine ganze Bürgerschaft aus irgendeinem Grund begeht, wie die Spiele, ein Festtag, ein Krieg. Gemeinsam ist die, die allen ungefähr zur selben Zeit widerfährt, wie die Ernte, die Weinlese, die Hitze, die Kälte. Einzeln aber ist die, die aus irgendeinem Grund einem einzelnen für sich zu widerfahren pflegt, wie eine Hochzeit.
occasio au- tem est pars temporis habens in se alicuius rei idoneam faciendi aut non faciendi opportunitatem. quare cum tempore hoc differt: nam genere quidem utrumque idem esse intellegitur, verum in tempore spatium quo- dam modo declaratur, quod in annis aut in anno aut in aliqua anni parte spectatur, in occasione ad spatium temporis faciendi quaedam opportunitas intellegitur adiuncta. (quare cum genere idem sit, fit aliud, quod parte quadam et specie, ut diximus, differat.) haec distribuitur in tria genera: publicum, commune, sin- gulare. publicum est, quod civitas universa aliqua de causa frequentat, ut ludi, dies festus, bellum. commune, quod accidit omnibus eodem fere tempore, ut messis, vindemia, calor, frigus. singulare autem est, quod ali- qua de causa privatim alicui solet accidere, ut nup-
ein Opfer, ein Begräbnis, ein Gastmahl, der Schlaf. Die Weise aber ist die, bei der gefragt wird, wie und mit welcher Gesinnung etwas getan worden ist. Ihre Teile sind die Überlegtheit und die Unüberlegtheit. Die Erwägung der Überlegtheit aber wird aus dem erfragt, was einer heimlich, offen, mit Gewalt oder durch Überredung getan hat. Die Unüberlegtheit aber wird teils in die Rechtfertigung verwiesen, deren Teile die Unwissenheit, der Zufall und die Notwendigkeit sind, teils in die Gemütsbewegung, das heißt den Verdruß, den Zorn, die Liebe und das Übrige, was sich in einer ähnlichen Gattung findet. Die Möglichkeiten sind das, wodurch etwas leichter geschieht oder ohne das etwas nicht vollbracht werden kann. Dem Geschäft beigesellt aber versteht man das, was im Verhältnis zu dem Geschäft, um das es geht, größer und kleiner und gleich groß und ähnlich sein wird, und was entgegengesetzt und was ungleichartig ist, und die Gattung und der Teil und der Ausgang. Das Größere und das Kleinere und das gleich Große wird aus der Kraft und aus der Zahl und aus der Gestalt des Geschäftes betrachtet, so wie aus der Statur des Körpers.
tiae, sacrificium, funus, convivium, somnus. modus autem est, in quo, quemadmodum et quo animo factum sit, quaeritur. eius partes sunt prudentia et inprudentia. prudentiae autem ratio quaeritur ex iis, quae clam, palam, vi, persuasione fecerit. inprudentia autem in purgationem confertur, cuius partes sunt inscientia, casus, necessitas, et in affectionem animi, hoc est molestiam, iracundiam, amorem et cetera, quae in simili genere versantur. facultates sunt, aut quibus fa- cilius fit aut sine quibus aliquid confici non potest. Adiunctum negotio autem id intellegitur, quod maius et quod minus et quod aeque magnum et quod simile erit ei negotio, quo de agitur, et quod contrarium et quod disparatum, et genus et pars et eventus. maius et minus et aeque magnum ex vi et ex numero et ex figura negotii, sicut ex statura corporis, consideratur.
Das Ähnliche aber wird aus der vergleichbaren Erscheinung oder aus der zusammenzustellenden und einander anzugleichenden Natur beurteilt. Entgegengesetzt ist das, was, in eine andere Gattung gestellt, am weitesten von eben dem entfernt ist, dem es als entgegengesetzt bezeichnet wird, wie die Kälte der Wärme, der Tod dem Leben. Ungleichartig aber ist das, was von irgendeiner Sache durch die Voranstellung einer Verneinung getrennt wird, auf diese Weise: weise sein und nicht weise sein. Die Gattung ist das, was einige Teile umfaßt, wie die Begierde. Der Teil ist das, was unter der Gattung steht, wie die Liebe, die Habsucht. Der Ausgang ist das Ende irgendeines Geschäftes, bei dem man gewöhnlich fragt, was aus einer jeden Sache hervorgegangen ist, hervorgeht, hervorgehen wird. Daher ist bei dieser Gattung, damit man bequem voraus im Geist sammeln kann, was hervorgehen wird, zu betrachten, was aus einer jeden Sache hervorzugehen pflegt, auf diese Weise: aus dem Hochmut der Haß, aus der Unverschämtheit der Hochmut.
simile autem ex specie conparabili aut ex conferunda at- que assimulanda natura iudicatur. contrarium est, quod positum in genere diverso ab eodem, cui contrarium di- citur, plurimum distat, ut frigus calori, vitae mors. disparatum autem est id, quod ab aliqua re praeposi- tione negationis separatur, hoc modo: sapere et non sapere. genus est, quod partes aliquas amplectitur, ut cupiditas. pars est, quae subest generi, ut amor, ava- ritia. eventus est exitus alicuius negotii, in quo quaeri solet, quid ex quaque re evenerit, eveniat, eventurum sit. quare hoc in genere, ut commode, quid eventurum sit, ante animo colligi possit, quid quaque ex re soleat evenire, considerandum est, hoc modo: ex arrogantia odium, ex insolentia arrogantia.
Der vierte Teil aber von dem, was den Geschäften, wie wir sagten, zugewiesen ist, ist die Folge. Bei ihr wird nach dem gefragt, was dem vollbrachten Geschäft nachfolgt: zuerst, mit welchem Namen das, was geschehen ist, zu benennen sich gehört; sodann, wer die Urheber und Erfinder dieser Tat seien, wer endlich die Förderer und Nacheiferer ihres Ansehens und ihrer Erfindung; sodann, ob es über diese Sache oder über diese Art von Sache ein Gesetz, eine Gewohnheit, einen Vertrag, ein Urteil, eine Wissenschaft, ein Kunsthandwerk gebe; sodann ihre Natur, ob sie gemeinhin zu geschehen pflege oder ungewöhnlich und selten; danach, ob die Menschen sie mit ihrem Ansehen zu billigen oder daran Anstoß zu nehmen gewohnt seien; und das Übrige, was einer Tat in ähnlicher Weise unmittelbar oder nach einem Zwischenraum zu folgen pflegt. Sodann ist schließlich darauf zu achten, ob irgendetwas aus dem folge, was unter die Teile der Ehrenhaftigkeit oder der Nützlichkeit gestellt ist; worüber bei der deliberativen Gattung des Falles deutlicher zu sprechen sein wird. Und den Geschäften freilich ist im allgemeinen dieses, was wir aufgezählt haben, zugewiesen.
Quarta autem pars est ex iis rebus, quas negotiis dicebamus esse adtributas, consecutio. in hac eae res quaeruntur, quae gestum negotium consequuntur: pri- mum, quod factum est, quo id nomine appellari con- veniat; deinde eius facti qui sint principes et inven- tores, qui denique auctoritatis eius et inventionis com- probatores atque aemuli; deinde ecquae de ea re aut eius rei sit lex, consuetudo, pactio, iudicium, scientia, artificium; deinde natura eius, evenire vulgo soleat an insolenter et raro; postea homines id sua auctoritate comprobare an offendere in iis consueverint; et cetera, quae factum aliquid similiter confestim aut ex inter- vallo solent consequi. deinde postremo adtendendum est, num quae res ex iis rebus, quae positae sunt in par- tibus honestatis aut utilitatis, consequantur; de quibus in deliberativo genere causae distinctius erit dicendum. Ac negotiis quidem fere res haec, quas commemora- vimus, sunt adtributae.
Jede Beweisführung aber, die aus den Fundorten genommen wird, die wir aufgezählt haben, wird entweder wahrscheinlich oder notwendig sein müssen. Denn, um es kurz zu beschreiben, die Beweisführung scheint ein aus irgendeiner Gattung gefundenes Mittel zu sein, das eine Sache entweder wahrscheinlich aufzeigt oder notwendig dartut. Notwendig dargetan wird das, was anders, als es gesagt wird, weder geschehen noch bewiesen werden kann, auf diese Weise: wenn sie geboren hat, so hat sie mit einem Manne geschlafen. Diese Gattung des Beweisens, die sich mit der notwendigen Dartuung befaßt, wird im Reden hauptsächlich gehandhabt entweder durch die Verschränkung oder durch die Aufzäh-
Omnis autem argumentatio, quae ex iis locis, quos commemoravimus, sumetur, aut probabilis aut ne- cessaria debebit esse. etenim, ut breviter describa- mus, argumentatio videtur esse inventum aliquo ex genere rem aliquam aut probabiliter ostendens aut ne- cessarie demonstrans. Necessarie demonstrantur ea, quae aliter ac dicun- tur nec fieri nec probari possunt, hoc modo: si peperit, cum viro concubuit. hoc genus argumentandi, quod in necessaria demonstratione versatur, maxime tractatur in dicendo aut per complexionem aut per enumera-
lung oder durch die einfache Schlußfolgerung. Eine Verschränkung ist die, bei der, was auch immer du zugestanden hast, getadelt wird, auf diese Weise: wenn er schlecht ist, warum bedienst du dich seiner? wenn er gut ist, warum klagst du ihn an? Eine Aufzählung ist die, bei der, nachdem mehrere Dinge dargelegt und die übrigen entkräftet worden sind, das eine übrigbleibende notwendig bestätigt wird, auf diese Weise: notwendig ist er entweder aus Feindschaft von diesem getötet worden oder aus Furcht oder aus Hoffnung oder zugunsten irgendeines Freundes oder, wenn nichts von diesem zutrifft, nicht von diesem getötet worden; denn ohne Grund kann eine Übeltat nicht unternommen worden sein; wenn aber weder Feindschaften vorhanden waren noch irgendeine Furcht noch Hoffnung auf irgendeinen Vorteil aus jenes Tod noch der Tod jenes irgendeinen Freund von diesem betraf: so bleibt also übrig, daß er nicht von diesem getötet worden ist. Eine einfache Schlußfolgerung aber wird aus einer notwendigen Folge gebildet, auf diese Weise: wenn ihr sagt, ich habe jenes zu jener Zeit getan, ich aber war zu eben jener Zeit jenseits des Meeres, so bleibt übrig, daß ich das, was ihr sagt, nicht nur nicht getan habe, sondern es auch gar nicht habe tun können. Und darauf wird man sorgfältig zu achten haben, daß diese Gattung nicht auf irgendeine Weise widerlegt werden kann, damit nicht die Bekräftigung an sich bloß den Anschein einer Beweisführung und eine gewisse Ähnlichkeit mit einer notwendigen Schlußfolgerung habe, sondern die Beweisführung selbst auf einer notwendigen Erwägung beruhe.
tionem aut per simplicem conclusionem. conplexio est, in qua, utrum concesseris, reprehenditur, ad hunc mo- dum: si inprobus est, cur uteris? si probus, cur accusas? enumeratio est, in qua pluribus rebus expositis et ceteris infirmatis una reliqua necessario confirmatur, hoc pacto: necesse est aut inimicitiarum causa ab hoc esse occisum aut metus aut spei aut alicuius amici gratia aut, si horum nihil est, ab hoc non esse occisum; nam sine causa maleficium susceptum non potest esse; si neque inimicitiae fuerunt nec metus ullus nec spes ex morte illius alicuius commodi neque ad amicum huius aliquem mors illius pertinebat: relinquitur igi- tur, ut ab hoc non sit occisus. simplex autem conclusio ex necessaria consecutione conficitur, hoc modo: si vos me istuc eo tempore fecisse dicitis, ego autem eo ipso tempore trans mare fui, relinquitur, ut id, quod dicitis, non modo non fecerim, sed ne potuerim quidem facere. atque hoc diligenter oportebit videre, ne quo pacto genus hoc refelli possit, ut ne confirmatio modum in se argumentationis habeat et quandam similitudinem necessariae conclusionis, verum ipsa argumentatio ex necessaria ratione consistat.
Wahrscheinlich aber ist das, was meistens zu geschehen pflegt oder was in der Meinung gegründet ist oder was in sich zu diesen eine gewisse Ähnlichkeit trägt, sei es falsch, sei es wahr. Bei jener Gattung, die meistens zu geschehen pflegt, ist das Wahrscheinliche von dieser Art: wenn sie Mutter ist, so liebt sie ihren Sohn; wenn er habsüchtig ist, so achtet er den Eid gering. Bei dem aber, was in der Meinung gegründet ist, sind die wahrscheinlichen Dinge von dieser Art: daß den Gottlosen in der Unterwelt Strafen bereitet sind; daß die, welche sich der Philosophie widmen, nicht glauben, daß es Götter gebe. Die Ähnlichkeit aber wird am meisten bei Entgegengesetztem und aus Gleichem und bei den Dingen betrachtet, die unter dieselbe Erwägung fallen. Bei Entgegengesetztem auf diese Weise: denn wenn es sich gehört, denen zu verzeihen, die unüberlegt geschadet haben, so gehört es sich nicht, denen Dank zu wissen, die notgedrungen genützt haben. Aus Gleichem so:
Probabile autem est id, quod fere solet fieri aut quod in opinione positum est aut quod habet in se ad haec quandam similitudinem, sive id falsum est sive verum. in eo genere, quod fere fieri solet, probabile huiusmodi est: si mater est, diligit filium; si avarus est, neglegit ius iurandum. in eo autem, quod in opinione positum est, huiusmodi sunt probabilia: impiis apud inferos poenas esse praeparatas; eos, qui philosophiae dent operam, non arbitrari deos esse. similitudo autem in contrariis et ex paribus et in iis rebus, quae sub ean- dem rationem cadunt, maxime spectatur. in contrariis, hoc modo: nam si iis, qui inprudentes laeserunt, ignosci convenit, iis, qui necessario profuerunt, haberi gratiam non oportet. ex pari, sic:
denn wie ein Ort ohne Hafen für die Schiffe nicht sicher sein kann, so kann der Geist ohne Treue für die Freunde nicht beständig sein. Bei den Dingen, die unter dieselbe Erwägung fallen, wird das Wahrscheinliche auf diese Weise betrachtet: denn wenn es für die Rhodier nicht schändlich ist, den Hafenzoll zu verpachten, so ist es auch für Hermokreon nicht schändlich, ihn zu pachten. Diese Dinge sind teils wahr, auf diese Weise: weil eine Narbe da ist, war eine Wunde da; teils dem Wahren ähnlich, auf diese Weise: wenn viel Staub an den Schuhen war, so mußte er von einer Reise kommen. Alles Wahrscheinliche aber — um es in gewisse bestimmte Teile zu gliedern —, das zur Beweisführung herangezogen wird, ist entweder ein Zeichen oder etwas Glaubwürdiges oder ein Beurteiltes oder ein Vergleichbares.
nam ut locus sine portu na- vibus esse non potest tutus, sic animus sine fide stabilis amicis non potest esse. in iis rebus, quae sub eandem rationem cadunt, hoc modo probabile consideratur: nam si Rhodiis turpe non est portorium locare, ne Her- mocreonti quidem turpe est conducere. haec tum vera sunt, hoc pacto: quoniam cicatrix est, fuit vulnus; tum veri similia, hoc modo: si multus erat in calceis pulvis, ex itinere eum venire oportebat. Omne autem—ut certas quasdam in partes tri- buamus—probabile, quod sumitur ad argumentationem, aut signum est aut credibile aut iudicatum aut comparabile.
Ein Zeichen ist das, was unter irgendeinen Sinn fällt und etwas bedeutet, das aus ihm selbst hervorgegangen zu sein scheint, das entweder vorher gewesen ist oder im Geschäft selbst liegt oder danach gefolgt ist und gleichwohl eines Zeugnisses und einer gewichtigeren Bekräftigung bedarf, wie Blut, Flucht, Blässe, Staub und was diesen ähnlich ist. Glaubwürdig ist das, was ohne irgendeinen Zeugen durch die Meinung des Hörers gefestigt wird, auf diese Weise: es gibt niemanden, der nicht wünschte, daß seine Kinder unversehrt und glücklich seien. Ein Beurteiltes ist eine Sache, die durch die Zustimmung oder das Ansehen oder das Urteil irgendeines einzelnen oder einiger gebilligt worden ist. Dieses wird in drei Gattungen betrachtet: in der religiösen, der gemeinsamen, der gebilligten. Religiös ist das, was Geschworene nach den Gesetzen geurteilt haben. Gemeinsam ist das, was alle gemeinhin gebilligt und befolgt haben, von dieser Art: daß man sich vor den Älteren erhebe, daß man sich der Schutzflehenden erbarme. Gebilligt ist das, was die Menschen, da es zweifelhaft war, wofür es zu halten sich gehöre, durch ihr eigenes Ansehen festgesetzt haben: wie das römische Volk die Tat des älteren Gracchus, das ihn um eben dieser Tat willen — weil er ohne Wissen seines Kollegen in der Zensur etwas nicht Geringes betrieb — nach der Zensur zum Konsul machte.
signum est, quod sub sensum ali- quem cadit et quiddam significat, quod ex ipso pro- fectum videtur, quod aut ante fuerit aut in ipso neg- otio aut post sit consecutum et tamen indiget testi- monii et gravioris confirmationis, ut cruor, fuga, pallor, pulvis, et quae his sunt similia. credibile est, quod sine ullo teste auditoris opinione firmatur, hoc modo: nemo est, qui non liberos suos incolumes et beatos esse cupiat. iudicatum est res assensione aut auctori- tate aut iudicio alicuius aut aliquorum conprobata. id tribus in generibus spectatur, religioso, communi, adprobato. religiosum est, quod iurati legibus iudica- runt. commune est, quod omnes vulgo probarunt et secuti sunt, huiusmodi: ut maioribus natu assurgatur, ut supplicum misereatur. adprobatum est, quod ho- mines, cum dubium esset, quale haberi oporteret, sua constituerunt auctoritate: velut Gracchi patris factum populus Romanus, qui eum ob id factum eo quod insciente collega in censura non nihil gessit post censuram consulem fecit.
Vergleichbar aber ist das, was bei verschiedenen Dingen eine gewisse ähnliche Erwägung enthält. Seine Teile sind drei: das Bild, die Vergleichung, das Beispiel. Das Bild ist eine Rede, die die Ähnlichkeit von Körpern oder Naturen aufzeigt. Die Vergleichung ist eine Rede, die eine Sache mit einer Sache aus der Ähnlichkeit zusammenstellt. Das Beispiel ist das, was eine Sache durch das Ansehen oder das Schicksal irgendeines Menschen oder Geschäftes bekräftigt oder entkräftet. Beispiele und Beschreibungen dieser Dinge wird man bei den Vorschriften des Ausdrucks kennenlernen. Und die Quelle der Bekräftigung freilich ist, soweit die Möglichkeit es zuließ, offengelegt und nicht weniger deutlich, als die Natur der Sache es zuließ, dargelegt worden; wie aber jeder Streitstand und jeder Teil des Streitstandes und jede Streitsache, sei sie in der Auslegung oder im Geschriebenen gelegen, behandelt werden muß und welche Beweisführungen zu einer jeden passen, das werden wir einzeln im zweiten Buch über jede einzelne Gattung sagen. Für jetzt haben wir nur die Maße und Weisen und Teile des Beweisens vermischt und durcheinander ausgestreut; danach werden wir gegliedert und ausgewählt für jede Gattung des Falles, was zu einer jeden paßt, aus dieser Fülle ordnen.
conparabile autem est, quod in rebus diversis similem aliquam rationem continet. eius partes sunt tres: imago, conlatio, exemplum. imago est oratio demonstrans corporum aut naturarum simi- litudinem. conlatio est oratio rem cum re ex simili- tudine conferens. exemplum est, quod rem auctoritate aut casu alicuius hominis aut negotii confirmat aut in- firmat. horum exempla et descriptiones in praeceptis elocutionis cognoscentur. Ac fons quidem confirmationis, ut facultas tulit, apertus est nec minus dilucide, quam rei natura fere- bat, demonstratus est; quemadmodum autem quaeque constitutio et pars constitutionis et omnis contro- versia, sive in ratione sive in scripto versabitur, tractari debeat et quae in quamque argumentationes conve- niant, singillatim in secundo libro de uno quoque ge- nere dicemus. in praesentia tantummodo numeros et modos et partes argumentandi confuse et permixtim dispersimus; post discripte et electe in genus quodque causae, quid cuique conveniat, ex hac copia digeremus.
Und gefunden freilich wird jede Beweisführung aus diesen Fundorten werden können: das Gefundene aber auszuschmücken und in bestimmte Teile zu gliedern ist sowohl höchst angenehm als auch im höchsten Maße notwendig und von den Verfassern der Kunstlehren am meisten vernachlässigt. Daher schien uns auch über diese Belehrung an dieser Stelle gesprochen werden zu müssen, damit der Auffindung die Methode des Beweisens hinzugefügt werde. Und mit großer Sorgfalt und Genauigkeit ist diese ganze Stelle zu betrachten, weil die Sache nicht nur von großem Nutzen ist, sondern auch beim Lehren die höchste Schwierigkeit bietet.
Atque inveniri quidem omnis ex his locis argu- mentatio poterit: inventam exornari et certas in partes distingui et suavissimum est et summe necessarium et ab artis scriptoribus maxime neglectum. quare et de ea praeceptione nobis et in hoc loco dicendum visum est, ut ad inventionem argumentandi ratio adiun- geretur. et magna cum cura et diligentia locus hic om- nis considerandus est, quod rei non solum magna uti- litas est, sed praecipiendi quoque summa difficultas.
Jede Beweisführung also ist entweder durch die Induktion oder durch die Schlußfolgerung zu handhaben. Die Induktion ist eine Rede, die durch nicht zweifelhafte Dinge die Zustimmung dessen erstrebt, mit dem sie aufgenommen worden ist; durch diese Zustimmungen bewirkt sie, daß ihm irgendeine zweifelhafte Sache wegen der Ähnlichkeit mit jenen Dingen, denen er zugestimmt hat, wahrscheinlich gemacht wird; wie bei dem Sokratiker Aischines Sokrates aufzeigt, daß Aspasia mit der Gattin des Xenophon und mit Xenophon selbst gesprochen habe: „Sage mir, bitte, Gattin des Xenophon, wenn deine Nachbarin besseres Gold hätte, als du es hast, würdest du lieber jenes oder das deine wollen? Jenes, sagte sie. Wie nun, wenn sie ein Kleid und den übrigen Frauenschmuck von höherem Wert hätte, als du es hast, würdest du lieber das deine oder das ihre wollen? Sie antwortete: Das ihre freilich. Wohlan denn, sagte sie, wie nun? Wenn jene einen besseren Mann hätte, als du ihn hast, würdest du lieber deinen Mann wollen oder den ihren? Hier errötete die Frau.“
Omnis igitur argumentatio aut per inductionem tractanda est aut per ratiocinationem. Inductio est oratio, quae rebus non dubiis captat assensionem eius, quicum instituta est; quibus assen- sionibus facit, ut illi dubia quaedam res propter si- militudinem earum rerum, quibus assensit, probetur; velut apud Socraticum Aeschinen demonstrat Socrates cum Xenophontis uxore et cum ipso Xenophonte Aspa- siam locutam: dic mihi, quaeso, Xenophontis uxor, si vicina tua melius habeat aurum, quam tu habes, utrum illudne an tuum malis? illud, inquit. quid, si vestem et ceterum ornatum muliebrem pretii maioris habeat, quam tu habes, tuumne an illius malis? respondit: illius vero. age sis, inquit, quid? si virum illa me- liorem habeat, quam tu habes, utrumne tuum virum malis an illius? hic mulier erubuit.
Aspasia aber begann ein Gespräch mit Xenophon selbst. „Ich bitte dich, sagte sie, Xenophon, wenn dein Nachbar ein besseres Pferd hätte, als das deine ist, würdest du lieber dein Pferd wollen oder das seine? Das seine, sagte er. Wie nun, wenn er ein besseres Landgut hätte, als du es hast, welches Landgut würdest du schließlich lieber besitzen wollen? Jenes, sagte er, das bessere natürlich. Wie nun, wenn er eine bessere Gattin hätte, als du sie hast, würdest du lieber die deine oder die seine wollen? Und hier schwieg auch Xenophon selbst. Darauf Aspasia: Weil ein jeder von euch beiden, sagte sie, mir gerade das allein nicht geantwortet hat, was ich allein zu hören gewünscht hatte, so will ich selbst sagen, was ein jeder von euch denkt. Denn sowohl du, Frau, willst den besten Mann haben, als auch du, Xenophon, willst am meisten die auserlesenste Gattin haben. Wenn ihr also dies nicht zustande bringt, daß es weder einen besseren Mann noch eine auserlesenere Frau auf Erden gebe, so werdet ihr fürwahr immer das, was ihr für das Beste haltet, weitaus am meisten verlangen, daß sowohl du der Gatte einer möglichst guten Frau seiest als auch diese mit einem möglichst guten Manne vermählt sei.“ Hier, da nicht zweifelhaften Dingen zugestimmt worden war, geschah es wegen der Ähnlichkeit, daß auch jenes, was zweifelhaft scheinen würde, wenn einer es gesondert fragte, wegen der Erwägung des Fragens für gewiß zugestanden wurde.
Aspasia autem ser- monem cum ipso Xenophonte instituit. quaeso, inquit, Xenophon, si vicinus tuus equum meliorem habeat, quam tuus est, tuumne equum malis an illius? illius, inquit. quid, si fundum meliorem habeat, quam tu ha- bes, utrum tandem fundum habere malis? illum, in- quit, meliorem scilicet. quid, si uxorem meliorem ha- beat, quam tu habes, utrum tuamne an illius malis? atque hic Xenophon quoque ipse tacuit. post Aspasia: quoniam uterque vestrum, inquit, id mihi solum non respondit, quod ego solum audire volueram, egomet dicam, quid uterque cogitet. nam et tu, mulier, optumum virum vis habere et tu, Xenophon, uxorem habere lectissimam maxime vis. quare, nisi hoc per- feceritis, ut neque vir melior neque femina lectior in terris sit, profecto semper id, quod optumum putabitis esse, multo maxime requiretis, ut et tu maritus sis quam optumae et haec quam optimo viro nupta sit. hic cum rebus non dubiis assensum est, factum est propter similitudinem, ut etiam illud, quod dubium videretur, si qui separatim quaereret, id pro certo propter rationem rogandi concederetur.
Dieser Art des Gesprächs hat sich Sokrates am meisten bedient, deshalb weil er selbst zum Überzeugen nichts beibringen wollte, sondern aus dem, was ihm jener, mit dem er stritt, zugegeben hatte, lieber etwas zustande bringen wollte, das jener aus dem, was er schon zugestanden hatte, notwendig billigen mußte. Bei dieser Gattung scheint uns zuerst vorzuschreiben zu sein, daß jenes, was wir durch die Ähnlichkeit einführen, von solcher Art sei, daß es notwendig sei, es zuzugestehen. Denn das, woraus wir verlangen werden, daß uns jenes Zweifelhafte zugestanden werde, darf nicht selbst zweifelhaft sein. Sodann ist bei jenem, zu dessen Bekräftigung die Induktion vorgenommen wird, darauf zu sehen, daß es jenen Dingen ähnlich sei, die wir gleichsam als nicht zweifelhaft zuvor eingeführt haben; denn daß uns zuvor etwas zugestanden worden ist, wird uns nichts nützen, wenn das, um dessentwillen wir wollten, daß jenes zuerst zugestanden werde, ihm unähnlich ist; sodann, daß er nicht merke, worauf jene ersten Einführungen abzielen und zu welchem Ende sie gelan-
hoc modo ser- monis plurimum Socrates usus est, propterea quod nihil ipse afferre ad persuadendum volebat, sed ex eo, quod sibi ille dederat, quicum disputabat, aliquid conficere malebat, quod ille ex eo, quod iam con- cessisset, necessario adprobare deberet. Hoc in genere praecipiendum nobis videtur primum, ut illud, quod inducimus per similitudinem, eiusmodi sit, ut sit necesse concedere. nam ex quo postulabimus nobis illud, quod dubium sit, concedi, dubium esse id ipsum non oportebit. deinde illud, cuius confirmandi causa fiet inductio, videndum est, ut simile iis rebus sit, quas res quasi non dubias ante induxerimus, nam aliquid ante concessum nobis esse nihil proderit, si ei dissimile erit id, cuius causa illud concedi primum voluerimus; deinde ne intellegat, quo spectent illae primae inductiones et ad quem sint exitum perven-
gen werden. Denn wer sieht, daß er, wenn er der Sache, nach der er zuerst gefragt wird, mit Recht zustimmt, auch jene Sache, die ihm mißfällt, notwendig zugestehen muß, der läßt meistens entweder durch Nichtantworten oder durch schlechtes Antworten die Befragung nicht weiter fortschreiten; daher ist er durch die Erwägung des Fragens unmerklich von dem, was er zugestanden hat, zu dem, was er nicht zugestehen will, hinzuführen. Das Letzte aber muß entweder verschwiegen oder zugestanden oder verneint werden. Wenn es verneint wird, so ist entweder die Ähnlichkeit jener Dinge aufzuzeigen, die zuvor zugestanden worden sind, oder eine andere Induktion zu gebrauchen. Wenn es zugestanden wird, so ist die Beweisführung zum Schluß zu führen. Wenn es verschwiegen wird, so ist die Antwort herauszulocken oder, weil das Schweigen das Geständnis nachahmt, so wie wenn es zugestanden worden wäre, die Beweisführung zum Schluß zu führen. So wird diese Gattung des Beweisens dreiteilig: der erste Teil besteht aus einer Ähnlichkeit oder aus mehreren; der zweite aus dem, was wir zugestanden haben wollen, um dessentwillen die Ähnlichkeiten herangezogen worden sind; der dritte aus dem Schluß, der entweder das Zugeständnis bekräftigt oder aufzeigt, was aus ihm hervorgeht.
turae. nam qui videt, si ei rei, quam primo rogetur, recte assenserit, illam quoque rem, quae sibi displi- ceat, esse necessario concedendam, plerumque aut non respondendo aut male respondendo longius roga- tionem procedere non sinit; quare ratione rogationis inprudens ab eo, quod concessit, ad id, quod non vult concedere, deducendus est. extremum autem aut ta- ceatur oportet aut concedatur aut negetur. si negabitur, aut ostendenda similitudo est earum rerum, quae ante concessae sunt, aut alia utendum inductione. si con- cedetur, concludenda est argumentatio. si tacebitur, elicienda responsio est aut, quoniam taciturnitas imi- tatur confessionem, pro eo, ac si concessum sit, con- cludere oportebit argumentationem. ita fit hoc genus argumentandi tripertitum: prima pars ex similitudine constat una pluribusve; altera ex eo, quod concedi vo- lumus, cuius causa similitudines adhibitae sunt; tertia ex conclusione, quae aut confirmat concessionem aut quid ex ea conficiatur ostendit.
Doch weil es manchem nicht hinreichend deutlich dargelegt scheinen wird, wenn wir nicht aus der Gattung der staatsbürgerlichen Fälle ein Beispiel hinzufügen, scheint auch ein Beispiel von dieser Art gebraucht werden zu müssen — nicht weil die Vorschrift verschieden wäre oder dies in der gewöhnlichen Rede anders als beim öffentlichen Reden anzuwenden wäre, sondern um dem Willen derer Genüge zu tun, die das, was sie an einem Ort gesehen haben, an einem anderen Ort nicht erkennen können, wenn es ihnen nicht gezeigt worden ist. In jenem Fall also, der bei den Griechen weit verbreitet ist — als Epaminondas, der Feldherr der Thebaner, jenem, der ihm nach dem Gesetz als Prätor nachgefolgt war, das Heer nicht übergab und, nachdem er selbst wenige Tage gegen das Gesetz das Heer behalten hatte, die Lakedämonier von Grund aus besiegte —, wird der Ankläger sich der Beweisführung durch die Induktion bedienen können, wenn er den Buchstaben des Gesetzes gegen seinen Sinn verteidigt, auf diese Weise:
Sed quia non satis alicui videbitur dilucide demon- stratum, nisi quid ex civili causarum genere exempli subiecerimus, videtur eiusmodi quoque utendum ex- emplo, non quo praeceptio differat aut aliter hoc in sermone atque in dicendo sit utendum, sed ut eorum voluntati satis fiat, qui id, quod aliquo in loco viderunt, alio in loco, nisi monstratum est, nequeunt cognoscere. ergo in hac causa, quae apud Graecos est pervagata, cum Epaminondas, Thebanorum imperator, * quod ei, qui sibi ex lege praetor successerat, exercitum non tra- didit et, cum paucos ipse dies contra legem exercitum tenuisset, Lacedaemonios funditus vicit, poterit accusator argumentatione uti per inductionem, cum scrip- tum legis contra sententiam defendat, ad hunc modum:
Wenn, ihr Richter, das, wovon Epaminondas behauptet, der Verfasser des Gesetzes habe es gemeint, jemand dem Gesetz beischriebe und diese Ausnahme hinzufügte: „außer wenn einer um des Gemeinwesens willen das Heer nicht übergeben hat“ — würdet ihr es dulden? Ich glaube nicht. Wie aber, wenn ihr selbst — was von eurer Gewissenhaftigkeit und Weisheit weit entfernt ist — um der Ehre jenes Mannes willen befehlen würdet, daß ebendiese Ausnahme ohne Geheiß des Volkes dem Gesetz beigeschrieben werde, wird das thebanische Volk dulden, daß dies geschieht? Sicherlich wird es das nicht dulden. Was also dem Gesetz beizuschreiben Frevel ist, das zu befolgen, als wäre es beigeschrieben, soll euch recht erscheinen? Ich kenne eure Einsicht; es kann nicht so scheinen, ihr Richter. Wenn aber durch Buchstaben weder von jenem noch von euch der Wille des Verfassers berichtigt werden kann, so seht zu, ob es nicht weit unwürdiger sei, das durch die Tat und durch euer Urteil zu ändern, was nicht einmal durch ein Wort verändert werden kann. Und über die Induktion scheint für den Augenblick genug gesagt zu sein.
si, iudices, id, quod Epaminondas ait legis scriptorem sensisse, adscribat ad legem et addat hanc ex- ceptionem: extra quam si quis rei publicae causa exercitum non tradiderit, patiemini? non opinor. quid, si vosmet ipsi, quod a vestra religione et a sa- pientia remotissimum est, istius honoris causa hanc eandem exceptionem iniussu populi ad legem adscribi iubeatis, populus Thebanus id patieturne fieri? pro- fecto non patietur. quod ergo adscribi ad legem nefas est, id sequi, quasi adscriptum sit, rectum vobis vi- deatur? novi vestram intellegentiam; non potest ita videri, iudices. quodsi litteris corrigi neque ab illo ne- que a vobis scriptoris voluntas potest, videte, ne multo indignius sit id re et iudicio vestro mutari, quod ne verbo quidem commutari potest. Ac de inductione quidem satis in praesentia dictum videtur.
Nun wollen wir der Reihe nach die Kraft und die Natur der Schlußfolgerung betrachten. Die Schlußfolgerung ist eine Rede, die aus der Sache selbst etwas Wahrscheinliches herauslockt, das, dargelegt und an sich erkannt, sich durch seine eigene Kraft und Vernunft bestätigt. Über diese Gattung haben jene, die meinten, sie müsse sorgfältiger betrachtet werden, obwohl sie im Gebrauch des Redens demselben folgten, in der Art der Vorschrift ein wenig voneinander abgewichen. Denn teils sagten sie, sie habe fünf Teile, teils meinten sie, sie könne in nicht mehr als drei Teile gegliedert werden. Ihren Streit scheint es nicht unangebracht, mit der Erwägung beider darzulegen. Denn er ist sowohl kurz als auch nicht von der Art, daß man meinte, eine der beiden Seiten habe schlechthin nichts zu sagen, und dieser Punkt scheint uns beim Reden keineswegs vernachlässigt werden zu dürfen.
nunc deinceps ratiocinationis vim et naturam consideremus. Ratiocinatio est oratio ex ipsa re probabile aliquid eliciens, quod expositum et per se cognitum sua se vi et ratione confirmet. hoc de genere qui diligentius con- siderandum putaverunt, cum idem in usu dicendi se- querentur, paululum in praecipiendi ratione dissense- runt. nam partim quinque eius partes esse dixerunt, partim non plus quam in tres partes posse distribui putaverunt. eorum controversiam non incommodum vi- detur cum utrorumque ratione exponere. nam et brevis est et non eiusmodi, ut alteri prorsus nihil dicere pu- tentur, et locus hic nobis in dicendo minime neglegen- dus videtur.
Die da meinen, sie müsse in fünf Teile geteilt werden, sagen, zuerst gehöre es sich, den Kern der Beweisführung darzulegen, auf diese Weise: Besser wird das besorgt, was mit Überlegung betrieben wird, als das, was ohne Überlegung verwaltet wird. Dies zählen sie als ersten Teil; diesen sodann müsse man, so meinen sie, durch mannigfache Gründe und durch möglichst reichliche Worte begründen, auf diese Weise: Jenes Haus, das mit Vernunft gelenkt wird, ist mit allen Dingen besser ausgestattet und versehen als jenes, das aufs Geratewohl und ohne jede Überlegung verwaltet wird. Jenes Heer, dem ein weiser und kluger Feldherr vorsteht, wird in allen Teilen vorteilhafter gelenkt als jenes, das durch die Torheit und Unbesonnenheit irgendeines verwaltet wird. Dieselbe Erwägung gilt für die Schiffahrt. Denn am besten vollendet jenes Schiff seinen Lauf, das sich des kundigsten Steuermanns bedient.
Qui putant in quinque tribui partes oportere, aiunt primum convenire exponere summam argumentatio- nis, ad hunc modum: melius accurantur, quae con- silio geruntur, quam quae sine consilio administran- tur. hanc primam partem numerant; eam deinceps rationibus variis et quam copiosissimis verbis adpro- bari putant oportere, hoc modo: domus ea, quae ra- tione regitur, omnibus est instructior rebus et appara- tior, quam ea, quae temere et nullo consilio admini- stratur. exercitus is, cui praepositus est sapiens et calli- dus imperator, omnibus partibus commodius regitur, quam is, qui stultitia et temeritate alicuius admini- stratur. eadem navigii ratio est. nam navis optime cur- sum conficit ea, quae scientissimo gubernatore utitur.
Nachdem die Aufstellung auf diese Weise begründet ist und zwei Teile der Schlußfolgerung vorübergegangen sind, sagen sie, im dritten Teil müsse man das, was man aufzeigen will, aus der Kraft der Aufstellung annehmen, auf diese Weise: Nichts aber von allen Dingen wird besser verwaltet als die ganze Welt. Für diese Annahme führen sie an vierter Stelle ferner eine andere Begründung ein, auf diese Weise: Denn sowohl der Aufgang und Untergang der Gestirne bewahren eine gewisse bestimmte Ordnung, als auch die jährlichen Wechsel geschehen nicht nur aus einer gewissen Notwendigkeit stets auf dieselbe Weise, sondern sind auch dem Nutzen aller Dinge angepaßt; und der Wechsel von Tag und Nacht hat, in keinem Stück jemals verändert, niemals irgendeinen Schaden gebracht; was alles ein Zeichen dafür ist, daß die Natur der Welt durch eine gewisse nicht geringe Überlegung verwaltet wird. An fünfter Stelle führen sie jene Zusammenfassung ein, die entweder allein das hervorbringt, was sich aus allen Teilen ergibt, auf diese Weise: Mit Überlegung also wird die Welt verwaltet; oder, nachdem sie an einen Ort kurz die Aufstellung und die Annahme zusammengeführt hat, hinzufügt, was sich aus diesen ergibt, auf diese Weise: Wenn aber das, was mit Überlegung betrieben wird, besser besorgt wird als das, was ohne Überlegung verwaltet wird, nichts aber von allen Dingen besser verwaltet wird als die ganze Welt, so wird also die Welt mit Überlegung verwaltet. Auf diese Weise also halten sie die Beweisführung für fünfteilig.
cum propositio sit hoc pacto adprobata et duae partes transierint ratiocinationis, tertia in parte aiunt, quod ostendere velis, id ex vi propositionis oportere assu- mere, hoc pacto: nihil autem omnium rerum melius, quam omnis mundus, administratur. huius assump- tionis quarto in loco aliam porro inducunt adproba- tionem, hoc modo: nam et signorum ortus et obitus definitum quendam ordinem servant et annuae commu- tationes non modo quadam ex necessitudine semper eodem modo fiunt, verum ad utilitates quoque rerum omnium sunt accommodatae, et diurnae nocturnaeque vicissitudines nulla in re umquam mutatae quicquam nocuerunt; quae signo sunt omnia non mediocri quo- dam consilio naturam mundi administrari. quinto in- ducunt loco conplexionem eam, quae aut id infert so- lum, quod ex omnibus partibus cogitur, hoc modo: consilio igitur mundus administratur; aut unum in locum cum conduxerit breviter propositionem et ad- sumptionem, adiungit, quid ex his conficiatur, ad hunc modum: quodsi melius geruntur ea, quae consilio, quam quae sine consilio administrantur, nihil autem omnium rerum melius administratur, quam omnis mun- dus, consilio igitur mundus administratur. quinque- pertitam igitur hoc pacto putant esse argumentationem.
Die aber, die sie für dreiteilig halten, meinen, die Beweisführung dürfe nicht anders behandelt werden, sondern sie tadeln deren Gliederung. Sie behaupten nämlich, weder von der Aufstellung noch von der Annahme dürfe man ihre Begründungen trennen, und weder die Aufstellung erscheine ihnen vollendet noch die Annahme vollkommen, die nicht durch eine Begründung gefestigt sei. Daher scheinen ihnen jene zwei Teile, die jene zählen, die Aufstellung und die Begründung, ein einziger Teil zu sein, die Aufstellung; und wenn diese nicht begründet ist, so sei sie nicht die Aufstellung der Beweisführung. Ebenso erscheint ihnen das, was von jenen die Annahme und die Begründung der Annahme genannt wird, als ebendieselbe Annahme allein. So kommt es, daß dieselbe, mit derselben Methode behandelte Beweisführung den einen dreiteilig, den anderen fünfteilig erscheint. Daher trifft es sich, daß die Sache nicht so sehr den Gebrauch des Redens betrifft als die Art der Vorschrift.
Qui autem tripertitam putant esse, ii non aliter tractari putant oportere argumentationem, sed parti- tionem horum reprehendunt. negant enim neque a pro- positione neque ab adsumptione adprobationes earum separari oportere, neque propositionem absolutam ne- que adsumptionem sibi perfectam videri, quae appro- batione confirmata non sit. quare quas illi duas partes numerent, propositionem et adprobationem, sibi unam partem videri, propositionem; quae si adprobata non sit, propositio non sit argumentationis. item, quae ab illis adsumptio et adsumptionis adprobatio dicatur, eandem sibi adsumptionem solam videri. ita fit, ut eadem ratione argumentatio tractata aliis tripertita, aliis quinquepertita videatur. quare evenit, ut res non tam ad usum dicendi pertineat quam ad rationem praeceptionis.
Uns aber scheint jene Gliederung bequemer zu sein, die in fünf Teile geteilt ist und der alle, die von Aristoteles und Theophrast ausgegangen sind, am meisten gefolgt sind. Denn so wie jene frühere Gattung des Beweisens, die durch die Induktion vorgenommen wird, am meisten Sokrates und die Sokratiker behandelt haben, so ist diese, die durch die Schlußfolgerung ausgearbeitet wird, im höchsten Maße von Aristoteles und den Peripatetikern und von Theophrast gepflegt worden, sodann von jenen Rednern, die für die geschmackvollsten und kunstreichsten gehalten worden sind. Warum aber jene Gliederung uns mehr gefällt, scheint gesagt werden zu müssen, damit man nicht meine, wir seien ihr ohne Grund gefolgt; und es muß kurz gesagt werden, damit wir nicht bei Dingen dieser Art länger verweilen, als die Art der Vorschrift es verlangt.
Nobis autem commodior illa partitio videatur esse, quae in quinque partes tributa est, quam omnes ab Aristotele et Theophrasto profecti maxime secuti sunt. nam quemadmodum illud superius genus argumen- tandi, quod per inductionem sumitur, maxime Socrates et Socratici tractarunt, sic hoc, quod per ratiocina- tionem expolitur, summe est ab Aristotele atque a Peri- pateticis et Theophrasto frequentatum, deinde a rhetoribus iis, qui elegantissimi atque artificiosis- simi putati sunt. quare autem nobis illa magis partitio probetur, dicendum videtur, ne temere secuti putemur; et breviter dicendum, ne in huiusmodi rebus diutius, quam ratio praecipiendi postulat, commoremur.
Wenn es in einer gewissen Beweisführung genügt, sich der Aufstellung zu bedienen, und es sich nicht gehört, die Begründung der Aufstellung hinzuzufügen, in einer gewissen Beweisführung aber die Aufstellung schwach ist, wenn nicht die Begründung hinzugefügt ist, so ist die Begründung etwas von der Aufstellung Getrenntes. Denn was sowohl mit etwas verbunden als auch von ihm getrennt werden kann, das kann nicht dasselbe sein wie das, mit dem es verbunden und von dem es getrennt wird; es gibt aber eine gewisse Beweisführung, in der die Aufstellung der Begründung nicht bedarf, und eine gewisse, in der ohne die Begründung nichts gilt, wie wir aufzeigen werden. Getrennt also ist die Begründung von der Aufstellung. Aufgezeigt aber wird das, was wir versprochen haben, auf diese Weise: Jene Aufstellung, die in sich etwas Klares enthält und was unter allen notwendig feststeht, diese begründen und festigen zu wollen, ist von keinem Belang. Eine solche ist von dieser Art:
Si quadam in argumentatione satis est uti pro- positione et non oportet adiungere adprobationem pro- positionis, quadam autem in argumentatione infirma est propositio, nisi adiuncta sit adprobatio, separatum est quiddam a propositione adprobatio. quod enim et adiungi et separari ab aliquo potest, id non potest idem esse, quod est id, ad quod adiungitur et a quo separatur; est autem quaedam argumentatio, in qua propositio non indiget approbationis, et quaedam, in qua nihil valet sine approbatione, ut ostendemus. sepa- rata igitur est a propositione approbatio. Ostendetur autem id, quod polliciti sumus, hoc modo: quae propo- sitio in se quiddam continet perspicuum et quod stare inter omnes necesse est, hanc velle approbare et firmare nihil attinet. ea est huiusmodi:
Wenn ich an dem Tage, an dem jener Mord zu Rom geschehen ist, an eben jenem Tage zu Athen war, so konnte ich an dem Mord nicht teilhaben. Weil dies offenkundig wahr ist, ist es von keinem Belang, es zu begründen. Daher gehört es sich, sogleich anzunehmen, auf diese Weise: Ich war aber an jenem Tage zu Athen. Wenn dies nicht feststeht, so bedarf es der Begründung; ist diese eingeführt, so folgt die Zusammenfassung. Es gibt also eine gewisse Aufstellung, die der Begründung nicht bedarf. Denn daß es freilich eine gewisse gibt, die ihrer bedarf — wozu gehört es sich, das aufzuzeigen, was einem jeden leicht klar ist? Wenn es aber so ist, so ergibt sich aus diesem und aus jenem, was wir aufgestellt hatten, dies: daß die Begründung etwas von der Aufstellung Getrenntes ist. Wenn es aber so ist, so ist es falsch, daß die Beweisführung nicht mehr als dreiteilig sei.
si, quo die ista caedes Romae facta est, ego Athenis eo die fui, in caede in- teresse non potui. hoc quia perspicue verum est, nihil attinet approbari. quare assumi statim oportet, hoc modo: fui autem Athenis eo die. hoc si non constat, indiget approbationis; qua inducta complexio conse- quitur. est igitur quaedam propositio, quae non indiget approbatione. nam esse quidem quandam, quae indi- geat, quid attinet ostendere, quod cuivis facile perspi- cuum est? quodsi ita est, ex hoc et ex eo, quod propo- sueramus, hoc conficitur, separatum esse quiddam a propositione approbationem. sin autem ita est, falsum est non esse plus quam tripertitam argumentationem.
Auf ähnliche Weise ist klar, daß auch die andere Begründung von der Annahme getrennt ist. Wenn es in einer gewissen Beweisführung genügt, sich der Annahme zu bedienen, und es sich nicht gehört, der Annahme die Begründung hinzuzufügen, in einer gewissen Beweisführung aber die Annahme schwach ist, wenn nicht die Begründung hinzugefügt ist, so ist die Begründung etwas außerhalb der Annahme Getrenntes. Es gibt aber eine gewisse Beweisführung, in der die Annahme der Begründung nicht bedarf, eine gewisse aber, in der ohne die Begründung nichts gilt, wie wir aufzeigen werden. Getrennt also ist die Begründung von der Annahme.
Simili modo liquet alteram quoque approbationem separatam esse ab assumptione. si quadam in argu- mentatione satis est uti assumptione et non oportet adiungere approbationem assumptioni, quadam autem in argumentatione infirma est assumptio, nisi adiuncta sit approbatio, separatum quiddam est extra assump- tionem approbatio. est autem argumentatio quaedam, in qua assumptio non indiget approbationis, quaedam autem, in qua nihil valet sine approbatione, ut osten- demus. separata igitur est ab adsumptione approbatio.
Aufzeigen aber werden wir, was wir versprochen haben, auf diese Weise: Jene Annahme, die eine allen offenkundige Wahrheit enthält, bedarf der Begründung in nichts. Eine solche ist von dieser Art: Wenn man weise sein wollen muß, so gehört es sich, sich um die Philosophie zu bemühen. Hier bedarf die Aufstellung der Begründung; denn sie ist nicht offenkundig und steht nicht unter allen fest, deshalb weil viele meinen, die Philosophie nütze nichts, sehr viele sogar, sie schade; die Annahme ist offenkundig; denn sie ist diese: Man muß aber weise sein wollen. Weil dies aus sich selbst durchschaut und als wahr erkannt wird, ist es von keinem Belang, es zu begründen. Daher ist die Beweisführung sogleich zu schließen. Es gibt also eine gewisse Annahme, die der Begründung nicht bedarf; denn daß eine gewisse ihrer bedarf, ist offenkundig. Getrennt also ist die Begründung von der Annahme. Falsch ist also, daß die Beweisfüh-
Ostendemus autem, quod polliciti sumus, hoc modo: quae perspicuam omnibus veritatem continet assump- tio, nihil indiget approbationis. ea est huiusmodi: si oportet velle sapere, dare operam philosophiae con- venit. hic propositio indiget approbationis; non enim perspicua est neque constat inter omnes, propterea quod multi nihil prodesse philosophiam, plerique etiam obesse arbitrantur; assumptio perspicua; est enim haec: oportet autem velle sapere. hoc quia ipsum ex se perspicitur et verum esse intellegitur, nihil attinet approbari. quare statim concludenda est argumentatio. est ergo assumptio quaedam, quae approbationis non indiget; nam quandam indigere perspicuum est. se- parata est igitur ab adsumptione approbatio. falsum ergo est non esse plus quam tripertitam argumenta-
rung nicht mehr als dreiteilig sei. Und aus diesem ist jenes nun offenkundig: daß es eine gewisse Beweisführung gibt, in der weder die Aufstellung noch die Annahme der Begründung bedarf, von dieser Art, um etwas Bestimmtes und Kurzes als Beispiel zu setzen: Wenn die Weisheit aufs höchste zu erstreben ist, so ist die Torheit aufs höchste zu meiden; aufs höchste aber ist die Weisheit zu erstreben; aufs höchste also ist die Torheit zu meiden. Hier ist sowohl die Aufstellung als auch die Annahme offenkundig; daher bedarf auch keine von beiden der Begründung. Aus diesem allem ist jenes offenkundig: daß die Begründung bald hinzugefügt, bald nicht hinzugefügt wird. Daraus wird erkannt, daß die Begründung weder in der Aufstellung noch in der Annahme enthalten ist, sondern daß jede von beiden, an ihrem Ort gesetzt, ihre eigene Kraft gleichsam als eine gewisse und eigene behauptet. Wenn es aber so ist, so haben jene angemessen gegliedert, die die Beweisführung in fünf Teile geteilt haben.
tionem. Atque ex his illud iam perspicuum est, esse quandam argumentationem, in qua neque propositio neque assumptio indigeat approbationis, huiusmodi, ut certum quiddam et breve exempli causa ponamus: si summopere sapientia petenda est, summo opere stul- titia vitanda est: summo autem opere sapientia pe- tenda est: summo igitur opere stultitia vitanda est. hic et propositio et assumptio perspicua est; quare neutra quoque indiget approbatione. ex hisce om- nibus illud perspicuum est approbationem tum adiungi, tum non adiungi. ex quo cognoscitur neque in pro- positione neque in assumptione contineri approba- tionem, sed utramque suo loco positam vim suam tam- quam certam et propriam obtinere. quodsi ita est, commode partiti sunt illi, qui in quinque partes tri- buerunt argumentationem.
Fünf also sind die Teile jener Beweisführung, die durch die Schlußfolgerung behandelt wird: die Aufstellung, durch die jener Punkt kurz dargelegt wird, aus dem die ganze Kraft der Schlußfolgerung hervorströmen muß; die Begründung, durch die das, was kurz dargelegt worden ist, mit Gründen bekräftigt, wahrscheinlicher und offenkundiger wird; die Annahme, durch die das, was aus der Aufstellung zum Aufzeigen gehört, angenommen wird; die Begründung der Annahme, durch die das, was angenommen worden ist, mit Gründen gefestigt wird; die Zusammenfassung, durch die das, was sich aus der ganzen Beweisführung ergibt, kurz dargelegt wird. Jene Beweisführung, die die meisten Teile hat, besteht aus diesen fünf Teilen; die zweite ist vierteilig; die dritte dreiteilig; sodann die zweiteilige; was im Streit steht.
Quinque igitur partes sunt eius argumentationis, quae per ratiocinationem tractatur: propositio, per quam locus is breviter exponitur, ex quo vis omnis oportet emanet ratiocinationis; approbatio, per quam id, quod breviter expositum est, rationibus adfirmatum probabilius et apertius fit; assumptio, per quam id, quod ex propositione ad ostendendum pertinet, assumi- tur; assumptionis approbatio, per quam id, quod assumptum est, rationibus firmatur; complexio, per quam id, quod conficitur ex omni argumentatione, bre- viter exponitur. quae plurimas habet argumentatio partes, ea constat ex his quinque partibus; secunda est quadripertita; tertia tripertita; dein bipertita; quod in controversia est.
Auch über einen einzigen Teil kann es manchem scheinen, sie könne bestehen. Von jenen also, die feststehen, werden wir Beispiele setzen, für diese, die zweifelhaft sind, werden wir Gründe beibringen. Die fünfteilige Beweisführung ist von dieser Art: „Alle Gesetze, ihr Richter, gehört es sich auf den Vorteil des Gemeinwesens zu beziehen und sie aus dem gemeinsamen Nutzen, nicht aus dem Wortlaut, der in den Buchstaben steht, auszulegen. Denn von solcher Tugend und Weisheit waren unsere Vorfahren, daß sie beim Abfassen der Gesetze sich nichts anderes als das Wohl und den Nutzen des Gemeinwesens vor Augen stellten. Denn weder wollten sie selbst das schreiben, was schaden würde, und, wenn sie es geschrieben hätten, so erkannten sie, daß das Gesetz, sobald es verstanden worden wäre, verworfen werden würde. Denn niemand will, daß die Gesetze um der Gesetze willen unversehrt seien, sondern um des Gemeinwesens willen, weil alle glauben, das Gemeinwesen werde durch die Gesetze am besten verwaltet. Aus welchem Grund es sich also gehört, die Gesetze zu wahren, auf eben jenen Grund ist es angemessen, alles Geschriebene auszulegen: das heißt, da wir dem Gemeinwesen dienen, so wollen wir aus dem Vorteil und Nutzen des Gemeinwesens auslegen. Denn so wie man meinen muß, daß aus der Heilkunde nichts hervorgehe als das, was auf den Nutzen des Körpers abzielt, weil sie um seinetwillen eingerichtet worden ist, so gehört es sich anzunehmen, daß von den Gesetzen nichts hervorgehe als das, was dem Gemeinwesen zuträglich ist, weil sie um seinetwillen geschaffen worden
de una quoque parte potest alicui videri posse consistere. eorum igitur, quae constant, exempla ponemus, horum, quae dubia sunt, rationes afferemus. Quinquepertita argumentatio est huiusmodi: “omnes leges, iudices, ad commodum rei publicae re- ferre oportet et eas ex utilitate communi, non ex scrip- tione, quae in litteris est, interpretari. ea enim virtute et sapientia maiores nostri fuerunt, ut in legibus scriben- dis nihil sibi aliud nisi salutem atque utilitatem rei publicae proponerent. neque enim ipsi, quod obesset, scribere volebant, et, si scripsissent, cum esset intellec- tum, repudiatum iri legem intellegebant. nemo enim leges legum causa salvas esse vult, sed rei publicae, quod ex legibus omnes rem publicam optime putant administrari. quam ob rem igitur leges servari oportet, ad eam causam scripta omnia interpretari convenit: hoc est, quoniam rei publicae servimus, ex rei publicae com- modo atque utilitate interpretemur. nam ut ex medicina nihil oportet putare proficisci, nisi quod ad corporis utilitatem spectet, quoniam eius causa est instituta, sic a legibus nihil convenit arbitrari, nisi quod rei publicae conducat, proficisci, quoniam eius causa sunt compara-
sind. Hört also auch in diesem Urteil auf, die Buchstaben des Gesetzes zu durchforschen, und betrachtet das Gesetz, wie es recht ist, aus dem Nutzen des Gemeinwesens. Was war für die Thebaner nützlicher, als daß die Lakedämonier niedergeworfen würden? Für wen geziemte es sich mehr, Epaminondas, dem Feldherrn der Thebaner, für den Sieg der Thebaner zu sorgen? Was war es angemessen, daß er teurer oder höher hielte als so großen Ruhm der Thebaner, als ein so glänzendes und prangendes Siegeszeichen? Den Buchstaben des Gesetzes hätte er also übergehen und den Sinn des Verfassers betrachten sollen. Doch dies wenigstens ist hinlänglich betrachtet worden, daß kein Gesetz geschrieben ist außer um des Gemeinwesens willen. Für die höchste Unsinnigkeit also hielt er es, das, was um des Heils des Gemeinwesens willen geschrieben war, nicht aus dem Heil des Gemeinwesens auszulegen. Wenn es sich aber gehört, alle Gesetze auf den Nutzen des Gemeinwesens zu beziehen, dieser aber dem Heil des Gemeinwesens genützt hat, so kann er sicherlich nicht durch dieselbe Tat sowohl dem gemeinsamen Geschick gedient als auch den Gesetzen nicht gehorcht haben.“
tae. ergo in hoc quoque iudicio desinite litteras legis perscrutari et legem, ut aequum est, ex utilitate rei publicae considerate. quid magis utile fuit Thebanis quam Lacedaemonios opprimi? cui magis Epaminon- dam, Thebanorum imperatorem, quam victoriae The- banorum consulere decuit? quid hunc tanta Thebano- rum gloria, tam claro atque exornato tropaeo carius aut antiquius habere convenit? scripto videlicet legis omisso scriptoris sententiam considerare debebat. at hoc quidem satis consideratum est, nullam esse legem nisi rei publicae causa scriptam. summam igitur amen- tiam esse existimabat, quod scriptum esset rei publicae salutis causa, id non ex rei publicae salute interpretari. quodsi leges omnes ad utilitatem rei publicae referri convenit, hic autem saluti rei publicae profuit, profecto non potest eodem facto et communibus fortunis con- suluisse et legibus non optemperasse.”
Aus vier Teilen aber besteht die Beweisführung, wenn wir entweder aufstellen oder annehmen ohne Begründung. Dies zu tun gehört sich, wenn entweder die Aufstellung aus sich selbst verstanden wird oder die Annahme offenkundig ist und keiner Begründung bedarf. Ist die Begründung der Aufstellung übergangen, so wird die Beweisführung aus vier Teilen behandelt, auf diese Weise: „Ihr Richter, die ihr nach dem Gesetz unter Eid urteilt, müßt den Gesetzen gehorchen. Den Gesetzen aber könnt ihr nicht gehorchen, wenn ihr nicht dem, was im Gesetz geschrieben steht, folgt. Denn welches sicherere Zeugnis seines Willens konnte der Verfasser des Gesetzes hinterlassen als das, was er selbst mit großer Sorgfalt und Genauigkeit geschrieben hat? Wenn aber die Buchstaben nicht vorhanden wären, so würden wir sie sehr vermissen, damit aus ihnen der Wille des Verfassers erkannt würde; und doch würden wir nicht einmal dann, wenn er außerhalb des Gerichts stünde, dem Epaminondas gestatten, daß er uns den Sinn des Gesetzes auslege, geschweige denn, daß wir jetzt diesen da dulden, da das Gesetz zur Hand ist, den Willen des Verfassers nicht aus dem, was aufs deutlichste geschrieben steht, sondern aus dem, was seiner Sache zustatten kommt, auszulegen. Wenn ihr aber, ihr Richter, den Gesetzen gehorchen müßt und dies nicht tun könnt, es sei denn, ihr folgt dem, was im Gesetz geschrieben steht, warum urteilt ihr dann nicht, daß dieser da gegen das Gesetz gehandelt hat?“
Quattuor autem partibus constat argumentatio, cum aut proponimus aut assumimus sine approbatione. id facere oportet, cum aut propositio ex se intellegitur aut assumptio perspicua est et nullius approbationis indiget. propositionis approbatione praeterita quattuor ex partibus argumentatio tractatur, ad hunc modum: iudices, qui ex lege iurati iudicatis, legibus optempe- rare debetis. optemperare autem legibus non potestis, nisi id, quod scriptum est in lege, sequimini. quod enim certius legis scriptor testimonium voluntatis suae re- linquere potuit, quam quod ipse magna cum cura atque diligentia scripsit? quodsi litterae non exstarent, magnopere eas requireremus, ut ex iis scriptoris vo- luntas cognosceretur; nec tamen Epaminondae per- mitteremus, ne si extra iudicium quidem esset, ut is nobis sententiam legis interpretaretur, nedum nunc istum patiamur, cum praesto lex sit, non ex eo, quod apertissime scriptum est, sed ex eo, quod suae causae convenit, scriptoris voluntatem interpretari. quodsi vos, iudices, legibus optemperare debetis et id facere non potestis, nisi id, quod scriptum est in lege, sequa- mini, quin istum contra legem fecisse iudicatis?
Ist aber die Begründung der Annahme übergangen, so wird die vierteilige Beweisführung so beschaffen sein: „Denen, die uns gar oft durch Treulosigkeit getäuscht haben, dürfen wir ihrer Rede keinen Glauben schenken. Denn wenn wir durch ihre Treulosigkeit irgendeinen Schaden erlitten haben, so wird es niemanden geben außer uns selbst, den wir mit Recht anklagen könnten. Und zum ersten Mal freilich getäuscht zu werden ist mißlich, zum zweiten Mal töricht, zum dritten Mal schändlich. Die Karthager aber haben uns schon sehr oft getäuscht. Die höchste Unsinnigkeit also ist es, auf die Treue derer Hoffnung zu setzen, durch deren Treulosigkeit du so oft getäuscht worden bist.“
assumptionis autem approbatione praeterita quadri- pertita sic fiet argumentatio: qui saepenumero nos per fidem fefellerunt, eorum orationi fidem habere non debemus. si quid enim perfidia illorum detrimenti acceperimus, nemo erit praeter nosmet ipsos, quem iure accusare possimus. ac primo quidem decipi in- commodum est; iterum, stultum; tertio, turpe. Cartha- ginienses autem persaepe iam nos fefellerunt. summa igitur amentia est in eorum fide spem habere, quorum perfidia totiens deceptus sis.
Sind beide Begründungen übergangen, so wird sie dreiteilig, auf diese Weise: „Entweder müssen wir die Karthager fürchten, wenn wir sie unversehrt lassen, oder wir müssen ihre Stadt zerstören. Doch fürchten freilich dürfen wir nicht. So bleibt also übrig, daß wir die Stadt zerstören.“ Es gibt aber welche, die meinen, man könne bisweilen die Zusammenfassung entbehren, wenn das, was aus der Schlußfolgerung gefolgert wird, offenkundig ist; geschähe dies, so werde auch eine zweiteilige Beweisführung daraus, auf diese Weise: „Wenn sie geboren hat, ist sie keine Jungfrau; sie hat aber geboren.“ Hier genüge es aufzustellen und anzunehmen; weil das, was gefolgert wird, offenkundig sei, bedürfe die Sache der Zusammenfassung nicht. Uns aber scheint, daß sowohl jede Schlußfolgerung zum Schluß zu führen ist als auch jener Fehler, der jenen mißfällt, aufs höchste zu vermeiden ist, daß wir nämlich das, was offenkundig ist, in die Zusammenfassung hineintragen.
Utraque approbatione praeterita tripertita fit, hoc pacto: aut metuamus Carthaginienses oportet, si incolumes eos reliquerimus, aut eorum urbem diruamus. at metuere quidem non oportet. restat igitur, ut urbem diruamus. Sunt autem, qui putant nonnumquam posse com- plexione supersederi, cum id perspicuum sit, quod conficiatur ex ratiocinatione; quod si fiat, bipertitam quoque fieri argumentationem, hoc modo: si peperit, virgo non est: peperit autem. hic satis esse proponere et adsumere: quod conficiatur quoniam perspicuum sit, complexionis rem non indigere. nobis autem vi- detur et omnis ratiocinatio concludenda esse et illud vitium, quod illis displicet, magnopere vitandum, ne, quod perspicuum sit, id in complexionem inferamus.
Dies aber wird geschehen können, wenn die Gattungen der Zusammenfassungen verstanden werden. Denn entweder werden wir so zusammenfassen, daß wir die Aufstellung und die Annahme in eines zusammenführen, auf diese Weise: Wenn es sich aber gehört, alle Gesetze auf den Nutzen des Gemeinwesens zu beziehen, dieser aber dem Heil des Gemeinwesens genützt hat, so kann er sicherlich nicht durch dieselbe Tat sowohl dem gemeinsamen Heil gedient als auch den Gesetzen nicht gehorcht haben; oder so, daß der Schluß aus dem Gegenteil gefolgert wird, auf diese Weise: Die höchste Unsinnigkeit also ist es, auf die Treue derer Hoffnung zu setzen, durch deren Treulosigkeit du so oft getäuscht worden bist; oder so, daß allein das, was gefolgert wird, eingebracht wird, auf diese Weise: Wir wollen also die Stadt zerstören; oder so, daß man das einbringt, was jener Sache, die gefolgert wird, notwendig nachfolgt. Das ist von dieser Art: Wenn sie geboren hat, so hat sie mit einem Manne geschlafen; sie hat aber geboren. Daraus wird dies gefolgert: Sie hat also mit einem Manne geschlafen. Wenn du dies nicht einbringen willst und das einbringst, was daraus folgt: Sie hat also Unzucht getrieben, so wirst du sowohl die Beweisführung zum Schluß geführt als auch der offenkundigen Zusammenfassung entgangen sein.
hoc autem fieri poterit, si complexionum genera intelle- gentur. nam aut ita complectemur, ut in unum con- ducamus propositionem et assumptionem, hoc modo: quodsi leges omnes ad utilitatem rei publicae referri convenit, hic autem saluti rei publicae profuit, pro- fecto non potest eodem facto et saluti communi con- suluisse et legibus non optemperasse; aut ita, ut ex contrario sententia conficiatur, hoc modo: summa igitur amentia est in eorum fide spem habere, quorum perfidia totiens deceptus sis; aut ita, ut id solum, quod conficitur, inferatur, ad hunc modum: urbem igitur diruamus; aut, ut id, quod eam rem, quae con- ficitur, sequatur necesse est. id est huiusmodi: si peperit, cum viro concubuit: peperit autem. conficitur hoc: concubuit igitur cum viro. hoc si nolis inferre et inferas id, quod sequitur: fecit igitur incestum, et concluseris argumentationem et perspicuam fugeris complexionem.
Daher gehört es sich, in langen Beweisführungen durch Zusammenführungen oder aus dem Gegenteil zusammenzufassen, in kurzen allein das, was gefolgert wird, darzulegen, in jenen, in denen der Ausgang offenkundig ist, die Folge zu gebrauchen. Wenn aber einige meinen werden, die Beweisführung bestehe auch aus einem einzigen Teil, so werden sie sagen können, es genüge oft, die Beweisführung auf diese Weise zu bilden: Da sie geboren hat, hat sie mit einem Manne geschlafen; denn dies bedürfe weder irgendeiner Begründung noch einer Zusammenfassung. Doch sie scheinen uns durch die Zweideutigkeit des Wortes zu irren. Denn das Wort Beweisführung bezeichnet mit einem einzigen Namen zwei Dinge, deshalb weil sowohl das Mittel, das für irgendeine Sache als wahrscheinlich oder notwendig gefunden ist, Beweisführung genannt wird als auch die kunstvolle Ausschmückung dieses Gefundenen.
quare in longis argumentationibus ex conductionibus aut ex contrario complecti oportet, in brevibus id solum, quod conficitur, exponere, in iis, in quibus exitus perspicuus est, consecutione uti. Si qui autem ex una quoque parte putabunt constare argumentationem, poterunt dicere saepe satis esse hoc modo argumentationem facere: quoniam peperit, cum viro concubuit; nam hoc nullius neque approbationis neque complexionis indigere. sed nobis ambiguitate nominis videntur errare. nam argumentatio nomine uno res duas significat, ideo quod et inventum ali- quam in rem probabile aut necessarium argumentatio vocatur et eius inventi artificiosa expolitio.
Wenn sie also etwas von dieser Art vorbringen werden: Da sie geboren hat, hat sie mit einem Manne geschlafen, so werden sie das Gefundene vorbringen, nicht die Ausschmückung; wir aber sprechen von den Teilen der Ausschmückung. Nichts also wird jene Erwägung zu dieser Sache gehören; und durch diese Unterscheidung werden wir auch anderes, das dieser Gliederung im Wege zu stehen scheint, abwehren, wenn etwa einer meint, es könne bisweilen entweder die Annahme aufgehoben werden oder die Aufstellung. Wenn diese etwas Wahrscheinliches oder Notwendiges in sich trägt, so muß sie auf welche Weise auch immer den Hörer bewegen. Wenn aber allein dies beachtet würde und nichts darauf ankäme, auf welche Weise das, was ausgedacht worden wäre, behandelt würde, so würde keineswegs ein so großer Unterschied zwischen den höchsten und den mittelmäßigen Rednern bestehen, wie geur-
cum igitur proferent aliquid huiusmodi: quoniam peperit, cum viro concubuit, inventum proferent, non expolitionem; nos autem de expolitionis partibus loquimur. Nihil igitur ad hanc rem ratio illa pertinebit; atque hac distinctione alia quoque, quae videbuntur officere huic partitioni, propulsabimus, si quis aut assumptio- nem aliquando tolli posse putet aut propositionem. quae si quid habet probabile aut necessarium, quoquo modo commoveat auditorem necesse est. quod si so- lum spectaretur ac nihil, quo pacto tractaretur id, quod esset excogitatum, referret, nequaquam tantum inter summos oratores et mediocres interesse existi-
teilt würde. Die Rede aber zu wechseln wird aufs höchste nötig sein; denn in allen Dingen ist die Gleichförmigkeit die Mutter des Überdrusses. Dies wird geschehen können, wenn wir nicht immer auf gleiche Weise an die Beweisführung herangehen. Denn zuerst von allem gehört es sich, schon nach den Gattungen selbst zu unterscheiden, das heißt, bald die Induktion zu gebrauchen, bald die Schlußfolgerung; sodann in der Beweisführung selbst nicht immer mit der Aufstellung zu beginnen noch immer die fünf Teile bis zum Übermaß zu gebrauchen noch die Teile nach derselben Methode auszuschmücken, sondern bald mit der Annahme zu beginnen, bald mit einer der beiden Begründungen, bald mit beiden, bald diese, bald jene Gattung der Zusammenfassung zu gebrauchen. Damit dies durchschaut werde, wollen wir an irgendeinem beliebigen Beispiel von dem, was vorgelegt worden ist, eben dies einüben, damit es erlaubt sei zu erproben, wie leicht es zu tun ist.
maretur. variare autem orationem magnopere oporte- bit; nam omnibus in rebus similitudo mater est satietatis. id fieri poterit, si non similiter semper ingre- diamur in argumentationem. nam primum omnium generibus ipsis distinguere convenit, hoc est, tum in- ductione uti, tum ratiocinatione, deinde in ipsa ar- gumentatione non semper a propositione incipere nec semper quinque partibus abuti neque eadem partes ratione expolire, sed tum ab assumptione incipere, tum adprobatione alterutra, tum utraque, tum hoc, tum illo genere conplexionis uti. id ut perspiciatur, scribamus * in quolibet exemplo de iis, quae proposita sunt, hoc idem exerceamus, ut quam facile factu sit, periclitari licet.
Und über die Teile der Beweisführung freilich scheint uns genug gesagt zu sein; jenes aber wollen wir verstanden wissen, daß wir wohl festhalten, daß die Beweisführungen in der Philosophie auch nach anderen, vielen und dunklen Methoden behandelt werden, über die eine bestimmte Kunstlehre aufgestellt ist. Doch jene schienen uns vom rednerischen Gebrauch abzuliegen. Was aber, wie wir meinen, zum Reden gehört, das, behaupten wir nicht, daß wir es geschickter beachtet hätten als die übrigen; doch geloben wir, es genauer und sorgfältiger niedergeschrieben zu haben. Nun wollen wir, wie wir beschlossen haben, der Reihe nach zum Übrigen fortschreiten.
Ac de partibus quidem argumentationis satis nobis dictum videtur: illud autem volumus intellegi nos probe tenere aliis quoque rationibus tractari argumen- tationes in philosophia multis et obscuris, de quibus certum est artificium constitutum. verum illa nobis abhorrere ab usu oratorio visa sunt. quae pertinere autem ad dicendum putamus, ea nos commodius quam ceteros adtendisse non affirmamus; perquisitius et diligentius conscripsisse pollicemur. nunc, ut statui- mus, proficisci ordine ad reliqua pergemus.
Die Widerlegung ist das, wodurch durch Beweisführen die Bekräftigung der Gegner entkräftet oder geschwächt oder entwertet wird. Diese wird sich derselben Quelle der Auffindung bedienen, deren sich die Bekräftigung bedient, deshalb weil eine Sache aus eben jenen Fundorten, aus denen sie bekräftigt werden kann, auch entkräftet werden kann. Denn nichts ist bei all diesen Auffindungen zu betrachten außer dem, was den Personen oder den Geschäften zugewiesen ist. Daher wird man die Auffindung und die Ausschmückung der Beweisführungen aus jenem, was zuvor gelehrt worden ist, auch auf diesen Teil der Rede übertragen müssen. Damit gleichwohl auch für diesen Teil eine gewisse Vorschrift gegeben werde, wollen wir die Arten der Widerlegung darlegen; wer diese beachtet, der wird leichter das, was dagegen gesagt wird, entkräften oder schwächen können.
Reprehensio est, per quam argumentando adver- sariorum confirmatio diluitur aut infirmatur aut ele- vatur. haec fonte inventionis eodem utetur, quo utitur confirmatio, propterea quod, quibus ex locis ali- qua res confirmari potest, isdem potest ex locis in- firmari. nihil enim considerandum est in his omnibus inventionibus nisi id, quod personis aut negotiis adtributum est. quare inventionem et argumentationum expolitionem ex illis, quae ante praecepta sunt, hanc quoque in partem orationis transferri oportebit. verum- tamen, ut quaedam praeceptio detur huius quoque partis, exponemus modos reprehensionis; quos qui ob- servabunt, facilius ea, quae contra dicentur, diluere aut infirmare poterunt.
Jede Beweisführung wird widerlegt, wenn entweder von dem, was angenommen worden ist, eines oder mehreres nicht zugestanden wird, oder wenn, nachdem dieses zugestanden ist, geleugnet wird, daß aus ihm die Zusammenfassung gefolgert werde, oder wenn die Gattung der Beweisführung selbst als fehlerhaft aufgezeigt wird, oder wenn gegen eine feste Beweisführung eine andere, ebenso feste oder festere gesetzt wird. Von dem, was angenommen wird, wird etwas nicht zugestanden, wenn entweder das, was sie als glaubwürdig bezeichnen, als nicht von dieser Art geleugnet wird, oder das, was sie für vergleichbar halten, als unähnlich aufgezeigt wird, oder ein Beurteiltes auf die andere Seite hinübergeführt wird, oder das Urteil überhaupt verworfen wird, oder das, was die Gegner als Zeichen bezeichnet haben, als nicht von dieser Art geleugnet wird, oder wenn die Verschränkung entweder auf einer oder auf beiden Seiten widerlegt wird, oder die Aufzählung als falsch aufgezeigt wird, oder von der einfachen Schlußfolgerung dargetan wird, daß sie etwas Falsches enthalte. Denn alles, was zum Beweisen angenommen wird, sei es als wahrscheinlich, sei es als notwendig, muß notwendig aus diesen Fundorten genommen werden, wie wir zuvor aufgezeigt haben.
Omnis argumentatio reprehenditur, si aut ex iis, quae sumpta sunt, non conceditur aliquid unum plu- rave aut his concessis conplexio ex his confici ne- gatur, aut si genus ipsum argumentationis vitiosum ostenditur, aut si contra firmam argumentationem alia aeque firma aut firmior ponitur. Ex iis, quae sumuntur, aliquid non conceditur, cum aut id, quod credibile dicunt, negatur esse eiusmodi, aut, quod conparabile putant, dissimile ostenditur, aut iudicatum aliam in partem traducitur, aut omnino iudicium inprobatur, aut, quod signum esse adversarii dixerunt, id eiusmodi negatur esse, aut si conprehensio aut una aut ex utraque parte reprehenditur, aut enume- ratio falsa ostenditur, aut simplex conclusio falsi ali- quid continere demonstratur. nam omne, quod su- mitur ad argumentandum sive pro probabili sive pro necessario, necesse est sumatur ex his locis, ut ante ostendimus.
Was als glaubwürdig angenommen worden sein wird, das wird geschwächt werden, wenn es entweder offenkundig falsch sein wird, auf diese Weise: Es gibt niemanden, der nicht das Geld lieber wollte als die Weisheit; oder wenn es auch aus dem Gegenteil etwas Glaubwürdiges haben wird, auf diese Weise: Wer ist da, der nicht der Pflicht begieriger wäre als des Geldes? oder wenn es überhaupt unglaubwürdig sein wird, wie etwa wenn einer, von dem feststeht, daß er habgierig ist, sagte, er habe um irgendeiner geringen Pflicht willen das größte Geld geringgeachtet; oder wenn das, was in gewissen Dingen oder bei gewissen Menschen eintritt, von allen gesagt wird, daß es eintrete, auf diese Weise: Denen, die arm sind, ist das Geld älter als die Pflicht; an einem Ort, der einsam ist, muß der Mord geschehen sein; an einem belebten Ort, wie konnte da ein Mensch getötet werden? oder wenn das, was selten geschieht, überhaupt zu geschehen geleugnet wird, wie Curio für Fulvius: Niemand kann auf einen einzigen Blick und im Vorübergehen in Liebe verfallen.
Quod pro credibili sumptum erit, id infirmabitur, si aut perspicue falsum erit, hoc modo: nemo est, quin pecuniam quam sapientiam malit; aut ex contrario quoque credibile aliquid habebit, hoc modo: quis est, qui non officii cupidior quam pecuniae sit? aut erit omnino incredibile, ut si aliquis, quem constet esse avarum, dicat alicuius mediocris officii causa se maxi- mam pecuniam neglexisse, aut si, quod in quibusdam rebus aut hominibus accidit, id omnibus dicitur usu venire, hoc pacto: qui pauperes sunt, iis antiquior of- ficio pecunia est; qui locus desertus est, in eo caedem factam esse oportet; in loco celebri homo occidi qui potuit? aut si id, quod raro fit, fieri omnino negatur, ut Curio pro Fulvio: nemo potest uno aspectu neque praeteriens in amorem incidere.
Was aber als Zeichen angenommen werden wird, das wird aus eben jenen Fundorten, aus denen es bekräftigt wird, geschwächt werden. Denn beim Zeichen gehört es sich zuerst aufzuzeigen, daß es wahr sei; sodann, daß es das eigentümliche Zeichen jener Sache sei, um die es geht, wie das Blut für den Mord; sodann, daß das geschehen sei, was nicht hätte geschehen sollen, oder das nicht geschehen sei, was hätte geschehen sollen; zuletzt, daß der, um den es geht, das Recht und den Brauch jener Sache gekannt habe. Denn diese Dinge sind dem Zeichen zugewiesen; sie werden wir genauer aufdecken, wenn wir gesondert über den mutmaßenden Streitstand selbst sprechen. Also wird ein jedes einzelne von diesen in der Widerlegung dargetan werden, daß es entweder kein Zeichen sei oder ein zu schwaches oder eher für einen selbst als für die Gegner spreche oder überhaupt fälschlich gesagt werde oder auch auf einen anderen Verdacht geführt werden könne.
Quod autem pro signo sumetur, id ex isdem locis, quibus confirmatur, infirmabitur. nam in signo primum verum esse ostendi oportet; deinde esse eius rei signum proprium, qua de agitur, ut cruorem caedis; deinde factum esse, quod non oportuerit, aut non factum, quod oportuerit; postremo scisse eum, de quo quaeritur, eius rei legem et consuetudinem. nam eae res sunt signo adtributae; quas diligentius aperiemus, cum separatim de ipsa coniecturali constitutione dicemus. ergo horum unum quodque in reprehensione aut non esse signo aut parum magno esse aut a se potius quam ab ad- versariis stare aut omnino falso dici aut in aliam quo- que suspicionem duci posse demonstrabitur.
Wenn aber etwas als Vergleichbares eingeführt werden wird, so wird es sich, weil dieses am meisten durch die Ähnlichkeit behandelt wird, beim Widerlegen geziemen zu leugnen, daß das, was verglichen wird, jenem ähnlich sei, mit dem es verglichen wird. Dies wird geschehen können, wenn dargetan wird, daß es nach Gattung, Natur, Kraft, Größe, Zeit, Ort, Person, Meinung verschieden sei; und wenn aufgezeigt wird, in welche Zahl jenes, was durch die Ähnlichkeit beigebracht wird, und an welchen Ort dieses, um dessen willen es beigebracht wird, zu setzen sich gehöre. Sodann werden wir dartun, worin sich die eine Sache von der anderen unterscheidet; woraus wir lehren werden, daß man von dem, was verglichen wird, und von dem, mit dem es verglichen wird, Verschiedenes urteilen müsse. Dieser Fähigkeit bedürfen wir am meisten, wenn eben jene Beweisführung, die durch die Induktion behandelt wird, zu widerlegen sein wird. Wenn aber irgendein Beurteiltes eingebracht werden wird, so wird man es, weil es aus diesen Fundorten am meisten gefestigt wird: durch das Lob derer, die geurteilt haben; durch die Ähnlichkeit jener Sache, um die es geht, mit jener Sache, über die geurteilt worden ist; und dadurch, daß man erwähnt, das Urteil sei nicht nur nicht getadelt, sondern von allen gebilligt worden; und dadurch, daß man dartut, das, was beigebracht wird, sei schwerer und größer zum Urteilen gewesen als das, was bevorsteht — aus den entgegengesetzten Fundorten, wenn die Sache es entweder als wahr oder als wahrscheinlich zuläßt, schwächen müssen. Und man wird sorgfältig zu beachten haben, daß nicht das, worüber geurteilt worden ist, gar nichts mit dem zu tun habe, um das es geht; und man muß zusehen, daß nicht jene Sache vorgebracht werde, an der man Anstoß genommen hat, so daß ein Urteil über den selbst, der geurteilt hat, gefällt zu werden scheint.
Cum autem pro conparabili aliquid inducetur, quon- iam id per similitudinem maxime tractatur, in repre- hendendo conveniet simile id negare esse, quod con- feretur, ei, quicum conferetur. id fieri poterit, si de- monstrabitur diversum esse genere, natura, vi, magni- tudine, tempore, loco, persona, opinione; ac si, quo in numero illud, quod per similitudinem afferetur, et quo in loco hoc, cuius causa afferetur, haberi con- veniat, ostendetur. deinde, quid res cum re differat, demonstrabimus: ex quo docebimus aliud de eo, quod comparabitur, et de eo, quicum comparabitur, existi- mare oportere. huius facultatis maxime indigemus, cum ea ipsa argumentatio, quae per inductionem trac- tatur, erit reprehendenda. Sin iudicatum aliquod inferetur, quoniam id ex his locis maxime firmatur: laude eorum, qui iudicarunt; similitudine eius rei, qua de agitur, ad eam rem, qua de iudicatum est; et commemorando non modo non esse reprehensum iudicium, sed ab omnibus adpro- batum; et demonstrando difficilius et maius fuisse ad iudicandum, quod afferatur, quam id, quod instet: ex contrariis locis, si res aut vera aut veri similis permittet, infirmari oportebit. atque erit observandum diligenter, ne nihil ad id, quo de agatur, pertineat id, quod iudica- tum sit; et videndum est, ne ea res proferatur, in qua sit offensum, ut de ipso, qui iudicarit, iudicium fieri videatur.
Man muß aber darauf achten, daß nicht, wenn vieles anders geurteilt worden ist, ein vereinzeltes oder seltenes Urteil beigebracht werde. Denn auf diese Weise kann durch eben diese Dinge die Geltung des Urteils am meisten entkräftet werden. Und das freilich, was gleichsam als wahrscheinlich angenommen wird, wird man auf diese Weise zu erproben haben. Was aber als gleichsam notwendig angeführt wird, das wird, wenn es etwa nur eine notwendige Beweisführung nachahmt und nicht von dieser Art ist, so getadelt werden: zuerst die Verschränkung, die, was auch immer du zugestanden hast, aufheben muß: wenn sie wahr ist, wird sie niemals getadelt werden; ist sie aber falsch, so auf zweierlei Weise, entweder durch die Umkehrung oder durch die Entkräftung des einen der beiden Teile. Durch die Umkehrung auf diese Weise: „Denn wenn er sich scheut, warum klagst du den an, der rechtschaffen ist? Wenn er aber ein schamloses Gemüt besitzt, warum aber klagst du den an, der das Gehörte für gering achtet?“ Hier meint man, mag man nun sagen, er scheue sich, oder, er scheue sich nicht, müsse dies zugestanden werden, daß du verneinst, er sei anzuklagen. Dies wird durch die Umkehrung so getadelt werden: „Im Gegenteil, er ist anzuklagen. Denn wenn er sich scheut, so klage ihn an; denn er wird das Gehörte nicht für gering achten. Wenn er aber ein schamloses Gemüt besitzt, so klage ihn dennoch an; denn er ist nicht rechtschaffen.“
oportet autem animadvertere, ne, cum aliter sint multa iudicata, solitarium aliquid aut rarum iudicatum afferatur. nam sic his rebus auctoritas iudicati maxime potest infirmari. atque ea quidem, quae quasi probabilia sumentur, ad hunc modum temptari oportebit. Quae vero sicuti necessaria dicentur, ea si forte imitabuntur modo necessariam argumentationem ne- que erunt eiusmodi, sic reprehendentur: primum con- prehensio, quae, utrum concesseris, debet tollere: si vera est, numquam reprehendetur; sin falsa, duobus modis, aut conversione aut alterius partis infirmatione conversione, hoc modo: Nam si veretur, quid eum accuses, qui est probus? Sin inverecundum animi ingenium possidet, Quid autem eum accuses, qui id parvi auditum aestimet? hic, sive vereri dixeris sive non vereri, concedendum hoc putat, ut neges esse accusandum. quod conver- sione sic reprehendetur: immo vero accusandus est. nam si veretur, accuses; non enim parvi auditum aesti- mabit. sin inverecundum animi ingenium possidet, tamen accuses; non enim probus est.
Durch die Entkräftung des einen der beiden Teile aber wird sie auf diese Weise getadelt werden: „Doch wenn er sich scheut, so wird er, durch deine Anklage gebessert, von seinem Irrtum ablassen.“ Die Aufzählung wird als fehlerhaft erkannt, wenn wir entweder etwas übergehen, das wir zugestehen wollten, oder etwas Schwaches mitzählen, dem entweder widersprochen werden kann oder bei dem es keinen Grund gibt, warum wir es nicht in Ehren zugestehen könnten. Etwas wird in Aufzählungen dieser Art übergangen: „Da du jenes Pferd hast, mußt du es entweder gekauft oder durch Erbschaft besitzen oder als Geschenk erhalten haben, oder es ist dir im Hause geboren worden, oder, wenn nichts von alledem zutrifft, mußt du es notwendig gestohlen haben; wenn du es weder gekauft hast, noch es durch Erbschaft gekommen ist, noch es geschenkt worden ist, noch es im Hause geboren ist, so mußt du es also notwendig gestohlen haben.“
alterius autem partis infirmatione hoc modo reprehendetur: verum si veretur, accusatione tua correctus ab errato recedet. Enumeratio vitiosa intellegitur, si aut praeteritum quiddam dicimus, quod velimus concedere, aut infir- mum aliquid adnumeratum, quod aut contra dici possit aut causa non sit, quare non honeste possimus concedere. praeteritur quiddam in eiusmodi enumerationi- bus: quoniam habes istum equum, aut emeris oportet aut hereditate possideas aut munere acceperis aut domi tibi natus sit aut, si eorum nihil est, subripueris ne- cesse est: si neque emisti neque hereditate venit ne- que donatus est neque domi natus est: necesse est ergo subripueris.
Dies wird bequem getadelt, wenn man sagen kann, das Pferd sei von den Feinden erbeutet worden, dessen Beuteanteil nicht versteigert worden sei; wird dies eingeführt, so wird die Aufzählung entkräftet, weil das eingeführt worden ist, was in der Aufzählung übergangen war. Auf die andere Weise aber wird sie getadelt werden, wenn entweder etwas dagegen gesagt wird, das heißt, wenn etwa, um beim selben Beispiel zu bleiben, aufgezeigt werden kann, daß es durch Erbschaft gekommen ist, oder wenn jenes Letzte zuzugestehen nicht schimpflich sein wird, wie wenn einer, da die Gegner gesagt haben: „Entweder wolltest du einen Hinterhalt legen, oder du hast einem Freunde zu Willen gehandelt, oder du bist von Begierde fortgerissen worden“, gestünde, er habe einem Freunde zu Willen gehandelt.
hoc commode reprehenditur, si dici possit ex hostibus equus esse captus, cuius praedae sectio non venierit; quo inlato infirmatur enumeratio, quon- iam id sit inductum, quod praeteritum sit in enume- ratione. altero autem modo reprehendetur, si aut con- tra aliquid dicetur, hoc est, si exempli causa, ut in eodem versemur, poterit ostendi hereditate venisse, aut si illud extremum non erit turpe concedere, ut si qui, cum dixerint adversarii: aut insidias facere voluisti aut amico morem gessisti aut cupiditate elatus es, amico se morem gessisse fateatur.
Der einfache Schluß aber wird getadelt, wenn das, was folgt, nicht notwendig mit dem zusammenzuhängen scheint, was vorausgegangen ist. Denn dies freilich: „Wenn er Atem holt, so lebt er“, „wenn es Tag ist, so ist es hell“, ist von solcher Art, daß das Spätere notwendig mit dem Früheren zusammenzuhängen scheint. Dies aber: „Wenn sie Mutter ist, so liebt sie“, „wenn er einmal gefehlt hat, so wird er sich niemals bessern“, wird so zu tadeln sich geziemen, daß aufgezeigt wird, das Spätere hänge nicht notwendig mit dem Früheren zusammen. Diese Gattung und die übrigen notwendigen Schlüsse und überhaupt jede Beweisführung und deren Widerlegung enthält eine gewisse größere Kraft und reicht weiter, als hier dargelegt wird; doch die Kenntnis jener Kunst ist von solcher Art, daß sie nicht irgendeinem Teil dieser Kunst angefügt werden kann, sondern selbst gesondert einer langen Zeit und einer großen und mühevollen Erkenntnis bedarf. Daher werden uns jene Dinge zu anderer Zeit und zu einem anderen Vorhaben, wenn die Gelegenheit dazu sein wird, dargelegt werden; jetzt werden wir uns mit diesen Vorschriften der Rhetoren zum rednerischen Gebrauch begnügen müssen. Wenn also von dem, was angenommen wird, etwas nicht zugestanden wird, so wird sie auf diese Weise entkräftet werden.
Simplex autem conclusio reprehenditur, si hoc, quod sequitur, non videatur necessario cum eo, quod ante- cessit, cohaerere. nam hoc quidem: Si spiritum ducit, vivit, si dies est, lucet eiusmodi est, ut cum priore necessario posterius cohaerere videatur. hoc autem: si mater est, diligit, si aliquando peccavit, numquam corrigetur sic conveniet reprehendi, ut demonstretur non necessario cum priore posterius cohaerere. hoc genus et cetera necessaria et omnino omnis argumen- tatio et eius reprehensio maiorem quandam vim con- tinet et latius patet, quam hic exponitur; sed eius artificii cognitio eiusmodi est, ut non ad huius artis partem aliquam adiungi possit, sed ipsa separatim longi temporis et magnae atque arduae cognitionis in- digeat. quare illa nobis alio tempore atque ad aliud institutum, si facultas erit, explicabuntur; nunc his praeceptionibus rhetorum ad usum oratorium conten- tos nos esse oportebit. cum igitur ex iis, quae sumentur, aliquid non concedetur, sic infirmabitur.
Wenn aber, nachdem dieses zugestanden ist, die Verschränkung aus ihm nicht zustande kommt, so wird dies zu betrachten sein: ob nicht etwas anderes gefolgert wird, als gesagt wird, auf diese Weise: wenn etwa, da einer sagt, er sei zum Heere aufgebrochen, ein anderer gegen ihn sich dieser Beweisführung bedienen will: „Wenn du zum Heere gekommen wärst, so wärst du von den Kriegstribunen gesehen worden; du bist aber von diesen nicht gesehen worden; du bist also nicht zum Heere aufgebrochen.“ Wenn du hier die Aufstellung und die Annahme zugestanden hast, so ist die Verschränkung zu entkräften.
Cum autem his concessis conplexio ex his non con- ficitur, haec erunt consideranda: num aliud conficiatur, aliud dicatur, hoc modo: si, cum aliquis dicat se pro- fectum esse ad exercitum, contra eum quis velit hac uti argumentatione: si venisses ad exercitum, a tri- bunis militaribus visus esses; non es autem ab his visus: non es igitur ad exercitum profectus. hic cum concesseris propositionem et assumptionem, conplexio est infirmanda.
Denn es ist etwas anderes gefolgert worden, als sich ergab. Und freilich haben wir jetzt, damit die Sache leichter erkannt werde, ein Beispiel gesetzt, das mit einem deutlichen und großen Fehler behaftet ist; doch oft wird ein dunkler gesetzter Fehler für wahr gebilligt, wenn man sich entweder zu wenig erinnert, was man zugestanden hat, oder etwas Zweideutiges für sicher zugestanden hat. Wenn du etwas Zweideutiges nach jenem Teil zugestanden hast, den du selbst verstanden hast, und der Gegner diesen Teil durch die Verschränkung auf den anderen Teil beziehen will, so wird man dartun müssen, daß die Verschränkung nicht aus dem, was du selbst zugestanden hast, sondern aus dem, was jener angenommen hat, zustande kommt, auf diese Weise: „Wenn ihr des Geldes bedürft, so habt ihr kein Geld; wenn ihr kein Geld habt, so seid ihr arm; ihr bedürft aber des Geldes; denn dem Handel würdet ihr, wenn es nicht so wäre, keine Mühe widmen; also seid ihr arm.“ Dies wird so getadelt: „Als du sagtest: ‚Wenn ihr des Geldes bedürft, so habt ihr kein Geld‘, so verstand ich dies: ‚Wenn ihr aus Mangel in Not seid, so habt ihr kein Geld‘, und deshalb gestand ich es zu; als du aber dies annahmst: ‚Ihr bedürft aber des Geldes‘, so verstand ich jenes: ‚Ihr wollt aber mehr Geld haben.‘ Aus diesen Zugeständnissen aber ergibt sich nicht dies: ‚Also seid ihr arm‘; es würde sich aber ergeben, wenn ich dir gleich anfangs auch dies zugestanden hätte, daß der, der mehr Geld haben will, kein Geld hat.“
aliud enim, quam cogebatur, inlatum est. ac nunc quidem, quo facilius res cognosceretur, perspicuo et grandi vitio praeditum posuimus exem- plum; sed saepe obscurius positum vitium pro vero probatur, cum aut parum memineris, quid concesseris, aut ambiguum aliquid pro certo concesseris. ambiguum si concesseris ex ea parte, quam ipse intellexeris, eam partem adversarius ad aliam partem per conplexionem velit accommodare, demonstrare oportebit non ex eo, quod ipse concesseris, sed ex eo, quod ille sumpserit, confici conplexionem, ad hunc modum: si indigetis pecuniae, pecuniam non habetis; si pecuniam non habetis, pauperes estis: indigetis autem pecuniae; mer- caturae enim, ni ita esset, operam non daretis: pauperes igitur estis. hoc sic reprehenditur: cum dicebas: si indigetis pecuniae, pecuniam non habetis, hoc intelle- gebam: si propter inopiam in egestate estis, pecuniam non habetis, et idcirco concedebam; cum autem hoc sumebas: indigetis autem pecuniae, illud accipiebam: vultis autem pecuniae plus habere. ex quibus conces- sionibus non conficitur hoc: pauperes igitur estis; con- ficeretur autem, si tibi primo quoque hoc concessissem, qui pecuniam maiorem vellet habere, eum pecuniam non habere.
Oft aber meinen sie, man habe vergessen, was man zugestanden hat, und deshalb wird das, was sich nicht ergibt, gleichsam als ob es sich ergäbe, in den Schluß hineingetragen, auf diese Weise: „Wenn ihm die Erbschaft zufiel, so ist es wahrscheinlich, daß er von ihm getötet worden ist.“ Sodann erweisen sie dies mit sehr vielen Worten. Hierauf nehmen sie an: „Ihm aber fiel die Erbschaft zu.“ Sodann wird gefolgert: „Jener also hat ihn getötet“; was sich aus dem, was sie angenommen hatten, nicht ergibt. Daher gehört es sich sorgfältig zu beobachten, sowohl was angenommen wird als auch was sich aus ihm ergibt. Die Gattung der Beweisführung selbst aber wird aus diesen Gründen als fehlerhaft aufgezeigt werden, wenn entweder in ihr selbst ein Fehler liegt oder sie nicht auf das, was vorgenommen wird, angepaßt ist. Und in ihr selbst wird ein Fehler liegen, wenn sie überhaupt ganz falsch ist, wenn sie gemeinsam, wenn sie gewöhnlich, wenn sie leicht, wenn sie weithergeholt, wenn sie mit einer schlechten Bestimmung, wenn sie strittig, wenn sie offenkundig, wenn sie nicht zugestanden, wenn sie schimpflich, wenn sie anstößig, wenn sie widersprüchlich, wenn sie unbe-
saepe autem oblitum putant, quid con- cesseris, et idcirco id, quod non conficitur, quasi con- ficiatur, in conclusionem infertur, hoc modo: si ad illum hereditas veniebat, veri simile est ab illo ne- catum. deinde hoc adprobant plurimis verbis. post adsumunt: ad illum autem hereditas veniebat. de- inde infertur: ille igitur occidit; id quod ex iis, quae sumpserant, non conficitur. quare observare diligenter oportet, et quid sumatur et quid ex his conficiatur. Ipsum autem genus argumentationis vitiosum his de causis ostendetur, si aut in ipso vitium erit aut non ad id, quod instituitur, accommodabitur. atque in ipso vitium erit, si omnino totum falsum erit, si commune, si vulgare, si leve, si remotum, si mala definitione, si controversum, si perspicuum, si non concessum, si turpe, si offensum, si contrarium, si in-
ständig, wenn sie der eigenen Sache zuwider ist. Falsch ist das, worin offenkundig eine Lüge liegt, auf diese Weise: „Es kann keiner weise sein, der das Geld geringachtet; Sokrates aber achtete das Geld gering; also war er nicht weise.“ Gemeinsam ist das, was nicht mehr für uns als für die Gegner spricht, auf diese Weise: „Deshalb, ihr Richter, habe ich, weil ich eine wahre Sache hatte, kurz zum Schluß geredet.“ Gewöhnlich ist das, was auch auf eine andere, nicht wahrscheinliche Sache, wenn es jetzt zugestanden wäre, übertragen werden könnte, wie dies: „Wenn er keine wahre Sache hätte, so hätte er sich euch, ihr Richter, nicht anvertraut.“ Leicht ist das, was entweder nach der rechten Zeit gesagt wird, auf diese Weise: „Wenn es ihm in den Sinn gekommen wäre, so hätte er es nicht begangen“; oder wenn man eine offenkundig schimpfliche Sache mit einer leichten Verteidigung decken will, auf diese Weise: „Als alle dich begehrten, da du im blühendsten Reiche standest, verließ ich dich; nun, da du von allen verlassen bist, mache ich mich in höchster Gefahr allein daran, dich wiederherzustellen.“
constans, si adversarium. falsum est, in quo per- spicue mendacium est, hoc modo: non potest esse sapiens, qui pecuniam neglegit. Socrates autem pecuniam neglegebat: non igitur sapiens erat. com- mune est, quod nihilo magis ab adversariis quam a nobis facit, hoc modo: idcirco, iudices, quia veram causam habebam, brevi peroravi. vulgare est, quod in aliam quoque rem non probabilem, si nunc con- cessum sit, transferri possit, ut hoc: si causam veram non haberet, vobis se, iudices, non commisisset. leve est, quod aut post tempus dicitur, hoc modo: si in mentem venisset, non commisisset; aut perspicue tur- pem rem levi tegere vult defensione, hoc modo: Cum te expetebant omnes florentissimo Regno, reliqui: nunc desertum ab omnibus Summo periclo sola ut restituam paro.
Weithergeholt ist das, was weiter, als hinreichend ist, gesucht wird, von dieser Art: „Wenn aber Publius Scipio nicht seine Tochter Cornelia dem Tiberius Gracchus zur Frau gegeben und aus ihr die beiden Gracchen gezeugt hätte, so wären so große Aufstände nicht entstanden; daher scheint dieses Unheil dem Scipio zuzuschreiben zu sein.“ Von dieser Art ist auch jene Klage: „Wären doch nicht im Hain des Pelion die Tannenbalken von Äxten gefällt zur Erde gestürzt!“ Denn es ist weiter zurückgegriffen worden, als die Sache es verlangte. Eine schlechte Bestimmung ist es, wenn man entweder Gemeinsames umschreibt, auf diese Weise: „Aufrührerisch ist der, der ein schlechter und unnützer Bürger ist“ — denn dies beschreibt nicht mehr die Eigenart des Aufrührerischen als die des Ehrgeizigen, des Verleumders, irgendeines schlechten Menschen —; oder wenn man etwas Falsches sagt, auf diese Weise: „Die Weisheit ist die Einsicht, Geld zu erwerben“; oder wenn man etwas enthält, das nicht gewichtig und nicht groß ist, so: „Torheit ist die maßlose Begierde nach Ruhm.“ Dies ist zwar eine Torheit, aber nur nach einem gewissen Teil, nicht nach der ganzen Gattung bestimmt. Strittig ist das, worin zur Darlegung eines Zweifelhaften ein zweifelhafter Grund beigebracht wird, auf diese Weise: „He du, die Götter, denen die Macht über die Bewegung der Oberen und Unteren zusteht, stiften untereinander Frieden, bringen Eintracht zustande.“
remotum est, quod ultra quam satis est petitur, huius- modi: quodsi non P. Scipio Corneliam filiam Ti. Graccho conlocasset atque ex ea duos Gracchos pro- creasset, tantae seditiones natae non essent; quare hoc incommodum Scipioni adscribendum videtur. huius- modi est illa quoque conquestio: Utinam ne in nemore Pelio securibus Caesae accidissent abiegnae ad terram trabes! longius enim repetita est, quam res postulabat. mala definitio est, cum aut communia describit, hoc modo: seditiosus est is, qui malus atque inutilis civis — nam hoc non magis seditiosi quam ambitiosi, quam calumniatoris, quam alicuius hominis improbi vim describit—; aut falsum quiddam dicit, hoc pacto: sapientia est pecuniae quaerendae intellegentia; aut aliquid non grave nec magnum continens, sic: stul- titia est inmensa gloriae cupiditas. est haec quidem stultitia, sed ex parte quadam, non ex omni genere definita. controversum est, in quo ad dubium demon- strandum dubia causa affertur, hoc modo: Eho tu, di, quibus est potestas motus superum atque inferum, Pacem inter sese conciliant, conferunt concordiam.
Offenkundig ist das, worüber es keinen Streit gibt: wie wenn einer, da er den Orestes anklagt, deutlich macht, daß von ihm die Mutter getötet worden sei. Nicht zugestanden ist es, wenn das, was vergrößert wird, im Streit steht, wie wenn einer, da er den Odysseus anklagt, am meisten dabei verweilt, es sei unwürdig, daß von dem feigsten Menschen der tapferste Mann Aias getötet worden sei. Schimpflich ist das, was entweder nach dem Ort, an dem es gesagt wird, oder nach dem Menschen, der es sagt, oder nach der Zeit, zu der es gesagt wird, oder nach denen, die es hören, oder nach der Sache, um die es geht, wegen einer unehrenhaften Sache unwürdig erscheint. Anstößig ist das, was den Willen derer, die es hören, verletzt: wie wenn einer vor römischen Rittern, die nach dem Richten begierig sind, das Gerichtsgesetz des Caepio
perspicuum est, de quo non est controversia: ut si quis, cum Orestem accuset, planum faciat ab eo matrem esse occisam. non concessum est, cum id, quod au- getur, in controversia est, ut si quis, cum Ulixem ac- cuset, in hoc maxime commoretur: indignum esse ab homine ignavissimo virum fortissimum Aiacem ne- catum. turpe est, quod aut eo loco, in quo dicitur, aut eo homine, qui dicit, aut eo tempore, quo dicitur, aut iis, qui audiunt, aut ea re, qua de agitur, indignum propter inhonestam rem videtur. offensum est, quod eorum, qui audiunt, voluntatem laedit: ut, si quis apud equites Romanos cupidos iudicandi Caepionis
lobt. Widersprüchlich ist das, was dem entgegen gesagt wird, was die, die es hören, getan haben: wie wenn einer vor Alexander dem Makedonen, wenn er gegen irgendeinen Eroberer einer Stadt spräche, sagte, nichts sei grausamer, als Städte zu zerstören, da doch Alexander selbst Theben zerstört hatte. Unbeständig ist das, was von demselben über dieselbe Sache verschieden gesagt wird: wie wenn einer, nachdem er gesagt hat, wer die Tugend habe, der bedürfe zum guten Leben keiner Sache, hernach leugnet, man könne ohne gute Gesundheit gut leben; oder, er stehe dem Freunde aus Wohlwollen bei, hoffe aber, daß ihm irgendein Vorteil zukommen werde.
legem iudiciariam laudet. contrarium est, quod contra dicitur atque ii, qui audiunt, fecerunt: ut si quis apud Alexandrum Macedonem dicens contra aliquem urbis expugnatorem diceret nihil esse crudelius quam urbes diruere, cum ipse Alexander Thebas diruisset. in- constans est, quod ab eodem de eadem re diverse dicitur: ut, si qui, cum dixerit, qui virtutem habeat, eum nullius rei ad bene vivendum indigere, neget postea sine bona valetudine posse bene vivi: aut, se amico adesse propter benivolentiam, sperare autem aliquid commodi ad se perventurum.
Der eigenen Sache zuwider ist das, was der Sache selbst nach irgendeinem Teil im Wege steht, wie wenn einer die Macht und die Streitkräfte und das Glück der Feinde vergrößert, da er doch die Soldaten zum Kämpfen ermuntern will. Wenn nicht auf das, was vorgenommen wird, irgendein Teil der Beweisführung angepaßt ist, so wird sich einer von diesen Fehlern finden: wenn man, nachdem man mehr versprochen hat, weniger aufzeigt; oder wenn man, da man das Ganze aufzeigen müßte, über irgendeinen Teil spricht, auf diese Weise: „Das Geschlecht der Weiber ist habgierig; denn Eriphyle hat das Leben ihres Mannes um Gold verkauft“; oder wenn man nicht das verteidigt, was angeklagt wird, wie wenn einer, da er der Bestechung angeklagt wird, sich damit verteidigt, er sei mit der Hand tapfer; oder wie Amphion bei Euripides, ebenso bei Pacuvius, der, nachdem er die Musik getadelt hat, die Weisheit lobt; oder wenn eine Sache aus dem Fehler eines Menschen getadelt wird, wie wenn einer eine Lehre aus den Fehlern irgendeines Gelehrten tadelt; oder wenn einer, da er jemanden loben will, von dessen Glück, nicht von dessen Tugend spricht; oder wenn man eine Sache mit einer Sache so vergleicht, daß man meint, man könne die eine nicht loben, ohne die andere zu tadeln;
adversarium est, quod ipsi causae aliqua ex parte officit, ut si quis hostium vim et copias et felicitatem augeat, cum ad pugnandum milites adhortetur. Si non ad id, quod instituitur, accommodabitur ali- qua pars argumentationis, horum aliquo in vitio re- perietur: si plura pollicitus pauciora demonstrabit; aut si, cum totum debebit ostendere, de parte aliqua lo- quatur, hoc modo: Mulierum genus avarum est; nam Eriphyla auro viri vitam vendidit; aut si non id, quod accusabitur, defendet, ut, si qui, cum ambitus accusa- bitur, manu se fortem esse defendet; aut ut Amphion apud Euripidem, item apud Pacuvium, qui vituperata musica sapientiam laudat; aut si res ex hominis vitio vituperabitur, ut, si qui doctrinam ex alicuius docti vitiis reprehendat; aut si qui, cum aliquem volet lau- dare, de felicitate eius, non de virtute dicat; aut si rem cum re ita comparabit, ut alteram se non putet laudare, nisi alteram vituperarit;
oder wenn man die eine so lobt, daß man der anderen keine Erwähnung tut; oder wenn man, da nach einer bestimmten Sache gefragt wird, die Rede auf das Gemeinsame richtet, wie wenn einer, da einige beraten, ob sie Krieg führen sollen oder nicht, den Frieden überhaupt lobt, nicht aufzeigt, daß jener Krieg unnütz sei; oder wenn der Grund für irgendeine Sache als falsch angegeben wird, auf diese Weise: „Das Geld ist ein Gut, deshalb weil es am meisten das Leben glücklich macht“; oder als schwach, wie Plautus: „Einen Freund wegen verdienter Schuld zu züchtigen, ist eine undankbare Tat; doch im Leben ist sie nützlich und förderlich; denn ich werde heute meinen Freund wegen verdienter Schuld tüchtig züchtigen“; oder als dasselbe, auf diese Weise: „Ein Übel ist die Habgier; denn vielen hat die Begierde nach Geld große Nachteile gebracht“; oder als wenig geeignet, auf diese Weise: „Das größte Gut ist die Freundschaft; denn in der Freundschaft liegen sehr viele Vergnügungen.“
aut si alteram ita lau- det, ut alterius non faciat mentionem; aut si, cum de certa re quaeretur, de communi instituetur oratio, ut, si quis, cum aliqui deliberent, bellum gerant an non, pacem laudet omnino, non illud bellum inutile esse demonstret; aut si ratio alicuius rei reddetur falsa, hoc modo: pecunia bonum est, propterea quod ea maxime vitam beatam efficiat; aut infirma, ut Plautus: Amicum castigare ob meritam noxiam, Immune est facinus; verum in aetate utile Et conducibile; nam ego amicum hodie meum Concastigabo pro commerita noxia; aut eadem, hoc modo: malum est avaritia; multos enim magnis incommodis affecit pecuniae cupiditas; aut parum idonea, hoc modo: maximum bonum est amicitia; plurimae enim delectationes sunt in amicitia.
Die vierte Art der Widerlegung war jene, durch die gegen eine feste Beweisführung eine ebenso feste oder festere gesetzt wird. Diese Gattung wird sich am meisten in den Beratungen finden, wenn wir zugestehen, daß etwas, was dagegen gesagt wird, billig sei, aber aufzeigen, daß das, was wir verteidigen, notwendig sei; oder wenn wir gestehen, daß das, was jene verteidigen, nützlich sei, aber aufzeigen, daß das, was wir sagen, ehrenhaft sei. Und über die Widerlegung freilich haben wir gemeint, dies sagen zu müssen. Der Reihe nach werden wir nun über den Schluß sprechen.
Quartus modus erat reprehensionis, per quem contra firmam argumentationem aeque firma aut firmior po- nitur. hoc genus in deliberationibus maxime versa- bitur, cum aliquid, quod contra dicatur, aequum esse concedimus, sed id, quod nos defendimus, necessarium esse demonstramus; aut cum id, quod illi defendant, utile esse fateamur, quod nos dicamus, honestum esse demonstremus. Ac de reprehensione haec quidem existimavimus esse dicenda. deinceps nunc de conclusione ponemus.
Hermagoras setzt sodann die Abschweifung, dann zuletzt den Schluß. In dieser Abschweifung aber meint jener, es gehöre sich, eine gewisse Rede einzubringen, die von der Sache und von der Beurteilung selbst entfernt sei, die entweder das Lob seiner selbst oder den Tadel des Gegners enthalte oder zu einer anderen Sache hinführe, aus der man etwas zur Bekräftigung oder zur Widerlegung gewinnt, nicht durch Beweisführung, sondern durch Steigerung mittels einer gewissen Erweiterung. Wenn einer meint, dies sei ein Teil der Rede, so mag er ihm folgen. Denn sowohl über das Steigern als auch über das Loben und Tadeln sind von uns teils Vorschriften gegeben worden, teils werden sie an ihrem Ort gegeben werden. Uns aber hat es nicht gefallen, diesen Teil in die Zahl zu setzen, weil es uns mißfällt, von der Sache abzuschweifen außer durch einen Gemeinplatz; von welcher Gattung später zu sprechen ist. Lob aber und Tadel sollen, wie es uns gefällt, nicht gesondert behandelt werden, sondern in die Beweisführungen selbst eingeflochten sein. Nun wollen wir über den Schluß sprechen.
Hermagoras digressionem deinde, tum postremam conclusionem ponit. in hac autem digressione ille putat oportere quandam inferri orationem a causa atque a iudicatione ipsa remotam, quae aut sui laudem aut ad- versarii vituperationem contineat aut in aliam causam deducat, ex qua conficiat aliquid confirmationis aut re- prehensionis, non argumentando, sed augendo per quandam amplificationem. hanc si qui partem putabit esse orationis, sequatur licebit. nam et augendi et laudandi et vituperandi praecepta a nobis partim data sunt, partim suo loco dabuntur. nobis autem non placuit hanc partem in numerum reponi, quod de causa digredi nisi per locum communem displicet: quo de genere posterius est dicendum. laudes autem et vituperationes non separatim placet tractari, sed in ipsis argumentationibus esse inplicatas. Nunc de conclusione dicemus.
Der Schluß ist der Ausgang und der Abschluß der ganzen Rede. Dieser hat drei Teile: die Aufzählung, die Entrüstung, die Klage. Die Aufzählung ist das, wodurch die zerstreut und weitläufig gesagten Dinge an einen Ort zusammengeführt und um des Wiedererinnerns willen unter einen Blick gestellt werden. Wenn diese stets auf dieselbe Weise behandelt wird, so wird offenkundig von allen erkannt werden, daß sie nach einer gewissen Kunst behandelt wird; geschieht sie aber mannigfaltig, so wird man sowohl diesen Verdacht als auch den Überdruß vermeiden können. Daher wird es sich bald gehören, so zu verfahren, wie die meisten der Bequemlichkeit halber verfahren: jede einzelne Sache für sich zu berühren und so alle Beweisführungen kurz durchzugehen; bald aber, was schwieriger ist, jene Teile zu nennen, die man in der Gliederung dargelegt hat, über die zu sprechen man versprochen hat, und ins Gedächtnis zurückzurufen, mit welchen Gründen man jeden einzelnen Teil bekräftigt hat; bald die, die zuhören, zu fragen, was es denn sei, das ihnen aufgezeigt werden sollte, auf diese Weise: „Jenes haben wir gelehrt, jenes deutlich gemacht.“ So wird zugleich sowohl dem Hörer das Gedächtnis zurückkehren als auch er meinen, es bleibe nichts übrig, was er außerdem verlangen müßte.
Conclusio est exitus et determinatio totius orationis. haec habet partes tres: enumerationem, indignationem, conquestionem. Enumeratio est, per quam res disperse et diffuse dictae unum in locum coguntur et reminiscendi causa unum sub aspectum subiciuntur. haec si semper eodem modo tractabitur, perspicue ab omnibus artificio quo- dam tractari intellegetur; sin varie fiet, et hanc suspi- cionem et satietatem vitare poterit. quare tum oporte- bit ita facere, ut plerique faciunt propter facilitatem, singillatim unam quamque rem adtingere et ita omnes transire breviter argumentationes; tum autem, id quod difficilius est, dicere, quas partes exposueris in par- titione, de quibus te pollicitus sis dicturum, et reducere in memoriam, quibus rationibus unam quamque partem confirmaris; tum ab iis, qui audiunt, quaerere, quid sit, quod sibi velle debeant demonstrari, hoc modo: illud docuimus, illud planum fecimus. ita simul et in memoriam redibit auditor et putabit nihil esse praeterea, quod debeat desiderare.
Und bei diesen Gattungen gehört es sich, wie zuvor gesagt worden ist, bald deine Beweisführungen gesondert durchzugehen, bald, was kunstreicher ist, sie mit den ihnen entgegengesetzten zu verbinden; und wenn du deine Beweisführung gesagt hast, dann aufzuzeigen, wie du das, was dagegen vorgebracht wurde, aufgelöst hast. So wird durch einen kurzen Vergleich das Gedächtnis des Hörers sowohl über die Bekräftigung als auch über die Widerlegung erneuert werden. Und dies wird man auch durch andere Arten des Vortrags abwechseln müssen. Denn bald kannst du aus deiner eigenen Person aufzählen, so daß du daran erinnerst, was und an welcher Stelle du ein jedes gesagt hast; bald aber eine Person oder irgendeine Sache einführen und ihr die ganze Aufzählung zuweisen. Eine Person auf diese Weise: „Denn wenn der Verfasser des Gesetzes aufträte und euch so fragte, was ihr im Zweifel seid: was könntet ihr sagen, da euch dies und das aufgezeigt worden ist?“ Und hierbei wird es, ebenso wie bei unserer eigenen Person, erlaubt sein, bald alle Beweisführungen einzeln durchzugehen, bald sie auf die einzelnen Gattungen der Gliederung zu beziehen, bald den Hörer zu fragen, was er verlange, bald dies durch den Vergleich der eigenen und der entgegengesetzten Beweisführungen zu tun.
atque in his ge- neribus, ut ante dictum est, tum tuas argumentationes transire separatim, tum, id quod artificiosius est, cum tuis contrarias coniungere; et cum tuam dixeris argu- mentationem, tum, contra eam quod adferretur, quem- admodum dilueris, ostendere. ita per brevem conpara- tionem auditoris memoria et de confirmatione et de reprehensione redintegrabitur. atque haec aliis actionis quoque modis variare oportebit. nam tum ex tua per- sona enumerare possis, ut, quid et quo quidque loco dixeris, admoneas; tum vero personam aut rem ali- quam inducere et enumerationem ei totam attribuere. personam hoc modo: nam si legis scriptor exsistat et quaerat sic id a vobis, quid dubitetis: quid possitis dicere, cum vobis hoc et hoc sit demonstratum? atque hic, item ut in nostra persona, licebit alias singillatim transire omnes argumentationes, alias ad partitionis singula genera referre, alias ab auditore, quid desideret, quaerere, alias haec facere per comparationem suarum et contrariarum argumentationum.
Eine Sache aber wird eingeführt, wenn einer Sache dieser Art, einem Gesetz, einem Ort, einer Stadt, einem Denkmal, durch die Aufzählung die Rede zugewiesen wird, auf diese Weise: „Wie? Wenn die Gesetze sprechen könnten, würden sie nicht dies bei euch klagen: Was denn verlangt ihr noch weiter, ihr Richter, da euch dies und das deutlich gemacht worden ist?“ Auch in dieser Gattung wird man sich aller derselben Arten bedienen dürfen. Eine gemeinsame Vorschrift aber wird für die Aufzählung diese gegeben: daß aus jeder einzelnen Beweisführung, weil sie nicht ganz noch einmal gesagt werden kann, das ausgewählt werde, was am gewichtigsten ist, und ein jedes so kurz wie möglich durchgegangen werde, damit das Gedächtnis, nicht die Rede erneuert zu sein scheine. Die Entrüstung ist eine Rede, durch die bewirkt wird, daß gegen irgendeinen Menschen großer Haß oder gegen eine Sache ein schwerer Unwille erregt wird. Bei dieser Gattung wollen wir zuerst jenes verstanden wissen, daß die Entrüstung aus allen jenen Fundorten behandelt werden kann, die wir in der Vorschrift über das Bekräftigen gesetzt haben. Denn aus jenen Dingen, die den Personen oder den Geschäften zugewiesen sind, können beliebige Erweiterungen und Entrüstungen entstehen, doch wollen wir gleichwohl das betrach-
res autem inducetur, si alicui rei huiusmodi, legi, loco, urbi, mo- numento oratio attribuetur per enumerationem, hoc modo: quid? si leges loqui possent, nonne haec apud vos quererentur: quidnam amplius desideratis, iudi- ces, cum vobis hoc et hoc planum factum sit? in hoc quoque genere omnibus isdem modis uti licebit. com- mune autem praeceptum hoc datur ad enumerationem, ut ex una quaque argumentatione, quoniam tota iterum dici non potest, id eligatur, quod erit gravissimum, et unum quidque quam brevissime transeatur, ut me- moria, non oratio renovata videatur. Indignatio est oratio, per quam conficitur, ut in aliquem hominem magnum odium aut in rem gravis offensio concitetur. in hoc genere illud primum in- tellegi volumus, posse omnibus ex locis iis, quos in confirmandi praeceptione posuimus, tractari indigna- tionem. nam ex iis rebus, quae personis aut quae negotiis sunt attributae, quaevis amplificationes et indignationes nasci possunt, sed tamen ea, quae se- paratim de indignatione praecipi possunt, considere-
ten, was gesondert über die Entrüstung vorgeschrieben werden kann. Der erste Fundort wird von der Autorität genommen, wenn wir erwähnen, von wie großer Sorge jene Sache denen gewesen ist, deren Autorität die gewichtigste sein muß: den unsterblichen Göttern, welcher Fundort aus Losen, aus Orakeln, aus Sehern, aus Wunderzeichen, aus Vorzeichen, aus Sprüchen, aus ähnlichen Dingen genommen wird; ebenso unseren Vorfahren, Königen, Bürgerschaften, Völkern, den weisesten Menschen, dem Senat, dem Volk, den Verfassern der Gesetze. Der zweite Fundort ist der, durch den mit Erweiterung durch die Entrüstung aufgezeigt wird, wen jene Sache betrifft: ob alle oder den größeren Teil, was am abscheulichsten ist; ob Höhere, wie etwa jene sind, aus deren Autorität die Entrüstung genommen wird, was am unwürdigsten ist; ob solche, die an Geist, an Geschick, an Körper gleich sind, was am ungerechtesten ist; ob Niedrigere, was am hochmütigsten ist. Der dritte Fundort ist der, durch den wir fragen, was denn geschehen werde, wenn dasselbe die übrigen tun; und zugleich zeigen wir auf, daß, wenn diesem zugestanden würde, es viele Nacheiferer derselben Verwegenheit geben werde;
mus. primus locus sumitur ab auctoritate, cum com- memoramus, quantae curae res ea fuerit iis, quorum auctoritas gravissima debeat esse: diis inmortalibus, qui locus sumetur ex sortibus, ex oraculis, vatibus, ostentis, prodigiis, responsis, similibus rebus; item maioribus nostris, regibus, civitatibus, gentibus, hominibus sapientissimis, senatui, populo, legum scripto- ribus. secundus locus est, per quem, illa res ad quos pertineat, cum amplificatione per indignationem osten- ditur, aut ad omnes aut ad maiorem partem, quod atrocissimum est; aut ad superiores, quales sunt ii, quorum ex auctoritate indignatio sumitur, quod in- dignissimum est; aut ad pares animo, fortuna, cor- pore, quod iniquissimum est; aut ad inferiores, quod superbissimum est. tertius locus est, per quem quae- rimus, quidnam sit eventurum, si idem ceteri faciant; et simul ostendimus, huic si concessum sit, multos aemulos eiusdem audaciae futuros;
woraus wir aufzeigen werden, was für ein Übel daraus entstehen werde. Der vierte Fundort ist der, durch den wir aufzeigen, daß viele begierig erwarten, was beschlossen wird, damit sie aus dem, was einem zugestanden worden ist, erkennen können, was auch ihnen selbst in einer solchen Sache erlaubt sei. Der fünfte Fundort ist der, durch den wir aufzeigen, daß die übrigen verkehrt eingerichteten Dinge, nachdem die Wahrheit erkannt ist, geändert und berichtigt werden können; diese aber sei eine Sache, die, wenn sie einmal geurteilt ist, weder durch ein anderes Urteil geändert noch durch irgendeine Gewalt berichtigt werden kann. Der sechste Fundort ist der, durch den aufgezeigt wird, daß etwas mit Vorbedacht und Absicht geschehen ist, und jenes hinzugefügt wird, daß man einer freiwilligen Übeltat keine Verzeihung gewähren dürfe, der Unbedachtsamkeit aber bisweilen nachzugeben sich gezieme. Der siebente Fundort ist der, durch den wir uns entrüsten, weil wir sagen, eine scheußliche, grausame, frevelhafte, tyrannische Tat sei durch Gewalt,
ex quo, quid mali sit eventurum, demonstrabimus. quartus locus est, per quem demonstramus multos alacres exspectare, quid statuatur, ut ex eo, quod uni concessum sit, sibi quo- que tali de re quid liceat, intellegere possint. quintus locus est, per quem ostendimus ceteras res perperam constitutas intellecta veritate commutatas corrigi posse; hanc esse rem, quae si sit semel iudicata, ne- que alio commutari iudicio neque ulla potestate cor- rigi possit. sextus locus est, per quem consulto et de industria factum demonstratur et illud adiungitur, vo- luntario maleficio veniam dari non oportere, inpru- dentiae concedi nonnumquam convenire. septimus lo- cus est, per quem indignamur, quod taetrum, crudele, nefarium, tyrannicum factum esse dicamus per vim
durch Faust, durch Reichtum begangen worden; welche Sache vom Recht und vom unparteiischen Gesetz am weitesten entfernt ist. Der achte Fundort ist der, durch den wir aufzeigen, daß jene Übeltat, um die es geht, nicht gewöhnlich noch auch von den verwegensten Menschen verübt worden ist; und daß sie sogar von wilden Menschen und von barbarischen Völkern und von unmenschlichen Bestien fern sei. Dies werden die Dinge sein, von denen man sagt, sie seien grausam gegen Eltern, Kinder, Gatten, Blutsverwandte, Schutzflehende verübt worden, und sodann, wenn etwa solche vorgebracht werden gegen Ältere, gegen Gastfreunde, gegen Nachbarn, gegen Freunde, gegen die, mit denen man das Leben verbracht hat, gegen die, bei denen man erzogen worden ist, gegen die, von denen man unterrichtet worden ist, gegen Tote, gegen Elende und des Mitleids Würdige, gegen berühmte, edle und mit Ehren bekleidete Menschen, gegen die, die weder einen anderen verletzen noch sich verteidigen konnten, wie gegen Kinder, Greise, Frauen; aus alledem wird die heftig erregte Entrüstung höchsten Haß gegen den erregen können, der etwas von alledem verletzt
manum opulentiam; quae res ab legibus et ab aequabili iure remotissima sit. octavus locus est, per quem de- monstramus non vulgare neque factitatum esse ne ab audacissimis quidem hominibus id maleficium, de quo agatur; atque id a feris quoque hominibus et a bar- baris gentibus et inmanibus bestiis esse remotum. haec erunt, quae in parentes, liberos, coniuges, consangui- neos, supplices crudeliter facta dicentur, et deinceps si qua proferantur in maiores natu, in hospites, in vicinos, in amicos, in eos, quibuscum vitam egeris, in eos, apud quos educatus sis, in eos, ab quibus eruditus, in mortuos, in miseros et misericordia dignos, in ho- mines claros, nobiles et honore usos, in eos, qui neque laedere alium nec se defendere potuerunt, ut in pueros, senes, mulieres; quibus ex omnibus acriter excitata in- dignatio summum in eum, qui violarit horum aliquid,
hat. Der neunte Fundort ist der, durch den dies, worum die Frage geht, mit anderen Verfehlungen, von denen feststeht, daß sie Verfehlungen sind, verglichen wird, und so durch die Gegenüberstellung aufgezeigt wird, um wieviel abscheulicher und unwürdiger jenes ist, um das es geht. Der zehnte Fundort ist der, durch den wir alles, was bei der Ausführung der Tat geschehen ist und was nach der Tat gefolgt ist, mit der Entrüstung und Beschuldigung eines jeden einzelnen zusammenfassen und die Sache mit Worten so sehr wie möglich vor die Augen dessen stellen, vor dem gesprochen wird, damit ihm das, was unwürdig ist, ebenso unwürdig erscheine, als ob er selbst dabeigewesen wäre und es als Anwesender gesehen hätte. Der elfte Fundort ist der, durch den wir aufzeigen, daß es von dem begangen worden ist, von dem es am wenigsten geschehen durfte, und von dem, der, wenn ein anderer es täte, es hätte verhindern müssen. Der zwölfte Fundort ist der, durch den wir uns entrüsten, weil dies uns als ersten widerfahren ist und niemandem jemals begegnet ist.
odium commovere poterit. nonus locus est, per quem cum aliis peccatis, quae constat esse peccata, hoc quo de quaestio est, conparatur, et ita per contentionem, quanto atrocius et indignius sit illud, de quo agitur, ostenditur. decimus locus est, per quem omnia, quae in negotio gerundo acta sunt quaeque post negotium consecuta sunt, cum unius cuiusque indignatione et criminatione colligimus et rem verbis quam maxime ante oculos eius, apud quem dicitur, ponimus, ut id, quod indignum est, proinde illi videatur indignum, ac si ipse interfuerit ac praesens viderit. undecimus locus est, per quem ostendimus ab eo factum, a quo minime oportuerit, et a quo, si alius faceret, prohiberi con- venerit. duodecimus locus est, per quem indignamur, quod nobis hoc primis acciderit neque alicui umquam usu venerit.
Der dreizehnte Fundort ist es, wenn aufgezeigt wird, daß mit dem Unrecht eine Schmähung verbunden ist, durch welchen Fundort der Haß gegen Hochmut und Anmaßung erregt wird. Der vierzehnte Fundort ist der, durch den wir von denen, die zuhören, verlangen, daß sie unser Unrecht auf ihre eigenen Verhältnisse beziehen; wenn es Kinder betrifft, so mögen sie an ihre eigenen Kinder denken; wenn Frauen, an ihre Gattinnen; wenn Greise, an ihre Väter oder Eltern. Der fünfzehnte Fundort ist der, durch den wir sagen, auch Feinden und Widersachern pflege das, was uns widerfahren ist, unwürdig zu erscheinen. Und die Entrüstung freilich wird man aus diesen Fundorten ungefähr am gewichtigsten gewinnen.
tertius decimus locus est, si cum iniuria contumelia iuncta demonstratur, per quem locum in superbiam et arrogantiam odium concitatur. quartus decimus locus est, per quem petimus ab iis, qui audiunt, ut ad suas res nostras iniurias referant; si ad pueros pertinebit, de liberis suis cogitent; si ad mulieres, de uxoribus; si ad senes, de patribus aut parentibus. quintus decimus locus est, per quem dicimus inimicis quoque et hostibus ea, quae nobis acciderint, indigna videri solere. Et indignatio quidem his fere de locis gravissime sumetur.
Die Teile der Klage aber wird man aus Dingen dieser Art zu nehmen haben. Die Klage ist eine Rede, die das Mitleid der Hörer zu gewinnen sucht. Bei dieser gehört es sich zuerst, das Gemüt des Hörers sanft und mitleidig zu machen, damit er um so leichter durch die Klage bewegt werden kann. Dies wird man durch Gemeinplätze bewirken müssen, durch die die Gewalt des Schicksals über alle und die Schwäche der Menschen aufgezeigt wird; wird diese Rede gewichtig und gehaltvoll gehalten, so wird das Gemüt der Menschen am meisten gesenkt und zum Mitleid bereitet, wenn es im fremden Unglück seine eigene Schwäche bedenkt.
conquestionis autem huiusmodi de rebus partes petere oportebit. Conquestio est oratio auditorum misericordiam cap- tans. in hac primum animum auditoris mitem et misericordem conficere oportet, quo facilius conque- stione commoveri possit. id locis communibus efficere oportebit, per quos fortunae vis in omnes et hominum infirmitas ostenditur; qua oratione habita graviter et sententiose maxime demittitur animus hominum et ad misericordiam conparatur, cum in alieno malo suam infirmitatem considerabit.
Sodann ist der erste Fundort des Mitleids der, durch den aufgezeigt wird, in welchem Glück sie gewesen sind und nun in welchem Unglück sie sind. Der zweite, der den Zeiten zugeteilt wird, durch den dargetan wird, in welchem Unglück sie gewesen sind und sind und sein werden. Der dritte, durch den ein jedes einzelne Mißgeschick beklagt wird, wie beim Tode eines Sohnes das Vergnügen der Kindheit, die Liebe, die Hoffnung, der Trost, die Erziehung und, wenn etwas in einer ähnlichen Gattung von irgendeinem Mißgeschick durch die Klage gesagt werden kann. Der vierte, durch den schimpfliche und niedrige und unwürdige Dinge vorgebracht werden und solche, die des Alters, des Geschlechts, des früheren Glücks, der Ehre, der Wohltaten unwürdig sind, die sie erlitten haben oder erleiden werden. Der fünfte, durch den alle Mißgeschicke einzeln vor die Augen gestellt werden, damit der, der zuhört, zu sehen scheine und auch durch die Sache selbst, gleichsam als wäre er zugegen, nicht durch Worte allein zum Mit-
deinde primus locus est misericordiae, per quem, quibus in bonis fuerint et nunc per quem quibus in malis sint, ostenditur. se- cundus, qui in tempora tribuitur, per quem, quibus in malis fuerint et sint et futuri sint, demonstratur. ter- tius, per quem unum quodque deploratur incom- modum, ut in morte filii pueritiae delectatio, amor, spes, solatium, educatio et, si qua simili in genere quo- libet de incommodo per conquestionem dici poterunt. quartus, per quem res turpes et humiles et inliberales proferentur et indigna aetate, genere, fortuna pristina, honore, beneficiis, quae passi perpessurive sint. quin- tus, per quem omnia ante oculos singillatim incom- moda ponuntur, ut videatur is, qui audit, videre et re quoque ipsa, quasi assit, non verbis solum ad miseri-
leid geführt werde. Der sechste, durch den aufgezeigt wird, daß man wider Erwarten im Elend ist, und daß man, als man etwas erwartete, dieses nicht nur nicht erlangt, sondern in das höchste Elend geraten ist. Der siebente, durch den wir die, die selbst zuhören, in einen ähnlichen Fall hineinversetzen und verlangen, daß sie, wenn sie uns sehen, sich an ihre eigenen Kinder oder Eltern oder an irgendeinen erinnern, der ihnen teuer sein muß. Der achte, durch den gesagt wird, es sei etwas geschehen, was nicht hätte geschehen sollen, oder etwas nicht geschehen, was hätte geschehen sollen, auf diese Weise: „Ich war nicht zugegen, ich habe es nicht gesehen, ich habe sein letztes Wort nicht gehört, ich habe seinen letzten Atemzug nicht aufgefangen.“ Ebenso: „In den Händen der Feinde ist er gestorben, in feindlichem Lande hat er schimpflich unbestattet gelegen, lange von wilden Tieren zerfleischt; auch der allen gemeinsamen Ehre im Tode hat er entbehrt.“
cordiam ducatur. sextus, per quem praeter spem in miseriis demonstratur esse, et, cum aliquid exspectaret, non modo id non adeptus esse, sed in summas miserias incidisse. septimus, per quem ad ipsos, qui audiunt, similem in causam convertimus et petimus, ut de suis liberis aut parentibus aut aliquo, qui illis carus debeat esse, nos cum videant, recordentur. octavus, per quem aliquid dicitur esse factum, quod non oportuerit, aut non factum, quod oportuerit, hoc modo: non affui, non vidi, non postremam vocem eius audivi, non extremum spiritum eius excepi. item: inimicorum in manibus mortuus est, hostili in terra turpiter iacuit insepultus, a feris diu vexatus, communi quoque honore in morte caruit.
Der neunte, durch den die Rede auf stumme und des Geistes unteilhaftige Dinge bezogen wird, wie wenn du einem Pferde, einem Hause, einem Gewande das Gespräch von jemandem zuwiesest, wodurch das Gemüt derer, die zuhören und jemanden geliebt haben, heftig bewegt wird. Der zehnte, durch den die Armut, die Schwäche, die Vereinsamung aufgezeigt wird. Der elfte, durch den die Empfehlung der Bestattung der Kinder oder Eltern oder des eigenen Körpers oder irgendeiner Sache dieser Art geschieht. Der zwölfte, durch den die Trennung von jemandem beklagt wird, wenn du von dem getrennt wirst, mit dem du am liebsten gelebt hast, wie vom Vater, vom Sohn, vom Bruder, vom Vertrauten. Der dreizehnte, durch den wir mit Entrüstung klagen, weil wir von denen, von denen es sich am wenigsten gezieme, schlecht behandelt werden, von Verwandten, von Freunden, denen wir Gutes getan haben, die wir als Helfer zu haben meinten, oder von denen, von denen es unwürdig ist, wie von Sklaven, Freigelassenen, Klienten, Schutzflehenden. Der vierzehnte, der durch die Anflehung genommen wird; in ihm werden die, die zuhören, mit demütiger und flehender Rede gebeten, daß sie sich erbarmen. Der fünfzehnte, durch den wir aufzeigen, daß wir nicht unser eigenes, sondern das Geschick derer beklagen, die uns teuer sein müssen. Der sechzehnte, durch den wir aufzeigen, daß unser Gemüt gegen andere mitleidig ist, und gleichwohl dartun, daß es groß und erhaben und im Ertragen der Mißgeschicke geduldig ist und sein wird, wenn etwas geschehen sollte. Denn oft bewirkt die Tugend und die Erhabenheit, in der Würde und Autorität liegt, mehr zur Erregung des Mitleids als Niedrigkeit und Anflehung. Sind aber die Gemüter bewegt, so wird man sich nicht länger bei der Klage aufhalten dürfen. Denn wie der Rhetor Apollonius gesagt hat: nichts trocknet schneller als eine Träne. Doch da wir, wie uns scheint, genug über alle Teile der Rede gesprochen haben und der Umfang dieses Bandes weiter fortgeschritten ist, so wollen wir das, was der Reihe nach folgt, im zweiten Buche sagen.
nonus, per quem oratio ad mutas et expertes animi res referetur, ut si ad equum, domum, vestem sermonem alicuius accommodes, quibus animus eorum, qui audiunt et aliquem dilexerunt, vehementer com- movetur. decimus, per quem inopia, infirmitas, soli- tudo demonstratur. undecimus, per quem liberorum aut parentum aut sui corporis sepeliundi aut alicuius eiusmodi rei commendatio fit. duodecimus, per quem disiunctio deploratur ab aliquo, cum diducaris ab eo, quicum libentissime vixeris, ut a parente filio, a fratre familiari. tertius decimus, per quem cum indignatione conquerimur, quod ab iis, a quibus minime conveniat, male tractemur, propinquis, amicis, quibus benigne fecerimus, quos adiutores fore putarimus, aut a qui- bis indignum est, ut servis, libertis, clientibus, sup- plicibus. quartus decimus, qui per obsecrationem sumitur; in quo orantur modo illi, qui audiunt, hu- mili et supplici oratione, ut misereantur. quintus de- cimus, per quem non nostras, sed eorum, qui cari nobis debent esse, fortunas conqueri nos demonstra- mus. sextus decimus, per quem animum nostrum in alios misericordem esse ostendimus et tamen amplum et excelsum et patientem incommodorum esse et fu- turum esse, si quid acciderit, demonstramus. nam saepe virtus et magnificentia, in quo gravitas et auctoritas est, plus proficit ad misericordiam commo- vendam quam humilitas et obsecratio. commotis au- tem animis diutius in conquestione morari non opor- tebit. quemadmodum enim dixit rhetor Apollonius, lacrima nihil citius arescit. Sed quoniam satis, ut videmur, de omnibus orationis partibus diximus et huius voluminis magnitudo lon- gius processit, quae sequuntur deinceps, in secundo libro dicemus.
Die Krotoniaten wollten einst, als sie in allem Reichtum blühten und zu den glücklichsten in Italien gezählt wurden, den Tempel der Iuno, den sie aufs frömmste pflegten, mit hervorragenden Gemälden bereichern. Daher zogen sie den Herakleoten Zeuxis heran, der damals weithin alle übrigen Maler zu übertreffen galt, und dingten ihn für großen Lohn. Dieser malte sowohl mehrere andere Tafeln, von denen ein Teil sich um der Heiligkeit des Heiligtums willen bis zu unserem Gedächtnis erhalten hat, als er auch sagte, er wolle ein Bildnis der Helena malen, damit das stumme Bild in sich die hervorragende Schönheit weiblicher Gestalt enthalte; was die Krotoniaten, die oft gehört hatten, daß er im Malen des weiblichen Körpers die anderen weit übertreffe, gern vernahmen. Denn sie glaubten, wenn er sich in der Gattung, in der er am meisten vermöge, mit großer Mühe abgemüht hätte, werde er ihnen in jenem Heiligtum ein hervorragendes Werk hinterlassen.
Crotoniatae quondam, cum florerent omnibus copiis et in Italia cum primis beati numerarentur, templum Iunonis, quod religiosissime colebant, egregiis picturis locupletare voluerunt. itaque Heracleoten Zeuxin, qui tum longe ceteris excellere pictoribus existimabatur, magno pretio conductum adhibuerunt. is et ceteras conplures tabulas pinxit, quarum nonnulla pars us- que ad nostram memoriam propter fani religionem remansit, et, ut excellentem muliebris formae pulchri- tudinem muta in se imago contineret, Helenae pingere simulacrum velle dixit; quod Crotoniatae, qui eum mu- liebri in corpore pingendo plurimum aliis praestare saepe accepissent, libenter audierunt. putaverunt enim, si, quo in genere plurimum posset, in eo magno opere elaborasset, egregium sibi opus illo in fano relicturum.
Und damals täuschte sie jene Meinung nicht. Denn Zeuxis fragte sie sogleich, welche schönen Jungfrauen sie denn hätten. Jene aber führten den Mann unverzüglich in die Palästra und zeigten ihm viele Knaben, die mit großer Würde begabt waren. Denn zu einer gewissen Zeit standen die Krotoniaten allen an Körperkräften und Würde weit voran und brachten die ehrenvollsten Siege aus dem gymnischen Wettkampf mit höchstem Lob nach Hause. Als er nun die Gestalten und Körper der Knaben mit großer Mühe bewunderte, sprachen jene: „Von diesen sind die Schwestern bei uns Jungfrauen. Daher kannst du aus diesen erahnen, von welcher Würde jene sind.“ „So gewährt mir denn, bitte ich“, sagte er, „aus jenen Jungfrauen die schönsten, solange ich das male, was ich euch versprochen habe, damit die Wahrheit aus einem lebendigen Vorbild in das stumme Bild übertragen werde.“
neque tum eos illa opinio fefellit. nam Zeuxis ilico quaesivit ab iis, quasnam virgines formosas haberent. illi autem statim hominem deduxerunt in palaestram atque ei pueros ostenderunt multos, magna praeditos dignitate. etenim quodam tempore Crotoniatae multum omnibus corporum viribus et dignitatibus antisteterunt atque honestissimas ex gymnico certamine victorias domum cum laude maxima rettulerunt. cum puerorum igitur formas et corpora magno hic opere miraretur: Horum, inquiunt illi, sorores sunt apud nos virgines. quare, qua sint illae dignitate, potes ex his suspicari. Praebete igitur mihi, quaeso, inquit, ex istis virgini- bus formonsissimas, dum pingo id, quod pollicitus sum vobis, ut mutum in simulacrum ex animali exemplo veritas transferatur.
Da führten die Krotoniaten nach öffentlichem Beschluß die Jungfrauen an einen Ort zusammen und gaben dem Maler die Befugnis zu wählen, welche er wollte. Jener aber erwählte fünf; deren Namen haben viele Dichter dem Gedächtnis überliefert, weil sie durch das Urteil dessen gebilligt worden waren, der das wahrste Urteil über die Schönheit haben mußte. Denn er glaubte nicht, alles, was er für die Anmut suchte, in einem einzigen Körper finden zu können, deshalb, weil die Natur nichts in einer einfachen Gattung in allen Teilen vollendet ausgefeilt hat. Daher beschenkt sie, als ob sie den übrigen nicht zu spenden hätte, was sie spenden könnte, wenn sie einer alles zugestünde, den einen mit dem einen, den anderen mit dem anderen Vorzug, dem stets irgendein Nachteil beigefügt ist.
tum Crotoniatae publico de con- silio virgines unum in locum conduxerunt et pictori quam vellet eligendi potestatem dederunt. ille autem quinque delegit; quarum nomina multi poe+tae memo- riae prodiderunt, quod eius essent iudicio probatae, qui pulchritudinis habere verissimum iudicium de- buisset. neque enim putavit omnia, quae quaereret ad venustatem, uno se in corpore reperire posse ideo, quod nihil simplici in genere omnibus ex partibus per- fectum natura expolivit. itaque, tamquam ceteris non sit habitura quod largiatur, si uni cuncta concesserit, aliud alii commodi aliquo adiuncto incommodo mu- neratur.
Weil es nun auch uns ein Anliegen wurde, eine Kunst des Redens vollständig niederzuschreiben, haben wir uns nicht ein einziges Vorbild vorgesetzt, dessen sämtliche Teile, in welcher Gattung sie auch wären, uns notwendig auszudrücken schienen; sondern nachdem wir alle Schriftsteller an einen Ort zusammengeführt hatten, haben wir das, was ein jeder am bequemsten zu lehren schien, ausgewählt und aus den verschiedenen Begabungen jeweils das Vorzüglichste wie Opfergaben entnommen. Denn von denen, die des Namens und des Gedächtnisses würdig sind, schien uns keiner gar nichts aufs beste und keiner alles aufs herrlichste zu sagen. Daher erschien es uns als Torheit, entweder von dem gut Erfundenen eines Mannes abzuweichen, wenn wir an irgendeinem Fehler von ihm Anstoß nähmen, oder auch zu den Fehlern dessen hinzuzutreten, von dessen irgendeiner guten Vorschrift wir uns leiten ließen.
Quod quoniam nobis quoque voluntatis accidit, ut artem dicendi perscriberemus, non unum aliquod pro- posuimus exemplum, cuius omnes partes, quocumque essent in genere, exprimendae nobis necessarie vi- derentur; sed omnibus unum in locum coactis scripto- ribus, quod quisque commodissime praecipere vide- batur, excerpsimus et ex variis ingeniis excellentis- sima quaeque libavimus. ex iis enim, qui nomine et memoria digni sunt, nec nihil optime nec omnia prae- clarissime quisquam dicere nobis videbatur. quapropter stultitia visa est aut a bene inventis alicuius recedere, si quo in vitio eius offenderemur, aut ad vitia eius quoque accedere, cuius aliquo bene praecepto duceremur.
Wenn aber die Menschen es auch in den übrigen Bestrebungen für am bequemsten hielten, von vielen jeweils das Bequemste zu wählen, statt sich einem einzigen mit Gewißheit verschreiben zu wollen, so würden sie weniger an Anmaßung Anstoß erregen; sie würden nicht so sehr in den Fehlern verharren; sie würden um einiges leichter unter der Unwissenheit leiden. Und wäre in uns die Kenntnis dieser Kunst der seinen Kenntnis der Malerei ebenbürtig gewesen, so würde vielleicht unser Werk in seiner Gattung mehr glänzen als jenes berühmte Gemälde in der seinen. Denn aus einer größeren Fülle als jener hatten wir die Befugnis zu wählen. Jener konnte aus einer einzigen Stadt und aus jener Zahl von Jungfrauen, die damals waren, wählen; uns aber war, nachdem die Fülle aller, die es seit dem äußersten Anfang dieser Lehre bis zu dieser Zeit gegeben hat, ausgebreitet war, die Befugnis gegeben, zu wählen, was uns gefiele.
quodsi in ceteris quoque studiis a multis eligere homines commodissimum quodque quam sese uni alicui certe vellent addicere, minus in arrogan- tia m offenderent; non tanto opere in vitiis perse- verarent; aliquanto levius ex inscientia laborarent. ac si par in nobis huius artis atque in illo picturae scientia fuisset, fortasse magis hoc in suo genere opus nostrum quam illius in suo pictura nobilis eniteret. ex maiore enim copia nobis quam illi fuit exemplorum eligendi potestas. ille una ex urbe et ex eo numero virginum, quae tum erant, eligere potuit; nobis omnium, quicum- que fuerunt ab ultimo principio huius praeceptionis usque ad hoc tempus, expositis copiis, quodcumque placeret, eligendi potestas fuit.
Und die alten Schriftsteller der Kunst freilich, von jenem Urheber und Erfinder Tisias an zurückverfolgt, hat Aristoteles an einen Ort zusammengeführt und die Vorschriften eines jeden namentlich, mit großer Sorgfalt zusammengetragen, deutlich aufgezeichnet und sorgfältig entwirrt dargelegt; und er übertraf die Erfinder selbst so sehr an Anmut und Kürze der Darstellung, daß keiner ihre Vorschriften aus ihren eigenen Büchern kennenlernt, sondern alle, die verstehen wollen, was jene vorschreiben, zu diesem wie zu einem gleichsam viel bequemeren Aus-
Ac veteres quidem scriptores artis usque a prin- cipe illo atque inventore Tisia repetitos unum in lo- cum conduxit Aristoteles et nominatim cuiusque prae- cepta magna conquisita cura perspicue conscripsit at- que enodata diligenter exposuit; ac tantum inventori- bus ipsis suavitate et brevitate dicendi praestitit, ut nemo illorum praecepta ex ipsorum libris cognoscat, sed omnes, qui quod illi praecipiant velint intellegere, ad hunc quasi ad quendam multo commodiorem ex-
leger zurückkehren. Und dieser freilich hat sowohl sich selbst als auch die, die zuvor gewesen sind, uns offen vor Augen gestellt, damit wir die übrigen und ihn selbst durch ihn kennenlernen; die aber, die von diesem ausgegangen sind, haben uns, obgleich sie in den größten Teilen der Philosophie die meiste Mühe verbraucht haben, wie es jener selbst, dessen Einrichtungen sie folgten, getan hatte, gleichwohl sehr viele Vorschriften des Redens hinterlassen. Und auch andere Lehrer des Redens sind aus anderer Quelle hervorgeflossen, die ebenfalls sehr viel zum Reden, wenn die Kunst etwas vermag, beigetragen haben. Denn es lebte zur selben Zeit wie Aristoteles ein großer und berühmter Rhetor, Isokrates;
plicatorem revertantur. atque hic quidem ipse et sese ipsum nobis et eos, qui ante fuerunt, in medio po- suit, ut ceteros et se ipsum per se cognosceremus; ab hoc autem qui profecti sunt, quamquam in maximis philosophiae partibus operae plurimum con- sumpserunt, sicuti ipse, cuius instituta sequebantur, fe- cerat, tamen permulta nobis praecepta dicendi relique- runt. atque alii quoque alio ex fonte praeceptores di- cendi emanaverunt, qui item permultum ad dicendum, si quid ars proficit, opitulati sunt. nam fuit tempore eodem, quo Aristoteles, magnus et nobilis rhetor Iso- crates;
von dem selbst, daß es eine Kunst gebe, haben wir nicht herausgefunden, wie es feststeht. Von seinen Schülern aber und von denen, die geradewegs von dieser Schule ausgegangen sind, haben wir viele Vorschriften über die Kunst aufgefunden. Aus diesen zwei verschiedenen gleichsam Familien, deren eine, da sie sich mit der Philosophie befaßte, sich auch einige Sorge um die rhetorische Kunst aufbürdete, die andere aber ganz und gar mit dem Studium und der Lehre des Redens beschäftigt war, ist eine gewisse einheitliche Gattung von den Späteren zusammengeschmolzen worden, die von beiden das, was bequem gesagt zu sein schien, in ihre Künste übertragen haben; diese selbst haben wir uns zugleich mit jenen früheren alle, soweit das Vermögen es trug, vorgesetzt und auch aus dem Unsrigen einiges zum Gemeinwohl beigetragen.
cuius ipsius quam constet esse artem non in- venimus. discipulorum autem atque eorum, qui pro- tinus ab hac sunt disciplina profecti, multa de arte praecepta reperimus. ex his duabus diversis sicuti fa- miliis, quarum altera cum versaretur in philosophia, nonnullam rhetoricae quoque artis sibi curam assume- bat, altera vero omnis in dicendi erat studio et prae- ceptione occupata, unum quoddam est conflatum ge- nus a posterioribus, qui ab utrisque ea, quae com- mode dici videbantur, in suas artes contulerunt; quos ipsos simul atque illos superiores nos nobis omnes, quoad facultas tulit, proposuimus et ex nostro quoque nonnihil in commune contulimus.
Wenn aber das, was in diesen Büchern dargelegt wird, mit so großer Mühe auszuwählen war, wie es mit Eifer ausgewählt worden ist, so werden gewiß weder wir noch andere unseren Fleiß bereuen. Wenn wir aber etwas von jemandem unbedacht übergangen zu haben oder es nicht hinreichend geschmackvoll verfolgt zu haben scheinen, so werden wir, von jemandem belehrt, leicht und gern unsere Meinung ändern. Denn nicht zu wenig erkannt zu haben, sondern in zu wenig Erkanntem töricht und lange verharrt zu haben ist schimpflich, deshalb weil das eine der gemeinsamen Schwäche der Menschen,
quodsi ea, quae in his libris exponuntur, tanto opere eligenda fuerunt, quanto studio electa sunt, profecto neque nos neque alios industriae nostrae paenitebit. sin autem temere aliquid alicuius praeterisse aut non satis eleganter se- cuti videbimur, docti ab aliquo facile et libenter senten- tiam commutabimus. non enim parum cognosse, sed in parum cognito stulte et diu perseverasse turpe est, propterea quod alterum communi hominum infirmitati,
das andere dem besonderen Fehler eines jeden zugeschrieben wird. Daher werden wir freilich ohne jede Versicherung, zugleich forschend, ein jedes zögernd sagen, damit wir nicht, während wir ein Kleinstes erreichen, daß wir nämlich dies hinreichend bequem niedergeschrieben zu haben scheinen, jenes verlieren, das das Größte ist, daß wir nämlich keiner Sache unbedacht und anmaßend zustimmen. Doch dies freilich werden wir sowohl in dieser Zeit als auch im ganzen Leben eifrig, soweit das Vermögen es tragen wird, erstreben: nun aber, damit die Rede nicht zu weit fortgeschritten zu sein scheine, wollen wir über das Übrige, das vorgeschrieben werden zu müssen scheint, sprechen.
alterum singulari cuiusque vitio est adtributum. quare nos quidem sine ulla affirmatione simul quaerentes dubitanter unum quicque dicemus, ne, dum parvulum consequamur, ut satis haec commode perscripsisse vi- deamur, illud amittamus, quod maximum est, ut ne cui rei temere atque arroganter assenserimus. Verum hoc quidem nos et in hoc tempore et in omni vita studiose, quoad facultas feret, consequemur: nunc autem, ne longius oratio progressa videatur, de reliquis, quae praecipienda videntur esse, dicemus.
Das erste Buch also enthielt, nachdem die Gattung dieser Kunst und ihr Amt und ihr Ziel und ihr Stoff und ihre Teile dargelegt waren, die Gattungen der Streitsachen und die Auffindungen und die Streitstände (constitutiones) und die Beurteilungen, sodann die Teile der Rede und in sie alle alle Vorschriften. Da daher in jenem über die übrigen Dinge deutlicher gesprochen worden ist, über die Bekräftigung aber und über die Widerlegung zerstreut, so glauben wir nun, daß bestimmte Fundorte des Bekräftigens und Widerlegens für die einzelnen Gattungen von Fällen zu überliefern sind. Und weil, auf welche Weise die Beweisführungen zu behandeln sich gezieme, im ersten Buch nicht nachlässig dargelegt worden ist, werden hier nur die Erfindungen selbst für jede einzelne Sache einfach, ohne irgendeine Ausschmückung dargelegt werden, so daß aus diesem die Erfindungen selbst, aus dem vorigen aber die Ausfeilung der Erfindungen zu holen ist. Daher wird es sich gehören, dies, was nun vorgeschrieben wird, auf die Teile der Bekräftigung und der Widerlegung zu beziehen.
Igitur primus liber, exposito genere huius artis et officio et fine et materia et partibus, genera con- troversiarum et inventiones et constitutiones et iudi- cationes continebat, deinde partes orationis et in eas omnes omnia praecepta. quare cum in eo ceteris de rebus distinctius dictum sit, disperse autem de con- firmatione et de reprehensione, nunc certos confir- mandi et reprehendendi in singula causarum genera locos tradendos arbitramur. et quia, quo pacto trac- tari conveniret argumentationes, in libro primo non indiligenter expositum est, hic tantum ipsa inventa unam quamque in rem exponentur simpliciter sine ulla exornatione, ut ex hoc inventa ipsa, ex superiore autem expolitio inventorum petatur. quare haec, quae nunc praecipientur, ad confirmationis et reprehensionis partes referre oportebit.
Jeder demonstrative und deliberative und gerichtliche Fall muß sich notwendig in einer oder mehreren von jenen Gattungen des Streitstandes bewegen, die zuvor dargelegt worden sind. Obgleich dies so ist, gibt es dennoch, da einiges gemeinsam über alle vorgeschrieben werden kann, auch gesondert für jede Gattung verschiedene Vorschriften. Denn etwas anderes muß das Lob, etwas anderes der Tadel, etwas anderes die Äußerung einer Meinung, etwas anderes die Anklage oder die Abwehr bewirken. In den Gerichten wird gefragt, was billig sei, in den Vorführungen, was ehrenhaft, in den Beratungen, wie wir meinen, was ehrenhaft und was nützlich sei. Denn die übrigen haben geglaubt, beim Zuraten und Abraten dürfe nur das Ziel des Nutzens dargelegt werden.
Omnis et demonstrativa et deliberativa et iudicialis causa necesse est in aliquo eorum, quae ante exposita sunt, constitutionis genere uno pluribusve versetur. hoc quamquam ita est, tamen cum communiter quaedam de omnibus praecipi possint, separatim quo- que aliae sunt cuiusque generis diversae praeceptiones. aliud enim laus, aliud vituperatio, aliud sententiae dictio, aliud accusatio aut recusatio conficere debet. in iudiciis, quid aequum sit, quaeritur, in demonstra- tionibus, quid honestum, in deliberationibus, ut nos arbitramur, quid honestum sit et quid utile. nam ceteri utilitatis modo finem in suadendo et in dissuadendo exponi oportere arbitrati sunt.
Bei welchen Gattungen also die Ziele und Ausgänge verschieden sind, deren Vorschriften können nicht dieselben sein. Und wir sagen nicht etwa dies, daß nicht dieselben Streitstände einträten, gleichwohl entsteht aus dem Ziel selbst und aus der Gattung des Falles eine gewisse Rede, die sich auf die Darstellung des Lebens eines Menschen oder auf die Äußerung einer Meinung bezieht. Daher werden wir uns nun beim Darlegen der Streitsachen in der gerichtlichen Gattung der Fälle und der Vorschriften bewegen, von der das meiste ohne irgendeine Schwierigkeit auch auf die übrigen Gattungen von Fällen übertragen wird, wenn eine ähnliche Streitsache damit verflochten ist; danach aber werden wir gesondert über das Übrige sprechen.
quorum igitur generum fines et exitus diversi sunt, eorum praecepta eadem esse non possunt. neque nunc hoc dicimus, non easdem incidere constitutiones, verumtamen oratio quaedam ex ipso fine et ex genere causae nascitur, quae pertineat ad vitae alicuius demonstrationem aut ad sententiae dictionem. quare nunc in exponendis controversiis in iudiciali genere causarum et praeceptorum versabimur, ex quo pleraque in cetera quoque causarum genera simili implicata controversia nulla cum difficultate transferuntur; post autem separatim de reliquis di- cemus.
Nun wollen wir vom mutmaßenden Streitstand (constitutio coniecturalis) ausgehen; dessen Beispiel sei dieses dargelegte: Auf einer Reise begleitete jemand einen, der zu einem gewissen Markt aufbrach und einiges an Geld bei sich trug. Mit diesem knüpfte er, wie es zumeist geschieht, unterwegs ein Gespräch an; daraus geschah es, daß sie jenen Weg vertrauter zurücklegen wollten. Da sie daher in derselben Herberge einkehrten, wollten sie zugleich zu Abend essen und an demselben Ort den Schlaf finden. Nachdem sie gespeist hatten, legten sie sich ebendort nieder. Der Wirt aber — denn so wird es überliefert, nachdem es aufgedeckt wurde, als er bei einem anderen Verbrechen ertappt wurde —, als er jenen anderen, der nämlich das Geld hatte, bemerkt hatte, trat in der Nacht, nachdem er gespürt hatte, daß jene schon fester wie aus Ermüdung schliefen, hinzu, zog das Schwert des anderen von ihnen, der ohne Geld war, das daneben gelegt war, aus der Scheide, tötete jenen anderen, raubte das Geld, barg das blutige Schwert wieder in der Scheide und zog sich selbst auf sein Lager zurück. Jener aber, mit dessen Schwert die Tötung begangen worden war, stand lange vor Tageslicht auf und rief jenen seinen Gefährten ein- und mehrmals an.
Nunc ab coniecturali constitutione proficiscamur; cuius exemplum sit hoc expositum: in itinere qui- dam proficiscentem ad mercatum quendam et secum aliquantum nummorum ferentem est comitatus. cum hoc, ut fere fit, in via sermonem contulit; ex quo factum est, ut illud iter familiarius facere vellent. quare cum in eandem tabernam devertissent, simul ce- nare et in eodem loco somnum capere voluerunt. cenati discubuerunt ibidem. copo autem—nam ita dicitur post inventum, cum in alio maleficio deprehensus est —cum illum alterum, videlicet qui nummos haberet, animum advertisset, noctu postquam illos artius iam ut ex lassitudine dormire sensit, accessit et alterius eorum, qui sine nummis erat, gladium propter adposi- tum e vagina eduxit et illum alterum occidit, nummos abstulit, gladium cruentum in vaginam recondidit, ipse se in suum lectum recepit. ille autem, cuius gladio occisio erat facta, multo ante lucem surrexit, comitem illum suum inclamavit semel et saepius.
Er glaubte, jener sei vom Schlaf befangen und antworte nicht; er nahm sein Schwert und das übrige, was er mit sich gebracht hatte, auf und brach allein auf. Der Wirt schreit nicht lange danach, ein Mensch sei getötet worden, und verfolgt mit einigen Herbergsgästen jenen, der zuvor hinausgegangen war, auf dem Wege. Er ergreift den Menschen, zieht sein Schwert aus der Scheide, findet es blutig. Der Mensch wird von jenen in die Stadt geführt und wird angeklagt. Bei diesem ist die Behauptung der Beschuldigung: „Du hast getötet.“ Die Abwehr: „Ich habe nicht getötet.“ Hieraus ist der Streitstand, das heißt die Frage, dieselbe im mutmaßenden Streitstand wie die Beurteilung: „Hat er getötet oder nicht?“
illum somno inpeditum non respondere existimavit; ipse gladium et cetera, quae secum adtulerat, sustulit, solus profectus est. copo non multum post conclamat hominem esse occisum et cum quibusdam devorsoribus illum, qui ante exierat, consequitur in itinere. hominem conpre- hendit, gladium eius e vagina educit, reperit cruentum. homo in urbem ab illis deducitur ac reus fit. in hac intentio est criminis: occidisti. depulsio: non occidi. ex quibus constitutio est id est quaestio eadem in coniecturali quae iudicatio: occideritne?
Nun werden wir die Fundorte darlegen, von denen irgendein Teil auf jede mutmaßende Streitsache zutrifft. Hierbei aber wird es sich sowohl bei der Darlegung dieser Fundorte als auch bei der der übrigen gehören, darauf zu achten, daß nicht alle auf jeden Fall passen. Denn wie jeder Name aus einigen, nicht aus allen Buchstaben geschrieben wird, so wird auf jeden Fall nicht die ganze Fülle der Beweisgründe, sondern notwendig irgendein Teil von ihnen passen. Jede Vermutung ist also aus der Ursache, aus der Person, aus der Tat selbst zu schöpfen.
Nunc exponemus locos, quorum pars aliqua in omnem coniecturalem incidit controversiam. hoc au- tem et in horum locorum expositione et in ceterorum oportebit attendere, non omnes in omnem causam convenire. nam ut omne nomen ex aliquibus, non ex omnibus litteris scribitur, sic omnem in causam non omnis argumentorum copia, sed eorum necessario pars aliqua conveniet. omnis igitur ex causa, ex persona, ex facto ipso coniectura capienda est.
Die Ursache wird in den Antrieb und in die Überlegung eingeteilt. Antrieb ist das, was ohne Überlegung durch eine gewisse Affektion des Gemütes dazu antreibt, etwas zu tun, wie die Liebe, der Jähzorn, der Kummer, die Trunkenheit und überhaupt alles, worin das Gemüt so affiziert gewesen zu sein scheint, daß es die Sache mit Überlegung und Sorgfalt nicht durchschauen konnte und das, was es tat, eher durch einen gewissen Ungestüm des Gemütes als durch Überlegung getan hat.
Causa tribuitur in inpulsionem et in ratiocinationem. inpulsio est, quae sine cogitatione per quandam affec- tionem animi facere aliquid hortatur, ut amor, iracun- dia, aegritudo, vinolentia et omnino omnia, in quibus animus ita videtur affectus fuisse, ut rem perspicere cum consilio et cura non potuerit et id, quod fecit, impetu quodam animi potius quam cogitatione fecerit.
Überlegung aber ist das sorgfältige und bedachte Ausdenken, etwas zu tun oder nicht zu tun. Sie heißt dann dabeigewesen zu sein, wenn das Gemüt etwas aus einer bestimmten Ursache zu tun oder nicht zu tun gemieden oder verfolgt zu haben scheint: wenn gesagt wird, etwas sei der Freundschaft halber geschehen, oder um einen Feind zu rächen, oder aus Furcht, aus Ruhmsucht, des Geldes wegen, oder schließlich, um alles gattungsweise zu umfassen, um irgendeinen Vorteil zu behalten, zu mehren oder zu erlangen, oder umgekehrt, um irgendeinen Nachteil abzuwehren, zu mindern oder zu meiden. Denn in eine von diesen beiden Gattungen werden auch jene Dinge fallen, bei denen entweder irgendein Nachteil auf sich genommen wird, um einen größeren Vorteil zu erlangen oder einen größeren Nachteil zu meiden, oder irgendein Vorteil hingegeben wird, um einen größeren Vorteil zu erlangen oder einen größeren Nachteil zu meiden.
ratiocinatio est autem diligens et considerata faciendi aliquid aut non faciendi excogitatio. ea dicitur inter- fuisse tum, cum aliquid faciendi aut non faciendi certa de causa vitasse aut secutus esse animus vide- bitur: si amicitiae quid causa factum dicetur, si ini- mici ulciscendi, si metus, si gloriae, si pecuniae, si denique, ut omnia generatim amplectamur, alicuius re- tinendi, augendi adipiscendive commodi aut contra re- iciundi, deminuendi devitandive incommodi causa. nam in horum genus alterutrum illa quoque incident, in quibus aut incommodi aliquid maioris adipiscendi com- modi causa aut maioris vitandi incommodi suscipitur aut aliquod commodum maioris adipiscendi commodi aut maioris vitandi incommodi praeteritur.
Dieser Fundort ist gleichsam ein Fundament dieses Streitstandes. Denn niemandem wird bewiesen, daß etwas geschehen sei, wenn nicht irgendetwas aufgezeigt wird, weswegen es geschehen ist. Also wird der Ankläger, wenn er sagt, etwas sei durch einen Antrieb geschehen, jenen Ungestüm und eine gewisse Erregung und Affektion des Gemütes mit Worten und Gedanken vergrößern müssen und aufzeigen, wie groß die Macht der Liebe ist, wie groß die Verwirrung des Gemütes aus dem Jähzorn oder aus irgendeiner jener Ursachen entsteht, durch die er sagt, jemand sei angetrieben worden, dies zu tun. Hierbei muß man sowohl durch die Erwähnung von Beispielen derer, die durch ähnlichen Antrieb etwas verübt haben, als auch durch die Zusammenstellung von Ähnlichkeiten und durch die Entfaltung der Affektion des Gemütes selbst dafür sorgen, daß es nicht wunderbar erscheine, wenn ein durch solche Ver-
Hic locus sicut aliquod fundamentum est huius constitutionis. nam nihil factum esse cuiquam pro- batur, nisi aliquid, quare factum sit, ostenditur. ergo accusator, cum inpulsione aliquid factum esse dicet, illum impetum et quandam commotionem animi affectionemque verbis et sententiis amplificare debebit et ostendere, quanta vis sit amoris, quanta animi per- turbatio ex iracundia fiat aut ex aliqua causa earum, qua inpulsum aliquem id fecisse dicet. hic et exem- plorum commemoratione, qui simili inpulsu aliquid commiserint, et similitudinum conlatione et ipsius animi affectionis explicatione curandum est, ut non mirum videatur, si quod ad facinus tali pertur-
wirrung erregtes Gemüt zu irgendeiner Untat herangetreten ist. Wenn er aber sagt, jemand habe nicht durch einen Antrieb, sondern durch Überlegung etwas verübt, so wird er aufzeigen, welchen Vorteil er verfolgt oder welchen Nachteil er geflohen hat, und es vergrößern, soweit er nur kann, damit, soweit das geschehen kann, eine möglichst geeignete Ursache zum Fehlen ihn angetrieben zu haben scheine. Wenn des Ruhmes wegen, wieviel Ruhm er zu erlangen glaubte; ebenso wenn der Herrschaft wegen, wenn des Geldes, wenn der Freundschaft, wenn der Feindschaft wegen, und überhaupt was es auch sein wird, von dem er sagt, es sei die Ursache gewesen, das wird er aufs höchste vergrößern müssen.
batione commotus animus accesserit. Cum autem non inpulsione, verum ratiocinatione aliquem commisisse quid dicet, quid commodi sit secutus aut quid incom- modi fugerit, demonstrabit et id augebit, quam maxime poterit, ut, quod eius fieri possit, idonea quam maxime causa ad peccandum hortata videatur. si gloriae causa, quantam gloriam consecuturam existimarit; item si do- minationis, si pecuniae, si amicitiae, si inimicitiarum, et omnino quicquid erit, quod causae fuisse dicet, id summe augere debebit.
Und dies wird er mit großer Mühe zu erwägen haben, nicht nur, was in Wahrheit gewesen ist, sondern auch, was — und das nachdrücklicher — in der Meinung dessen gewesen ist, den er beschuldigt. Denn es macht nichts aus, daß irgendein Vorteil oder Nachteil nicht gewesen ist oder nicht ist, wenn aufgezeigt werden kann, daß es dem, der beschuldigt wird, so erschienen ist. Denn die Meinung täuscht die Menschen auf zweierlei Weise: wenn entweder eine Sache anders ist, als man glaubt, oder der Ausgang nicht derjenige ist, den sie geglaubt haben. Eine Sache ist dann anders, wenn sie entweder das, was gut ist, für schlecht halten, oder umgekehrt, was schlecht ist, für gut, oder, was weder schlecht noch gut ist, für schlecht oder gut, oder, was schlecht oder gut ist, für weder schlecht noch gut.
et hoc eum magno opere consi- derare oportebit, non quid in veritate modo, verum etiam vehementius, quid in opinione eius, quem arguet, fuerit. nihil enim refert non fuisse aut non esse aliquid commodi aut incommodi, si ostendi potest ei visum esse, qui arguatur. nam opinio dupliciter fallit ho- mines, cum aut res alio modo est, ac putatur, aut non is eventus est, quem arbitrati sunt. res alio modo est tum, cum aut id, quod bonum est, malum putant, aut contra, quod malum est, bonum, aut, quod nec malum est nec bonum, malum aut bonum, aut, quod malum aut bonum est, nec malum nec bonum.
Wenn jemand in diesem Verstande leugnen wird, daß irgendein Geld dem Leben eines Bruders oder eines Freundes oder schließlich der eigenen Pflicht voranstehe oder angenehmer sei, so wird der Ankläger dies nicht zu leugnen haben. Denn auf den wird die Schuld und der höchste Haß übertragen, der das, was so wahr und fromm gesagt wird, leugnet. Vielmehr muß man jenes sagen, jenem sei es nicht so erschienen;
hoc intellectu si qui negabit esse ullam pecuniam fratris aut amici vita aut denique officio suo antiquiorem aut suaviorem, non hoc erit accusatori negandum. nam in eum culpa et summum odium transferetur, qui id, quod tam vere et pie dicetur, negabit. verum illud dicendum est, illi ita non esse visum;
was aus dem zu nehmen sich gehört, was sich auf die Person bezieht, worüber später zu sprechen ist. Der Ausgang aber täuscht dann, wenn es anders geschieht, als die, die beschuldigt werden, geglaubt zu haben gesagt werden: wie wenn jemand gesagt wird, er habe einen anderen getötet, als er gewollt habe, weil er entweder durch Ähnlichkeit oder durch Verdacht oder durch eine falsche Darstellung getäuscht worden sei; oder er habe den getötet, durch dessen Testament er nicht Erbe sei, weil er sich durch jenes Testament für den Erben gehalten habe. Denn man dürfe nicht aus dem Ausgang den Gedanken betrachten, sondern man müsse erwägen, mit welchem Gedanken und welcher Hoffnung das Gemüt zur Untat aufgebrochen sei; mit welchem Gemüte ein jeder etwas tut, nicht welchen Zufall er antrifft, gehöre zur Sache.
quod sumi oportet ex iis, quae ad personam pertinent, de quo post dicendum est. even- tus autem tum fallit, cum aliter accidit, atque ii, qui arguuntur, arbitrati esse dicuntur: ut, si qui dicatur alium occidisse ac voluerit, quod aut similitudine aut suspicione aut demonstratione falsa deceptus sit; aut eum necasse, cuius testamento non sit heres, quod eo testamento se heredem arbitratus sit. non enim ex eventu cogitationem spectari oportere, sed qua cogi- tatione animus et spe ad maleficium profectus sit, con- siderare; quo animo quid quisque faciat, non quo casu utatur, ad rem pertinere.
An diesem Ort aber wird jenes der Hauptpunkt des Anklägers sein, wenn er aufzeigen kann, daß niemand anderem eine Ursache zum Tun gewesen ist; der zweitrangige, wenn niemandem eine so große oder so geeignete. Wenn aber scheinen wird, daß auch anderen eine Ursache zum Tun gewesen ist, so ist aufzuzeigen, daß den anderen entweder die Möglichkeit gefehlt habe oder die Fähigkeit oder der Wille. Die Möglichkeit, wenn gesagt wird, sie hätten es entweder nicht gewußt oder seien nicht zugegen gewesen oder hätten etwas nicht zustande bringen können. Die Fähigkeit, wenn aufgezeigt wird, daß jemandem die Überlegung, die Helfer, die Hilfsmittel und das Übrige, was zur Sache gehört, gefehlt habe. Der Wille, wenn gesagt wird, das Gemüt sei von solchen Taten frei und unberührt gewesen. Schließlich wird der Ankläger die Gründe, die wir dem Angeklagten zur Verteidigung geben werden, dazu mißbrauchen, andere von der Schuld zu befreien. Doch dies ist in Kürze zu tun und vieles in eines zusammenzuführen, damit es nicht scheine, er klage diesen an, um den anderen zu verteidigen, sondern er verteidige den anderen, um diesen anzuklagen.
Hoc autem loco caput illud erit accusatoris, si de- monstrare poterit alii nemini causam fuisse faciendi; secundarium, si tantam aut tam idoneam nemini. sin fuisse aliis quoque causa faciendi videbitur, aut po- testas defuisse aliis demonstranda est aut facultas aut voluntas. potestas, si aut nescisse aut non adfuisse aut conficere aliquid non potuisse dicentur. facultas, si ratio, adiutores, adiumenta ceteraque, quae ad rem pertinebunt, defuisse alicui demonstrabuntur. volun- tas, si animus a talibus factis vacuus et integer esse dicetur. postremo, quas ad defensionem rationes reo dabimus, iis accusator ad alios ex culpa eximendos abutetur. verum id brevi faciendum est et in unum multa sunt conducenda, ut ne alterius defendendi causa hunc accusare, sed huius accusandi causa defendere alterum videatur.
Und dies freilich hat der Ankläger ungefähr bei der Ursache des Tuns zu erwägen: der Verteidiger aber wird im Gegenteil zuerst sagen, es habe entweder gar keinen Antrieb gegeben, oder, wenn er zugesteht, daß einer gewesen sei, wird er ihn abschwächen und aufzeigen, daß er ein gewisser geringer gewesen sei, oder er wird darlegen, daß aus ihm Taten dieser Art nicht zu entstehen pflegen. An welchem Ort aufzuzeigen sein wird, welche Macht und Natur jene Affektion habe, durch die angetrieben der Angeklagte etwas verübt zu haben gesagt wird; wobei sowohl Beispiele als auch Ähnlichkeiten vorzubringen sein werden und die Natur jener Affektion selbst sorgfältig von der mildesten und ruhigsten Seite her zu entfalten ist, damit sowohl die Sache selbst von einer grausamen und stürmischen Tat zu einer gewissen milderen und ruhigeren hinübergeführt werde als auch die Rede gleichwohl dem Gemüte dessen, der zuhören wird, und einem gewissen innersten Empfinden des Gemütes angepaßt werde.
Atque accusatori quidem haec fere sunt in causa faciendi consideranda: defensor autem ex contrario primum inpulsionem aut nullam fuisse dicet aut, si fuisse concedet, extenuabit et parvulam quandam fuisse demonstrabit aut non ex ea solere huiusmodi facta nasci docebit. quo erit in loco demonstrandum, quae vis et natura sit eius affectionis, qua inpulsus aliquid reus commisisse dicetur; in quo et exempla et similitudines erunt proferundae et ipsa diligenter natura eius affectionis quam lenissime quietissima ab parte explicanda, ut et res ipsa a facto crudeli et tur- bulento ad quoddam mitius et tranquillius traducatur et oratio tamen ad animum eius, qui audiet, et ad animi quendam intumum sensum accommodetur.
Die Verdächtigungen der Überlegung aber wird er entkräften, wenn er sagt, es habe entweder gar keinen Vorteil gegeben oder einen geringen oder für andere einen größeren oder für ihn um nichts einen größeren als für andere oder für ihn einen größeren Nachteil als Vorteil, so daß keineswegs die Größe jenes Vorteils, der erstrebt zu sein gesagt wird, mit dem Nachteil, der eingetreten ist, oder mit jener Gefahr, die auf sich genommen wird, zu vergleichen gewesen sei;
ratiocina- tionis autem suspiciones infirmabit, si aut commodum nullum esse aut parvum aut aliis maius esse aut nihilo sibi maius quam aliis aut incommodum sibi maius quam commodum dicet, ut nequaquam fuerit illius commodi, quod expetitum dicatur, magnitudo aut cum eo incom- modo, quod acciderit, aut cum illo periculo, quod subea- tur, comparanda;
welche Fundorte alle auf ähnliche Weise auch bei der Meidung eines Nachteils behandelt werden. Wenn aber der Ankläger gesagt hat, jener habe das verfolgt, was ihm als Vorteil erschienen sei, oder das geflohen, was er für einen Nachteil gehalten habe, so wird, obgleich er in falscher Meinung gewesen sei, dem Verteidiger aufzuzeigen sein, niemand sei von so großer Torheit, daß er in einer solchen Sache die Wahrheit nicht kennen könne. Wenn aber dies zugestanden wird, so werde jenes nicht zugestanden werden: daß er nicht einmal gezweifelt habe, was hierin Rechtens sei, und das, was falsch gewesen sei, ohne jeden Zweifel für wahr gehalten habe; denn wenn er gezweifelt hätte, so sei es höchster Wahnsinn gewesen, durch eine zweifelhafte Hoffnung angetrieben, sich in eine gewisse Gefahr zu begeben.
qui omnes loci similiter in incommodi quoque vitatione tractabuntur. sin accusator dixerit eum id esse secutum, quod ei visum sit commodum, aut id fugisse, quod putarit esse incommodum, quamquam in falsa fuerit opinione, demonstrandum erit defensori neminem tantae esse stultitiae, qui tali in re possit veritatem ignorare. quodsi hoc concedatur, illud non concessum iri: ne dubitasse quidem, quid eius iuris esset, et id, quod falsum fuerit, sine ulla dubitatione pro vero probasse; quia si dubitarit, summae fuisse amentiae dubia spe inpulsum certum in periculum se committere.
Wie aber der Ankläger, wenn er von anderen die Schuld abwälzt, sich der Fundorte des Verteidigers bedienen wird, so wird sich der Angeklagte jener Fundorte bedienen, die dem Ankläger gegeben sind, wenn er die Beschuldigung von sich auf andere übertragen will. Aus der Person aber wird die Vermutung geschöpft, wenn jene Dinge, die den Personen zugewiesen sind, sorgfältig erwogen werden, die wir alle im ersten Buch dargelegt haben. Denn auch aus dem Namen entsteht bisweilen etwas an Verdacht — wenn wir aber Namen sagen, so muß auch der Beiname verstanden werden; denn es handelt sich um die bestimmte und eigene Benennung des Menschen —, wie wenn wir sagen, jemand werde deshalb Caldus genannt, weil er von unbesonnenem und jähem Entschluß sei;
quemadmodum autem accusator, cum ab aliis culpam demovebit, defensoris locis utetur, sic iis locis, qui accusatori dati sunt, utetur reus, cum in alios ab se crimen volet transferre. Ex persona autem coniectura capietur, si eae res, quae personis adtributae sunt, diligenter considera- buntur, quas omnes in primo libro exposuimus. nam et de nomine nonnumquam aliquid suspicionis na- scitur—nomen autem cum dicimus, cognomen quoque intellegatur oportet; de hominis enim certo et proprio vocabulo agitur—, ut si dicamus idcirco aliquem Cal- dum vocari, quod temerario et repentino consilio sit;
oder wenn er deshalb unkundigen griechischen Menschen etwas vorgemacht habe, weil er Clodius oder Caecilius oder Mutius genannt werde. Und auch aus der Natur läßt sich einiges an Verdacht schöpfen. Denn all dies — ob Mann oder Frau, ob dieser oder jener Bürgerschaft, von welchen Vorfahren, von welchen Blutsverwandten, von welchem Alter, von welchem Gemüte, von welchem Körper er sei —, was der Natur zugewiesen ist, wird dazu gehören, irgendeine Vermutung anzustellen. Und auch aus der Lebensweise werden viele Verdächtigungen gezogen, wenn gefragt wird, auf welche Weise und bei welchen und von welchen er aufgezogen und unterrichtet worden sei, und mit welchen er lebe, nach welcher Lebensweise,
aut si ea re hominibus Graecis inperitis verba dederit, quod Clodius aut Caecilius aut Mutius vocaretur. et de natura licet aliquantum ducere suspicionis. omnia enim haec, vir an mulier, huius an illius civitatis sit, quibus sit maioribus, quibus consanguineis, qua aetate, quo animo, quo corpore, quae naturae sunt ad- tributa, ad aliquam coniecturam faciendam pertinebunt. et ex victu multae trahuntur suspiciones, cum, quemad- modum et apud quos et a quibus educatus et eruditus sit, quaeritur, et quibuscum vivat, qua ratione vitae,
nach welcher häuslichen Sitte er lebe. Und auch aus dem Schicksal entsteht oft eine Beweisführung, wenn erwogen wird, ob er Sklave oder Freier, vermögend oder arm, von edler oder niedriger Geburt, glücklich oder unglücklich, ein Privatmann oder in einem Amte sei oder gewesen sei oder sein werde; oder schließlich wenn nach etwas von dem gefragt wird, was als dem Schicksal zugewiesen verstanden wird. Da aber der Zustand in einer gewissen vollendeten und beständigen Vollkommenheit des Gemütes oder des Körpers besteht, zu welcher Gattung die Tugend, das Wissen und das ihnen Entgegengesetzte gehören, so wird die Sache selbst, nachdem der Fall vorgelegt ist, lehren, ob auch dieser Fundort etwas an Verdacht aufzeige. Denn die Rücksicht auf die Affektion freilich pflegt eine deutliche Vermutung vor sich her zu tragen, wie die Liebe, der Jähzorn, der Verdruß, deshalb weil sowohl ihre eigene Macht verstanden wird als auch, welche Sache irgendeiner von diesen folge, leicht zu erkennen ist.
quo more domestico vivat. et ex fortuna saepe argu- mentatio nascitur, cum servus an liber, pecuniosus an pauper, nobilis an ignobilis, felix an infelix, privatus an in potestate sit aut fuerit aut futurus sit, conside- ratur; aut denique aliquid eorum quaeritur, quae for- tunae esse adtributa intelleguntur. habitus autem quon- iam in aliqua perfecta et constanti animi aut corporis absolutione consistit, quo in genere est virtus, scientia et quae contraria sunt, res ipsa causa posita docebit, ecquid hic quoque locus suspicionis ostendat. nam af- fectionis quidem ratio perspicuam solet prae se gerere coniecturam, ut amor, iracundia, molestia, propterea quod et ipsorum vis intellegitur et, quae res harum aliquam rem consequatur, facile est cognitu.
Die Neigung aber, die eine beständige und mit aller Gewalt auf irgendeine Sache gerichtete Beschäftigung mit großer Lust ist — leicht wird daraus jene Beweisführung gezogen werden, welche die Sache selbst im Falle verlangt. Ebenso wird aus dem Entschluß etwas an Verdacht geschöpft; denn der Entschluß ist die ausgedachte Überlegung, etwas zu tun oder nicht zu tun. Sodann die Taten und die Zufälle und die Reden, die alle, wie in den Vorschriften der Bekräftigung gesagt worden ist, in die drei Zeiten eingeteilt sind — leicht wird es sein zu sehen, ob sie etwas zur Bekräftigung der mutmaßenden Vermutung beitragen.
studium autem quod est adsidua et vehementer aliquam ad rem adplicata magna cum voluptate occupatio, facile ex eo ducetur argumentatio ea, quam res ipsa desidera- bit in causa. item ex consilio sumetur aliquid suspi- cionis; nam consilium est aliquid faciendi non facien- dive excogitata ratio. iam facta et casus et orationes, quae sunt omnia, ut in confirmationis praeceptis dic- tum est, in tria tempora distributa, facile erit videre, ecquid afferant ad confirmandam coniecturam suspi- cionis.
Und den Personen freilich sind diese Dinge zugewiesen, aus denen allen, wenn sie an einen Ort zusammengeführt sind, der Ankläger sich zur Schmähung des Menschen bedienen muß. Denn die Ursache der Tat hat zu wenig Festigkeit, wenn nicht das Gemüt dessen, der beschuldigt wird, in jenen Verdacht gebracht wird, daß es vor einer solchen Schuld nicht zurückgeschreckt zu sein scheine. Denn wie es nichts nützt, das Gemüt von jemandem zu tadeln, wenn keine Ursache, weshalb er fehlen sollte, vorhanden war, so ist es wertlos, daß eine Ursache des Fehlens vorhanden ist, wenn das Gemüt keiner minder ehrenhaften Überlegung verbunden gezeigt wird. Deshalb wird der Ankläger das Leben dessen, den er anklagt, aus den früheren Taten tadeln müssen und aufzeigen, ob er bei irgendeinem gleichen früheren Vergehen überführt worden sei; wenn er dies nicht vermag, ob er in einen ähnlichen früheren Verdacht geraten sei, und vor allem, wenn es geschehen kann, in einer ähnlichen Gattung durch eine derartige Ursache bewegt gefehlt habe, sei es in einer ebenso großen Sache oder in einer größeren oder in einer geringeren, wie wenn jemand von dem, von dem er sagt, er sei durch Geld zur Tat verleitet worden, in irgendeiner Sache eine habgierige Tat aufzeigen kann.
Ac personis quidem res hae sunt adtributae, ex qui- bus omnibus unum in locum coactis accusatoris erit inprobatione hominis uti. nam causa facti parum fir- mitudinis habet, nisi animus eius, qui insimulatur, in eam suspicionem adducitur, uti a tali culpa non videa- tur abhorruisse. ut enim animum alicuius inprobare nihil attinet, cum causa, quare peccaret, non intercessit, sic causam peccati intercedere leve est, si animus nulli minus honestae rationi affinis ostenditur. quare vitam eius, quem arguit, ex ante factis accusator inprobare debebit et ostendere, si quo in pari ante peccato con- victus sit; si id non poterit, si quam in similem ante suspicionem venerit, ac maxime, si fieri poterit, simili quo in genere eiusdemmodi causa aliqua commotum peccasse aut in aeque magna re aut in maiore aut in minore, ut si qui, quem pecunia dicat inductum fecisse, possit demonstrare aliqua in re eius aliquod factum avarum.
Ebenso wird es sich in jedem Falle gehören, die Natur oder die Lebensweise oder die Neigung oder das Schicksal oder etwas von dem, was den Personen zugewiesen ist, an jene Ursache zu knüpfen, durch die bewegt er gefehlt zu haben sagen wird, und auch aus einer ungleichen Gattung der Verschuldungen, wenn die Möglichkeit, aus einer gleichen zu schöpfen, nicht vorhanden ist, das Gemüt des Gegners zu tadeln: wenn du anklagst, er habe durch Habgier verleitet die Tat begangen, und du nicht aufzeigen kannst, daß der, den du anklagst, habgierig sei, so magst du lehren, daß er anderen Lastern verbunden sei, und daß es aus diesem Grunde nicht zu verwundern sei, daß, wer in jener Sache schändlich oder begehrlich oder zügellos gewesen ist, auch in dieser Sache gefehlt habe. Denn um wieviel von der Ehrenhaftigkeit und dem Ansehen dessen, der angeklagt wird, abgezogen ist, um ebensoviel ist von der Möglich-
item in omni causa naturam aut victum aut studium aut fortunam aut aliquid eorum, quae personis adtributa sunt, ad eam causam, qua commotum pec- casse dicet, adiungere atque ex dispari quoque genere culparum, si ex pari sumendi facultas non erit, inpro- bare animum adversarii oportebit: si avaritia inductum arguas fecisse et avarum eum, quem accuses, demon- strare non possis, aliis adfinem vitiis esse doceas, et ex ea re non esse mirandum, qui in illa re turpis aut cupidus aut petulans fuerit, hac quoque in re eum deliquisse. quantum enim de honestate et auctoritate eius, qui arguitur, detractum est, tantundem de facul-
keit seiner ganzen Verteidigung verringert. Wenn der Angeklagte keinem zuvor begangenen Laster verbunden aufgezeigt werden kann, so wird jener Fundort eingeführt werden, durch den die Richter zu ermahnen sind, sie sollten meinen, der alte Ruf des Menschen tue nichts zur Sache. Denn jener habe es zuvor verborgen, nun werde er offenkundig ertappt; deshalb gehöre es sich nicht, diese Sache aus dem früheren Leben zu betrachten, sondern das frühere Leben aus dieser Sache zu tadeln, und entweder habe die Möglichkeit, zuvor zu fehlen, gefehlt oder die Ursache; oder, wenn dies nicht gesagt werden kann, so wird jenes Äußerste zu sagen sein, es sei nicht zu verwundern, wenn er nun zum ersten Male gefehlt habe: denn notwendig müsse der, der fehlen wolle, irgendwann zum ersten Male fehlen. Wenn aber das früher geführte Leben unbekannt sein wird, so wird es sich gehören, diesen Fundort zu übergehen und, nachdem aufgezeigt worden ist, weshalb er übergangen wird, die Anklage sogleich durch Beweisgründe zu bekräftigen.
tate eius totius est defensionis deminutum. si nulli affinis poterit vitio reus ante admisso demonstrari, locus inducetur ille, per quem hortandi iudices erunt, ut veterem famam hominis nihil ad rem putent per- tinere. nam eum ante celasse, nunc manifesto teneri; quare non oportere hanc rem ex superiore vita spec- tari, sed superiorem vitam ex hac re inprobari, et aut potestatem ante peccandi non fuisse aut causam; aut, si haec dici non poterunt, dicendum erit illud extremum, non esse mirum, si nunc primum deliquerit: nam necesse esse eum, qui velit peccare, aliquando primum delinquere. sin vita ante acta ignorabitur, hoc loco praeterito et, cur praetereatur, demonstrato argu- mentis accusationem statim confirmare oportebit.
Der Verteidiger aber wird zuerst, wenn er es vermag, das Leben dessen, der beschuldigt wird, als möglichst ehrenhaft aufzeigen müssen. Dies wird er tun, wenn er einige seiner bekannten und gemeinsamen Pflichten aufzeigt; von der Art, die gegenüber den Eltern, Blutsverwandten, Freunden, Verschwägerten, Nahestehenden bestehen; auch das, was seltener und außerordentlicher ist, wenn er sagt, von jenem sei mit großer Mühe oder Gefahr oder beidem, obgleich es nicht nötig war, der Pflicht halber etwas getan worden, sei es für das Gemeinwesen oder für die Eltern oder für irgendwelche von denen, die soeben dargelegt worden sind; schließlich, daß er nichts gefehlt habe, daß er durch keine Begierde gehindert von der Pflicht abgewichen sei. Was um so bekräftigter sein wird, wenn, während gesagt wird, es habe die Möglichkeit bestanden, etwas straflos minder ehrenhaft zu tun, der Wille als vom Tun abwesend aufgezeigt
Defensor autem primum, si poterit, debebit vitam eius, qui insimulabitur, quam honestissimam demon- strare. id faciet, si ostendet aliqua eius nota et com- munia officia; quod genus in parentes, cognatos, ami- cos, affines, necessarios; etiam quae magis rara et eximia sunt, si ab eo cum magno aliquid labore aut periculo aut utraque re, cum necesse non esset, officii causa aut in rem publicam aut in parentes aut in aliquos eorum, qui modo expositi sunt, factum esse dicet; denique si nihil deliquisse, nulla cupiditate in- peditum ab officio recessisse. quod eo confirmatius erit, si, cum potestas inpune aliquid faciendi minus honeste fuisse dicetur, voluntas a faciendo demon-
werden wird. Diese Gattung selbst aber wird um so fester sein, wenn in ebenderselben Gattung, deren er beschuldigt wird, er zuvor unbescholten gewesen aufgezeigt wird: wie wenn, während er angeklagt wird, der Habgier halber gehandelt zu haben, gelehrt wird, er sei im ganzen Leben keineswegs nach Geld begehrlich gewesen. Hier wird mit großer Würde jene Empörung eingeführt, der Wehklage verbunden, durch die aufgezeigt wird, es sei eine erbärmliche und unwürdige Tat; daß man, da sein Gemüt im Leben am allerweitesten von den Lastern entfernt gewesen sei, glaube, jene Ursache, die kühne Menschen in den Betrug zu reißen pflegt, habe auch den lautersten Menschen zum Fehlen treiben können; oder: es sei ungerecht und für jeden Besten höchst verderblich, daß nicht ein ehrenhaft geführtes Leben in einem solchen Augenblick am meisten nütze, sondern daß man aus einer plötzlichen Beschuldigung, die, wie falsch auch immer, erdichtet werden kann, nicht aus dem früher geführten Leben, das weder für den Augenblick erdichtet noch auf irgendeine Weise verändert werden kann, das Urteil fälle.
strabitur afuisse. hoc autem ipsum genus erit eo firmius, si eo ipso in genere, quo arguetur, integer ante fuisse demonstrabitur: ut si, cum avaritiae causa fecisse arguatur, minime omni in vita pecuniae cupi- dus fuisse doceatur. hic illa magna cum gravitate inducetur indignatio, iuncta conquestioni, per quam miserum facinus esse et indignum demonstrabitur; ut, cum animus in vita fuerit omni a vitiis remotissimus, eam causam putare, quae homines audaces in fraudem rapere soleat, castissimum quoque hominem ad pec- candum potuisse inpellere; aut: iniquum esse et op- timo cuique perniciosissimum non vitam honeste actam tali in tempore quam plurimum prodesse, sed subita ex criminatione, quae confingi quamvis false possit, non ex ante acta vita, quae neque ad tempus fingi neque ullo modo mutari possit, facere iudicium.
Wenn aber im früher geführten Leben einige Schändlichkeiten sein werden: so wird gesagt werden, er sei fälschlich in jenen Ruf geraten aus dem Neid oder der Mißgunst oder der falschen Meinung einiger; oder sie werden der Unklugheit, der Notlage, der Überredung, der Jugend oder irgendeiner nicht bösartigen Affektion des Gemütes zugeschrieben; oder einer unähnlichen Gattung der Laster, so daß das Gemüt nicht gänzlich unbescholten, aber von einer solchen Schuld entfernt zu sein scheine. Wenn aber auf keine Weise die Schändlichkeit oder der üble Ruf des Lebens durch die Rede gemildert werden kann, so wird es sich gehören zu leugnen, daß nach seinem Leben und nach seinen Sitten gefragt werde, sondern nach jener Beschuldigung, deren er angeklagt werde; deshalb gehöre es sich, die früheren Taten beiseite zu lassen und das zu behandeln, was anliegt.
sin autem in ante acta vita aliquae turpitudines erunt: aut falso venisse in eam existimationem dicetur ex aliquorum invidia aut obtrectatione aut falsa opi- nione; aut inprudentiae, necessitudini, persuasioni, adulescentiae aut alicui non malitiosae animi af- fectioni attribuentur; aut dissimili in genere vitio- rum, ut animus non omnino integer, sed ab tali culpa remotus esse videatur. at si nullo modo vitae turpitudo aut infamia leniri poterit oratione, negare oportebit de vita eius et de moribus quaeri, sed de eo crimine, quo de arguatur; quare ante factis omissis illud, quod instet, id agi oportere.
Aus der Tat selbst aber werden Verdächtigungen gezogen werden, wenn die Ausführung des ganzen Geschäftes aus allen Teilen durchgeprüft wird; und diese Verdächtigungen werden teils aus dem Geschäft gesondert, teils gemeinsam aus den Personen und aus dem Geschäft hervorgehen. Aus dem Geschäft werden sie gezogen werden können, wenn wir jene Dinge, die den Geschäften zugewiesen sind, sorgfältig erwägen. Aus diesen also scheinen in diesen Streitstand alle ihre Gattungen zu passen, von den Teilen der Gattun-
Ex facto autem ipso suspiciones ducentur, si to- tius administratio negotii ex omnibus partibus per- temptabitur; atque eae suspiciones partim ex negotio separatim, partim communiter ex personis atque ex negotio proficiscentur. ex negotio duci poterunt, si eas res, quae negotiis adtributae sunt, diligenter con- siderabimus. ex iis igitur in hanc constitutionem convenire videntur genera earum omnia, partes gene-
gen die meisten. Zuerst also wird es sich gehören zu sehen, welche Dinge mit dem Geschäft selbst zusammenhängen, das heißt, welche von der Sache nicht getrennt werden können. An diesem Ort wird es genügen, sorgfältig erwogen zu haben, was vor der Sache geschehen ist, woraus die Hoffnung auf die Vollendung geboren und die Möglichkeit zum Tun gesucht zu sein scheint; was bei der Sache selbst, während sie ausgeführt wurde, was danach gefolgt ist. Sodann ist die Ausführung des Geschäftes selbst zu behandeln. Denn diese Gattung jener Dinge, die dem Geschäft zugewiesen sind, ist uns an zweiter Stelle dargelegt worden.
rum pleraeque. Videre igitur primum oportebit, quae sint continentia cum ipso negotio, hoc est, quae ab re separari non possint. quo in loco satis erit dili- genter considerasse, quid sit ante rem factum, ex quo spes perficiundi nata et faciundi facultas quaesita vi- deatur; quid in ipsa re gerenda, quid postea conse- cutum sit. Deinde ipsius est negotii gestio pertrac- tanda. nam hoc genus earum rerum, quae negotio sunt adtributae, secundo in loco nobis est expositum.
In dieser Gattung also wird betrachtet werden der Ort, die Zeit, die Gelegenheit, die Möglichkeit; deren jedes einzelnen Kraft in den Vorschriften der Bekräftigung sorgfältig entfaltet worden ist. Deshalb werden wir, damit wir nicht entweder hier nicht ermahnt zu haben oder dasselbe zweimal gesagt zu haben scheinen, kurz andeuten, was in jedem Teile zu erwägen sich gehört. Beim Ort also ist die Günstigkeit, bei der Zeit die Dauer, bei der Gelegenheit die zum Tun geeignete Bequemlichkeit, bei der Möglichkeit der Vorrat und die Verfügung über jene Dinge, um derentwillen etwas leichter geschieht oder ohne die es überhaupt nicht vollbracht werden kann, zu erwägen.
hoc ergo in genere spectabitur locus, tempus, occasio, facultas; quorum unius cuiusque vis diligenter in con- firmationis praeceptis explicata est. quare, ne aut hic non admonuisse aut ne eadem iterum dixisse videamur, breviter iniciemus, quid quaque in parte considerari oporteat. in loco igitur opportunitas, in tempore longinquitas, in occasione commoditas ad faciendum idonea, in facultate copia et potestas earum rerum, propter quas aliquid facilius fit aut quibus sine omnino confici non potest, consideranda est.
Sodann ist zu sehen, was dem Geschäft beigefügt ist, das heißt, was Größeres, was Geringeres, was ebenso Großes, was Ähnliches ist; aus welchen eine gewisse Vermutung gezogen wird, wenn sorgfältig erwogen wird, auf welche Weise größere, geringere, ebenso große, ähnliche Sachen behandelt zu werden pflegen. In dieser Gattung wird auch der Ausgang zu sehen sein, das heißt, was aus jeder einzelnen Sache zu folgen pflegt, ist mit großer Mühe zu erwägen, wie die Furcht, die Freude, das Schwanken, die Kühnheit.
De- inde videndum est, quid adiunctum sit negotio, hoc est, quid maius, quid minus, quid aeque magnum sit, quid simile; ex quibus coniectura quaedam ducitur, si, quemadmodum res maiores, minores, aeque magnae, similes agi soleant, diligenter considerabitur. quo in genere eventus quoque videndus erit, hoc est, quid ex quaque re soleat evenire, magno opere consi- derandum est, ut metus, laetitia, titubatio, audacia.
Der vierte Teil aber von jenen Dingen, die wir den Geschäften zugewiesen nannten, war die Folge. In ihr wird nach dem gefragt, was dem ausgeführten Geschäft unmittelbar oder nach einem Zwischenraum folgt. Hierbei werden wir sehen, ob es irgendeine Gewohnheit, ob irgendein Gesetz, ob irgendeine Abmachung, ob irgendeine Kunstfertigkeit oder Übung oder Ausübung jener Sache, ob eine Billigung oder ein Anstoß der Menschen gebe; aus welchen bisweilen etwas an Verdacht herausgelockt wird. Es gibt aber andere Verdächtigungen, die gemeinsam sowohl aus den Zuweisungen der Geschäfte als auch der Personen geschöpft werden. Denn sowohl aus dem Schicksal als auch aus der Natur und aus der Lebensweise, der Neigung, den Taten, dem Zufall, den Reden, dem Entschluß und aus dem Zustand des Gemütes oder des Körpers bezieht sich das meiste auf dieselben Dinge, die eine Sache glaublich oder unglaublich machen kön-
Quarta autem pars rebus erat ex iis, quas negotiis di- cebamus esse adtributas, consecutio. in ea quaeruntur ea, quae gestum negotium confestim aut intervallo con- sequuntur. in quo videbimus, ecqua consuetudo sit, ecqua lex, ecqua pactio, ecquod eius rei artificium aut usus aut exercitatio, hominum aut adprobatio aut offensio; ex quibus nonnumquam elicitur aliquid suspicionis. Sunt autem aliae suspiciones, quae communiter et ex negotiorum et ex personarum adtributionibus su- muntur. nam et ex fortuna et ex natura et ex victu, studio, factis, casu, orationibus, consilio et ex habitu animi aut corporis pleraque pertinent ad easdem res, quae rem credibilem aut incredibilem facere pos-
nen und mit dem Verdacht der Tat verbunden werden. Denn am meisten gehört es sich, in diesem Streitstand zu fragen, erstens: ob etwas geschehen konnte; sodann: ob es von irgendeinem anderen geschehen konnte; sodann nach der Möglichkeit, von der wir zuvor gesprochen haben; sodann: ob es eine Tat sei, die zu bereuen notwendig gewesen wäre, die keine Hoffnung auf Verbergung hatte; sodann wird nach der Notlage gefragt, in der es notwendig gewesen wäre, daß es entweder geschehe oder so geschehe. Von diesen Dingen bezieht sich ein Teil auf den Entschluß, der den Personen zugewiesen ist, wie in jenem Falle, den wir dargelegt haben: vor der Sache, daß er sich auf der Reise so vertraut angeschlossen, daß er einen Anlaß zum Gespräch gesucht, daß er zugleich eingekehrt, sodann gespeist habe. Bei der Sache die Nacht, der Schlaf. Nach der Sache, daß er allein hinausgegangen, daß er jenen so vertrauten so gleichmütig zurückge-
sunt et cum facti suspicione iunguntur. maxime enim quaerere oportet in hac constitutione, primum po- tueritne aliquid fieri; deinde ecquo ab alio potuerit; deinde facultas, de qua ante diximus; deinde utrum id facinus sit, quod paenitere fuerit necesse, quod spem celandi non haberet; deinde necessitudo, in qua necesse fuerit id aut fieri aut ita fieri, quaeritur. quorum pars ad consilium pertinet, quod personis adtributum est, ut in ea causa, quam exposuimus: ante rem, quod in itinere se tam familiariter adplicaverit, quod sermonis causam quaesierit, quod simul deverterit, deinde cena- rit. in re nox, somnus. post rem, quod solus exierit, quod illum tam familiarem tam aequo animo reli-
lassen, daß er ein blutiges Schwert gehabt habe. Hinwiederum: ob es scheine, daß sorgfältig eine Überlegung zum Tun angestellt und ausgedacht worden sei, oder so unbesonnen, daß es nicht wahrscheinlich ist, irgendjemand sei so unbesonnen an die Übeltat herangetreten. Hierbei wird gefragt, ob es nicht auf irgendeine andere Weise bequemer hätte geschehen oder vom Zufall hätte besorgt werden können. Denn oft, wenn das Geld, die Hilfsmittel, die Helfer fehlen, scheint die Möglichkeit zum Tun nicht bestanden zu haben. Auf diese Weise, wenn wir sorgfältig achtgeben, erkennen wir, daß diese Dinge, die den Geschäften, und jene, die den Personen zugewiesen sind, untereinander zueinander passen. Hier ist es nicht leicht und nicht notwendig zu unterscheiden, wie in den vorhergehenden Teilen, auf welche Weise der Ankläger und auf welche Weise der Verteidiger jedes einzelne zu behandeln habe. Es ist nicht notwendig, deshalb weil, wenn der Fall vorgelegt ist, die Sache selbst jenen, die nicht meinen werden, sie würden hier alles finden, lehren wird, was zu jedem einzelnen paßt,
querit, quod cruentum gladium habuerit. rursum, utrum videatur diligenter ratio faciendi esse habita et excogitata, an ita temere, ut non veri simile sit quem- quam tam temere ad maleficium accessisse. in quo quaeritur, num quo alio modo commodius potuerit fieri vel a fortuna administrari. nam saepe, si pecuniae, adiumenta, adiutores desint, facultas fuisse faciundi non videtur. hoc modo si diligenter attendamus, apta inter se esse intellegimus haec, quae negotiis, et illa, quae personis sunt adtributa. Hic non facile est neque necessarium est distinguere, ut in superioribus partibus, quo pacto quicque accu- satorem et quomodo defensorem tractare oporteat. non est necessarium, propterea quod causa posita, quid in quamque conveniat, res ipsa docebit eos, qui non omnia hic se inventuros putabunt,
wenn sie nur einen gewissen mittleren Verstand zum Gemeinsamen beitragen; nicht leicht aber, weil es sowohl unendlich ist, über so viele Dinge nach beiden Seiten einzeln jedes einzelne zu entfalten, als auch diese Dinge bald so, bald anders nach beiden Seiten des Falles zu passen pflegen. Deshalb wird es sich gehören, diese Dinge, die wir dargelegt haben, zu erwägen. Leichter aber wird das Gemüt auf die Erfindung verfallen, wenn es die Erzählung des ausgeführten Geschäftes, sowohl die eigene als auch die des Gegners, oft und sorgfältig durchgeht und, was jeder Teil an Verdacht haben wird, herauslockend erwägt, weshalb, mit welchem Entschluß, mit welcher Hoffnung auf Vollendung jedes einzelne getan worden sei; weshalb auf diese Weise eher als auf jene; weshalb von diesem eher als von jenem; weshalb mit keinem Helfer oder weshalb mit diesem; weshalb niemand Mitwisser sei oder weshalb es einer sei oder weshalb dieser; weshalb dies zuvor getan worden sei; weshalb dies zuvor nicht getan worden sei; weshalb dies bei der Sache selbst, weshalb dies nach der Sache, ob es absichtlich geschehen oder der Sache selbst gefolgt sei; ob die Rede in sich stimmig sei, sei es mit der Sache oder mit sich selbst; ob dies ein Zeichen dieser oder jener Sache sei, oder sowohl dieser als auch jener und eher welcher von beiden; was geschehen sei, was sich nicht gehört hätte, oder nicht geschehen, was sich gehört hätte.
si modo quandam in commune mediocrem intellegentiam conferent; non facile autem, quod et infinitum est tot de rebus utram- que in partem singillatim de una quaque explicare et alias aliter haec in utramque partem causae solent convenire. quare considerare haec, quae exposuimus, oportebit. facilius autem ad inventionem animus in- cidet, si gesti negotii et suam et adversarii narrationem saepe et diligenter pertractabit et, quod quaeque pars suspicionis habebit, eliciens considerabit, quare, quo consilio, qua spe perficiundi quicque factum sit; hoc cur modo potius quam illo; cur ab hoc potius quam ab illo; cur nullo adiutore aut cur hoc; cur nemo sit conscius aut cur sit aut cur hic sit; cur hoc ante fac- tum sit; cur hoc ante factum non sit; cur hoc in ipso negotio, cur hoc post negotium, an factum de industria an rem ipsam consecutum sit; constetne oratio aut cum re aut ipsa secum; hoc huiusne rei sit signum an illius, an et huius et illius et utrius potius; quid fac- tum sit, quod non oportuerit, aut non factum, quod oportuerit.
Wenn das Gemüt mit dieser Anspannung alle Teile des ganzen Geschäftes erwägen wird, dann werden jene selben in die Mitte zusammengehäuften Fundorte hervortreten, von denen zuvor gesprochen worden ist; und teils aus den einzelnen, teils aus den verbundenen werden sichere Beweisgründe entstehen, von welchen Beweisgründen ein Teil sich in der wahrscheinlichen, ein Teil in der notwendigen Gattung bewegen wird. Es treten aber oft zur Vermutung Verhöre, Zeugnisse, Gerüchte hinzu, die ein jeder von beiden gegen alle auf ähnlichem Wege der Vorschriften zum Vorteil seines Falles zu beugen haben wird. Denn sowohl aus dem Verhör als auch aus dem Zeugnis und aus irgendeinem Gerücht wird es sich gehören, auf gleiche Weise Verdächtigungen zu ziehen, wie aus der Ursache und aus der Person und aus der Tat.
cum animus hac intentione omnes totius negotii partes considerabit, tum illi ipsi in medium coacervati loci procedent, de quibus ante dictum est; et tum ex singulis, tum ex coniunctis argumenta certa nascentur, quorum argumentorum pars probabili, pars necessario in genere versabitur. accedunt autem saepe ad coniecturam quaestiones, testimonia, rumores, quae contra omnia uterque simili via praeceptorum torquere ad suae causae commodum debebit. nam et ex quae- stione suspiciones et ex testimonio et ex rumore aliquo pari ratione ut ex causa et ex persona et ex facto duci oportebit.
Deshalb scheinen uns sowohl jene zu irren, die diese Gattung der Verdächtigungen der Kunstfertigkeit nicht zu bedürfen meinen, als auch jene, die über diese Gattung anders zu unterweisen meinen als über jede Vermutung. Denn jede Vermutung ist aus denselben Fundorten zu schöpfen. Denn sowohl die Ursache und die Wahrheit dessen, der im Verhör etwas gesagt hat, als auch dessen, der im Zeugnis, als auch des Gerüchtes selbst wird aus denselben Zuweisungen gefunden werden. In jedem Falle aber ist ein Teil der Beweisgründe einzig jenem Falle beigefügt, der verhandelt wird, und so aus ihm gezogen, daß er von ihm gesondert auf alle Fälle derselben Gattung nicht hinreichend bequem übertragen werden kann; ein Teil aber ist verbreiteter und entweder auf alle Fälle derselben Gattung oder auf die meisten anwendbar.
Quare nobis et ii videntur errare, qui hoc genus suspicionum artificii non putant indigere, et ii, qui aliter hoc de genere ac de omni coniectura praeci- piundum putant. omnis enim iisdem ex locis con- iectura sumenda est. nam et eius, qui in quaestione aliquid dixerit, et eius, qui in testimonio, et ipsius rumoris causa et veritas ex iisdem adtributionibus re- perietur. Omni autem in causa pars argumentorum est ad- iuncta ei causae solum, quae dicitur, et ex ipsa ita ducta, ut ab ea separatim in omnes eiusdem generis causas transferri non satis commode possit; pars au- tem est pervagatior et aut in omnes eiusdem generis aut in plerasque causas adcommodata.
Diese Beweisgründe also, die auf viele Fälle übertragen werden können, nennen wir Gemeinplätze. Denn ein Gemeinplatz enthält entweder eine gewisse Vergrößerung einer bestimmten Sache, wie wenn jemand dies aufzeigen will, daß der, der einen Elternteil getötet hat, der höchsten Strafe würdig sei; welcher Fundort nicht zu gebrauchen ist, außer wenn der Fall durchgesprochen und bewiesen ist; oder einer zweifelhaften Sache, die auch vom Gegenteil her wahrscheinliche Gründe des Beweisens habe, wie: es gehöre sich, Verdächtigungen zu glauben, und umgekehrt: es gehöre sich nicht, Verdächtigungen zu glauben. Und ein Teil der Gemeinplätze wird durch die Empörung oder durch die Wehklage eingeführt, von denen zuvor gesprochen worden ist, ein Teil durch irgendeinen von beiden Seiten her wahrscheinlichen Grund.
haec ergo argumenta, quae transferri in multas causas possunt, locos communes nominamus. nam locus communis aut certae rei quandam continet amplificationem, ut si quis hoc velit ostendere, eum, qui parentem ne- carit, maximo supplicio esse dignum; quo loco nisi perorata et probata causa non est utendum; aut dubiae, quae ex contrario quoque habeat probabiles rationes argumentandi, ut suspicionibus credi oportere, et contra, suspicionibus credi non oportere. ac pars locorum communium per indignationem aut per con- questionem inducitur, de quibus ante dictum est, pars per aliquam probabilem utraque ex parte rationem.
Die Rede aber wird am meisten unterschieden und erhellt dadurch, daß Gemeinplätze selten eingeführt werden und an irgendeinem Ort, nachdem jene Beweisgründe bei den Zuhörern bereits sicherer gemacht worden sind. Denn es wird dann zugestanden, etwas Gemeinsames zu sagen, wenn irgendein dem Falle eigentümlicher Fundort sorgfältig behandelt worden ist und das Gemüt des Zuhörers entweder für das, was übrigbleibt, erneuert oder, nachdem nun alles gesagt ist, aufgeweckt wird. Aller Schmuck des Ausdrucks aber, in dem sowohl an Lieblichkeit als auch an Würde das meiste besteht, und alles, was bei der Erfindung der Sachen und der Gedanken etwas an Würde
distinguitur autem oratio atque inlustratur maxime raro inducendis locis communibus et aliquo loco iam certioribus illis auditoribus argumentis confirmato. nam et tum conceditur commune quiddam dicere, cum diligenter aliqui proprius causae locus tractatus est et auditoris animus aut renovatur ad ea, quae restant, aut omnibus iam dictis exsuscitatur. omnia autem ornamenta elocutionis, in quibus et suavitatis et gravitatis plurimum consistit, et omnia, quae in in- ventione rerum et sententiarum aliquid habent digni-
hat, wird in die Gemeinplätze hineingelegt. Deshalb sind, nicht wie der Fälle, so auch der Redner — vieler — die Gemeinplätze gemeinsam. Denn außer von jenen, die in vieler Übung sich einen großen Vorrat an Worten und Gedanken erworben haben, werden sie nicht geschmückt und würdig behandelt werden können, so wie ihre Natur es selbst verlangt. Und dies sei uns gemeinsam über jede Gattung der Gemeinplätze gesagt; nun werden wir darlegen, welche Gemeinplätze in den mutmaßenden Streitstand zu fallen pflegen: es gehöre sich, Verdächtigungen zu glauben, und es gehöre sich nicht; es gehöre sich, Gerüchten zu glauben, und es gehöre sich nicht; es gehöre sich, Zeugen zu glauben, und es gehöre sich nicht; es gehöre sich, Verhören zu glauben, und es gehöre sich nicht; es gehöre sich, das früher geführte Leben zu betrachten, und es gehöre sich nicht; es sei desselben, der in jener Sache gefehlt habe, auch dies begangen zu haben, und es sei nicht desselben; es gehöre sich, am meisten die Ursache zu betrachten, und es gehöre sich nicht. Und diese und wenn irgendwelche derartigen Gemeinplätze aus dem eigentümlichen Beweisgrund ent-
tatis, in communes locos conferuntur. quare non, ut causarum, sic oratorum quoque multorum communes loci sunt. nam nisi ab iis, qui multa in exercitatione magnam sibi verborum et sententiarum copiam con- paraverint, tractari non poterunt ornate et graviter, quemadmodum natura ipsorum desiderat. Atque hoc sit nobis dictum communiter de omni genere locorum communium; nunc exponemus, in coniecturalem constitutionem qui loci communes in- cidere soleant: suspicionibus credi oportere et non oportere; rumoribus credi oportere et non oportere; testibus credi oportere et non oportere; quaestionibus credi oportere et non oportere; vitam ante actam spectari oportere et non oportere; eiusdem esse, qui in illa re peccarit, et hoc quoque admisisse et non esse eiusdem; causam maxime spectari causam oportere et non oportere. atque hi quidem et si qui eiusmodi ex proprio argumento communes loci na-
stehen, werden in entgegengesetzte Teile auseinandergeführt. Es gibt aber einen bestimmten Fundort des Anklägers, durch den er die Greuelhaftigkeit der Tat vergrößert, und einen anderen, durch den er leugnet, daß es sich gehöre, sich der Bösen zu erbarmen; des Verteidigers einen, durch den die Schikane der Ankläger mit Empörung aufgezeigt wird, und einen, durch den mit Wehklage das Erbarmen erstrebt wird. Diese und alle übrigen Gemeinplätze werden aus denselben Vorschriften geschöpft, aus denen die übrigen Beweisführungen; doch jene werden feiner und subtiler und schärfer behandelt, diese aber gewichtiger und geschmückter und mit ebenso vortrefflichen Worten wie Gedanken. Denn bei jenen ist das Ziel, daß das, was gesagt wird, wahr zu sein scheine, bei diesen, obgleich auch dies scheinen muß, ist gleichwohl das Ziel die Erhabenheit. Nun wollen wir zu einem anderen Streitstand übergehen.
scentur, in contrarias partes diducuntur. certus autem locus est accusatoris, per quem auget facti atrocitatem, et alter, per quem negat malorum misereri oportere: defensoris, per quem calumnia accusatorum cum in- dignatione ostenditur et per quem cum conquestione misericordia captatur. hi et ceteri loci omnes com- munes ex iisdem praeceptis sumuntur, quibus ceterae argumentationes; sed illae tenuius et subtilius et acu- tius tractantur, hi autem gravius et ornatius et cum verbis tum etiam sententiis excellentibus. in illis enim finis est, ut id, quod dicitur, verum esse videatur, in his, tametsi hoc quoque videri oportet, tamen finis est amplitudo. Nunc ad aliam constitutionem transeamus.
Wenn es ein Streit um den Namen ist, so wird, weil die Bedeutung des Wortes mit Worten zu bestimmen ist, der Streitstand der bestimmende (constitutio definitiva) genannt. Als Beispiel dieser Gattung sei uns dieser Fall vorgelegt: C. Flaminius, jener, der als Konsul im zweiten Punischen Kriege die Sache schlecht führte, brachte, als er Volkstribun war, gegen den Willen des Senates und überhaupt wider den Willen aller Optimaten durch einen Aufruhr beim Volke ein Ackergesetz ein. Diesen führte sein eigener Vater, während er eine Versammlung der Plebs abhielt, von der Rednerbühne hinab; er wird der Hochverletzung angeklagt. Die Behauptung ist: Du hast die Hoheit verletzt, weil du einen Volkstribunen von der Rednerbühne hinabgeführt hast. Die Abwehr ist: Ich habe die Hoheit nicht verletzt. Die Frage ist: Hat er die Hoheit verletzt? Der Grund: Die Gewalt nämlich, die ich über meinen Sohn hatte, die habe ich gebraucht. Die Entkräftung des Grundes: Aber wer durch die väterliche Gewalt, das heißt durch eine gewisse private, die tribunizische Gewalt, das heißt die Gewalt des Volkes, schwächt, der verletzt die Hoheit. Die Beurteilung ist: Verletzt der die Hoheit, der gegen die tribunizische Gewalt die väterliche Gewalt gebraucht? Auf diese Beurteilung wird es sich gehören, alle Beweisführungen zu beziehen.
Cum est nominis controversia, quia vis vocabuli definienda verbis est, constitutio definitiva dicitur. eius generis exemplo nobis posita sit haec causa: C. Flaminius, is qui consul rem male gessit bello Punico secundo, cum tribunus plebis esset, invito senatu et omnino contra voluntatem omnium opti- matium per seditionem ad populum legem agrariam ferebat. hunc pater suus concilium plebis habentem de templo deduxit; arcessitur maiestatis. intentio est: maiestatem minuisti, quod tribunum plebis de templo deduxisti. depulsio est: non minui maiestatem. quaestio est: maiestatemne minuerit? ratio: in filium enim quam habebam potestatem, ea sum usus. rationis infirmatio: at enim, qui patria potestate, hoc est pri- vata quadam, tribuniciam potestatem, hoc est populi potestatem, infirmat, minuit is maiestatem. iudicatio est: minuatne is maiestatem, qui in tribuniciam po- testatem patria potestate utatur? ad hanc iudicationem argumentationes omnes afferre oportebit.
Und damit nicht etwa jemand meine, wir verstünden nicht, daß auch ein anderer Streitstand in diesen Fall hineinfalle, nehmen wir nur jenen Teil, für den uns Vorschriften zu geben sind. Wenn aber alle Teile in diesem Buche entfaltet sind, wird jeder beliebige in jedem Falle, wenn er sorgfältig achtgibt, alle Streitstände und ihre Teile und Streitsachen sehen, wenn etwa welche in sie hineinfallen; denn wir werden über alle Vorschriften geben. Der erste Fundort des Anklägers ist also eine kurze und klare und aus der Meinung der Menschen genommene Bestimmung jenes Namens, nach dessen Bedeutung gefragt wird, auf diese Weise: Die Hoheit verletzen heißt, von der Würde oder der Erhabenheit oder der Gewalt des Volkes oder derer, denen das Volk die Gewalt gegeben hat, etwas abzuziehen. Dies so kurz Dargelegte ist mit mehr Worten und Gründen zu bekräftigen und aufzuzeigen, daß es so sei, wie du es beschrieben hast. Danach wird es sich gehören, an das, was du bestimmt hast, die Tat dessen, der angeklagt wird, anzuknüpfen und aus dem, was du, beispielshalber, aufgezeigt hast, daß es die Hoheit verletzen heiße, zu lehren, der Gegner habe die Hoheit verletzt, und diesen ganzen Fundort durch einen Gemeinplatz zu bekräftigen, durch den die Greuelhaftigkeit oder Unwürdigkeit oder überhaupt die Schuld der Tat selbst mit Empörung vergrößert werde.
Ac ne qui forte arbitretur nos non intellegere aliam quoque incidere constitutionem in hanc causam, eam nos partem solam sumimus, in quam praecepta nobis danda sunt. omnibus autem partibus hoc in libro explicatis quivis omni in causa, si diligenter adtendet, omnes videbit constitutiones et earum partes et contro- versias, si quae forte in eas incident; nam de omnibus praescribemus. Primus ergo accusatoris locus est eius nominis, cuius de vi quaeritur, brevis et aperta et ex opinione hominum definitio, hoc modo: Maiestatem minuere est de dignitate aut amplitudine aut potestate populi aut eorum, quibus populus potestatem dedit, aliquid derogare. hoc sic breviter expositum pluribus verbis est et rationibus confirmandum et ita esse, ut descrip- seris, ostendendum. postea ad id, quod definieris, factum eius, qui accusabitur, adiungere oportebit et ex eo, quod ostenderis esse, verbi causa maiestatem minuere, docere adversarium maiestatem minuisse et hunc totum locum communi loco confirmare, per quem ipsius facti atrocitas aut indignitas aut omnino culpa cum indignatione augeatur.
Danach ist die Beschreibung der Gegner zu entkräften. Sie aber wird entkräftet werden, wenn sie als falsch aufgezeigt wird. Dies wird aus der Meinung der Menschen geschöpft, wenn erwogen wird, auf welche Weise und in welchen Sachen die Menschen jenes Wort im Brauch des Schreibens oder des Redens zu gebrauchen pflegen. Ebenso wird sie entkräftet, wenn aufgezeigt wird, daß die Billigung jener Beschreibung schändlich oder unnütz sei, und wenn aufgezeigt wird, welche Nachteile, wenn jenes zugestanden würde, folgen würden — dies aber wird aus den Teilen der Ehrenhaftigkeit und der Nützlichkeit geschöpft, über die wir in den Vorschriften der Beratung darlegen werden — und wenn wir mit unserer Bestimmung die Bestimmung der Gegner vergleichen und aufzeigen, daß unsere wahr, ehrenhaft und nützlich sei, die jenigen der Gegner das Gegen-
post erit infirmanda ad- versariorum descriptio. ea autem infirmabitur, si falsa demonstrabitur. hoc ex opinione hominum sumetur, cum, quemadmodum et quibus in rebus homines in consuetudine scribendi aut sermocinandi eo verbo uti soleant, considerabitur. item infirmabitur, si turpis aut inutilis esse ostenditur eius descriptionis adprobatio et, quae incommoda consecutura sint eo concesso, ostendetur—id autem ex honestatis et ex utilitatis partibus sumetur, de quibus in deliberationis praecep- tis exponemus—et si cum definitione nostra adver- sariorum definitionem conferemus et nostram veram, honestam, utilem esse demonstrabimus, illorum con-
teil. Wir werden aber Sachen suchen, die in einem größeren oder geringeren oder gleichen Geschäft ähnlich sind, aus denen unsere Beschreibung bekräftigt werde. Wenn nun mehrere Sachen zu bestimmen sein werden: wie, wenn gefragt wird, ob der ein Dieb oder ein Tempelräuber sei, der heilige Gefäße aus einem Privathaus entwendet hat, so wird man mehrere Bestimmungen gebrauchen müssen; sodann ist der Fall auf ähnliche Weise zu behandeln. Der Gemeinplatz aber richtet sich gegen die Bosheit dessen, der nicht nur über die Sachen, sondern auch über die Worte sich die Verfügung anzumaßen versucht und sowohl tut, was er will, als auch das, was er getan hat, mit welchem Namen er will, benennt. Sodann ist der erste Fundort des Verteidigers ebenfalls eine kurze und klare und aus der Meinung der Menschen genommene Beschreibung des Namens, auf diese Weise: Die Hoheit verletzen heißt, etwas am Gemeinwesen zu verwalten, während man keine Gewalt hat. Sodann die Bekräftigung dieser durch Ähnliches und Beispiele und Gründe; danach die Abtrennung der eigenen Tat von jener Bestimmung.
tra. quaeremus autem res aut maiore aut minore aut pari in negotio similes, ex quibus affirmetur nostra descriptio. iam si res plures erunt definiendae: ut, si quaeratur, fur sit an sacrilegus, qui vasa ex privato sacra subripuerit, erit utendum pluribus definitionibus; deinde simili ratione causa tractanda. Locus autem communis in eius malitiam, qui non modo rerum, verum etiam verborum potestatem sibi arrogare cona- tus et faciat, quod velit, et id, quod fecerit, quo velit nomine appellet. Deinde defensoris primus locus est item nominis brevis et aperta et ex opinione hominum descriptio, hoc modo: Maiestatem minuere est aliquid de re publica, cum potestatem non habeas, administrare. deinde huius confirmatio similibus et exemplis et ra- tionibus; postea sui facti ab illa definitione separatio.
Sodann der Gemeinplatz, durch den die Nützlichkeit oder Ehrenhaftigkeit der Tat vergrößert wird. Sodann folgt die Widerlegung der Bestimmung der Gegner, die aus denselben Fundorten allen, die wir dem Ankläger vorgeschrieben haben, vollbracht wird; und das Übrige danach wird ebenso eingeführt, außer dem Gemeinplatz. Der Gemeinplatz aber des Verteidigers wird jener sein, durch den er sich darüber empören wird, daß der Ankläger um seiner eigenen Gefahr willen nicht nur die Sachen zu verkehren, sondern auch die Worte zu vertauschen versuche. Denn jene Gemeinplätze freilich, die entweder zur Aufzeigung der Schikane der Ankläger oder zur Erstrebung des Erbarmens oder zur Empörung über die Tat oder zur Abschreckung vom Erbarmen geschöpft werden, werden aus der Größe der Gefahr, nicht aus der Gattung des Falles gezogen. Deshalb fallen sie nicht in jeden Fall, sondern in jede Gattung des Falles. Ihrer haben wir im mutmaßenden Streitstand Erwähnung getan, ihrer Einführung aber werden wir uns bedienen, wenn der Fall es verlangt.
deinde locus communis, per quem facti utilitas aut honestas adaugetur. deinde sequitur adversariorum definitionis reprehensio, quae iisdem ex locis omnibus, quos accusatori praescripsimus, conficitur; et cetera post eadem praeter communem locum inducentur. Lo- cus autem communis erit defensoris is, per quem indi- gnabitur accusatorem sui periculi causa non res solum convertere, verum etiam verba commutare conari. nam illi quidem communes loci, aut qui calumniae accu- satorum demonstrandae aut misericordiae captandae aut facti indignandi aut a misericordia deterrendi causa sumuntur, ex periculi magnitudine, non ex cau- sae genere ducuntur. quare non in omnem causam, sed in omne causae genus incidunt. eorum mentionem in coniecturali constitutione fecimus, inductione autem, cum causa postulabit, utemur.
Wenn aber die Verhandlung der Verschiebung oder der Vertauschung zu bedürfen scheint, weil entweder nicht der verhandelt, der es soll, oder nicht mit dem, mit dem er soll, oder nicht vor denen, nach welchem Gesetz, mit welcher Strafe, unter welcher Beschuldigung, zu welcher Zeit er soll, so wird der Streitstand der verschiebende (constitutio translativa) genannt. Wir bedürften seiner sehr vieler Beispiele, wenn wir die einzelnen Gattungen der Verschiebungen aufsuchen wollten; aber weil die Überlegung der Vorschriften ähnlich ist, ist auf eine Menge von Beispielen zu verzichten. Und in unserem Brauche freilich geschieht es aus vielen Ursachen, daß die Verschiebungen seltener vorkommen. Denn sowohl werden durch die Einreden des Prätors viele Klagen ausgeschlossen, als auch haben wir das Zivilrecht so eingerichtet, daß der den Fall verliert, der nicht so, wie
Cum autem actio translationis aut commutationis indigere videtur, quod non aut is agit, quem oportet, aut cum eo, quicum oportet, aut apud quos, qua lege, qua poena, quo crimine, quo tempore oportet, con- stitutio translativa appellatur. eius nobis exempla permulta opus sint, si singula translationum genera quaeramus; sed quia ratio praeceptorum similis est, exemplorum multitudine supersedendum est. atque in nostra quidem consuetudine multis de causis fit, ut rarius incidant translationes. nam et praetoris excep- tionibus multae excluduntur actiones et ita ius civile habemus constitutum, ut causa cadat is, qui non quem-
es sich gehört, verhandelt hat. Deshalb bewegen sie sich zumeist im Rechtsverfahren. Dort nämlich werden sowohl Einreden begehrt als auch die Befugnis zum Verhandeln gegeben und die ganze Fassung der privaten Gerichtsverfahren festgesetzt. In den Gerichten selbst aber kommen sie seltener vor und sind dennoch, wenn sie irgendwann vorkommen, von solcher Art, daß sie für sich weniger Festigkeit haben, aber bekräftigt werden, indem irgendein anderer Streitstand angenommen wird: wie in einem gewissen Gericht, als die Anklage eines gewissen Giftmordes angebracht und, weil sie als Verwandtenmord untergeschrieben war, außer der Ordnung angenommen worden war, in der Anklage aber gewisse andere Beschuldigungen mit Zeugen und Beweisgründen bekräftigt wurden, des Verwandtenmordes aber nur Erwähnung getan worden war, gehört es sich, daß der Verteidiger bei eben diesem viel und lange verweile: da über die Tötung des Elternteils nichts aufgezeigt worden sei, sei es eine unwürdige Tat, den Angeklagten mit jener Strafe zu belegen, mit der die Verwandtenmörder belegt werden; dies aber, wenn er verurteilt würde, müsse notwendig geschehen, da es sowohl dem Falle untergeschrieben sei als auch aus diesem Grunde die Anklage außer der Ordnung angenommen worden sei.
admodum oportet egerit. quare in iure plerumque ver- santur. ibi enim et exceptiones postulantur et agendi potestas datur et omnis conceptio privatorum iudi- ciorum constituitur. in ipsis autem iudiciis rarius incidunt et tamen, si quando incidunt, eiusmodi sunt, ut per se minus habeant firmitudinis, confirmentur autem assumpta alia aliqua constitutione: ut in quodam iudicio, cum veneficii cuiusdam nomen esset de- latum et, quia parricidii causa subscripta esset, extra ordinem esset acceptum, in accusatione autem alia quaedam crimina testibus et argumentis confirmaren- tur, parricidii autem mentio solum facta esset, defensor in hoc ipso multum oportet et diu consistat: cum de nece parentis nihil demonstratum esset, indignum facinus esse ea poena afficere reum, qua parricidae afficiuntur; id autem, si damnaretur, fieri necesse esse, quoniam et id causae subscriptum et ea re nomen extra ordinem sit acceptum.
Wenn es sich also nicht gehöre, den Angeklagten mit jener Strafe zu belegen, so gehöre es sich auch nicht, ihn zu verurteilen, da jene Strafe der Verurteilung notwendig folge. Hier wird der Verteidiger, indem er die Vertauschung der Strafe aus der verschiebenden Gattung einführt, die ganze Anklage entkräften. Gleichwohl wird er, auch indem er die übrigen Beschuldigungen verteidigt, durch den mutmaßenden Streitstand die Verschiebung bekräftigen. Ein Beispiel der Verschiebung aber sei uns in einem Falle von dieser Art vorgelegt: Als gewisse Bewaffnete gekommen waren, um Gewalt zu verüben, waren gewisse Bewaffnete dagegen zur Stelle, und einem römischen Ritter, der sich widersetzte, hieb einer von den Bewaffneten mit dem Schwert die Hand ab. Es klagt der, dem die Hand abgehauen worden ist, auf Rechtsverletzung. Es begehrt der, gegen den geklagt wird, vom Prätor eine Einrede: außer wenn gegen den Angeklagten ein Vor-
ea igitur poena si af- fici reum non oporteat, damnari quoque non oportere, quoniam ea poena damnationem necessario consequa- tur. hic defensor poenae commutationem ex transla- tivo genere inducendo totam infirmabit accusationem. verumtamen ceteris quoque criminibus defendendis con- iecturali constitutione translationem confirmabit. Exemplum autem translationis in causa positum no- bis sit huiusmodi: cum ad vim faciendam quidam armati venissent, armati contra praesto fuerunt et cuidam equiti Romano quidam ex armatis resistenti gladio manum praecidit. agit is, cui manus praecisa est, iniuriarum. postulat is, quicum agitur, a praetore exceptionem: extra quam in reum capitis prae-
urteil in einer Kapitalsache gefällt werde. Hier begehrt der, der klagt, ein reines Gerichtsverfahren; jener, gegen den geklagt wird, sagt, es gehöre sich, die Einrede hinzuzufügen. Die Frage ist: Ob die Einrede zu machen sei oder nicht. Der Grund: Es gehöre sich nämlich nicht, in einem Rückgewinnungsverfahren über jene Übeltat, über die unter den Meuchelmördern gerichtet wird, ein Vorurteil zu fällen. Die Entkräftung des Grundes: Von solcher Art sind die Rechtsverletzungen, daß es über sie unwürdig ist, nicht zur frühestmöglichen Zeit gerichtet zu werden. Die Beurteilung: Ob die Greuelhaftigkeit der Rechtsverletzungen Grund genug sei, daß, während über sie gerichtet wird, über irgendeine größere Übeltat, über die ein Gericht eingerichtet ist, ein Vorurteil gefällt werde? Und dies freilich ist das Beispiel. In jedem Falle aber wird es sich gehören, von beiden zu fragen, von wem und durch wen und auf welche Weise und zu welcher Zeit es sich gezieme, daß über jene Sache entweder verhandelt oder gerichtet oder etwas festgesetzt werde.
iudicium fiat. hic is, qui agit, iudicium purum postulat; ille, quicum agitur, exceptionem addi ait oportere. quaestio est: excipiundum sit an non. ratio: non enim oportet in recuperatorio iudicio eius male- ficii, de quo inter sicarios quaeritur, praeiudicium fieri. infirmatio rationis: eiusmodi sunt iniuriae, ut de iis indignum sit non primo quoque tempore iudicari. iudicatio: atrocitas iniuriarum satisne causae sit, quare, dum de ea iudicatur, de aliquo maiore maleficio, de quo iudicium conparatum sit, praeiudicetur? atque exemplum quidem hoc est. in omni autem causa ab utroque quaeri oportebit, a quo et per quos et quo modo et quo tempore aut agi aut iudicari aut quid statui de ea re conveniat.
Dies wird aus den Teilen des Rechtes, von denen später zu sprechen ist, zu entnehmen sein, und man wird zu erwägen haben, was in ähnlichen Sachen zu geschehen pflegt, und zu sehen, ob aus Bosheit etwas anderes betrieben, etwas anderes vorgegeben werde, oder aus Torheit, oder aus einer Zwangslage, weil man auf andere Weise nicht handeln könne, oder ob aus einer Gelegenheit zum Handeln das Gericht oder das Verfahren so eingerichtet sei, oder ob die Sache zu Recht ohne irgendeinen derartigen Umstand verhandelt werde. Der Gemeinplatz aber richtet sich gegen den, der die Verschiebung einführt: er fliehe das Gericht und die Strafe, weil er seinem Falle mißtraue. Von der Verschiebung her aber: es werde eine allgemeine Verwirrung entstehen, wenn die Sachen nicht so verhandelt würden und vor Gericht kämen, wie es sich gehört; das heißt, wenn entweder mit dem verhandelt werde, mit dem es sich nicht gehört, oder mit einer anderen Strafe, unter einer anderen Beschuldigung, zu einer anderen Zeit; und diese Erwägung beziehe sich auf die Verwirrung aller Gerichte. Diese drei Streitstände also, die keine Teile haben, werden auf diese Weise behandelt. Nun wollen wir den allgemeinen Streitstand (constitutio generalis) und seine Teile betrachten.
id ex partibus iuris, de qui- bus post dicendum est, sumi oportebit et ratiocinari, quid in similibus rebus fieri soleat, et videre, utrum malitia quid aliud agatur, aliud simuletur, an stultitia, an necessitudine, quod alio modo agere non possit, an occasione agendi sic sit iudicium aut actio constituta, an recte sine ulla re eiusmodi res agatur. Locus autem communis contra eum, qui translationem inducet: fu- gere iudicium ac poenam, quia causae diffidat. a trans- latione autem: omnium fore perturbationem, si non ita res agantur et in iudicium veniant, quo pacto oporteat; hoc est, si aut cum eo agatur, quocum non oporteat, aut alia poena, alio crimine, alio tempore; atque hanc rationem ad perturbationem iudiciorum omnium per- tinere. Tres igitur haec constitutiones, quae partes non ha- bent, ad hunc modum tractabuntur. nunc generalem constitutionem et partes eius consideremus.
Wenn, während sowohl die Tat als auch der Name der Tat zugestanden und keine Streitfrage des Verfahrens vorgebracht ist, nach der Beschaffenheit und der Natur und der Gattung des Geschäftes selbst gefragt wird, so nennen wir dies den allgemeinen Streitstand. Wir haben gesagt, daß uns die ersten Teile von diesem zwei zu sein scheinen: der das Geschäft betreffende (negotialis) und der rechtsprechende (iuridicialis). Der das Geschäft betreffende ist jener, der im Geschäft selbst eine verflochtene Streitfrage des Zivilrechtes hat. Er ist von dieser Art: Jemand setzte ein Mündel zum Erben ein; das Mündel aber starb, bevor es in die eigene Mündigkeit gelangte. Über die Erbschaft, die dem Mündel zugefallen ist, besteht ein Streit zwischen denen, die als zweite Erben des Vaters des Mündels eingesetzt sind, und den Verwandten des Mündels. Der Besitz ist bei den zweiten Erben. Die Behauptung der Verwandten ist: Unser ist das Geld, über das der, dessen Verwandte wir sind, kein Testament gemacht hat. Die Abwehr ist: Nein, unser, die wir durch das Testament des Vaters Erben sind. Die Frage ist: Wessen ist es? Der Grund: Der Vater nämlich schrieb das Testament sowohl für sich als auch für den Sohn, solange dieser Mündel sei. Deshalb muß notwendig, was des Sohnes gewesen ist, durch das Testament des Vaters unser werden. Die Entkräftung des Grundes: Nein, der Vater schrieb es für sich und befahl, daß der zweite Erbe nicht dem Sohne, sondern ihm selbst Erbe sei. Deshalb kann es, außer was in seinem eigenen Eigentum war, durch jenes Testament nicht euer sein. Die Beurteilung: Kann irgendjemand über die Sache des Sohnes, des Mündels, ein Testament machen? Oder sind die zweiten Erben Erben des Hausvaters selbst und nicht auch seines Sohnes, des Mündels?
Cum et facto et facti nomine concesso neque ulla actionis inlata controversia vis et natura et genus ipsius negotii quaeritur, constitutionem generalem ap- pellamus. huius primas esse partes duas nobis videri diximus, negotialem et iuridicialem. Negotialis est, quae in ipso negotio iuris civilis habet implicatam controversiam. ea est huiusmodi: quidam pupillum heredem fecit; pupillus autem ante mortuus est, quam in suam tutelam venit. de hereditate ea, quae pupillo venit, inter eos, qui patris pupilli heredes secundi sunt, et inter adgnatos pupilli contro- versia est. possessio heredum secundorum est. intentio est adgnatorum: nostra pecunia est, de qua is, cuius adgnati sumus, testatus non est. depulsio est: immo nostra, qui heredes testamento patris sumus. quaestio est: utrorum sit? ratio: pater enim et sibi et filio testamentum scripsit, dum is pupillus esset. quare, quae filii fuerunt, testamento patris nostra fiant ne- cesse est. infirmatio rationis: immo pater sibi scripsit et secundum heredem non filio, sed sibi iussit esse. quare, praeterquam quod in ipsius fuit, testamento il- lius vestrum esse non potest. iudicatio: possitne quis- quam de filii pupilli re testari; an heredes secundi ipsius patrisfamilias, non filii quoque eius pupilli heredes sint?
Und es ist nicht unpassend, hier dies in Erinnerung zu rufen, da es auf vieles sich bezieht, damit es nicht entweder nirgends oder überall gesagt werde. Es gibt Fälle, die in einem einfachen Streitstand mehrere Gründe haben; dies geschieht, wenn das, was getan worden ist oder was verteidigt wird, aus mehreren Ursachen recht oder wahrscheinlich erscheinen kann, wie in eben diesem Falle. Es werde nämlich von den Erben dieser Grund untergeschoben: Eines einzigen Geldes nämlich können nicht mehrere aus unähnlichen Ursachen Erben sein, und niemals ist es geschehen, daß desselben Geldes der eine durch Testament, der andere durch Gesetz Erbe wäre.
Atque hoc non alienum est, quod ad multa pertineat, ne aut nusquam aut usquequaque dicatur, hic ad- monere. sunt causae, quae plures habent rationes in simplici constitutione; quod fit, cum id, quod factum est aut quod defenditur, pluribus de causis rectum aut probabile videri potest, ut in hac ipsa causa. sub- ponatur enim ab heredibus haec ratio: unius enim pe- cuniae plures dissimilibus de causis heredes esse non possunt, nec umquam factum est, ut eiusdem pecuniae alius testamento, alius lege heres esset,
Die Entkräftung aber wird diese sein: Es ist nicht ein einziges Geld, deshalb weil das eine schon dem Mündel als hinzugekommenes gehörte, als dessen Erbe in jenem Testament niemand eingesetzt war, falls dem Mündel etwas zustieße; und über das andere galt der Wille des inzwischen verstorbenen Vaters am meisten, der es nach dem Tode des Mündels seinen eigenen Erben zugestand. Die Beurteilung ist: Ob es ein einziges Geld gewesen sei; oder, wenn sie sich dieser Entkräftung bedienen werden — daß mehrere Erben eines einzigen Geldes aus unähnlichen Ursachen sein könnten und gerade darüber der Streit bestehe —, so entsteht die Beurteilung: Können desselben Geldes mehrere aus unähnlichen Gattungen Erben sein? Also ist in einem einzigen Streitstand erkannt worden, auf welche Weise sowohl Gründe als auch Entkräftungen der Gründe und deshalb mehrere Beurteilungen entstehen.
infirmatio autem haec erit: non est una pecunia, propterea quod altera pupilli iam erat adventicia, cuius heres non illo in testamento quisquam scriptus erat, si quid pupillo accidisset; et de altera patris etiamnunc mortui vo- luntas plurimum valebat, quae iam mortuo pupillo suis heredibus concedebat. iudicatio est: unane pe- cunia fuerit; aut, si hac erunt usi infirmatione: posse plures esse unius heredes pecuniae dissimilibus de cau- sis et de eo ipso esse controversiam, iudicatio nascitur: possintne eiusdem pecuniae plures dissimilibus gene- ribus heredes esse? ergo una in constitutione intel- lectum est, quomodo et rationes et rationum infirma- tiones et propterea iudicationes plures fiant.
Nun wollen wir die Vorschriften dieser Gattung betrachten. Beiden oder auch allen, wenn mehrere streiten, ist zu erwägen, aus welchen Dingen das Recht besteht. Sein Anfang scheint also aus der Natur geleitet zu sein; gewisse Dinge aber sind aus einer Erwägung der Nützlichkeit, die uns entweder klar oder dunkel ist, in die Gewohnheit gekommen; danach aber wurden gewisse Dinge, die von der Gewohnheit gebilligt oder wahrhaft nützlich erschienen, durch Gesetze befestigt. Und ein Recht der Natur sei das, was uns nicht die Meinung, sondern eine gewisse eingeborene Kraft zuträgt, wie die Religion, die Frömmigkeit, die Dankbarkeit, die Vergeltung, die Ehrerbietung, die Wahr-
Nunc huius generis praecepta videamus. utrisque aut etiam omnibus, si plures ambigent, ius ex quibus rebus constet, considerandum est. initium ergo eius ab natura ductum videtur; quaedam autem ex utili- tatis ratione aut perspicua nobis aut obscura in con- suetudinem venisse; post autem adprobata quaedam a consuetudine aut vero utilia visa legibus esse fir- mata; ac naturae quidem ius esse, quod nobis non opinio, sed quaedam innata vis adferat, ut religionem, pietatem, gratiam, vindicationem, observantiam, veri-
haftigkeit. Religion nennen sie jene, die in der Furcht und der heiligen Verehrung der Götter besteht; Frömmigkeit, die mahnt, gegenüber dem Vaterlande oder den Eltern oder anderen durch Blut Verbundenen die Pflicht zu wahren; Dankbarkeit, die im Andenken und in der Vergeltung von Diensten und Ehren und Freundschaften die Ehrerbietung bewahrt; Vergeltung, durch die wir Gewalt und Schmähung durch Verteidigung oder Rache von uns und den Unseren, die uns teuer sein sollen, abwehren und durch die wir Vergehen bestrafen; Ehrerbietung, durch die wir die an Alter oder Weisheit oder Ehre oder irgendeiner Würde Voranstehenden verehren und achten; Wahrhaftigkeit, durch die wir uns bemühen, daß nichts anders, als wir es bekräftigt haben, geschehe oder geschehen oder zukünftig sei.
tatem. religionem eam, quae in metu et caerimonia deorum sit, appellant; pietatem, quae erga patriam aut parentes aut alios sanguine coniunctos officium conservare moneat; gratiam, quae in memoria et re- muneratione officiorum et honoris et amicitiarum ob- servantiam teneat; vindicationem, per quam vim et contumeliam defendendo aut ulciscendo propulsamus a nobis et nostris, qui nobis cari esse debent, et per quam peccata punimur; observantiam, per quam aetate aut sapientia aut honore aut aliqua dignitate antecedentes veremur et colimus; veritatem, per quam damus operam, ne quid aliter, quam confirmaverimus, fiat aut factum aut futurum sit.
Und die Rechte der Natur freilich werden für diese Streitfrage weniger selbst gesucht, weil sie sich weder in diesem Zivilrecht bewegen und vom gemeinen Verständnis ferner liegen; zu irgendeiner Ähnlichkeit aber oder zur Vergrößerung der Sache sind sie oft einzuführen. Durch die Gewohnheit aber wird das für Recht gehalten, was das Alter mit dem Willen aller ohne Gesetz gebilligt hat. In dieser aber sind gewisse Rechte schon selbst gewiß wegen ihres Alters. Zu dieser Gattung gehört auch vieles andere und der bei weitem größte Teil davon, das die Prätoren zu verordnen pflegten. Gewisse Gattungen des Rechtes aber sind schon durch sichere Gewohnheit geschaffen worden;
ac naturae quidem iura minus ipsa quaeruntur ad hanc controversiam, quod neque in hoc civili iure versantur et a vulgari intellegentia remotiora sunt; ad similitudinem vero aliquam aut ad rem amplificandam saepe sunt inferenda. consuetu- dine autem ius esse putatur id, quod voluntate omnium sine lege vetustas comprobarit. In ea autem quaedam sunt iura ipsa iam certa propter vetustatem. quo in genere et alia sunt multa et eorum multo maxima pars, quae praetores edicere consuerunt. quaedam autem genera iuris iam certa consuetudine facta sunt;
von dieser Gattung sind der Vertrag, das Billige, das Gerichtete. Ein Vertrag ist, was zwischen denen, die übereingekommen sind, so für gerecht gehalten wird, daß man sagt, es sei von Rechts wegen zu leisten; das Billige, was gegen alle gleichmäßig ist; das Gerichtete, worüber schon zuvor durch den Spruch eines oder mehrerer entschieden worden ist. Die gesetzlichen Rechte aber wird man aus den Gesetzen kennenlernen müssen. Aus diesen Teilen des Rechtes also wird man darauf zu achten und herauszulocken haben, was einem jeden entweder aus der Sache selbst oder aus einer ähnlichen oder größeren oder geringeren zu entspringen scheinen wird, indem man jeden einzelnen Teil des Rechtes prüfend durchgeht. Da aber, wie zuvor gesagt worden ist, der Gemeinplätze zwei Gattungen sind, deren eine die Vergrößerung einer zweifelhaften, die andere die einer gewissen Sache enthält, so wird zu erwägen sein, was der Fall selbst hergibt und was durch den Gemeinplatz vergrößert werden kann und sich gehört. Denn sichere Plätze, die in alle Fälle hineinfallen, können nicht vorgeschrieben werden; in den meisten wird man vielleicht aus dem Ansehen der Rechtsgelehrten und gegen das Ansehen zu sprechen haben. Es ist aber sowohl bei diesem als auch bei allen darauf zu achten, ob nicht der Fall selbst irgendwelche Gemeinplätze außer denen, die wir darlegen, aufzeigt. Nun wollen wir die rechtsprechende Gattung und ihre Teile betrachten.
quod genus pactum, par, iudicatum. pactum est, quod inter quos convenit ita iustum putatur, ut iure praestare dicatur; par, quod in omnes aequabile est; iudicatum, de quo iam ante sententia alicuius aut aliquorum con- stitutum est. iam iura legitima ex legibus cognosci oportebit. his ergo ex partibus iuris, quod cuique aut ex ipsa re aut ex simili aut maiore minoreve nasci videbitur, attendere atque elicere pertemptando unam quamque iuris partem oportebit. Locorum autem communium quoniam, ut ante dic- tum est, duo genera sunt, quorum alterum dubiae rei, alterum certae continet amplificationem, quid ipsa causa det et quid augeri per communem locum possit et oporteat, considerabitur. nam certi, qui in omnes incidant, loci praescribi non possunt; in plerisque for- tasse ab auctoritate iuris consultorum et contra auctoritatem dici oportebit. adtendendum est autem et in hac et in omnibus, num quos locos communes praeter eos, quos nos exponimus, ipsa res ostendat. Nunc iuridiciale genus et partes consideremus.
Der rechtsprechende ist jener, in dem nach der Natur des Gerechten und des Ungerechten und nach der Erwägung des Lohnes oder der Strafe gefragt wird. Seiner Teile sind zwei, deren einen wir den schlechthinnigen (absoluta), den anderen den hinzunehmenden (adsumptiva) nennen. Der schlechthinnige ist jener, der die Frage des Rechten und des Nichtrechten in sich selbst enthält, nicht wie der das Geschäft betreffende verflochten und verborgen, sondern offener und freier. Er ist von dieser Art: Als die Thebaner die Lakedämonier im Kriege besiegt hatten und es bei den Griechen ungefähr Brauch war, daß diejenigen, die gesiegt hatten, wenn sie untereinander Krieg geführt hatten, irgendein Siegeszeichen in den Grenzen errichteten, nur um den Sieg für den Augenblick zu erklären, nicht damit das Andenken an den Krieg auf ewig bestehen bliebe — da errichteten sie ein ehernes Siegeszeichen. Sie werden bei den Amphiktyonen angeklagt, das heißt vor dem gemeinsamen Rate Griechenlands. Die Behauptung ist:
Iuridicialis est, in qua aequi et iniqui natura et praemii aut poenae ratio quaeritur. huius partes sunt duae, quarum alteram absolutam, adsumptivam alteram nominamus. Absoluta est, quae ipsa in se, non ut neg- otialis implicite et abscondite, sed patentius et expedi- tius recti et non recti quaestionem continet. ea est huiuscemodi: cum Thebani Lacedaemonios bello su- peravissent et fere mos esset Graiis, cum inter se bellum gessissent, ut ii, qui vicissent, tropaeum ali- quod in finibus statuerent victoriae modo in praesen- tiam declarandae causa, non ut in perpetuum belli memoria maneret, ae+neum statuerunt tropaeum. accu- santur apud Amphictyonas id est apud commune Graeciae consilium. intentio est:
Es gehörte sich nicht. Die Abwehr ist: Es gehörte sich. Die Frage ist: Gehörte es sich? Der Grund ist: Diesen Ruhm nämlich haben wir aus dem Kriege durch Tapferkeit erworben, daß wir seine ewigen Wahrzeichen unseren Nachkommen hinterlassen wollten. Die Entkräftung ist: Aber dennoch gehört es sich nicht, daß Griechen über Griechen ein ewiges Denkmal der Feindschaft errichten. Die Beurteilung ist: Als die Griechen, um die höchste Tapferkeit zu feiern, über Griechen ein ewiges Denkmal der Feindschaft errichteten, haben sie recht oder das Gegenteil getan? Diesen Grund haben wir deshalb untergelegt, damit diese Gattung des Falles selbst, von der wir handeln, erkannt würde. Denn wenn wir jenen untergelegt hätten, dessen sie sich vielleicht bedient haben — ihr habt nämlich nicht gerecht und nicht fromm Krieg geführt —, so würden wir in die Zurückschiebung der Beschuldigung (relatio criminis) hinabgleiten, von der wir später sprechen werden. Daß aber beide Gattungen des Falles in diesen Fall hineinfallen, ist offenkundig. Für ihn sind die Beweisführungen aus denselben Plätzen zu nehmen wie für den das Geschäft betreffenden Fall, von dem zuvor gesprochen worden ist.
non oportuit. de- pulsio est: oportuit. quaestio est: oportueritne? ratio est: eam enim ex bello gloriam virtute peperimus, ut eius aeterna insignia posteris nostris relinquere velle- mus. infirmatio est: at tamen aeternum inimicitiarum monumentum Graios de Graiis statuere non oportet. iudicatio est: cum summae virtutis concelebrandae causa Graii de Graiis aeternum inimicitiarum monu- mentum statuerunt, rectene an contra fecerint? hanc ideo rationem subiecimus, ut hoc causae genus ipsum, de quo agimus, cognosceretur. nam si eam subpo- suissemus, qua fortasse usi sunt: non enim iuste neque pie bellum gessistis, in relationem criminis de- laberemur, de qua post loquemur. utrumque autem causae genus in hanc causam incidere perspicuum est. in hanc argumentationes ex isdem locis sumendae sunt atque in causam negotialem, qua de ante dictum est.
Gemeinplätze aber wird man sowohl aus dem Falle selbst, wenn etwas an Empörung oder Wehklage darin liegt, als auch aus der Nützlichkeit und der Natur des Rechtes viele und gewichtige nehmen dürfen und müssen, wenn die Würde des Falles es zu fordern scheint. Nun wollen wir den hinzunehmenden Teil des rechtsprechenden betrachten. Der hinzunehmende wird also dann genannt, wenn die Tat aus sich selbst nicht gebilligt werden kann, aber durch irgendein von außen hinzugefügtes Beweismittel verteidigt wird. Seiner Teile sind vier: die Vergleichung (comparatio), die Zurückschiebung der Beschuldigung (relatio criminis), die Abwälzung der Beschuldigung (remotio criminis), das Eingeständnis (concessio).
Locos autem communes et ex causa ipsa, si quid inerit indignationis aut conquestionis, et ex iuris uti- litate et natura multos et graves sumere licebit et oportebit, si causae dignitas videbitur postulare. Nunc adsumptivam partem iuridicialis considere- mus. Adsumptiva igitur tum dicitur, cum ipsum ex se fac- tum probari non potest, aliquo autem foris adiuncto argumento defenditur. eius partes sunt quattuor: com- paratio, relatio criminis, remotio criminis, concessio.
Die Vergleichung ist, wenn etwas Getanes, das selbst nicht zu billigen wäre, aus dem verteidigt wird, um dessentwillen es getan worden ist. Sie ist von dieser Art: Ein gewisser Feldherr, als er von den Feinden umzingelt war und auf keine Weise entfliehen konnte, vereinbarte mit ihnen, daß er Waffen und Gepäck zurücklasse und die Soldaten herausführe; und so tat er es; und nachdem Waffen und Gepäck verloren waren, rettete er wider Erwarten die Soldaten.
Comparatio est, cum aliquid factum, quod ipsum non sit probandum, ex eo, cuius id causa factum est, defenditur. ea est huiusmodi: quidam imperator, cum ab hostibus circumsederetur neque effugere ullo modo posset, depectus est cum iis, ut arma et inpedimenta relinqueret, milites educeret; itaque fecit; armis et in- pedimentis amissis praeter spem milites conservavit.
Er wird der Hochverletzung angeklagt. Hier läuft die Bestimmung mit ein. Aber wir wollen diesen Platz, von dem wir handeln, betrachten. Die Behauptung ist: Es gehörte sich nicht, Waffen und Gepäck zurückzulassen. Die Abwehr ist: Es gehörte sich. Die Frage ist: Gehörte es sich? Der Grund ist: Die Soldaten nämlich wären alle umgekommen. Die Entkräftung ist entweder eine mutmaßende: Sie wären nicht umgekommen; oder eine andere mutmaßende: Du hast es nicht deshalb getan — woraus die Beurteilung entsteht: Wären sie umgekommen? und: Hat er es deshalb getan? —; oder diese vergleichende, deren wir jetzt bedürfen: Aber es wäre doch besser gewesen, die Soldaten zu verlieren, als Waffen und Gepäck den Feinden zu überlassen. Daraus entsteht die Beurteilung: Da alle Soldaten umkommen mußten, wenn sie nicht zu dieser Übereinkunft gelangten, ob es besser gewesen wäre, die Soldaten zu verlieren oder zu dieser Bedingung zu gelangen?
accusatur maiestatis. incurrit huc definitio. sed nos hunc locum, de quo agimus, consideremus. intentio est: non oportuit arma et inpedimenta relinquere. de- pulsio est: oportuit. quaestio est: oportueritne? ratio est: milites enim omnes perissent. infirmatio est aut coniecturalis: non perissent; aut altera coniecturalis: non ideo fecisti ex quibus iudicatio est: perissentne? et: ideone fecerit?; aut haec comparativa, cuius nunc indigemus: at enim satius fuit amittere milites quam arma et inpedimenta concedere hostibus. ex quo iudi- catio nascitur: cum omnes perituri milites essent, nisi ad hanc pactionem venissent, utrum satius fuerit amit- tere milites, an ad hanc condicionem venire?
Diese Gattung des Falles wird man aus ihren eigenen Plätzen behandeln und auch die Erwägung und die Vorschriften der übrigen Streitstände heranziehen müssen; und am meisten muß man durch Anstellung von Mutmaßungen jenes entkräften, was diejenigen, die angeklagt werden, mit dem, was als Beschuldigung vorgebracht wird, vergleichen werden. Dies wird geschehen, wenn entweder das, von dem die Verteidiger sagen werden, es würde geschehen sein, falls jenes nicht getan worden wäre, worüber das Gericht stattfindet, als nicht zukünftig geleugnet werden wird; oder wenn aufgezeigt wird, daß es aus einer anderen Erwägung und aus einer anderen Ursache getan worden ist, als der Angeklagte sagen wird, daß er es getan habe. Die Bekräftigung dieser Sache und ebenso von der Gegenseite die Entkräftung wird aus dem mutmaßenden Streitstand genommen. Wenn aber unter einem bestimmten Namen einer Übeltat vor Gericht gerufen wird, wie in diesem Falle — denn er wird der Hochverletzung beschuldigt —, so wird man die Bestimmung und die Vorschriften der Bestimmung gebrauchen müssen. Und dies freilich geschieht meistens in dieser Gattung, daß sowohl Mutmaßung als auch Bestimmung zu gebrauchen ist. Wenn aber auch irgendeine andere Gattung mit einfällt, so wird man die Vorschriften dieser Gattung auf gleiche Weise hierher übertragen dürfen. Denn der Ankläger muß sich am meisten darum bemühen, daß er eben jene Tat, um derentwillen der Angeklagte meint, es gehöre sich, ihm nachzugeben, mit möglichst vielen Gründen entkräfte.
Hoc causae genus ex suis locis tractari oportebit et adhibere ceterarum quoque constitutionum rationem atque praecepta; ac maxime coniecturis faciendis infir- mare illud, quod cum eo, quod crimini dabitur, ii, qui accusabuntur, comparabunt. id fiet, si aut id, quod dicent defensores futurum fuisse, nisi id factum esset, de quo facto iudicium est, futurum fuisse negabi- tur; aut si alia ratione et aliam ob causam, ac dicet se reus fecisse, demonstrabitur esse factum. eius rei con- firmatio et item contraria de parte infirmatio ex con- iecturali constitutione sumetur. sin autem certo nomine maleficii vocabitur in iudicium, sicut in hac causa— nam maiestatis arcessitur—, definitione et praeceptis definitionis uti oportebit. atque haec quidem ple- rumque in hoc genere accidunt, ut et coniectura et definitione utendum sit. sin aliud quoque aliquod genus incidet, eius generis praecepta licebit huc pari ratione transferre. Nam accusatori maxime est in hoc elaborandum, ut id ipsum factum, propter quod sibi reus concedi putet oportere, quam plurimis infirmet rationibus.
Dies ist leicht, wenn er sie mit möglichst vielen Streitständen angreift, um sie zu mißbilligen. Die Vergleichung selbst aber, gesondert von den übrigen Gattungen der Streitfragen, wird so aus ihrer eigenen Kraft betrachtet werden, wenn aufgezeigt wird, daß jenes, was verglichen wird, entweder nicht ehrenhaft oder nicht nützlich oder nicht notwendig gewesen sei oder nicht so sehr nützlich oder nicht so sehr ehrenhaft oder nicht so sehr notwendig gewesen sei. Sodann muß der Ankläger jenes, was er selbst beschuldigt, von dem trennen, was der Verteidiger vergleicht. Dies aber wird er tun, wenn er aufzeigt, daß es nicht so zu geschehen pflege noch sich gehöre noch ein Grund bestehe, weshalb dies um jenes willen geschehe, daß um der Rettung der Soldaten willen jene Dinge, die zur Rettung beschafft worden sind, den Feinden ausgeliefert würden. Danach muß man die Übeltat mit der Wohltat vergleichen und überhaupt das, was beschuldigt wird, mit dem, was vom Verteidiger gelobt oder als notwendig zu tun aufgezeigt wird, in Gegensatz stellen und dieses verkleinernd zugleich die Größe der Übeltat vergrößern. Dies wird geschehen können, wenn aufgezeigt wird, daß jenes, was der Angeklagte vermieden hat, ehrenhafter, nützlicher, notwendiger gewesen sei als das, was er getan hat.
quod facile est, si quam plurimis constitu- tionibus aggredietur id inprobare. ipsa autem compara- tio separata a ceteris generibus controversiarum sic ex sua vi considerabitur, si illud, quod comparabitur, aut non honestum aut non utile aut non necessarium fuisse aut non tantopere utile aut non tantopere honestum aut non tantopere necessarium fuisse demonstrabitur. deinde oportet accusatorem illud, quod ipse arguat, ab eo, quod defensor conparat, separare. id autem faciet, si demonstrabit non ita fieri solere neque oportere neque esse rationem, quare hoc propter hoc fiat, ut propter salutem militum ea, quae salutis causa comparata sunt, hostibus tradantur. postea com- parare oportet cum beneficio maleficium et omnino id, quod arguitur, cum eo, quod factum ab defensore laudatur aut faciendum fuisse demonstratur, conten- dere et hoc extenuando maleficii magnitudinem simul adaugere. id fieri poterit, si demonstrabitur honestius, utilius, magis necessarium fuisse illud, quod vitarit reus, quam illud, quod fecerit.
Die Kraft und die Natur des Ehrenhaften und des Nützlichen und des Notwendigen aber wird in den Vorschriften der Beratung kennengelernt werden. Sodann wird man eben jene vergleichende Beurteilung darlegen müssen wie einen beratenden Fall und über sie aus den Vorschriften der Beratung sprechen. Es sei nämlich diese Beurteilung, die wir zuvor dargelegt haben: Da alle Soldaten umkommen mußten, wenn sie nicht zu dieser Übereinkunft gelangten, ob es besser gewesen wäre, daß die Soldaten umkämen, oder zu dieser Übereinkunft zu gelangen? Dies wird man aus den Plätzen der Beratung, als ob die Sache gleichsam in eine Beratung käme, behandeln müssen. Der Verteidiger aber wird sich an den Plätzen, an denen vom Ankläger andere Streitstände eingeführt worden sind, in eben diesen ebenfalls aus denselben Streitständen die Verteidigung beschaffen; alle übrigen Plätze aber, die sich auf die Vergleichung selbst beziehen werden, wird er vom Gegenteil her behandeln.
honesti autem et utilis et necessarii vis et natura in deliberationis praecep- tis cognoscetur. deinde oportebit ipsam illam com- parativam iudicationem exponere tamquam causam deliberativam et de ea ex deliberationis praeceptis dicere. sit enim haec iudicatio, quam ante expo- suimus: cum omnes perituri milites essent, nisi ad hanc pactionem venissent, utrum satius fuerit perire milites, an ad hanc pactionem venire? hoc ex locis deliberationis, quasi aliquam in consultationem res veniat, tractari oportebit. Defensor autem, quibus in locis ab accusatore aliae constitutiones erunt inductae, in iis ipse quoque ex isdem constitutionibus defensionem comparabit; ceteros autem omnes locos, qui ad ipsam comparationem pertinebunt, ex contrario tractabit.
Die Gemeinplätze aber werden sein: der des Anklägers gegen den, der, während er eine schändliche oder unnütze oder beides zugleich seiende Tat eingesteht, dennoch irgendeine Verteidigung sucht, und die Unnützlichkeit oder Schändlichkeit der Tat mit Empörung vorzubringen; der des Verteidigers ist, daß keine Tat für unnütz noch schändlich noch ebenso für nützlich noch ehrenhaft gehalten werden dürfe, außer wenn verstanden wird, mit welchem Sinn, zu welcher Zeit, aus welcher Ursache sie getan worden ist; welcher Platz so gemeinsam ist, daß er, wohl behandelt, in diesem Falle von großem Gewicht zum Überzeugen sein wird; und ein anderer Platz, durch den mit großer Vergrößerung die Größe der Wohltat aus der Nützlichkeit oder Ehrenhaftigkeit oder Notwendigkeit der Tat aufgezeigt wird;
Loci communes autem erunt: accusatoris in eum, qui, cum de facto turpi aliquo aut inutili aut utroque fateatur, quaerat tamen aliquam defensionem, et facti inutilitatem aut turpitudinem cum indignatione pro- ferre; defensoris est, nullum factum inutile neque turpe neque item utile neque honestum putari opor- tere, nisi, quo animo, quo tempore, qua de causa fac- tum sit, intellegatur; qui locus ita communis est, ut bene tractatus in hac causa magno ad persuadendum momento futurus sit; et alter locus, per quem magna cum amplificatione beneficii magnitudo ex utilitate aut honestate aut facti necessitudine demonstratur;
und ein dritter, durch den die Sache, mit Worten ausgedrückt, vor die Augen derer, die zuhören, gestellt wird, so daß sie meinen, sie selbst hätten ebenfalls dasselbe getan, wenn ihnen jene Sache und jene Ursache, sie zu tun, zu derselben Zeit zugestoßen wäre. Die Zurückschiebung der Beschuldigung ist, wenn der Angeklagte das, was beschuldigt wird, eingesteht und aufzeigt, daß er es, durch das Vergehen eines anderen veranlaßt, zu Recht getan habe. Sie ist von dieser Art: Horatius, nachdem er drei Curiatier getötet und zwei Brüder verloren hatte, kehrte als Sieger nach Hause zurück. Er bemerkte, daß seine Schwester sich über den Tod der Brüder nicht grämte, den Namen des Verlobten aber, eines Curiatiers, immer wieder unter Stöhnen und Wehklage anrief.
et tertius, per quem res expressa verbis ante oculos eorum, qui audiunt, ponitur, ut ipsi se quoque idem facturos fuisse arbitrentur, si sibi illa res atque ea faciendi causa per idem tempus accidisset. Relatio criminis est, cum reus id, quod arguitur, confessus alterius se inductum peccato iure fecisse demonstrat. ea est huiusmodi: Horatius occisis tribus Curiatiis et duobus amissis fratribus domum se victor recepit. is animadvertit sororem suam de fratrum morte non laborantem, sponsi autem nomen appellan- tem identidem Curiatii cum gemitu et lamentatione.
In Entrüstung darüber tötete er die Jungfrau. Er wird angeklagt. Die Behauptung ist: Du hast die Schwester widerrechtlich getötet. Die Abwehr ist: Ich habe sie zu Recht getötet. Die Frage ist: Hat er sie zu Recht getötet? Der Grund ist: Jene nämlich betrauerte den Tod der Feinde, vernachlässigte den der Brüder; daß ich und das römische Volk gesiegt hätten, ertrug sie mit Unwillen. Die Entkräftung ist: Dennoch gehörte es sich nicht, daß sie von ihrem Bruder ungerichtet getötet werde. Daraus entsteht die Beurteilung: Da Horatia den Tod der Brüder vernachlässigte, den der Feinde betrauerte, sich über den Sieg des Bruders und des römischen Volkes nicht freute, gehörte es sich, daß sie von ihrem Bruder ungerichtet getötet werde? In dieser Gattung des Falles wird man zuerst, wenn sich etwas aus den übrigen Streitständen ergibt, dies nehmen müssen, wie es bei der Vergleichung vorgeschrieben worden ist; danach, wenn irgendeine Möglichkeit besteht,
indigne passus virginem occidit. accusatur. intentio est: iniuria sororem occidisti. depulsio est: iure occidi. quaestio est: iurene occiderit? ratio est: illa enim hostium mortem lugebat, fratrum neglegebat; me et populum Romanum vicisse moleste ferebat. infirmatio est: tamen a fratre indamnatam necari non oportuit. ex quo iudicatio fit: cum Horatia fra- trum mortem neglegeret, hostium lugeret, fratris et populi Romani victoria non gauderet, oportueritne eam a fratre indamnatam necari? Hoc in genere causae primum, si quid ex ceteris dabitur constitutionibus, sumi oportebit, sicuti in com- paratione praeceptum est; postea, si qua facultas erit,
durch irgendeinen Streitstand jenen, auf den die Beschuldigung verschoben wird, zu verteidigen; sodann, daß jenes, was der Angeklagte auf das Vergehen des anderen verschiebt, geringer sei als das, was er selbst auf sich genommen hat; danach die Teile der Verschiebung zu gebrauchen und aufzuzeigen, von wem und durch wen und auf welche Weise und zu welcher Zeit es sich gezieme, daß über jene Sache entweder verhandelt oder gerichtet oder etwas festgesetzt werde; und zugleich aufzuzeigen, daß es sich nicht gehört habe, die Strafe vor dem Gerichte dazwischenzuschieben. Dann sind auch die Gesetze und die Gerichte aufzuzeigen, durch die jenes Vergehen, das der Angeklagte aus eigenem Antrieb bestraft hat, nach Sitte und Gericht hätte geahndet werden können. Sodann ist zu leugnen, daß man das anhören dürfe, was dem als Beschuldigung zur Last gelegt wird, über den eben der, der es zur Last legt,
per aliquam constitutionem illum, in quem crimen transferetur, defendere; deinde, levius esse illud, quod in alterum peccatum reus transferat, quam quod ipse susceperit; postea translationis partibus uti et osten- dere, a quo et per quos et quo modo et quo tem- pore aut agi aut iudicari aut statui de ea re convene- rit; ac simul ostendere non oportuisse ante supplicium quam iudicium interponere. tum leges quoque et iudi- cia demonstranda sunt, per quae potuerit id pecca- tum, quod sponte sua reus poenitus sit, moribus et iudicio vindicari. deinde negare audire oportere id, quod in eum criminis conferatur, de quo is ipse, qui conferat,
ein Gericht nicht hat stattfinden lassen wollen, und daß man das, was nicht gerichtet worden ist, für ungeschehen halten müsse; danach die Unverschämtheit derer aufzuzeigen, die den nun vor den Richtern anklagen, den sie selbst ohne Richter verurteilt haben, und über den ein Gericht halten, an dem sie selbst schon die Strafe vollzogen haben; danach werden wir sagen, daß eine Verwirrung des Gerichtes entstehen werde und daß die Richter weiter, als sie Befugnis haben, vorschreiten würden, wenn sie zugleich über den Angeklagten und über den, den der Angeklagte beschuldigt, richteten; sodann, wenn dies festgesetzt würde, daß die Menschen Vergehen mit Vergehen und Rechtsverletzungen mit Rechtsverletzungen rächten, wieviel an Nachteilen folgen würde; und daß, wenn eben der, der jetzt anklagt, dasselbe hätte tun wollen, nicht einmal dieses Gerichtes selbst irgendein Bedarf gewesen wäre;
iudicium fieri noluerit, et id, quod iudicatum non sit, pro infecto habere oportere; postea inpuden- tiam demonstrare eorum, qui eum nunc apud iudices accusent, quem sine iudicibus ipsi condemnarint, et de eo iudicium faciant, de quo iam ipsi supplicium sump- serint; postea perturbationem iudicii futuram dice- mus et iudices longius, quam potestatem habeant, progressuros, si simul et de reo et de eo, quem reus arguat, iudicarint; deinde, si hoc constitutum sit, ut peccata homines peccatis et iniurias iniuriis ulciscantur, quan- tum incommodorum consequatur; ac si idem facere ipse, qui nunc accusat, voluisset, ne hoc quidem ipso quicquam opus fuisse iudicio;
wenn aber auch alle übrigen dasselbe täten, überhaupt kein Gericht mehr zukünftig wäre. Danach wird aufgezeigt werden, daß, selbst wenn jene, auf die der Angeklagte diese Beschuldigung verschiebt, durch ein Gericht verurteilt worden wäre, eben dieser nicht über sie die Strafe hätte vollziehen können; weshalb der unwürdig sei, der nicht einmal über eine Verurteilte selbst die Strafen hätte vollziehen können, daß er über die die Strafe vollzogen habe, die nicht einmal vor Gericht gebracht worden ist. Sodann wird er fordern, daß er das Gesetz, nach welchem Gesetz er gehandelt habe, vorbringe. Sodann, wie wir bei der Vergleichung vorschrieben, daß jenes, was verglichen würde, vom Ankläger möglichst verkleinert werde, so wird es sich in dieser Gattung gehören, die Schuld dessen, auf den die Beschuldigung verschoben wird, mit der Übeltat dieses, der sagt, er habe zu Recht gehandelt, zu vergleichen. Danach ist aufzuzeigen, daß jenes nicht von solcher Art sei, daß sich um seinetwillen dieses hier zu tun geziemt habe. Das letzte ist, wie bei der Vergleichung, die Annahme der Beurteilung und über sie durch Vergrößerung aus den Vorschriften der Beratung die Rede.
si vero ceteri quoque idem faciant, omnino iudicium nullum futurum. postea demonstrabitur, ne si iudicio quidem illa damnata esset, in quam id crimen ab reo conferatur, potuisse hunc ipsum de illa supplicium sumere; quare esse indignum eum, qui ne de damnata quidem poenas sumere ipse potuisset, de ea supplicium sumpsisse, quae ne adducta quidem sit in iudicium. deinde postu- labit, ut legem, qua lege fecerit, proferat. deinde quem- admodum in comparatione praecipiebamus, ut illud, quod compararetur, extenuaretur ab accusatore quam maxime, sic in hoc genere oportebit illius culpam, in quem crimen transferatur, cum huius maleficio, qui se iure fecisse dicat, comparare. postea demonstran- dum est non esse illud eiusmodi, ut ob id hoc fieri con- venerit. extrema est, ut in comparatione, assumptio iudicationis et de ea per amplificationem ex delibera- tionis praeceptis dictio.
Der Verteidiger aber wird das, was durch andere Streitstände eingeführt wird, aus jenen Plätzen, die überliefert worden sind, entkräften; die Zurückschiebung selbst aber wird er bekräftigen, erstens indem er die Schuld und Verwegenheit dessen, auf den er die Beschuldigung zurückschiebt, vergrößert und sie möglichst durch Empörung, wenn die Sache es trägt, verbunden mit Wehklage, vor die Augen stellt; danach indem er aufzeigt, daß er ihn leichter bestraft habe, als jenes Verdienst gewesen sei, und seine Bestrafung mit der Rechtsverletzung jenes vergleicht. Sodann wird man jene Plätze, die vom Ankläger so behandelt worden sind, daß sie widerlegt und in den entgegengesetzten Teil gewendet werden können — zu welcher Gattung die drei letzten gehören —, mit entgegengesetzten Grün-
Defensor autem, quae per alias constitutiones indu- centur, ex iis locis, qui traditi sunt, infirmabit; ipsam autem relationem comprobabit, primum augendo eius, in quem referet crimen, culpam et audaciam et quam maxime per indignationem, si res feret, iuncta con- questione ante oculos ponendo; postea levius demon- strando se poenitum, quam sit illius promeritum, et suum supplicium cum illius iniuria conferendo. deinde oportebit eos locos, qui ita erunt ab accusatore trac- tati, ut refelli et contrariam in partem converti pos- sint, quo in genere sunt tres extremi, contrariis ratio-
den entkräften müssen. Jene überaus scharfe Beschuldigung der Ankläger aber, durch die sie aufzeigen, es werde eine Verwirrung aller Gerichte entstehen, wenn die Befugnis gegeben sei, über einen Ungerichteten die Strafe zu vollziehen, wird erleichtert werden, erstens wenn die Rechtsverletzung als von solcher Art aufgezeigt wird, daß sie nicht nur einem guten Manne, sondern überhaupt einem freien Menschen als nicht erträglich erscheint; sodann als so offenkundig, daß sie nicht einmal von eben dem, der es getan hatte, in Zweifel gezogen würde; sodann von solcher Art, daß ihr am meisten der hätte sein Augenmerk zuwenden müssen, der es ihr zugewendet hat; daß es nicht so recht, nicht so ehrenhaft gewesen sei, daß jene Sache vor Gericht gelange, als daß sie auf die Weise und von dem geahndet werde, auf welche Weise und von wem sie geahndet worden ist;
nibus infirmare. illa autem acerrima accusatorum criminatio, per quam perturbationem fore omnium iu- diciorum demonstrant, si de indamnato supplicii su- mendi potestas data sit, levabitur, primum si eius- modi demonstrabitur iniuria, ut non modo viro bono, verum omnino homini libero videatur non fuisse tole- randa; deinde ita perspicua, ut ne ab ipso quidem, qui fecisset, in dubium vocaretur; deinde eiusmodi, ut in eam is maxime debuerit animum advertere, qui ani- mum advertit; ut non tam rectum, non tam fuerit ho- nestum in iudicium illam rem pervenire, quam eo modo atque ab eo vindicari, quo modo et ab quo sit vindicata;
danach, daß die Sache so offenbar gewesen sei, daß ein Gericht über sie zu nichts nütze gewesen wäre. Und hier ist mit Gründen und ähnlichen Sachen aufzuzeigen, daß sehr viele Dinge so greulich und offenkundig sind, daß es über sie nicht nur nicht notwendig, sondern nicht einmal nützlich ist abzuwarten, wie bald ein Gericht stattfinde. Der Gemeinplatz des Anklägers richtet sich gegen den, der, während er das, was beschuldigt wird, nicht leugnen kann, dennoch irgendeine Hoffnung sich aus der Verwirrung der Gerichte beschafft. Und hier die Aufzeigung der Nützlichkeit der Gerichte und die Wehklage über den, der ungerichtet die Strafe erlitten hat;
postea sic rem fuisse apertam, ut iudicium de ea re fieri nihil adtinuerit. atque hic demonstran- dum est rationibus et similibus rebus permultas ita atroces et perspicuas res esse, ut de his non modo non necesse sit, sed ne utile quidem, quam mox iu- dicium fiat, exspectare. Locus communis accusatoris in eum, qui, cum id, quod arguitur, negare non possit, tamen aliquid sibi spei conparet ex iudiciorum perturbatione. atque hic utilitatis iudiciorum demonstratio et de eo conquestio, qui supplicium dederit indamnatus;
gegen den aber, der sie vollzogen hat, die Empörung über seine Verwegenheit und Grausamkeit. Vom Verteidiger her: gegen die Verwegenheit dessen, an dem er sich gerächt hat, verbunden mit Wehklage über sich selbst; die Sache gehöre sich nicht aus dem Namen des Geschäftes selbst, sondern aus dem Entschluß dessen, der es getan hat, und aus der Ursache und der Zeit zu betrachten; welches Übel zukünftig sei entweder aus der Rechtsverletzung oder dem Verbrechen irgendeines, wenn nicht eine so große und so offenkundige Verwegenheit von dem geahndet würde, der sie an seinem Ruf oder an den Eltern oder an den Kindern oder an irgendeiner Sache, die allen teuer zu sein entweder notwendig ist oder sich gehört, berührte. Die Abwälzung der Beschuldigung ist, wenn die Behauptung der Tat, die vom Gegner vorgebracht wird, auf einen anderen oder auf etwas anderes abgewälzt wird.
in eius autem, qui sumpserit, audaciam et crudelitatem indignatio. ab defensore, in eius, quem ultus sit, audaciam cum sui conquestione; rem non ex nomine ipsius negotii, sed ex consilio eius, qui fecerit, et causa et tempore considerari oportere; quid mali futurum sit aut ex iniuria aut scelere alicuius, nisi tanta et tam perspicua audacia ab eo, ad cuius famam aut ad parentes aut ad liberos pertineret aut ad aliquam rem, quam caram esse omnibus aut necesse est aut oportet esse, vin- dicata. Remotio criminis est, cum eius intentio facti, quod ab adversario infertur, in alium aut in aliud de- movetur.
Dies geschieht auf zweierlei Weise; denn bald wird die Ursache, bald die Sache selbst abgewälzt. Für die Abwälzung der Ursache sei uns dies das Beispiel: Die Rhodier schickten gewisse Männer als Gesandte nach Athen. Den Gesandten gaben die Quästoren den Aufwand, der gegeben werden mußte, nicht. Die Gesandten reisten nicht ab. Sie werden angeklagt. Die Behauptung ist: Es gehörte sich abzureisen. Die Abwehr ist: Es gehörte sich nicht. Die Frage ist: Gehörte es sich? Der Grund ist: Der Aufwand nämlich, der aus dem öffentlichen Gut gegeben zu werden pflegt, der ist vom Quästor nicht gegeben worden. Die Entkräftung ist: Ihr hättet dennoch das, was euch von Staats wegen als Geschäft aufgetragen war, vollbringen müssen. Die Beurteilung ist: Da denen, die Gesandte waren, der Aufwand, der aus dem öffentlichen Gut geschuldet wurde, nicht gegeben wurde, gehörte es sich, daß sie die Gesandtschaft nichtsdestoweniger vollbrächten? In dieser Gattung wird man zuerst, wie in den übrigen, wenn sich etwas aus dem mutmaßenden oder aus einem anderen Streitstand nehmen läßt, zu sehen haben. Sodann wird das meiste sowohl aus der Vergleichung als auch aus der Zurückschiebung der Beschuldigung auch in diesen Fall passen können.
id fit bipertito; nam tum causa, tum res ipsa removetur. causae remotioni hoc nobis exem- plo sit: Rhodii quosdam legarunt Athenas. legatis quaestores sumptum, quem oportebat dari, non dede- runt. legati profecti non sunt. accusantur. intentio est: proficisci oportuit. depulsio est: non oportuit. quaestio est: oportueritne? ratio est: sumptus enim, qui de publico dari solet, is ab quaestore non est datus. infirmatio est: vos tamen id, quod publice vobis erat negotii datum, conficere oportebat. iudi- catio est: cum iis, qui legati erant, sumptus, qui de- bebatur de publico, non daretur, oportueritne eos con- ficere nihilo minus legationem? hoc in genere pri- mum sicut in ceteris, si quid aut ex coniecturali aut ex alia constitutione sumi possit, videri oportebit. deinde pleraque et ex comparatione et ex relatione criminis in hanc quoque causam convenire poterunt.
Der Ankläger aber wird jenen, durch dessen Schuld der Angeklagte sagen wird, daß es geschehen sei, erstens verteidigen, wenn er es kann; wenn er es aber weniger kann, wird er leugnen, daß zu diesem Gericht die Schuld jenes, sondern dieses gehöre, den er selbst anklagt. Danach wird er sagen, daß ein jeder seiner eigenen Pflicht Sorge tragen müsse; und wenn jener gefehlt hätte, hätte sich dieser nicht zu fehlen gehört; sodann, wenn jener sich vergangen habe, gehöre es sich, jenen gesondert anzuklagen, wie diesen, und die Anklage jenes nicht mit der Verteidigung dieses zu verbinden. Der Verteidiger aber wird, nachdem er das übrige, falls etwas aus anderen Streitständen einfällt, durchbehandelt hat, über die Abwälzung selbst so argu-
Accusator autem illum, cuius culpa id factum reus dicet, primum defendet, si poterit; sin minus poterit, negabit ad hoc iudicium illius, sed huius, quem ipse accuset, culpam pertinere. postea dicet suo quemque officio consulere oportere; nec, si ille peccasset, hunc oportuisse peccare; deinde, si ille deliquerit, separatim illum sicut hunc accusari oportere et non cum huius defensione coniungi illius accusationem. Defensor autem cum cetera, si qua ex aliis incident constitutionibus, pertractarit, de ipsa remotione sic ar-
mentieren: Erstens wird er aufzeigen, durch wessen Schuld es sich ereignet hat; sodann wird er, da es sich durch fremde Schuld ereignet hat, dartun, daß er das, was der Ankläger sagt, es habe sich gehört, entweder nicht habe tun können oder nicht habe tun dürfen; was er habe tun können, wird er aus den Teilen der Nützlichkeit, in denen die Kraft der Notwendigkeit verflochten ist, aufzeigen; was er habe tun dürfen, wird aus der Ehrenhaftigkeit erwogen werden. Über beides wird in der beratenden Gattung deutlicher gesprochen werden. Sodann, daß alles vom Angeklagten getan worden sei, was in seiner Macht gestanden habe;
gumentabitur: primum, cuius acciderit culpa, demon- strabit; deinde, cum id aliena culpa accidisset, ostendet se aut non potuisse aut non debuisse id facere, quod accusator dicat oportuisse; quid potuerit, ex utilitatis partibus, in quibus est necessitudinis vis implicata, demonstrabit quid debuerit, ex honestate considera- bitur. de utroque distinctius in deliberativo genere dicetur. deinde omnia facta esse ab reo, quae in ipsius fuerint potestate;
daß das, was weniger, als es sich geziemt hätte, getan worden sei, sich durch die Schuld eines anderen ereignet habe. Sodann ist, indem die Schuld des anderen darzulegen ist, aufzuzeigen, wieviel an Willen und Eifer in ihm selbst gewesen sei, und dies ist durch Zeichen von dieser Art zu bekräftigen: aus der übrigen Sorgfalt, aus zuvor Getanem oder Gesagtem; und daß es ihm selbst nützlich gewesen sei, dies zu tun, unnütz aber, es nicht zu tun, und daß es mit dem übrigen Leben mehr übereingestimmt habe als das, was er wegen der Schuld eines anderen nicht getan hat. Wenn aber nicht auf einen bestimmten Menschen, sondern auf irgendeine Sache der Fall abgewälzt wird, wie in eben dieser Sache, wenn der Quästor gestorben wäre und deshalb den Gesandten das Geld nicht gegeben worden wäre, so wird man, nachdem die Anklage eines anderen und die Abwehr der Schuld weggenommen ist, die übrigen Plätze auf ähnliche Weise gebrauchen und aus den Teilen des Eingeständnisses, die passen werden, hinzunehmen müssen; von denen wir zu sprechen haben werden.
quod minus, quam convenerit, fac- tum sit, culpa id alterius accidisse. deinde alterius culpa exponenda demonstrandum est, quantum volun- tatis et studii fuerit in ipso, et id signis confirman- dum huiusmodi: ex cetera diligentia, ex ante factis aut dictis; atque hoc ipsi utile fuisse facere, inutile autem non facere, et cum cetera vita fuisse hoc magis consentaneum, quam quod propter alterius culpam non fecerit. si autem non in hominem certum, sed in rem aliquam causa demovebitur, ut in hac eadem re, si quaestor mortuus esset et idcirco legatis pe- cunia data non esset, accusatione alterius et culpae depulsione dempta ceteris similiter uti locis oportebit et ex concessionis partibus, quae convenient, assumere; de quibus nobis dicendum erit.
Die Gemeinplätze aber, die in den vorhergehenden hinzunehmenden Streitständen vorkamen, werden für beide Seiten fast dieselben sein; diese jedoch ganz sicher: für den Ankläger die Empörung über die Tat; für den Verteidiger, daß man, wenn die Schuld bei einem anderen liege oder nicht bei ihm selbst sei, ihn nicht mit Strafe belegen dürfe. Eine Abwälzung der Sache selbst aber entsteht, wenn der Angeklagte das, was ihm zur Beschuldigung gemacht wird, leugnet und sagt, es habe weder ihn noch seine Pflicht betroffen, und es gehöre sich nicht, daß ihm, wenn darin etwas verfehlt worden sei, dies zugeschrieben werde. Jene Gattung des Falles ist von dieser Art: Bei jenem Bündnis, das einst mit den Samniten geschlossen wurde, hielt ein gewisser junger Adliger auf Geheiß des Feldherrn das Ferkel. Nachdem aber das Bündnis vom Senat verworfen und der Feldherr den Samniten ausgeliefert worden war, sagt ein gewisser im Senat, es gehöre sich, daß auch der ausgeliefert werde, der das Ferkel gehalten habe.
Loci autem communes idem utrisque fere, qui in superioribus assumptivis, incident; hi tamen certissi- me: accusatoris, facti indignatio; defensoris, cum in alio culpa sit, aut in ipso non sit, supplicio se affici non oportere. Ipsius autem rei fit remotio, cum id, quod datur crimini, negat neque ad se neque ad officium suum reus pertinuisse; nec, si quid in eo sit delictum, sibi adtribui oportere. id causae genus est huiusmodi: in eo foedere, quod factum est quondam cum Samnitibus, quidam adulescens nobilis porcum sustinuit iussu im- peratoris. foedere autem ab senatu inprobato et im- peratore Samnitibus dedito quidam in senatu eum quoque dicit, qui porcum tenuerit, dedi oportere.
Die Behauptung ist: Es gehört sich, ihn auszuliefern. Die Abwehr ist: Es gehört sich nicht. Die Frage ist: Gehört es sich? Der Grund ist: Es war nämlich nicht meine Pflicht und nicht in meiner Befugnis, da ich sowohl in diesem Alter als auch eine Privatperson war, der Feldherr aber mit höchstem Ansehen und höchster Befugnis ausgestattet war, der darauf zu achten hatte, daß ein hinreichend ehrenhaftes Bündnis geschlossen werde. Die Entkräftung ist: Aber da du dich doch an einem höchst schändlichen Bündnis von höchster religiöser Bindung beteiligt hast, gehört es sich, dich auszuliefern. Die Beurteilung ist: Da derjenige, der keinerlei Befugnis besaß, auf Geheiß des Feldherrn bei einem Bündnis und bei einer so großen religiösen Bindung zugegen war, ist er den Feinden auszuliefern oder nicht? Diese Gattung des Falles unterscheidet sich von der vorhergehenden dadurch, daß in jener der Angeklagte zugesteht, er habe das tun müssen, von dem der Ankläger sagt, es habe geschehen müssen, aber irgendeiner Sache oder einem Menschen die Ursache zuschreibt, die seinem Willen ein Hindernis gewesen sei, ohne die Teile des Eingeständnisses; denn diese haben eine gewisse größere Kraft, was etwas später eingesehen werden wird.
in- tentio est: dedi oportet. depulsio est: non oportet. quaestio est: oporteatne? ratio est: non enim meum fuit officium nec mea potestas, cum et id aetatis et privatus essem et esset summa cum auctoritate et potestate imperator, qui videret, ut satis honestum foedus feriretur. infirmatio est: at enim quoniam par- ticeps tu factus es in turpissimo foedere summae re- ligionis, dedi te convenit. iudicatio est: cum is, qui potestatis nihil habuerit, iussu imperatoris in foedere et in tanta religione interfuerit, dedendusne sit hosti- bus necne? hoc genus causae cum superiore hoc differt, quod in illo concedit se reus oportuisse facere id, quod fieri dicat accusator oportuisse, sed alicui rei aut homini causam attribuit, quae voluntati suae fuerit inpedimento, sine concessionis partibus; nam earum maior quaedam vis est, quod paulo post intellegetur.
In diesem aber darf er weder einen anderen anklagen noch die Schuld auf einen anderen übertragen, sondern muß dartun, daß jene Sache weder ihn noch seine Befugnis noch seine Pflicht betroffen habe oder betreffe. Und bei dieser Gattung ereignet sich dies Neue, daß auch der Ankläger oft aus der Abwälzung die Beschuldigung herstellt, wie wenn jemand den anklagt, der, während er Prätor war, das Volk zu einem Feldzug unter die Waffen gerufen hat, obwohl es Konsuln gab. Denn wie im vorhergehenden Beispiel der Angeklagte die Tat von seiner Pflicht und von seiner Befugnis abwälzte, so wälzt in diesem der Ankläger selbst die Tat von der Pflicht und Befugnis dessen ab, der angeklagt wird.
in hoc autem non accusare alterum nec culpam in alium transferre debet, sed demonstrare eam rem nihil ad se nec ad potestatem neque ad officium suum per- tinuisse aut pertinere. atque in hoc genere hoc ac- cidit novi, quod accusator quoque saepe ex remo- tione criminationem conficit, ut si quis eum accuset, qui, cum praetor esset, in expeditionem ad arma populum vocarit, cum consules essent. nam ut in su- periore exemplo reus ab suo officio et a potestate factum demovebat, sic in hoc ab eius officio ac po- testate, qui accusatur, ipse accusator factum remo-
Indem er dies abwälzt, bekräftigt er eben durch diesen Grund die Anklage. In diesem Falle wird man von beiden Seiten aus allen Teilen der Ehrenhaftigkeit und aus allen Teilen der Nützlichkeit, durch Beispiele, durch Zeichen, durch Schlußfolgerung untersuchen müssen, was eines jeden Pflicht, Recht und Befugnis sei, und ob demjenigen, um den es geht, jenes Recht, jene Pflicht, jene Befugnis zugewiesen war oder nicht. Die Gemeinplätze aber wird man aus der Sache selbst nehmen müssen, wenn sie etwas an Empörung oder Wehklage enthält. Das Eingeständnis ist das, durch das nicht die Tat selbst vom Angeklagten gebilligt wird, sondern darum gebeten wird, daß man ihm verzeihe. Seiner Teile sind zwei: die Rechtfertigung und die Abbitte. Die Rechtfertigung ist das, durch das nicht die Tat selbst dessen, der angeklagt wird, sondern sein Wille verteidigt wird. Diese hat drei Teile: die Unbedachtheit, den Zufall und die Notwendigkeit.
vendo hac ipsa ratione confirmat accusationem. in hac ab utroque ex omnibus partibus honestatis et ex om- nibus utilitatis partibus, exemplis, signis, ratiocinando, quid cuiusque officii, iuris, potestatis sit, quaeri opor- tebit et fueritne ei, quo de agetur, id iuris, officii, potestatis attributum necne. Locos autem communes ex ipsa re, si quid indigna- tionis aut conquestionis habebit, sumi oportebit. Concessio est, per quam non factum ipsum pro- batur ab reo, sed ut ignoscatur, id petitur. cuius partes sunt duae: purgatio et deprecatio. Purgatio est, per quam eius, qui accusatur, non factum ipsum, sed vo- luntas defenditur. ea habet partes tres: inprudentiam, casum, necessitudinem.
Eine Unbedachtheit liegt vor, wenn geleugnet wird, daß der, der beschuldigt wird, etwas gewußt habe; wie bei gewissen Leuten ein Gesetz galt: Niemand solle der Diana ein Kalb opfern. Gewisse Seeleute, die bei widrigem Sturm auf hoher See umhergeworfen wurden, gelobten, sie würden, wenn sie jenen Hafen erreichten, den sie erblickten, dem Gott, der dort sei, ein Kalb opfern. Zufällig war in jenem Hafen ein Heiligtum eben jener Diana, der ein Kalb zu opfern nicht erlaubt war. In Unkenntnis des Gesetzes opferten sie, als sie ausgestiegen waren, ein Kalb. Sie werden angeklagt. Die Behauptung ist: Ihr habt dem Gott ein Kalb geopfert, dem es nicht erlaubt war. Die Abwehr liegt im Eingeständnis. Der Grund ist: Ich wußte nicht, daß es nicht erlaubt sei. Die Entkräftung ist: Dennoch bist du, weil du getan hast, was nach dem Gesetz nicht erlaubt war, der Strafe würdig. Die Beurteilung ist: Da er das getan hat, was sich nicht gehörte, und nicht wußte, daß es sich nicht gehöre, ist er der Strafe würdig?
Inprudentia est, cum scisse aliquid is, qui arguitur, negatur; ut apud quosdam lex erat: ne quis Dianae vitulum immolaret. nautae quidam, cum adversa tem- pestate in alto iactarentur, voverunt, si eo portu, quem conspiciebant, potiti essent, ei deo, qui ibi esset, se vitulum immolaturos. casu erat in eo portu fanum Dianae eius, cui vitulum immolare non licebat. in- prudentes legis, cum exissent, vitulum immolaverunt. accusantur. intentio est: vitulum immolastis ei deo, cui non licebat. depulsio est in concessione posita. ratio est: nescivi non licere. infirmatio est: tamen, quoniam fecisti, quod non licebat ex lege, supplicio dignus es. iudicatio est: cum id fecerit, quod non oportuerit, et id non oportere nescierit, sitne supplicio dignus?
Der Zufall aber wird in das Eingeständnis eingeführt, wenn dargetan wird, daß irgendeine Gewalt des Schicksals dem Willen entgegengestanden habe, wie in diesem Falle: Da bei den Lakedämoniern ein Gesetz galt, daß es ein Kapitalverbrechen sei, wenn der Lieferant die Opfertiere nicht zu einem gewissen Opferdienst bereitstelle, begann der, der sie übernommen hatte, da der Tag des Opfers herannahte, die Opfertiere vom Felde in die Stadt zu treiben. Da wurde plötzlich, als große Stürme aufgekommen waren, der Fluß Eurotas, der an Lakedämon vorbeifließt, so groß und so heftig, daß die Opfertiere auf keine Weise hinübergeführt werden konnten.
Casus autem inferetur in concessionem, cum demon- stratur aliqua fortunae vis voluntati obstitisse, ut in hac: cum Lacedaemoniis lex esset, ut, hostias nisi ad sacrificium quoddam redemptor praebuisset, capital esset, hostias is, qui redemerat, cum sacrificii dies instaret, in urbem ex agro coepit agere. tum subito magnis commotis tempestatibus fluvius Eurotas, is qui praeter Lacedaemonem fluit, ita magnus et vehemens factus est, ut ea traduci victimae nullo modo possent.
Der Lieferant stellte, um seinen Willen zu zeigen, alle Opfertiere am Ufer auf, damit die, welche jenseits des Flusses waren, sie sehen könnten. Obwohl alle wußten, daß die plötzliche Anschwellung des Flusses seinem Eifer ein Hindernis gewesen war, klagten dennoch gewisse Leute ihn auf Leib und Leben an. Die Behauptung ist: Die Opfertiere, die du zum Opferdienst schuldetest, waren nicht zur Stelle. Die Abwehr ist das Eingeständnis. Der Grund: Der Fluß nämlich schwoll plötzlich an, und aus diesem Grunde konnten sie nicht hinübergeführt werden. Die Entkräftung: Dennoch bist du, weil das, was das Gesetz befiehlt, nicht getan worden ist, der Strafe würdig. Die Beurteilung ist: Da der Lieferant in dieser Sache etwas gegen das Gesetz getan hat, in welcher Sache seinem Eifer die plötzliche Anschwellung des Flusses entgegenstand, ist er der Strafe würdig?
redemptor suae voluntatis ostendendae causa hostias constituit omnes in litore, ut, qui trans flumen essent, videre possent. cum omnes studio eius subitam flu- minis magnitudinem scirent fuisse inpedimento, tamen quidam capitis arcesserunt. intentio est: hostiae, quas debuisti ad sacrificium, praesto non fuerunt. depulsio concessio. ratio: flumen enim subito accrevit et ea re traduci non potuerunt. infirmatio: tamen, quon- iam, quod lex iubet, factum non est, supplicio dignus es. iudicatio est: cum in ea re contra legem redemptor aliquid fecerit, qua in re studio eius subita fluminis obstiterit magnitudo, supplicio dignusne sit?
Die Notwendigkeit aber wird eingeführt, wenn verteidigt wird, daß der Angeklagte das, was er getan hat, durch irgendeine Gewalt getan habe, auf diese Weise: Bei den Rhodiern gilt das Gesetz, daß, wenn irgendein mit einem Schiffsschnabel versehenes Schiff im Hafen angetroffen werde, es eingezogen werde. Als ein großer Sturm auf hoher See war, drängte die Gewalt der Winde gegen den Willen der Seeleute das Schiff in den Hafen der Rhodier. Der Quästor erklärt das Schiff zum Eigentum des Volkes, der Eigner des Schiffes leugnet, daß es sich gehöre, es einzuziehen. Die Behauptung ist: Ein mit einem Schiffsschnabel versehenes Schiff ist im Hafen angetroffen worden. Die Abwehr ist das Eingeständnis. Der Grund: Durch Gewalt und notgedrungen sind wir in den Hafen gezwungen worden. Die Entkräftung ist: Dennoch gehört es sich, daß das Schiff nach dem Gesetz dem Volke gehöre. Die Beurteilung ist: Da das Gesetz das mit einem Schiffsschnabel versehene, im Hafen angetroffene Schiff für eingezogen erklärt hat und da dieses Schiff gegen den Willen der Seeleute durch die Gewalt des Sturmes in den Hafen geworfen worden ist, gehört es sich, daß es eingezogen werde?
Necessitudo autem infertur, cum vi quadam reus id, quod fecerit, fecisse defenditur, hoc modo: lex est apud Rhodios, ut, si qua rostrata in portu navis depre- hensa sit, publicetur. cum magna in alto tempestas esset, vis ventorum invitis nautis in Rhodiorum por- tum navem coe+git. quaestor navem populi vocat, na- vis dominus negat oportere publicari. intentio est: rostrata navis in portu deprehensa est. depulsio con- cessio. ratio: vi et necessario sumus in portum coacti. infirmatio est: navem ex lege tamen populi esse oportet. iudicatio est: cum rostratam navem in portu deprehensam lex publicarit cumque haec navis invitis nautis vi tempestatis in portum coniecta sit, oporteatne eam publicari?
Die Beispiele dieser drei Gattungen haben wir deshalb an einem Ort zusammengetragen, weil bei ihnen eine ähnliche Vorschrift der Beweisgründe überliefert wird. Denn bei ihnen allen wird zuerst, wenn die Sache selbst eine Gelegenheit dazu bietet, der Ankläger eine Mutmaßung einführen müssen, so daß durch irgendeinen Verdacht dargetan werde, daß das, was als nicht aus Willen geschehen behauptet wird, mit Vorsatz geschehen sei; sodann muß er die Begriffsbestimmung der Notwendigkeit oder des Zufalls oder der Unbedachtheit einführen und dieser Begriffsbestimmung Beispiele anfügen, in denen eine Unbedachtheit oder ein Zufall oder eine Notwendigkeit vorgelegen zu haben scheint, und von diesen das, was der Angeklagte einführt, abtrennen, das heißt, das Unähnliche aufzeigen, daß es leichter, einfacher, nicht unmöglich zu wissen, nicht zufällig, nicht notwendig gewesen sei; danach dartun, es habe vermieden werden können: auf diese Weise habe Vorsorge getroffen werden können, wenn er dies oder jenes getan hätte, oder, wenn er es nicht getan hätte, sich davor hüten können; und durch Begriffsbestimmungen aufzeigen, daß man dies nicht Unbedachtheit oder Zufall oder Notwendigkeit, sondern Trägheit, Nachlässigkeit, Torheit nennen müsse.
Horum trium generum idcirco in unum locum con- tulimus exempla, quod similis in ea praeceptio argu- mentorum traditur. nam in his omnibus primum, si quid res ipsa dabit facultatis, coniecturam induci ab accusatore oportebit, ut id, quod voluntate factum ne- gabitur, consulto factum suspicione aliqua demon- stretur; deinde inducere definitionem necessitudinis aut casus aut inprudentiae et exempla ad eam defini- tionem adiungere, in quibus inprudentia fuisse videatur aut casus aut necessitudo, et ab his id, quod reus in- ferat, separare, id est ostendere dissimile, quod le- vius, facilius non ignorabile, non fortuitum, non necessarium fuerit; postea demonstrare potuisse vitari: hac ratione provideri potuisse, si hoc aut illud fe- cisset, aut, nisi fecisset, praecaveri; et definitionibus ostendere non hanc inprudentiam aut casum aut ne- cessitudinem, sed inertiam, neglegentiam, fatuitatem nominari oportere.
Und wenn irgendeine Notwendigkeit eine Schändlichkeit zu enthalten scheint, wird man durch Verflechtung von Gemeinplätzen widerlegend dartun müssen, es wäre besser gewesen, irgend etwas zu erleiden, schließlich zu sterben, als einer Notwendigkeit dieser Art nachzugeben. Und dann wird man aus jenen Plätzen, von denen im verhandelnden Teil gesprochen wurde, die Natur des Rechtes und der Billigkeit zu erforschen haben und gleichsam wie im selbständigen rechtlichen Streitstand eben dies an sich, getrennt von allen anderen Dingen, zu betrachten haben. Und an diesem Orte wird man, wenn die Gelegenheit besteht, Beispiele gebrauchen müssen, bei denen in einer ähnlichen Entschuldigung nicht verziehen worden ist, und durch Gegenüberstellung dartun, daß jenen eher hätte verziehen werden müssen, und durch die Teile der Beratung, es sei schändlich oder unnütz, daß jene Sache zugestanden werde, die vom Gegner begangen worden ist: es sei sehr bedeutend und werde von großem Nachteil sein, wenn diese Sache von denen, die die Befugnis zu ahnden haben, vernachlässigt werde.
ac si qua necessitudo turpitudi- nem videbitur habere, oportebit per locorum commu- nium inplicationem redarguentem demonstrare quid- vis perpeti, mori denique satius fuisse quam eius- modi necessitudini optemperare. atque tum ex iis locis, de quibus in negotiali parte dictum est, iuris et aequitatis naturam oportebit quaerere et quasi in absoluta iuridiciali per se hoc ipsum ab rebus omni- bus separatim considerare. atque hoc in loco, si fa- cultas erit, exemplis uti oportebit, quibus in simili excusatione non sit ignotum, et contentione, magis illis ignoscendum fuisse, et deliberationis partibus, turpe aut inutile esse concedi eam rem, quae ab ad- versario commissa sit: permagnum esse et magno fu- turum detrimento, si ea res ab iis, qui potestatem habent vindicandi, neglecta sit.
Der Verteidiger aber wird, indem er all diese Teile umkehrt, von ihnen Gebrauch machen können; vor allem aber wird er bei der Verteidigung des Willens verweilen und bei der Vergrößerung jener Sache, die dem Willen ein Hindernis gewesen ist; und daß er nicht mehr habe tun können, als er getan hat; und daß man bei allen Dingen auf den Willen achten müsse; und daß er nicht überführt werden könne, weil er frei von Schuld sei; und daß in seinem Namen die allen Menschen gemeinsame Schwäche verurteilt werden könne. Sodann, daß nichts unwürdiger sei, als daß der, der frei von Schuld ist, nicht frei von Strafe sei. Die Gemeinplätze aber: für den Ankläger gegen das Bekenntnis, und welch große Befugnis zu sündigen übrigbleibe, wenn einmal eingeführt sei, daß man nicht nach der Tat, sondern nach der Ursache der Tat frage;
Defensor autem conversis omnibus his partibus pot- erit uti; maxime autem in voluntate defendenda com- morabitur et in ea re adaugenda, quae voluntati fuerit inpedimento; et se plus, quam fecerit, facere non po- tuisse; et in omnibus rebus voluntatem spectari opor- tere; et se convinci non posse, quod absit a culpa; suo nomine communem hominum infirmitatem posse dam- nari. deinde nihil esse indignius quam eum, qui culpa careat, supplicio non carere. Loci autem communes: accusatoris in confessionem, et quanta potestas peccandi relinquatur, si semel in- stitutum sit, ut non de facto, sed de facti causa quaera-
für den Verteidiger die Wehklage über jenes Unglück, das nicht durch Schuld, sondern durch irgendeine größere Gewalt geschehen sei, und über die Macht des Schicksals und die Schwäche der Menschen, und daß sie auf seine Gesinnung, nicht auf den Ausgang achten sollen. Bei all diesem wird die Wehklage über das eigene Elend und die Empörung über die Grausamkeit der Gegner enthalten sein müssen. Und es geziemt sich, daß niemand sich wundere, wenn er entweder bei diesen oder bei anderen Beispielen auch einen Streit über das Geschriebene angefügt sieht. Über diese Gattung werden wir später gesondert zu sprechen haben, deshalb, weil gewisse Gattungen von Fällen einfach aus ihrer eigenen Kraft betrachtet werden, gewisse aber sich auch noch irgendeine andere Gattung des Streites hinzunehmen.
tur; defensoris conquestio est calamitatis eius, quae non culpa, sed vi maiore quadam acciderit, et de for- tunae potestate et hominum infirmitate et, uti suum animum, non eventum considerent. in quibus omnibus conquestionem suarum aerumnarum et crudelitatis ad- versariorum indignationem inesse oportebit. Ac neminem mirari conveniet, si aut in his aut in aliis exemplis scripti quoque controversiam adiunctam videbit. quo de genere post erit nobis separatim di- cendum, propterea quod quaedam genera causarum simpliciter ex sua vi considerantur, quaedam autem sibi aliud quoque aliquod controversiae genus assu-
Daher wird es, wenn alle erkannt sind, nicht schwierig sein, auf jeden einzelnen Fall das zu übertragen, was auch aus jener Gattung passen wird; wie in diesen Beispielen des Eingeständnisses in allen ein Streit über das Geschriebene liegt, jener, der nach dem Geschriebenen und dem Sinn benannt wird; aber weil wir vom Eingeständnis sprachen, haben wir zu diesem die Vorschriften gegeben, an anderem Ort aber werden wir vom Geschriebenen und vom Sinn sprechen. Nun werden wir unsere Betrachtung schon auf den anderen Teil des Eingeständnisses richten.
munt. quare omnibus cognitis non erit difficile in unam quamque causam transferre, quod ex eo quoque genere conveniet; ut in his exemplis concessionis inest omnibus scripti controversia, ea quae ex scripto et sententia nominatur; sed, quia de concessione loque- bamur, in eam praecepta dedimus, alio autem loco de scripto et de sententia dicemus. Nunc in alteram concessionis partem consideratio-
Die Abbitte ist die, in der nicht die Verteidigung der Tat, sondern die Bitte um Verzeihung enthalten ist. Diese Gattung kann vor Gericht kaum gebilligt werden, deshalb, weil es, wenn das Vergehen zugestanden ist, schwierig ist, von dem, der der Rächer der Vergehen sein muß, zu erlangen, daß er verzeihe. Daher wird man einen Teil dieser Gattung gebrauchen dürfen, wenn man den Fall nicht darauf gegründet hat; wie du, wenn du für irgendeinen berühmten oder tapferen Mann sprächest, der dem Staat viele Wohltaten erwiesen hat, ohne die Abbitte zu gebrauchen scheinst und sie dennoch gebrauchen könntest, auf diese Weise: Wenn aber dieser Mann, ihr Richter, für seine Wohltaten, für seinen Eifer, den er stets für euch gehegt hat, in einer solchen Lage um der vielen seiner rechten Taten willen verlangte, daß ihr ihm ein einziges Vergehen verzeiht, so wäre es dennoch eurer Milde würdig, ihr Richter, der Tugend dieses Mannes würdig, daß diese Sache, da er sie verlangt, von euch gewährt werde. Sodann wird man die Wohltaten vergrößern und die Richter durch einen Gemeinplatz zum Willen, zu verzeihen, hinführen dürfen.
nem iam intendemus. Deprecatio est, in qua non de- fensio facti, sed ignoscendi postulatio continetur. hoc genus vix in iudicio probari potest, ideo quod con- cesso peccato difficile est ab eo, qui peccatorum vindex esse debet, ut ignoscat, impetrare. quare parte eius generis, cum causam non in eo constitueris, uti licebit; ut si pro aliquo claro aut forti viro, cuius in rem publi- cam multa sunt beneficia, diceres, posses, cum videaris non uti deprecatione, uti tamen, ad hunc modum: quodsi, iudices, hic pro suis beneficiis, pro suo studio, quod in vos semper habuit, tali suo tempore multorum suorum recte factorum causa uni delicto ut ignosce- retis postularet, tamen dignum vestra mansuetudine, dignum virtute huius esset, iudices, a vobis hanc rem hoc postulante impetrari. deinde augere beneficia licebit et iudices per locum communem ad ignoscendi voluntatem ducere.
Obwohl daher diese Gattung vor Gericht nur zu einem gewissen Teil vorkommt, werden wir doch, weil eben dieser Teil bisweilen eingeführt werden muß und im Senat oder im Rat oft in jeglicher Gattung zu behandeln ist, auch dazu Vorschriften aufstellen. Denn im Senat oder im Rat ist über Syphax lange beraten worden, und über Quintus Numitorius Pullus ist vor Lucius Opimius und dessen Rat lange gesprochen worden, und bei diesem hat in der Tat eher die Bitte um Verzeihung als die um Untersuchung Gewicht gehabt. Denn er bewies nicht so leicht, daß er gegen das römische Volk stets von guter Gesinnung gewesen sei, wenn er sich des mutmaßenden Streitstandes bediente, als daß ihm um der späteren Wohltat willen verziehen werde, wenn er die Teile der Abbitte hinzufügte.
quare hoc genus quamquam in iudiciis non versatur nisi quadam ex parte, tamen, quia et pars haec ipsa inducenda nonnumquam est et in senatu aut in consilio saepe omni in genere tractanda, in id quoque praecepta ponemus. nam in senatu aut in consilio de Syphace diu deliberatum est, et de Q. Numitorio Pullo apud L. Opimium et eius consilium diu dictum est, et magis in hoc qui- dem ignoscendi quam cognoscendi postulatio valuit. nam semper animo bono se in populum Romanum fuisse non tam facile probabat, cum coniecturali con- stitutione uteretur, quam ut propter posterius bene- ficium sibi ignosceretur, cum deprecationis partes ad- iungeret.
Es wird sich also gehören, daß der, der verlangen wird, daß ihm verziehen werde, seine Wohltaten, wenn er irgendwelche aufweisen kann, in Erinnerung ruft und, wenn er es kann, dartut, daß diese größer seien als das, worin er gefehlt hat, so daß von ihm mehr Gutes als Böses ausgegangen zu sein scheint; sodann die Wohltaten seiner Vorfahren, wenn irgendwelche bestehen, vorbringt; sodann dartut, daß er das, was er getan hat, nicht aus Haß noch aus Grausamkeit getan habe, sondern entweder aus Torheit oder auf jemandes Antrieb hin oder aus irgendeinem ehrenhaften oder annehmbaren Grunde; danach verspricht und versichert, daß er, sowohl durch dieses Vergehen belehrt als auch durch die Wohltat derer, die ihm verziehen haben, bestärkt, zu jeder Zeit von einem solchen Handeln fern sein werde; sodann die Hoffnung aufzeigt, daß er an irgendeiner bedeutenden Stelle denen,
Oportebit igitur eum, qui sibi ut ignoscatur, postu- labit, commemorare, si qua sua poterit beneficia et, si poterit, ostendere ea maiora esse quam haec, quae deliquerit, ut plus ab eo boni quam mali profectum esse videatur; deinde maiorum suorum beneficia, si qua exstabunt, proferre; deinde ostendere non odio neque crudelitate fecisse, quod fecerit, sed aut stultitia aut inpulsu alicuius aut aliqua honesta aut probabili causa; postea polliceri et confirmare se et hoc peccato doctum et beneficio eorum, qui sibi ignoverint, con- firmatum omni tempore a tali ratione afuturum; de- inde spem ostendere aliquo se in loco magno iis,
die ihm verziehen haben, von Nutzen sein werde; danach wird er, wenn die Gelegenheit besteht, dartun, daß er entweder ein Blutsverwandter oder schon von den Vorfahren her vor allem ein Freund sei, und wird die Größe seines Wohlwollens, den Adel seines Geschlechts, die Würde derer, die ihn gerettet wissen wollen, aufzeigen, und das übrige, was den Personen an Ehrenhaftigkeit und Ansehen zugeschrieben ist, mit Wehklage, ohne Anmaßung, an sich aufzeigen, so daß er eher irgendeiner Ehre als irgendeiner Strafe würdig zu sein scheint; sodann die übrigen vorbringen, denen größere Vergehen verziehen worden sind. Und es wird viel nützen, wenn er aufzeigt, daß er, als er die Befugnis hatte, barmherzig und zur Verzeihung geneigt gewesen ist. Und eben jenes Vergehen wird zu verkleinern sein, so daß es möglichst wenig geschadet zu haben scheint, und es wird darzutun sein, daß es schändlich oder unnütz sei, einen solchen Menschen mit Strafe zu belegen.
qui sibi concesserint, usui futurum; postea, si facultas erit, se aut consanguineum * aut iam a maioribus inprimis amicum esse demonstrabit et amplitudinem suae vo- luntatis, nobilitatem generis, eorum, qui se salvum velint, dignitatem ostendere, et cetera ea, quae per- sonis ad honestatem et amplitudinem sunt adtributa, cum conquestione, sine arrogantia, in se esse demon- strabit, ut honore potius aliquo quam ullo supplicio dignus esse videatur; deinde ceteros proferre, quibus maiora delicta concessa sint. ac multum proficiet, si se misericordem in potestate, propensum ad igno- scendum fuisse ostendet. atque ipsum illud pecca- tum erit extenuandum, ut quam minimum obfuisse videatur, et aut turpe aut inutile demonstrandum tali de homine supplicium sumere.
Sodann wird man durch Gemeinplätze Mitleid zu erlangen suchen müssen aus jenen Vorschriften, die im ersten Buch dargelegt sind. Der Gegner aber wird die Übeltaten vergrößern: er wird sagen, nichts sei aus Unbedachtheit, sondern alles aus Grausamkeit und Bosheit geschehen; jener selbst sei unbarmherzig und hochmütig gewesen; und er wird, wenn er es kann, aufzeigen, daß jener stets ein Feind gewesen sei und auf keine Weise ein Freund werden könne. Wenn er Wohltaten vorbringt, wird er dartun, daß sie entweder aus irgendeinem Grunde, nicht aus Wohlwollen, geschehen seien, oder daß danach ein heftiger Haß entstanden sei, oder daß alle jene durch Übeltaten ausgelöscht worden seien, oder daß die Wohltaten geringer seien als die Übeltaten, oder daß, da den Wohltaten Ehre erwiesen worden sei, für die Übeltat
deinde locis commu- nibus misericordiam captare oportebit ex iis praecep- tis, quae in primo libro sunt exposita. Adversarius autem malefacta augebit: nihil impru- denter, sed omnia ex crudelitate et malitia facta dicet; ipsum inmisericordem, superbum fuisse; et, si poterit, ostendet semper inimicum fuisse et amicum fieri nullo modo posse. si beneficia proferet, aut aliqua de causa facta, non propter benivolentiam demonstrabit, aut postea odium esse acre susceptum, aut illa omnia maleficiis esse deleta, aut leviora beneficia quam male- ficia, aut, cum beneficiis honos habitus sit, pro male-
Strafe verhängt werden müsse. Sodann, daß es schändlich oder unnütz sei zu verzeihen. Sodann, daß es die höchste Torheit sei, gegen den, über den sie oft gewünscht hätten, Befugnis zu haben, die höchste Befugnis nicht zu gebrauchen; man müsse bedenken, welche Gesinnung und welchen Haß sie gegen ihn gehegt hätten. Der Gemeinplatz aber wird die Empörung über die Übeltat sein und der andere, daß man derer Mitleid haben müsse, die durch das Schicksal, nicht durch Bosheit im Elend sind. Da wir uns also beim allgemeinen Streitstand wegen der Vielzahl seiner Teile so lange aufhalten, scheint es, damit nicht etwa jemandes durch die Mannigfaltigkeit und Unähnlichkeit der Dinge abgelenkter Geist in irgendeinen Irrtum gerate, angebracht, daran zu erinnern, was uns aus jener Gattung noch übrigbleibt und warum es übrigbleibt. Wir sagten, ein rechtsprechender Fall sei der, in dem nach der Natur des Gerechten und Ungerechten und nach dem Maße der Belohnung oder Strafe gefragt werde.
ficio poenam sumi oportere. deinde turpe esse aut inutile ignosci. deinde, de quo ut potestas esset saepe optarint, in eum * ob potestatem non uti summam esse stultitiam; cogitare oportere, quem animum in eum et quod odium habuerint. Locus autem communis erit indignatio maleficii et alter eorum misereri oportere, qui propter fortunam, non propter malitiam in miseriis sint. Quoniam ergo in generali constitutione tamdiu prop- ter eius partium multitudinem commoramur, ne forte varietate et dissimilitudine rerum diductus alicuius animus in quendam errorem deferatur, quid etiam no- bis ex eo genere restet et quare restet, admonendum videtur. Iuridicialem causam esse dicebamus, in qua aequi et iniqui natura et praemii aut poenae ratio quaere- retur.
Jene Fälle, in denen nach dem Gerechten und Ungerechten gefragt wird, haben wir dargelegt. Es bleibt nun übrig, daß wir über die Belohnung und über die Strafe Aufschluß geben. Es gibt nämlich viele Fälle, die aus der Forderung irgendeiner Belohnung bestehen. Denn sowohl vor den Richtern wird oft nach der Belohnung der Ankläger gefragt, als auch vom Senat oder vom Rat oft irgendeine Belohnung erbeten. Und es wird sich geziemen, daß niemand meine, wir entfernten uns, wenn wir irgendein Beispiel setzen, das im Senat verhandelt wird, von der gerichtlichen Gattung der Beispiele. Denn was immer über die Billigung oder Mißbilligung eines Menschen gesagt wird, ist, da auf jene Rede auch das Maß der Abstimmungen abgestimmt wird, nicht deshalb beratend, wenn es durch die Abgabe einer Stimme verhandelt wird; sondern weil über einen Menschen entschieden wird, ist es als gerichtlich anzusehen. Überhaupt aber wird der, der sorgfältig die Kraft und Natur aller Fälle erkannt hat, einsehen, daß sie sich nach der Gattung und der ersten Gestaltung unterscheiden, in den übrigen Teilen aber wird er sie alle untereinander verbunden und einen mit dem anderen verflochten sehen.
eas causas, in quibus de aequo et iniquo quae- ritur, exposuimus. restat nunc, ut de praemio et de poena explicemus. sunt enim multae causae, quae ex praemii alicuius petitione constant. nam et apud iudi- ces de praemio saepe accusatorum quaeritur et a se- natu aut a consilio aliquod praemium saepe petitur. ac neminem conveniet arbitrari nos, cum aliquod exemplum ponamus, quod in senatu agatur, ab iudi- ciali genere exemplorum recedere. quicquid enim de homine probando aut inprobando dicitur, cum ad eam dictionem sententiarum quoque ratio accommodetur, id non, si per sententiae dictionem agitur, delibera- tivum est; sed, quia de homine statuitur, iudiciale est habendum. omnino autem qui diligenter omnium cau- sarum vim et naturam cognoverit, genere et prima conformatione eas intelleget dissidere, ceteris autem partibus aptas inter se omnes et aliam in alia impli- catam videbit.
Nun wollen wir über die Belohnungen nachdenken. Der Konsul Lucius Licinius Crassus verfolgte und vernichtete im diesseitigen Gallien gewisse Leute, die mit keinem berühmten noch bestimmten Anführer und weder mit einem solchen Namen noch in einer solchen Zahl ausgestattet waren, daß sie es verdienten, Feinde des römischen Volkes genannt zu werden, die aber dennoch durch Streifzüge und Räubereien die Provinz unsicher machten. Er kehrt nach Rom zurück: er verlangt vom Senat einen Triumph. Hier geht es uns sowohl bei der Abbitte nichts an, durch das Unterlegen von Gründen und Entkräftungen der Gründe zur Beurteilung zu gelangen, deshalb, weil, wenn nicht auch ein anderer Streitstand oder ein Teil eines Streitstandes hinzutritt, die Beurteilung einfach sein und in der Frage selbst enthalten sein wird: bei der Abbitte von dieser Art: Gehört es sich, ihn mit Strafe zu belegen? Bei diesem von dieser Art: Gehört es sich, eine Belohnung zu geben?
Nunc de praemiis consideremus. L. Licinius Crassus consul quosdam in citeriore Gallia nullo inlustri neque certo duce neque eo nomine neque numero praeditos, uti digni essent, qui hostes populi Romani esse diceren- tur, qui tamen excursionibus et latrociniis infestam provinciam redderent, consectatus est et confecit. Ro- mam redit: triumphum ab senatu postulat. hic et in deprecatione nihil ad nos attinet rationibus et infir- mationibus rationum subponendis ad iudicationem pervenire, propterea quod, nisi alia quoque incidet constitutio aut pars constitutionis, simplex erit iudi- catio et in quaestione ipsa continebitur: in depreca- tione, huiusmodi: oporteatne poena affici? in hac, huiusmodi: oporteatne dari praemium?
Nun werden wir die zur Frage der Belohnung passenden Plätze darlegen. Das Maß der Belohnung ist also in vier Teile geteilt: in die Wohltaten, in den Menschen, in die Art der Belohnung, in die Mittel. Die Wohltaten werden nach ihrer eigenen Kraft, nach der Zeit, nach der Gesinnung dessen, der sie getan hat, und nach dem Zufall betrachtet. Nach ihrer eigenen Kraft wird auf diese Weise gefragt: ob sie groß oder klein, leicht oder schwierig, einzigartig oder gewöhnlich seien, ob sie wahr seien oder durch irgendeine Ausschmückung in falschen Ehren stehen; nach der Zeit aber, ob er sie damals, als wir bedürftig waren, als die übrigen nicht helfen konnten oder wollten, ob er sie damals tat, als die Hoffnung uns verlassen hatte; nach der Gesinnung, ob er nicht um seines eigenen Vorteils willen, ob er alles in der Absicht tat, daß er dies vollbringen könnte; nach dem Zufall, ob es nicht durch Glück, sondern durch Fleiß geschehen zu sein scheint, oder ob das Glück dem Fleiße entgegengestanden ist.
Nunc ad praemii quaestionem appositos locos ex- ponemus. ratio igitur praemii quattuor est in partes distributa: in beneficia, in hominem, in praemii genus, in facultates. Beneficia ex sua vi, ex tempore, ex animo eius, qui fecit, ex casu considerantur. ex sua vi quaerentur hoc modo: magna an parva, facilia an difficilia, singu- laria sint an vulgaria, vera an falsa quadam exornatione honestentur; ex tempore autem, si tum, cum indigeremus, cum ceteri non possent aut nollent opi- tulari, si tum, cum spes deseruisset; ex animo, si non sui commodi causa, si eo consilio fecit omnia, ut hoc conficere posset; ex casu, si non fortuna, sed indu- stria factum videbitur aut si industriae fortuna obsti- tisse.
Beim Menschen aber: nach welchen Grundsätzen er gelebt habe, welchen Aufwand oder welche Mühe er für jene Sache aufgewendet habe; ob er jemals etwas Derartiges getan habe; ob er etwa für die Mühe eines anderen oder für die Güte der Götter eine Belohnung für sich verlange; ob er etwa jemals selbst geleugnet habe, daß sich gehöre, jemanden aus einem solchen Grunde mit einer Belohnung zu bedenken; oder ob ihm etwa schon hinreichend für das, was er getan hat, Ehre erwiesen worden sei; oder ob es etwa für ihn notwendig gewesen sei, das zu tun, was er getan hat; oder ob die Tat etwa von solcher Art sei, daß er, wenn er sie nicht getan hätte, der Strafe würdig wäre, nicht, weil er sie getan hat, einer Belohnung; oder ob er etwa vor der Zeit eine Belohnung fordere und eine ungewisse Hoffnung zu sicherem Preise verkaufe; oder ob er etwa, weil er irgendeiner Strafe entgehen will, deshalb eine Belohnung verlange, so daß ein Vorurteil über ihn gefällt zu sein scheint. Bei der Art der Belohnung aber wird betrachtet, was und wieviel und weshalb verlangt wird und wodurch und wie sehr jede Sache einer Belohnung würdig ist; sodann wird gefragt, welchen Menschen und aus welchen Gründen bei den Vorfahren eine solche Ehre erwiesen worden ist;
In hominem autem, quibus rationibus vixerit, quid sumptus in eam rem aut laboris insumpserit; ecquid aliquando tale fecerit; num alieni laboris aut deorum bonitatis praemium sibi postulet; num aliquando ipse talem ob causam aliquem praemio affici negarit opor- tere; aut num iam satis pro eo, quod fecerit, honos habitus sit; aut num necesse fuerit ei facere id, quod fecerit; aut num eiusmodi sit factum, ut, nisi fecisset, supplicio dignus esset, non, quia fecerit, praemio; aut num ante tempus praemium petat et spem incertam certo venditet pretio; aut num, quod supplicium ali- quod vitet, eo praemium postulet, uti de se praeiudi- cium factum esse videatur. In praemii autem genere, quid et quantum et quam- obrem postuletur et quo et quanto quaeque res prae- mio digna sit, considerabitur; deinde, apud maiores quibus hominibus et quibus de causis talis honos habi- tus sit, quaeretur;
sodann, daß diese Ehre nicht allzu gemein gemacht werde. Und hier wird der Gemeinplatz dessen sein, der gegen jemanden spricht, der eine Belohnung verlangt: Die Belohnungen der Tugend und der Pflichterfüllung müßten heilig und rein sein und dürften weder mit Schlechten geteilt noch unter mittelmäßigen Menschen gemein gemacht werden; und der andere: Die Menschen würden weniger nach der Tugend begierig sein, wenn die Belohnung der Tugend gemein gemacht würde; denn was selten und beschwerlich sei, das erscheine den Menschen, wenn man es versucht, schön und angenehm; und der dritte: Wenn jene aufstünden, die bei unseren Vorfahren wegen außerordentlicher Tugend einer solchen Ehre für würdig erachtet wurden, würden sie nicht meinen, daß ihrem Ruhme etwas abgebrochen werde, wenn sie sehen, daß solche Menschen mit gleicher Belohnung bedacht werden? Und ihre Aufzählung und der Vergleich mit denen, gegen die du sprichst. Die Vergrößerung der Tat dessen aber, der die Belohnung verlangt, und die Gegenüberstellung derer, die mit einer Belohnung bedacht worden sind, mit seinen Taten.
deinde, ne is honos nimium pervul- getur. atque hic eius, qui contra aliquem praemium postulantem dicet, locus erit communis: praemia vir- tutis et officii sancta et casta esse oportere neque ea aut cum inprobis communicari aut in mediocribus hominibus pervulgari; et alter: minus homines vir- tutis cupidos fore virtutis praemio pervulgato; quae enim rara et ardua sint, ea experiendo pulchra et iu- cunda hominibus videri; et tertius: si exsistant, qui apud maiores nostros ob egregiam virtutem tali ho- nore dignati sunt, nonne de sua gloria, cum pari prae- mio tales homines affici videant, delibari putent? et eorum enumeratio et cum iis, quos contra dicas, com- paratio. eius autem, qui praemium petet, facti sui amplificatio, eorum, qui praemio affecti sunt, cum suis factis contentio.
Sodann, daß die übrigen vom Eifer für die Tugend abgeschreckt würden, wenn er selbst nicht mit einer Belohnung bedacht würde. Die Mittel aber werden betrachtet, wenn irgendeine Belohnung an Geld verlangt wird; wobei betrachtet wird, ob ein Überfluß an Land, an Einkünften, an Geld vorhanden ist oder Mangel. Die Gemeinplätze: Man müsse die Mittel mehren, nicht mindern; und es sei unverschämt, wer für eine Wohltat nicht Dank, sondern Lohn verlange; umgekehrt aber sei es niederträchtig, über Geld zu rechnen, wenn über die Erwiderung des Dankes beraten werde; und er verlange nicht einen Preis für die Tat, sondern eine Ehre, wie sie hergebracht ist, für die Wohltat. Und über die Streitstände ist nun genug gesagt: jetzt scheint es angebracht, über jene Streitigkeiten zu sprechen, die sich um das Geschriebene drehen.
deinde ceteros a virtutis studio repul- sum iri, si ipse praemio non sit affectus. Facultates autem considerantur, cum aliquod pecu- niarium praemium postulatur; in quo, utrum copiane sit agri, vectigalium, pecuniae an penuria, conside- ratur. Loci communes: facultates augere, non minu- ere oportere; et, inpudentem esse, qui pro beneficio non gratiam, verum mercedem postulet; contra autem de pecunia ratiocinari sordidum esse, cum de gratia referunda deliberetur; et, se pretium non pro facto, sed honorem ita, ut factitatum sit, pro beneficio postu- lare. Ac de constitutionibus quidem satis dictum est: nunc de iis controversiis, quae in scripto versantur, dicen- dum videtur.
Eine Streitigkeit dreht sich um das Geschriebene, wenn aus dem Wortlaut der Schrift etwas Zweifelhaftes entsteht. Dies geschieht aus dem Zweideutigen, aus dem Geschriebenen und dem Sinn, aus einander widersprechenden Gesetzen, aus der Schlußfolgerung, aus der Begriffsbestimmung. Aus dem Zweideutigen aber entsteht eine Streitigkeit, wenn dunkel ist, was der Verfasser gemeint hat, weil das Geschriebene zwei oder mehrere Dinge bezeichnet, auf diese Weise: Ein Familienvater vermachte, als er seinen Sohn zum Erben einsetzte, seiner Gattin hundert Pfund Silbergeschirr mit folgenden Worten: „Mein Erbe gebe meiner Gattin von dem Silbergeschirr hundert Pfund, welches sie will.“ Nach seinem Tode verlangt die Mutter vom Sohne die prächtigen und kostbar ziselierten Gefäße. Jener sagt, er schulde, welche er selbst wolle. Zuerst ist, wenn es geschehen kann, darzutun, daß nicht zweideutig geschrieben sei, deshalb, weil alle im gewohnten Sprachgebrauch jenes eine oder mehrere Worte gewöhnlich so in dem Sinne gebrauchen, in dem, wie der, der spricht, dartun wird, es aufzufassen sei.
In scripto versatur controversia, cum ex scriptio- nis ratione aliquid dubii nascitur. id fit ex ambiguo, ex scripto et sententia, ex contrariis legibus, ex ratio- cinatione, ex definitione. Ex ambiguo autem nascitur controversia, cum, quid senserit scriptor, obscurum est, quod scriptum duas pluresve res significat, ad hunc modum: paterfami- lias, cum filium heredem faceret, vasorum argenteo- rum centum pondo uxori suae sic legavit: heres meus uxori meae vasorum argenteorum pondo cen- tum, quae volet, dato. post mortem eius vasa ma- gnifica et pretiose caelata petit a filio mater. ille se, quae ipse vellet, debere dicit. primum, si fieri poterit, demonstrandum est non esse ambigue scrip- tum, propterea quod omnes in consuetudine sermo- nis sic uti solent eo verbo uno pluribusve in eam sen- tentiam, in quam is, qui dicet, accipiendum esse demon-
Sodann ist aus der vorhergehenden und aus der nachfolgenden Schrift zu lehren, daß das, wonach gefragt wird, deutlich wird. Daher: wenn die Worte selbst gesondert für sich betrachtet würden, würden alle oder die meisten zweideutig erscheinen; was aber aus der ganzen betrachteten Schrift deutlich werde, das dürfe man nicht für zweideutig halten. Sodann wird man aus seinen übrigen Schriften und aus seinen Taten, Worten, seiner Gesinnung und seinem Leben entnehmen müssen, in welcher Meinung der Verfasser war, und eben jene Schrift, in der jenes Zweideutige enthalten sein wird, nach dem gefragt wird, ganz und nach allen Teilen durchprüfen, ob etwas entweder zu dem passe, was wir deuten, oder dem widerstreite, was der Gegner versteht. Denn leicht wird aus der ganzen Schrift und aus der Person des Verfassers und aus jenen Dingen, die den Personen zugeschrieben sind, betrachtet werden, was der, der geschrieben hat, wahrscheinlich gewollt hat.
strabit. deinde ex superiore et ex inferiore scriptura docendum id, quod quaeratur, fieri perspicuum. quare si ipsa separatim ex se verba considerentur, omnia aut pleraque ambigua visum iri; quae autem ex omni considerata scriptura perspicua fiant, haec ambigua non oportere existimare. deinde, qua in sententia scriptor fuerit, ex ceteris eius scriptis et ex factis, dic- tis, animo atque vita eius sumi oportebit et eam ipsam scripturam, in qua inerit illud ambiguum, de quo quae- retur, totam omnibus ex partibus pertemptare, si quid aut ad id appositum sit, quod nos interpretemur, aut ei, quod adversarius intellegat, adversetur. nam facile, quid veri simile sit eum voluisse, qui scripsit, ex omni scriptura et ex persona scriptoris atque iis rebus, quae personis attributae sunt, considerabitur.
Sodann wird, wenn die Sache selbst eine Gelegenheit dazu bietet, darzutun sein, daß das, was der Gegner versteht, viel weniger gut geschehen könne als das, was wir auffassen, weil es für jene Sache weder eine Ausführung noch irgendeinen Ausgang gibt; was wir aber sagen, könne leicht und bequem zustande gebracht werden; wie bei diesem Gesetze — denn nichts hindert, ein erdachtes Gesetz als Beispiel zu setzen, damit die Sache leichter verstanden werde —: „Eine Dirne soll keinen goldenen Kranz haben; wenn sie einen hat, soll er Staatseigentum sein“, könnte gegen den, der sagt, die Dirne müsse nach dem Gesetze zum Staatseigentum erklärt werden, gesagt werden, daß es weder eine Ausführung gebe, eine Dirne zum Staatseigentum zu erklären, noch einen Ausgang des Gesetzes bei der Einziehung der Dirne, daß aber bei der Einziehung des Goldes sowohl die Ausführung als auch der Ausgang leicht sei und kein Unzuträgliches darin liege.
deinde erit demonstrandum, si quid ex re ipsa dabitur facultatis, id, quod adversarius intellegat, multo minus commode fieri posse, quam id, quod nos accipimus, quod illius rei neque administratio neque exitus ullus exstet; nos quod dicamus, facile et commode transigi posse; ut in hac lege—nihil enim prohibet fictam exempli loco ponere, quo facilius res intellegatur—: meretrix coronam auream ne habeto; si habuerit, publica esto, contra eum, qui meretricem publicari dicat ex lege oportere, possit dici neque administrationem esse ullam publicae meretricis neque exitum legis in mere- trice publicanda, at in auro publicando et admini- strationem et exitum facilem esse et incommodi nihil inesse.
Und sorgfältig wird man auch darauf zu achten haben, ob, wenn das gebilligt wird, was der Gegner versteht, eine nützlichere oder ehrenhaftere oder notwendigere Sache vom Verfasser vernachlässigt zu sein scheint. Dies wird geschehen, wenn wir das, was wir darlegen werden, als ehrenhaft oder nützlich oder notwendig dartun, und wenn wir sagen, daß das, was von den Gegnern gesagt wird, keineswegs von dieser Art sei. Sodann wird man, wenn in einem Gesetze eine Streitigkeit aus dem Zweideutigen besteht, sich bemühen müssen, daß dargetan werde, daß über das, was der Gegner versteht, in einer anderen Sache durch ein Gesetz Vorsorge getroffen sei.
ac diligenter illud quoque adtendere oportebit, num illo probato, quod adversarius intellegat, res uti- lior aut honestior aut magis necessaria ab scriptore neglecta videatur. id fiet, si id, quod nos demon- strabimus, honestum aut utile aut necessarium demon- strabimus, et si id, quod ab adversariis dicetur, minime eiusmodi esse dicemus. deinde si in lege erit ex amb- iguo controversia, dare operam oportebit, ut de eo, quod adversarius intellegat, alia in re lege cautum esse doceatur.
Sehr viel aber wird es nützen, jenes darzutun, auf welche Weise er geschrieben hätte, wenn er gewollt hätte, daß das geschehe oder verstanden werde, was der Gegner auffaßt, wie in diesem Falle, in dem nach dem Silbergeschirr gefragt wird, die Frau sagen könnte, es habe nichts genützt, daß hinzugefügt wurde „welches sie will“, wenn er es dem Willen des Erben überlassen wollte. Denn wäre dies nicht hinzugefügt, so wäre kein Zweifel, daß der Erbe gäbe, welches er selbst wollte. Es wäre also Wahnsinn gewesen, wenn er für den Erben Vorsorge treffen wollte, das hinzuzufügen, durch dessen Nichthinzufügung dennoch für den Erben Vorsorge getroffen wäre.
permultum autem proficiet illud demon- strare, quemadmodum scripsisset, si id, quod adver- sarius accipiat, fieri aut intellegi voluisset, ut in hac causa, in qua de vasis argenteis quaeritur, possit mulier dicere nihil adtinuisse adscribi quae volet, si heredis voluntati permitteret. eo enim non adscripto nihil esse dubitationis, quin heres, quae ipse vellet, daret. amentiae igitur fuisse, cum heredi vellet cavere, id adscribere, quo non adscripto nihilominus heredi caveretur.
Daher wird man sich in solchen Fällen vor allem dieser Gattung bedienen müssen: er hätte auf diese Weise geschrieben, hätte sich jenes Wortes nicht bedient, hätte jenes Wort nicht an jene Stelle gesetzt. Denn aus diesen Dingen wird der Sinn des Verfassers am deutlichsten erkannt. Sodann ist zu fragen, zu welcher Zeit es geschrieben worden ist, damit man verstehe, was er zu einer solchen Zeit gewollt zu haben wahrscheinlich sei. Hierauf ist aus den Teilen der Beratung darzutun, was sowohl für jenen zu schreiben als auch für diese gutzuheißen nützlicher und was ehrenhafter sei; und aus diesen wird man sich, wenn sich eine Gelegenheit zur Steigerung bietet, der für beide Seiten gemeinsamen Gemeinplätze bedienen müssen. Aus dem Geschriebenen und dem Sinn besteht eine Streitigkeit, wenn der eine sich der Worte selbst, die geschrieben stehen, bedient, der andere aber seinen ganzen Vortrag an das anschließt, wovon er sagt, der Verfasser habe es gemeint.
quare hoc genere magnopere talibus in causis uti oportebit: hoc modo scripsisset, isto verbo usus non esset, non isto loco verbum istud con- locasset. nam ex his sententia scriptoris maxime perspicitur. deinde quo tempore scriptum sit, quaeren- dum est, ut, quid eum voluisse in eiusmodi tempore veri simile sit, intellegatur. post ex deliberationis partibus, quid utilius et quid honestius et illi ad scri- bendum et his ad conprobandum sit, demonstrandum; et ex his, si quid amplificationis dabitur, communi- bus utrimque locis uti oportebit. Ex scripto et sententia controversia consistit, cum alter verbis ipsis, quae scripta sunt, utitur, alter ad id, quod scriptorem sensisse dicet, omnem adiungit dictionem.
Der Sinn des Verfassers aber wird von dem, der sich mit dem Sinn verteidigt, bald so dargetan, daß er immer auf dasselbe abziele und dasselbe wolle; bald wird er aus einer Tatsache oder aus irgendeinem Ausgang dem Zeitpunkt, den er ins Auge faßt, angepaßt. Daß er immer auf dasselbe abziele, auf diese Weise: Ein Familienvater, der keine Kinder hatte, wohl aber eine Gattin, schrieb in seinem Testament folgendermaßen: „Wenn mir ein Sohn oder mehrere geboren werden, so sollen sie mir Erben sein.“ Sodann das Übliche. Hierauf: „Wenn der Sohn stirbt, bevor er in seine eigene Vormundschaft eintritt, dann soll mir“, wird er sagen, „der und der Erbe sein.“ Ein Sohn ist nicht geboren worden. Es streiten die Agnaten mit dem, der Erbe ist, falls der Sohn gestorben sein sollte, bevor er in seine Vormundschaft eintritt.
scriptoris autem sententia ab eo, qui sen- tentia se defendet, tum semper ad idem spectare et idem velle demonstrabitur; tum ex facto aut ex eventu aliquo ad tempus id, quod instituit, accommodabitur. semper ad idem spectare, hoc modo: paterfamilias cum liberorum haberet nihil, uxorem autem haberet, in testamento ita scripsit: si mihi filius genitur unus pluresve, is mihi heres esto. deinde quae assolent. postea: si filius ante moritur, quam in tutelam suam venerit, tum mihi, * dicet, heres esto. filius natus non est. ambigunt adgnati cum eo, qui est heres, si filius ante, quam in tutelam veniat, mor-
Bei dieser Gattung kann nicht gesagt werden, der Sinn des Verfassers müsse einem Zeitpunkt und einem Ausgang angepaßt werden, deshalb weil dargetan wird, jener sei der einzige, auf den sich derjenige stützt, der gegen das Geschriebene spricht und die Erbschaft als die seine verteidigt. Eine andere Gattung aber ist die derer, die einen Sinn einführen, bei der nicht ein einfacher Wille des Verfassers aufgezeigt wird, der für jede Zeit und für jede Tatsache dasselbe gelte, sondern von dem gesagt wird, er sei aus einer gewissen Tatsache oder einem Ausgang dem Zeitpunkt gemäß auszulegen. Diese wird vor allem durch die Teile des hinzunehmenden rechtlichen Streitstandes gestützt. Denn bald wird der Vergleich eingeführt, wie bei jenem, der, als ein Gesetz verbot, die Tore nachts zu öffnen, sie in einem gewissen Krieg öffnete und gewisse Hilfstruppen in die Stadt aufnahm, damit sie nicht von den Feinden überwältigt würden,
tuus sit. in hoc genere non potest hoc dici, ad tem- pus et ad eventum aliquem sententiam scriptoris opor- tere accommodari, propterea quod ea sola esse demon- stratur, qua fretus ille, qui contra scriptum dicit, suam esse hereditatem defendit. aliud autem genus est eorum, qui sententiam inducunt, in quo non simplex voluntas scriptoris ostenditur, quae in omne tempus et in omne factum idem valeat, sed ex quodam facto aut eventu ad tempus interpretanda dicitur. ea par- tibus iuridicialis assumptivae maxime sustinetur. nam tum inducitur comparatio, ut in eo, qui, cum lex ape- riri portas noctu vetaret, aperuit quodam in bello et auxilia quaedam in oppidum recepit, ne ab hostibus opprimerentur,
falls sie draußen wären, weil die Feinde nahe bei den Mauern ihr Lager hatten; bald die Zurückwendung der Beschuldigung, wie bei jenem Soldaten, der, als das allen gemeinsame Gesetz verbot, einen Menschen zu töten, seinen Kriegstribunen tötete, der ihm Gewalt anzutun versuchte; bald die Abwälzung der Beschuldigung, wie bei jenem, der, als ein Gesetz festgesetzt hatte, an welchen Tagen er zur Gesandtschaft aufbrechen solle, nicht aufbrach, weil der Quästor ihm den Aufwand nicht gab; bald das Zugeständnis durch Rechtfertigung und durch Unbedachtheit, wie bei der Opferung des Kalbes, und durch Gewalt, wie beim Schnabelschiff, und durch Zufall, wie beim Anschwellen des Eurotas. Daher wird der Sinn entweder so eingeführt, daß dargetan wird, der Verfasser habe ein bestimmtes Einziges gewollt, oder so, daß gelehrt wird, er habe bei einer Sache und zu einer Zeit dieser Art dies gewollt.
si foris essent, quod prope muros hostes castra haberent; tum relatio criminis, ut in eo milite, qui, cum communis lex omnium hominem occi- dere vetaret, tribunum militum suum, qui vim sibi afferre conaretur, occidit; tum remotio criminis, ut in eo, qui, cum lex, quibus diebus in legationem pro- ficisceretur, praestituerat, quia sumptum quaestor non dedit, profectus non est; tum concessio per purgatio- nem et per inprudentiam, ut in vituli immolatione, et per vim, ut in nave rostrata, et per casum, ut in Eurotae magnitudine. quare aut ita sententia induce- tur, ut unum quiddam voluisse scriptor demonstre- tur, aut sic, ut in eiusmodi re et tempore hoc voluisse doceatur.
Wer also das Geschriebene verteidigt, wird sich dieser Plätze meistens aller, des größeren Teiles aber stets bedienen können: zuerst des Lobes des Verfassers und des Gemeinplatzes, daß die, die urteilen, auf nichts anderes als auf das, was geschrieben steht, achten dürften; und dies um so mehr, wenn ein gesetzlicher Wortlaut vorgebracht wird, das heißt entweder das Gesetz selbst oder etwas aus dem Gesetz. Hierauf — was das Wirksamste ist — durch die Gegenüberstellung der Tat oder der Absicht der Gegner mit dem Geschriebenen selbst: was geschrieben steht, was getan worden ist, worauf der Richter geschworen hat; welchen Platz man auf vielerlei Weise abwandeln muß: bald indem man selbst bei sich verwundert fragt, was denn dagegen gesagt werden könne; bald indem man zur Pflicht des Richters zurückkehrt und ihn fragt, was er außerdem hören oder erwarten müsse; bald indem man den Gegner selbst gleichsam an die Stelle eines Zeugen vorführt, das heißt indem man ihn fragt, ob er leugne, daß es auf jene Weise geschrieben sei, oder ob er bestreite, daß er dagegen gehandelt habe oder daß man dagegen behaupte;
Ergo is, qui scriptum defendet, his locis plerumque omnibus, maiore autem parte semper poterit uti: pri- mum scriptoris conlaudatione et loco communi, nihil eos, qui iudicent, nisi id, quod scriptum, spectare oportere; et hoc eo magis, si legitimum scriptum pro- feretur, id est aut lex ipsa aut aliquid ex lege; postea, quod vehementissimum est, facti aut intentionis adver- sariorum cum ipso scripto contentione, quid scriptum sit, quid factum, quid iuratus iudex; quem locum mul- tis modis variare oportebit, tum ipsum secum admi- rantem, quidnam contra dici possit, tum ad iudicis officium revertentem et ab eo quaerentem, quid prae- terea audire aut exspectare debeat; tum ipsum ad- versarium quasi in testis loco producendo, hoc est interrogando, utrum scriptumne neget esse eo modo, an ab se contra factum esse aut contra contendi neget;
und ob er, falls er zu leugnen wage, zu sprechen aufhören werde. Wenn er aber keines von beiden leugnet und dennoch dagegen spricht, so meine niemand, er werde jemals einen unverschämteren Menschen sehen. Hierbei wird es sich geziemen, so zu verweilen, als ob außerdem nichts mehr zu sagen sei und als ob dagegen nichts gesagt werden könne; oft indem man das, was geschrieben steht, vorliest, oft indem man die Tat des Gegners mit dem Geschriebenen zusammenstoßen läßt, und bisweilen indem man sich scharf an den Richter selbst zurückwendet. An diesem Orte ist dem Richter darzutun, worauf er geschworen hat und wem er folgen muß: aus zwei Ursachen müsse der Richter zweifeln, nämlich wenn entweder das Geschriebene dunkel sei oder der Gegner etwas leugne;
utrum negare ausus sit, se dicere desiturum. si neu- trum neget et contra tamen dicat: nihil esse quo hominem inpudentiorem quisquam se visurum arbi- tretur. in hoc ita commorari conveniet, quasi nihil praeterea dicendum sit et quasi contra dici nihil possit, saepe id, quod scriptum est, recitando, saepe cum scrip- to factum adversarii confligendo atque interdum acri- ter ad iudicem ipsum revertendo. quo in loco iudici demonstrandum est, quid iuratus sit, quid sequi debeat: duabus de causis iudicem dubitare oportere, si aut scriptum sit obscure aut neget aliquid adversarius;
wenn aber sowohl das Geschriebene offenkundig sei als auch der Gegner alles eingestehe, dann müsse der Richter dem Gesetz gehorchen, nicht das Gesetz auslegen. Ist dieser Ort bekräftigt, so wird man hierauf das, was dagegen gesagt werden kann, entkräften müssen. Dagegen aber wird gesprochen werden, wenn entweder dargetan wird, der Verfasser habe geradezu das eine gemeint und das andere geschrieben, wie in jener Streitigkeit über das Testament, die wir angeführt haben, oder wenn ein hinzunehmender Fall eingebracht wird, weshalb man dem Geschriebenen nicht habe gehorchen können oder nicht habe gehorchen müssen.
cum et scriptum aperte sit et adversarius omnia con- fiteatur, tum iudicem legi parere, non interpretari legem oportere. Hoc loco confirmato tum diluere ea, quae contra dici poterunt, oportebit. contra autem dicetur, si aut pror- sus aliud sensisse scriptor et scripsisse aliud demon- strabitur, ut in illa de testamento, quam posuimus, controversia, aut causa assumptiva inferetur, quamob- rem scripto non potuerit aut non oportuerit optem- perari.
Wenn gesagt wird, der Verfasser habe das eine gemeint, das andere geschrieben, so wird der, der sich des Geschriebenen bedient, dies sagen: wir dürften nicht über den Willen dessen Vermutungen anstellen, der uns, damit wir das nicht tun könnten, ein Zeugnis seines Willens hinterlassen habe; viele Übelstände folgten daraus, wenn man die Übung einführe, vom Geschriebenen abzuweichen. Denn sowohl würden die, die etwas schreiben, nicht glauben, daß das, was sie geschrieben haben, gültig sein werde, als auch würden die, die urteilen, nichts Sicheres haben, dem sie folgen könnten, wenn sie sich einmal daran gewöhnt hätten, vom Geschriebenen abzuweichen. Wenn aber der Wille des Verfassers zu wahren sei, so stehe er selbst, nicht die Gegner, auf seiten seines Willens. Denn viel näher komme dem Willen des Verfassers, wer ihn aus dessen eigenen Schriftzügen auslege, als jener, der den Sinn des Verfassers nicht aus dessen eigenem Geschriebenen betrachte — denn jener habe gleichsam ein Abbild seines Willens hinterlassen —, sondern ihn mit häuslichen Mutmaßungen durchforsche.
Si aliud sensisse scriptor, aliud scripsisse dicetur, is, qui scripto utetur, haec dicet: non oportere de eius voluntate nos argumentari, qui, ne id facere possemus, indicium nobis reliquerit suae voluntatis; multa in- commoda consequi, si instituatur, ut ab scripto rece- datur. nam et eos, qui aliquid scribant, non existi- maturos id, quod scripserint, ratum futurum, et eos, qui iudicent, certum, quod sequantur, nihil habituros, si semel ab scripto recedere consueverint. quodsi voluntas scriptoris conservanda sit, se, non adver- sarios, a voluntate eius stare. nam multo propius accedere ad scriptoris voluntatem eum, qui ex ipsius eam litteris interpretetur, quam illum, qui sententiam scriptoris non ex ipsius scripto spectet, quod ille suae voluntatis quasi imaginem reliquerit, sed domesticis suspicionibus perscrutetur.
Bringt aber der, der auf seiten des Sinnes steht, einen Grund bei, so wird man zuerst dagegen sprechen müssen: wie widersinnig es sei, nicht zu leugnen, gegen das Gesetz gehandelt zu haben, sondern irgendeinen Grund zu erfinden, weshalb man es getan habe; sodann, daß alles verkehrt sei: vordem hätten die Ankläger den Richtern einzureden gepflegt, der Angeklagte sei einer gewissen Schuld nahe, indem sie einen Grund vorbrächten, der ihn zum Fehlen getrieben habe;—
Sin causam afferet is, qui a sententia stabit, pri- mum erit contra dicendum: quam absurdum non negare contra legem fecisse, sed, quare fecerit, cau- sam aliquam invenire; deinde conversa esse omnia: ante solitos esse accusatores iudicibus persuadere, ad- finem esse alicuius culpae eum, qui accusaretur, cau- sam proferre, quae eum ad peccandum impulisset;—
nun aber bringe der Angeklagte selbst einen Grund bei, weshalb er gefehlt habe. Sodann ist diese Gliederung einzuführen, zu deren einzelnen Teilen viele Beweisführungen passen werden: zuerst, daß es sich bei keinem Gesetz gezieme, irgendeinen Grund gegen das Geschriebene anzunehmen; sodann, daß, wenn es sich auch bei den übrigen Gesetzen gezieme, dieses Gesetz von solcher Art sei, daß es sich bei ihm nicht gezieme; zuletzt, daß, wenn es sich auch bei diesem Gesetz gezieme, eben dieser Grund keineswegs angenommen werden dürfe. Der erste Teil wird etwa durch folgende Plätze bekräftigt werden: dem Verfasser habe es weder an Begabung noch an Mühe noch an irgendeiner Fähigkeit gefehlt, das offen niederzuschreiben, was er dachte; es wäre ihm nicht beschwerlich noch schwierig gewesen, jenen Grund auszunehmen, den die Gegner vorbringen, wenn er gemeint hätte, daß irgend etwas auszunehmen sei:
nunc ipsum reum causam afferre, quare deliquerit. deinde hanc inducere partitionem, cuius in singulas partes multae convenient argumentationes: primum, nulla in lege ullam causam contra scriptum accipi con- venire; deinde, si in ceteris legibus conveniat, hanc esse eiusmodi legem, ut in ea non oporteat; postremo, si in hac quoque lege oporteat, hanc quidem causam accipi minime oportere. Prima pars his fere locis confirmabitur: scriptori neque ingenium neque operam neque ullam faculta- tem defuisse, quo minus aperte posset perscribere id, quod cogitaret; non fuisse ei grave nec difficile eam causam excipere, quam adversarii proferant, si quic- quam excipiendum putasset:
die, die Gesetze schreiben, pflegten sich der Ausnahmen zu bedienen. Sodann gehört es sich, Gesetze vorzulesen, die mit Ausnahmen geschrieben sind, und vor allem zuzusehen, ob in eben jenem Gesetz, um das es geht, in irgendeinem Abschnitt oder bei eben demselben Gesetzesverfasser eine Ausnahme vorkommt, damit um so mehr erwiesen werde, er hätte eine Ausnahme gemacht, wenn er gemeint hätte, daß etwas auszunehmen sei; und darzutun, daß einen Grund annehmen nichts anderes heiße, als das Gesetz aufheben, deshalb weil es, sobald der Grund einmal in Betracht gezogen werde, nichts mehr nütze, ihn aus dem Gesetz in Betracht zu ziehen, da er ja im Gesetz nicht geschrieben steht. Wenn aber dies eingeführt würde, so werde allen ein Grund und eine Möglichkeit zum Fehlen gegeben, sobald sie verstanden hätten, daß ihr nach der Geistesart dessen, der gegen das Gesetz gehandelt hat, und nicht nach dem Gesetz, auf das ihr vereidigt seid, die Sache beurteilt; sodann würden sowohl den Richtern selbst die Grundsätze des Urteilens als auch den übrigen Bürgern die des Lebens in Verwirrung gebracht werden,
consuesse eos, qui leges scribant, exceptionibus uti. deinde oportet recitare leges cum exceptionibus scriptas et maxime videre, ecquae in ea ipsa lege, qua de agatur, sit exceptio ali- quo in capite aut apud eundem legis scriptorem, quo magis probetur eum fuisse excepturum, si quid exci- piendum putaret; et ostendere causam accipere nihil aliud esse nisi legem tollere, ideo quod, cum semel causa consideretur, nihil attineat eam ex lege con- siderare, quippe quae in lege scripta non sit. quod si sit institutum, omnibus dari causam et potestatem peccandi, cum intellexerint vos ex ingenio eius, qui contra legem fecerit, non ex lege, in quam iurati sitis, rem iudicare; deinde et ipsis iudicibus iudicandi et ceteris civibus vivendi rationes perturbatum iri,
wenn man einmal von den Gesetzen abgewichen sei; denn die Richter würden weder etwas haben, dem sie folgen könnten, wenn sie von dem, was geschrieben steht, abwichen, noch eine Art und Weise, auf die sie anderen erweisen könnten, was sie gegen das Gesetz geurteilt hätten; und die übrigen Bürger würden nicht wissen, was sie tun sollten, wenn ein jeder nach seinem eigenen Gutdünken und nach jener Überlegung, die ihm in den Sinn oder in die Begierde gekommen sei, und nicht nach der gemeinsamen Vorschrift des Gemeinwesens jede einzelne Sache besorge. Hierauf ist die Richter selbst zu fragen, warum sie in fremden Geschäften festgehalten würden; warum sie durch den Dienst am Gemeinwesen gehindert würden, ihren eigenen Angelegenheiten und Vorteilen ungestörter dienen zu können; warum sie auf bestimmte Worte schwören; warum sie zu einer bestimmten Zeit zusammenkommen, warum sie zu einer bestimmten Zeit auseinandergehen sollten, ohne daß irgend jemand einen Grund vorbringen dürfe, weshalb er dem Gemeinwesen nicht regelmäßig seinen Dienst leiste, außer einem Grund, der im Gesetz ausgenommen ist; ob sie es für billig hielten, daß sie selbst durch die Gesetze gebunden in so großen Mühen seien, unseren Gegnern aber zugestünden, die Gesetze zu mißachten;
si semel ab legibus recessum sit; nam et iudices neque, quid sequantur, habituros, si ab eo, quod scriptum sit, recedant, neque, quo pacto aliis probare possint, quod contra legem iudicarint; et ceteros cives, quid agant, ignoraturos, si ex suo quisque consilio et ex ea ratione, quae in mentem aut in libidinem venerit, non ex communi praescripto civitatis unam quamque rem administrabit; postea quaerere ab iudicibus ipsis, quare in alienis detineantur negotiis; cur rei publicae munere impediantur, quo setius suis rebus et commo- dis servire possint; cur in certa verba iurent; cur certo tempore conveniant, cur certo discedant, nihil quis- quam afferat causae, quo minus frequenter operam rei publicae det, nisi quae causa in lege excepta sit; an se legibus obstrictos in tantis molestiis esse aequum censeant, adversarios nostros leges neglegere con-
sodann ebenso die Richter zu fragen, ob sie es dulden würden, wenn der Angeklagte selbst um jener Sache willen, derentwegen er gegen das Gesetz gehandelt zu haben sagt, eine Ausnahme in das Gesetz hineinschriebe; hierauf, daß das, was er tue, unwürdiger und unverschämter sei, als wenn er sie hineinschriebe. Und weiter: wie? wenn die Richter selbst sie hineinschreiben wollten, würde es das Volk dulden? Und dies sei unwürdiger, daß sie das, was sie durch Wort und Buchstaben nicht ändern könnten,
cedant; deinde item quaerere ab iudicibus, si eius rei causa, propter quam se reus contra legem fecisse dicat, exceptionem ipse in lege adscribat, passurine sint; postea hoc, quod faciat, indignius et inpuden- tius esse, quam si adscribat; age porro, quid? si ipsi vellent iudices adscribere, passurusne sit populus? atque hoc esse indignius, quam rem verbo et litteris mutare non possint,
durch die Tat selbst und durch ein höchst bedeutsames Urteil veränderten; sodann sei es unwürdig, daß von einem Gesetz etwas abgetan oder ein Gesetz aufgehoben oder zu irgendeinem Teil verändert werde, während dem Volk keine Befugnis zukomme, davon Kenntnis zu nehmen und es zu billigen oder zu mißbilligen; dies werde für die Richter selbst höchst gehässig sein; dies sei nicht der Ort und nicht die Zeit, die Gesetze zu bessern; es gezieme sich, daß dies beim Volk und durch das Volk verhandelt werde; wenn sie es aber jetzt betrieben, so wolle man wissen, wer der Antragsteller sei und wer es annehmen werde; man sehe die Parteiungen und wolle abraten; wenn aber dies sowohl höchst unnütz als auch bei weitem das Schändlichste sei, so gezieme es sich, daß das Gesetz, von welcher Art es auch sei, für jetzt von den Richtern gewahrt und später, wenn es mißfalle, vom Volk gebessert werde; sodann: wenn das Geschriebene nicht vorhanden wäre, so würden wir sehr danach forschen und jenen, auch wenn keinerlei Gefahr drohte, nicht glauben; nun aber, da es geschrieben steht, sei es Wahnsinn, lieber die Sache dessen, der gefehlt hat, kennenlernen zu wollen als die Worte des Gesetzes selbst. Durch diese und derartige Überlegungen wird dargetan, daß ein Grund außerhalb des Geschriebenen nicht angenommen werden dürfe.
eam re ipsa et iudicio maximo commutare; deinde indignum esse de lege aliquid derogari aut legem abrogari aut aliqua ex parte com- mutari, cum populo cognoscendi et probandi aut in- probandi potestas nulla fiat; hoc ipsis iudicibus in- vidiosissimum futurum; non hunc locum esse neque hoc tempus legum corrigendarum; apud populum haec et per populum agi convenire; quodsi nunc id agant, velle se scire, qui lator sit, qui sint accepturi; se f actiones videre et dissuadere velle; quodsi haec cum summe inutilia tum multo turpissima sint, legem, cuicuimodi sit, in praesentia conservari ab iudicibus, post, si displiceat, a populo corrigi convenire; deinde, si scriptum non exstaret, magnopere quaereremus ne- que isti, ne si extra periculum quidem esset, credere- mus; nunc cum scriptum sit, amentiam esse eius rei, qui peccarit, potius quam legis ipsius verba cogno- scere. his et huiusmodi rationibus ostenditur causam extra scriptum accipi non oportere.
Der zweite Teil ist der, in dem darzutun ist, daß, wenn es sich auch bei den übrigen Gesetzen gezieme, es sich bei diesem nicht gezieme. Dies wird dargetan, wenn das Gesetz entweder auf die höchsten, nützlichsten, ehrenhaftesten und heiligsten Dinge sich zu beziehen scheint; oder wenn es unnütz oder schändlich oder frevelhaft ist, in einer solchen Sache dem Gesetz nicht aufs sorgfältigste zu gehorchen; oder wenn dargetan wird, das Gesetz sei so sorgfältig niedergeschrieben, so sei über jede einzelne Sache Vorsorge getroffen, so sei das, was sich gehörte, ausgenommen, daß es sich keineswegs gezieme zu meinen, in einer so sorgfältigen Niederschrift sei irgend etwas übergangen worden. Der dritte Ort ist für den, der für das Geschriebene spricht, höchst notwendig; durch ihn muß er dartun, daß, wenn es sich auch gezieme, einen Grund gegen das Geschriebene anzunehmen, dennoch keineswegs der angenommen werden dürfe, der von den Gegnern beigebracht werde.
Secunda pars est, in qua est ostendendum, si in cete- ris legibus oporteat, in hac non oportere. hoc de- monstrabitur, si lex aut ad res maximas, utilissimas, honestissimas, religiosissimas videbitur pertinere; aut inutile aut turpe aut nefas esse tali in re non diligen- tissime legi optemperare; aut ita lex diligenter per- scripta demonstrabitur, ita cautum una quaque de re, ita, quod oportuerit, exceptum, ut minime conveniat quicquam in tam diligenti scriptura praeteritum ar- bitrari. Tertius est locus ei, qui pro scripto dicet, maxime necessarius, per quem oportet ostendat, si conveniat causam contra scriptum accipi, eam tamen minime oportere, quae ab adversariis afferatur.
Dieser Ort ist deshalb für ihn notwendig, weil der, der gegen das Geschriebene spricht, stets etwas an Billigkeit beibringen muß. Denn es wäre die höchste Unverschämtheit, daß einer, der etwas gegen das, was geschrieben steht, erweisen will, dies ohne den Schutz der Billigkeit zu tun versuchte. Wenn also der Ankläger eben hiervon etwas abtut, so wird er in jeder Hinsicht gerechter und glaubwürdiger anzuklagen scheinen. Denn die vorhergehende Rede bewirkte dies alles, daß die Richter, auch wenn sie nicht wollten, gezwungen wären; diese aber, daß sie, auch wenn sie nicht gezwungen wären, dagegen urteilen wollten.
qui locus id- circo est huic necessarius, quod semper is, qui contra scriptum dicet, aequitatis aliquid afferat oportet. nam summa inpudentia sit eum, qui contra quam scriptum sit aliquid probare velit, non aequitatis praesidio id facere conari. si quid igitur ex hac ipsa quippiam ac- cusator derogat, omnibus partibus iustius et probabi- lius accusare videatur. nam superior oratio hoc omnis faciebat, ut, iudices etiamsi nollent, necesse esset; haec autem, etiamsi necesse non esset, ut vellent contra iudicare.
Dies aber wird geschehen, wenn wir aus jenen Plätzen, aus denen dargetan wird, daß die Schuld bei dem liege, der sich mit dem Vergleich oder mit der Abwälzung oder mit der Zurückwendung der Beschuldigung oder mit den Teilen des Zugeständnisses verteidigt — worüber wir zuvor, so gut wir konnten, sorgfältig geschrieben haben —, wenn wir von jenen Plätzen, die die Sache erfordert, etwas zur Mißbilligung der gegnerischen Sache übertragen; oder wenn Gründe und Erwägungen beigebracht werden, weshalb und in welcher Absicht es so im Gesetz oder im Testament geschrieben sei, so daß die Sache auch durch den Sinn und den Willen des Verfassers, nicht durch die Schrift allein bekräftigt zu sein scheine; oder wenn die Tat auch durch andere Streitstände überführt wird.
id autem fiet, si, quibus ex locis culpa de- monstrabitur esse in eo, qui comparatione aut remotione aut relatione criminis aut concessionis partibus se defendet—de quibus ante, ut potuimus, diligenter perscripsimus—, si de iis locis, quae res postulabit, ad causam adversariorum inprobandam transferemus; aut causae et rationes afferentur, quare et quo consilio ita sit in lege aut in testamento scriptum, ut sententia quoque et voluntate scriptoris, non ipsa solum scrip- tura causa confirmata esse videatur; aut aliis quoque constitutionibus factum coarguetur.
Wer aber gegen das Geschriebene spricht, wird zuerst jenen Ort einführen, durch den die Billigkeit der Sache dargetan wird; oder er wird aufzeigen, mit welcher Gesinnung, in welcher Absicht, aus welchem Grunde er gehandelt habe; und welchen Grund er auch annimmt, er wird sich mit den Teilen des hinzunehmenden Streitstandes verteidigen, von denen zuvor gesprochen worden ist. Und nachdem er an diesem Orte länger verweilt und die Rechtfertigung seiner Tat und die Billigkeit der Sache ausgeschmückt hat, wird er etwa aus folgenden Plätzen sagen, daß es sich gehöre, gegen die Gegner Gründe anzunehmen. Er wird dartun, es gebe kein Gesetz, das wolle, daß irgendeine unnütze oder unbillige Sache geschehe; alle Strafen, die von den Gesetzen ausgingen, seien zur Ahndung der Schuld und der Bosheit eingesetzt;
Contra scriptum autem qui dicet, primum inducet eum locum, per quem aequitas causae demonstretur; aut ostendet, quo animo, quo consilio, qua de causa fecerit; et, quamcumque causam assumet, assumptio- nis partibus se defendet, de quibus ante dictum est. atque in hoc loco cum diutius commoratus sui facti rationem et aequitatem causae exornaverit, tum ex his locis fere contra adversarios dicet oportere causas accipi. demonstrabit nullam esse legem, quae aliquam rem inutilem aut iniquam fieri velit; omnia supplicia, quae ab legibus proficiscantur, culpae ac malitiae vin-
der Verfasser selbst werde, wenn er aufträte, diese Tat gutheißen und eben dasselbe getan haben, wenn ihm eine solche Sache zugestoßen wäre; aus diesem Grunde habe der Verfasser des Gesetzes Richter aus einem bestimmten Stand und von einem bestimmten Alter eingesetzt, damit sie nicht solche wären, die sein Geschriebenes vorläsen — was jeder Knabe tun könnte —, sondern solche, die mit dem Verstande es zu erfassen und den Willen auszulegen vermöchten; sodann, jener Verfasser hätte, wenn er seine Schriften törichten Menschen und barbarischen Richtern anvertraute, alles mit höchster Sorgfalt niedergeschrieben; nun aber habe er, weil er erkannte, welche Männer die Sache beurteilen würden, eben deshalb das, was er als offenkundig erkannte, nicht hinzugeschrieben:
dicandae causa constituta esse; scriptorem ipsum, si exsistat, factum hoc probaturum et idem ipsum, si ei talis res accidisset, facturum fuisse; ea re legis scriptorem certo ex ordine iudices certa aetate prae- ditos constituisse, ut essent, non qui scriptum suum recitarent, quod quivis puer facere posset, sed qui cogitatione assequi possent et voluntatem interpre- tari; deinde illum scriptorem, si scripta sua stultis hominibus et barbaris iudicibus committeret, omnia summa diligentia perscripturum fuisse; nunc vero, quod intellegeret, quales viri res iudicaturi essent, idcirco eum, quae perspicua videret esse, non adscrip- sisse:
denn er meinte, ihr werdet nicht Vorleser seiner Schrift, sondern Ausleger seines Willens sein. Hierauf ist die Gegner zu fragen: wie, wenn ich dies getan hätte? wie, wenn dies zugestoßen wäre? irgend etwas von dem, worin entweder die Sache höchst ehrenhaft oder die Zwangslage höchst gewiß sei: würdet ihr dennoch anklagen? Und doch hat das Gesetz nirgends eine Ausnahme gemacht; also werde nicht alles durch das Geschriebene, sondern manches, was offenkundig sei, durch stillschweigende Ausnahmen vorgesehen; sodann, keine Sache könne weder durch die Gesetze noch durch irgendeine Schrift, schließlich nicht einmal im täglichen Gespräch und in den häuslichen Anweisungen recht besorgt werden, wenn ein jeder auf die Worte achten und nicht an den Willen dessen, der jene Worte gebraucht hat, herantreten wollte;
neque enim vos scripti sui recitatores, sed vo- luntatis interpretes fore putavit; postea quaerere ab adversariis: quid, si hoc fecissem? quid, si hoc acci- disset? eorum aliquid, in quibus aut causa sit honestissima aut necessitudo certissima: tamenne ac- cusaretis? atqui lex nusquam excepit; non ergo omnia scriptis, sed quaedam, quae perspicua sint, tacitis exceptionibus caveri; deinde nullam rem ne- que legibus neque scriptura ulla, denique ne in ser- mone quidem cotidiano atque imperiis domesticis recte posse administrari, si unus quisque velit verba spectare et non ad voluntatem eius, qui ea verba habuerit,
sodann ist aus den Teilen des Nutzens und der Ehrenhaftigkeit darzutun, wie unnütz oder wie schändlich das sei, was nach den Gegnern hätte geschehen müssen oder geschehen müsse, und wie nützlich oder wie ehrenhaft das sei, was wir getan haben oder verlangen; sodann, die Gesetze seien uns nicht um der Buchstaben willen teuer, die schwache und dunkle Zeichen des Willens seien, sondern um des Nutzens jener Dinge willen, über die geschrieben ist, und um der Weisheit und Sorgfalt derer willen, die geschrieben haben; hierauf ist zu beschreiben, was das Gesetz sei, so daß es im Sinn, nicht in den Worten zu bestehen scheine; und der Richter scheine dem Gesetz zu gehorchen, der seinem Sinn, nicht der seiner Schrift folge; sodann, wie unwürdig es sei, daß mit derselben Strafe der getroffen werde, der wegen irgendeines Verbrechens und einer Verwegenheit gegen die Gesetze gehandelt habe, und der, der aus einem ehrenhaften oder notwendigen Grunde nicht vom Sinn, sondern von den Buchstaben des Gesetzes abgewichen sei; und durch diese und derartige Überlegungen wird er dartun, daß sowohl ein Grund angenommen werde als auch bei diesem Gesetz angenommen werde und daß eben jener Grund, den er selbst beibringt,
accedere; deinde ex utilitatis et honestatis partibus ostendere, quam inutile aut quam turpe sit id, quod adversarii dicant fieri oportuisse aut oportere, et id, quod nos fecerimus aut postulemus, quam utile aut quam honestum sit; deinde leges nobis caras esse non propter litteras, quae tenues et obscurae notae sint voluntatis, sed propter earum rerum, quibus de scriptum est, utilitatem et eorum, qui scripserint, sa- pientiam et diligentiam; postea, quid sit lex, descri- bere, ut ea videatur in sententiis, non in verbis con- sistere; et iudex is videatur legi optemperare, qui sen- tentiam eius, non qui scripturam sequatur; deinde, quam indignum sit eodem affici supplicio eum, qui propter aliquod scelus et audaciam contra leges fecerit, et eum, qui honesta aut necessaria de causa non ab sententia, sed ab litteris legis recesserit; atque his et huiusmodi rationibus et accipi causam et in hac lege accipi et eam causam, quam ipse afferat, opor-
angenommen werden müsse. Und wie wir dem, der vom Geschriebenen her sprach, sagten, es werde höchst nützlich sein, wenn er der Billigkeit, die auf seiten des Gegners stand, etwas entzöge, so wird es diesem, der gegen das Geschriebene spricht, am meisten nützen, aus der Schrift selbst etwas zu seiner Sache herüberzuwenden oder aufzuzeigen, daß etwas zweideutig geschrieben sei; sodann aus jenem Zweideutigen den Teil zu verteidigen, der ihm nützt, oder die Begriffsbestimmung eines Wortes einzuführen und die Kraft jenes Wortes, durch das er bedrängt zu werden scheint, zum Vorteil seiner Sache hinüberzuziehen, oder aus dem Geschriebenen etwas nicht Geschriebenes durch die Schlußfolgerung einzuführen, von der wir später sprechen werden.
tere accipi demonstrabit. et quemadmodum ei dice- bamus, qui ab scripto diceret, hoc fore utilissimum, si quid de aequitate ea, quae cum adversario staret, derogasset, sic huic, qui contra scriptum dicet, pluri- mum proderit, ex ipsa scriptura aliquid ad suam cau- sam convertere aut ambigue aliquid scriptum osten- dere; deinde ex illo ambiguo eam partem, quae sibi prosit, defendere aut verbi definitionem inducere et illius verbi vim, quo urgeri videatur, ad suae causae commodum traducere aut ex scripto non scriptum aliquid inducere per ratiocinationem, de qua post di-
In welcher Sache er sich aber, wenn auch nur mit einem leicht wahrscheinlichen Grunde, durch das Geschriebene selbst verteidigt, so wird er, wenn die Sache an Billigkeit reich ist, notwendig viel erreichen, deshalb weil er, wenn er das, worauf sich die Sache der Gegner stützt, hinwegnimmt, jene ganze Kraft und Schärfe von ihr mildert und auflöst. Die Gemeinplätze aber aus den übrigen Teilen des hinzunehmenden Streitstandes werden für beide Seiten passen. Außerdem aber für den, der vom Geschriebenen her spricht: die Gesetze müßten aus sich, nicht aus dem Nutzen dessen, der dagegen gefehlt habe, betrachtet werden, und nichts dürfe für älter als die Gesetze gehalten werden. Gegen das Geschriebene: die Gesetze beständen in der Absicht des Verfassers und im gemeinsamen Nutzen, nicht in den Worten; wie unwürdig es sei, daß die Billigkeit durch die Buchstaben bedrängt werde, die doch durch den Willen dessen, der geschrieben hat, verteidigt werde.
cemus. quacumque autem in re, quamvis leviter probabili, scripto ipso se defenderit, cum aequitate causa abundabit, necessario multum proficiet, ideo quod, si id, quo nititur adversariorum causa, subduxe- rit, omnem eius illam vim et acrimoniam lenierit ac diluerit. Loci autem communes ceteris ex assumptionis parti- bus in utramque partem convenient. praeterea autem eius, qui a scripto dicet: leges ex se, non ex eius, qui contra commiserit, utilitate spectari oportere et legibus antiquius haberi nihil oportere. contra scrip- tum: leges in consilio scriptoris et utilitate com- muni, non in verbis consistere; quam indignum sit aequitatem litteris urgeri, quae voluntate eius, qui scripserit, defendatur.
Aus einander widersprechenden Gesetzen aber entsteht eine Streitigkeit, wenn zwei oder mehrere Gesetze untereinander uneinig zu sein scheinen, auf diese Weise: Ein Gesetz: „Wer einen Tyrannen getötet hat, soll die Belohnungen der olympischen Sieger empfangen und vom Beamten für sich fordern, was er will, und der Beamte soll es ihm gewähren.“ Und ein anderes Gesetz: „Ist ein Tyrann getötet, so soll der Beamte seine fünf nächsten Blutsverwandten töten.“ Alexander, der sich bei den Pheraiern in Thessalien die Tyrannis angeeignet hatte, wurde von seiner Gattin, deren Name Thebe war, des Nachts, als sie zugleich mit ihm lagerte, getötet. Diese fordert ihren eigenen Sohn, den sie vom Tyrannen hatte, für sich an Stelle einer Belohnung. Es gibt welche, die sagen, der Knabe müsse nach dem Gesetz getötet werden. Die Sache ist vor Gericht. Bei dieser Gattung passen für beide Seiten dieselben Plätze und dieselben Vorschriften, deshalb weil jeder von beiden sein Gesetz bekräftigen und das entgegengesetzte entkräften muß.
Ex contrariis autem legibus controversia nascitur, cum inter se duae videntur leges aut plures discrepare, hoc modo: lex: qui tyrannum occiderit, olympio- nicarum praemia capito et quam volet sibi rem a magistratu deposcito et magistratus ei con- cedito. et altera lex: tyranno occiso quinque eius proximos cognatione magistratus necato. Alexan- drum, qui apud Pheraeos in Thessalia tyrannidem occu- parat, uxor sua, cui Thebe nomen fuit, noctu, cum si- mul cubaret, occidit. haec filium suum, quem ex ty- ranno habebat, sibi in praemii loco deposcit. sunt qui ex lege occidi puerum dicant oportere. res in iudicio est. In hoc genere utramque in partem idem loci atque eadem praecepta convenient, ideo quod uterque suam legem confirmare, contrariam infirmare debebit.
Zuerst also gehört es sich, die Gesetze gegeneinanderzustellen und zu erwägen, welches Gesetz sich auf die größeren, das heißt auf die nützlicheren, auf die ehrenhafteren und notwendigeren Dinge beziehe; woraus sich ergibt, daß, wenn es zwei oder mehrere Gesetze gibt oder wie viele es auch sind, die nicht gewahrt werden können, weil sie untereinander uneinig sind, vor allem das gewahrt werden muß, das sich auf die größten Dinge zu beziehen scheint; sodann, welches Gesetz später erlassen worden ist; denn das jeweils spätere ist das gewichtigste; sodann, welches Gesetz etwas gebietet, welches etwas erlaubt; denn das, was geboten wird, ist notwendig, das, was erlaubt wird, freiwillig; sodann, in welchem Gesetz, wenn ihm nicht gehorcht wird,
pri- mum igitur leges oportet contendere considerando, utra lex ad maiores, hoc est ad utiliores, ad hone- stiores ac magis necessarias res pertineat; ex quo conficitur, ut, si leges duae aut si plures erunt, aut quotquot erunt, conservari non possint, quia discrepent inter se, sed ea maxime conservanda putetur, quae ad maximas res pertinere videatur; deinde, utra lex posterius lata sit; nam postrema quaeque gravissima est; deinde, utra lex iubeat aliquid, utra permittat; nam id, quod imperatur, necessarium, illud, quod per- mittitur, voluntarium est; deinde, in utra lege, si non optemperatum sit,
eine Strafe hinzugefügt oder in welchem die größere Strafe festgesetzt wird; denn vor allem ist das zu wahren, das aufs sorgfältigste mit Strafe versehen ist; sodann, welches Gesetz gebietet, welches verbietet; denn oft scheint das, was verbietet, gleichsam durch eine gewisse Ausnahme jenes zu berichtigen, das gebietet; sodann, welches Gesetz die ganze Gattung, welches einen gewissen Teil betrifft; welches gemeinsam für mehrere, welches für eine bestimmte Sache geschrieben zu sein scheint; denn das, was für irgendeinen Teil und das, was für eine gewisse bestimmte Sache geschrieben ist, scheint der Sache näher zu kommen und das Urteil mehr zu betreffen; sodann, ob nach dem Gesetz etwas sogleich geschehen müsse oder ob es einen gewissen Aufschub und Aufschiebung zulasse;
poena adiciatur aut in utra maior poena statuatur; nam maxime conservanda est ea, quae diligentissime sancta est; deinde, utra lex iubeat, utra vetet; nam saepe ea, quae vetat, quasi exceptione quadam corrigere videatur illam, quae iubet; deinde, utra lex de genere omni, utra de parte quadam; utra communiter in plures, utra in aliquam certam rem scripta videatur; nam quae in partem aliquam et quae in certam quandam rem scripta est, propius ad causam accedere videtur et ad iudicium magis pertinere; de- inde, ex lege utrum statim fieri necesse sit, utrum habeat aliquam moram et sustentationem;
denn das, was sogleich getan werden muß, muß zuerst vollbracht werden; sodann ist Mühe darauf zu verwenden, daß das eigene Gesetz auf dem Geschriebenen selbst zu beruhen scheine, das entgegengesetzte aber entweder durch das Zweideutige oder durch die Schlußfolgerung oder durch die Begriffsbestimmung eingeführt zu werden, da das heiliger und fester zu sein scheint, was deutlicher geschrieben ist; sodann ist dem Geschriebenen des eigenen Gesetzes auch der Sinn hinzuzufügen, das entgegengesetzte Gesetz ebenso auf einen anderen Sinn hinüberzuleiten, so daß sie, wenn es geschehen kann, nicht einmal untereinander uneinig zu sein scheinen; zuletzt ist, wenn die Sache die Möglichkeit dazu bietet, dahin zu wirken, daß nach unserer Auslegung beide Gesetze gewahrt zu werden scheinen, nach der Auslegung der Gegner aber das eine notwendig vernachlässigt werden müsse. Die Gemeinplätze aber, sowohl die, welche die Sache selbst bietet, als auch die wird man sehen müssen, und aus den reichhaltigsten Teilen des Nutzens und der Ehrenhaftigkeit wird man sie nehmen müssen, indem man durch die Steigerung dartut, welchem Gesetz man eher beitreten müsse.
nam id, quod statim faciendum sit, perfici prius oportet; de- inde operam dare, ut sua lex ipso scripto videatur niti, contraria autem aut per ambiguum aut per ratio- cinationem aut per definitionem induci, cum sanctius et firmius id videatur esse, quod apertius scriptum sit; deinde suae legis ad scriptum ipsum sententiam quoque adiungere, contrariam legem item ad aliam sententiam transducere, ut, si fieri poterit, ne discrepare quidem videantur inter se; postremo facere, si causa facultatem dabit, ut nostra ratione utraque lex con- servari videatur, adversariorum ratione altera sit ne- cessario neglegenda. Locos autem communes et, quos ipsa causa det, videre oportebit et ex utilitatis et ex honestatis amplis- simis partibus sumere demonstrantem per amplifica- tionem, ad utram potius legem accedere oporteat.
Aus der Schlußfolgerung entsteht eine Streitigkeit, wenn man von dem, was irgendwo vorhanden ist, zu dem gelangt, was nirgends geschrieben steht, auf diese Weise: Ein Gesetz: „Wenn jemand wahnsinnig ist, so sollen die Agnaten und Geschlechtsgenossen die Gewalt über ihn und sein Vermögen haben.“ Und ein Gesetz: „Wie ein Familienvater über seine Hausgenossenschaft und sein Vermögen letztwillig verfügt hat, so soll es Rechtens sein.“ Und ein Gesetz: „Wenn ein Familienvater ohne Testament stirbt, so sollen seine Hausgenossenschaft und sein Vermögen
Ex ratiocinatione nascitur controversia, cum ex eo, quod uspiam est, ad id, quod nusquam scriptum est, venitur, hoc pacto: lex: si furiosus est, agna- tum gentiliumque in eo pecuniaque eius potestas esto. et lex: paterfamilias uti super familia pecu- niaque sua legassit, ita ius esto. et lex: si pater- familias intestato moritur, familia pecuniaque eius
den Agnaten und Geschlechtsgenossen gehören.“ Ein gewisser Mensch wurde für schuldig befunden, seinen Vater getötet zu haben, und sogleich, weil keine Möglichkeit zur Flucht bestand, wurden ihm hölzerne Sohlen an die Füße gelegt; der Mund aber wurde mit einem Beutel verhüllt und zugebunden; sodann wurde er in den Kerker geführt, damit er dort so lange bleibe, bis der Sack, in den geworfen er in den Fluß getragen werden sollte, bereitet wäre. Inzwischen bringen gewisse Vertraute von ihm Schreibtafeln in den Kerker und führen Zeugen herzu; sie schreiben die Erben, die er selbst befiehlt; die Tafeln werden versiegelt. Über jenen wird hierauf die Strafe vollzogen. Zwischen denen, die in den Tafeln als Erben eingeschrieben sind, und den Agnaten besteht ein Streit über die Erbschaft. Hier wird kein bestimmtes Gesetz vorgebracht, das denen, die sich in einer solchen Lage befinden, die Befugnis, ein Testament zu machen, nähme. Aus den übrigen Gesetzen, sowohl denen, die eben diesen mit einer solchen Strafe belegen, als auch denen, die sich auf die Befugnis, ein Testament zu machen, beziehen, muß man durch die Schlußfolgerung zu einer solchen Erwägung gelangen, daß gefragt wird, ob er die Befugnis gehabt habe, ein Testament zu machen.
agnatum gentiliumque esto. Quidam iudicatus est pa- rentem occidisse et statim, quod effugiendi potestas non fuit, ligneae soleae in pedes inditae sunt; os autem ob- volutum est folliculo et praeligatum; deinde est in car- cerem deductus, ut ibi esset tantisper, dum culleus, in quem coniectus in profluentem deferretur, compararetur. interea quidam eius familiares in carcerem tabulas af- ferunt et testes adducunt; heredes, quos ipse iubet, scribunt; tabulae obsignantur. de illo post suppli- cium sumitur. inter eos, qui heredes in tabulis scripti sunt, et inter agnatos de hereditate controversia est. Hic certa lex, quae testamenti faciendi iis, qui in eo loco sint, adimat potestatem, nulla profertur. ex ce- teris legibus et quae hunc ipsum supplicio eiusmodi afficiunt et quae ad testamenti faciendi potestatem pertinent, per ratiocinationem veniundum est ad eius- modi rationem, ut quaeratur, habueritne testamenti fa- ciendi potestatem.
Die Gemeinplätze aber bei dieser Gattung des Beweisens, so meinen wir, sind diese und gewisse derartige: zuerst das Lob und die Bekräftigung des Geschriebenen, das man vorbringt; sodann die Vergleichung jener Sache, um die gefragt wird, mit jener, über die Einigkeit besteht, von solcher Art, daß das, um das gefragt wird, jenem, über das Einigkeit besteht, ähnlich zu sein scheine; hierauf die Verwunderung durch Gegenüberstellung, wie es geschehen könne, daß einer, der dies als billig zugesteht, jenes leugnet, das entweder billiger oder von derselben Gattung sei; sodann, daß deshalb über diese Sache nichts geschrieben sei, weil der, der schrieb, da über jene geschrieben war, über diese keinen Zweifel hatte.
Locos autem communes in hoc genere argumentandi hos et huiusmodi quosdam esse arbitramur: primum eius scripti, quod proferas, laudationem et confirma- tionem; deinde eius rei, qua de quaeratur, cum eo, de quo constet, collationem eiusmodi, ut id, de quo quaeritur, ei, de quo constet, simile esse videatur; postea admirationem per contentionem, qui fieri pos- sit, ut qui hoc aequum esse concedat, illud neget, quod aut aequius aut eodem sit in genere; deinde idcirco de hac re nihil esse scriptum, quod, cum de illa esset scriptum, de hac is, qui scribebat, dubita-
…er gemeint habe, daß niemand davon ausgenommen sei; sodann, daß in vielen Gesetzen vieles übergangen sei, das deshalb niemand als übergangen ansehe, weil es aus dem übrigen, worüber geschrieben sei, erschlossen werden könne; sodann ist die Billigkeit der Sache darzutun, wie beim absoluten rechtsprechenden Streitstand. Wer aber dagegen sprechen wird, der wird die Ähnlichkeit entkräften müssen; was er tun wird, wenn er dartut, daß jenes, was verglichen werde, verschieden sei nach Gattung, Natur, Kraft, Größe, Zeit, Ort, Person und Meinung; wenn aufgezeigt wird, in welcher Zahl jenes, was durch die Ähnlichkeit beigebracht wird, und an welcher Stelle jenes, um dessentwillen es beigebracht wird, zu führen sich gezieme; sodann wird dargetan werden, worin sich die eine Sache von der anderen unterscheidet, so daß es nicht so scheint, als müsse über beide dasselbe geurteilt werden.
turum neminem arbitratus sit; postea multis in le- gibus multa praeterita esse, quae idcirco praeterita nemo arbitretur, quod ex ceteris, de quibus scriptum sit, intellegi possint; deinde aequitas rei demon- stranda est, ut in iuridiciali absoluta. Contra autem qui dicet, similitudinem infirmare de- bebit; quod faciet, si demonstrabit illud, quod confera- tur, diversum esse genere, natura, vi, magnitudine, tempore, loco, persona, opinione; si, quo in numero illud, quod per similitudinem afferetur, et quo in loco illud, cuius causa afferetur, haberi conveniat, ostendetur; deinde, quid res cum re differat, demon- strabitur, ut non idem videatur de utraque existimari oportere.
Und wenn er selbst sich gleichfalls der Schlußfolgerungen wird bedienen können, so wird er sich derselben Gründe bedienen, die zuvor dargelegt worden sind; wenn er es nicht können wird, so wird er leugnen, daß man irgend etwas außer dem, was geschrieben sei, in Betracht ziehen dürfe; viele Gesetze gebe es über ähnliche Dinge, und doch für jede einzelne Sache je eigene; alle Dinge könnten untereinander entweder als ähnlich oder als unähnlich dargetan werden. Die Gemeinplätze: von der Schlußfolgerung her, man müsse durch Mutmaßung von dem, was geschrieben sei, zu dem gelangen, was nicht geschrieben sei; und niemand könne alle Dinge durch die Schrift umfassen, sondern der schreibe am angemessensten, der dafür sorge, daß gewisse Dinge aus gewissen anderen erschlossen würden;
ac, si ipse quoque poterit ratiocinationibus uti, isdem rationibus, quibus ante praedictum est, ute- tur; si non poterit, negabit oportere quicquam, nisi quod scriptum sit, considerare; multas de similibus rebus et in unam quamque rem tamen singulas esse leges; omnia posse inter se vel similia vel dissimilia demonstrari. Loci communes: a ratiocinatione, oportere coniec- tura ex eo, quod scriptum sit, ad id, quod non sit scriptum, pervenire; et neminem posse omnes res per scripturam amplecti, sed eum commodissime scribere, qui curet, ut quaedam ex quibusdam intellegantur;
gegen die Schlußfolgerung von folgender Art: die Mutmaßung sei eine Wahrsagerei, und es sei das Zeichen eines törichten Verfassers, nicht für alle Dinge Vorsorge treffen zu können, gegen die er wolle. Eine Begriffsbestimmung liegt vor, wenn im Geschriebenen irgendein Wort gesetzt ist, nach dessen Kraft gefragt wird, auf diese Weise: Ein Gesetz: „Wer bei widrigem Wetter das Schiff verlassen haben, sollen alles verlieren; das Schiff und die Ladung sollen denen gehören, die im Schiff geblieben sind.“ Zwei gewisse Männer, die bereits auf hoher See fuhren und von denen dem einen das Schiff, dem anderen die Ladung gehörte, bemerkten einen gewissen Schiffbrüchigen, der schwamm und die Hände nach ihnen ausstreckte; von Mitleid bewegt, lenkten sie das Schiff zu ihm hin und hoben den Menschen zu sich herauf.
contra ratiocinationem huiusmodi: coniecturam divinationem esse et stulti scriptoris esse non posse om- nibus de rebus cavere, quibus velit. Definitio est, cum in scripto verbum aliquod est positum, cuius de vi quaeritur, hoc modo: lex: qui in adversa tempestate navem reliquerint, omnia amittunto; eorum navis et onera sunto, qui in nave remanserint. Duo quidam, cum iam in alto navigarent, et cum eorum alterius navis, alterius onus esset, naufragum quendam natantem et manus ad se tendentem animum adverterunt; misericordia commoti navem ad eum adplicarunt, hominem ad se sustulerunt.
Hernach begann das Wetter auch sie selbst eine geraume Zeit um so heftiger zu schütteln, so weit, daß der Eigner des Schiffes, der zugleich der Steuermann war, in den Nachen flüchtete und von dort durch ein Tau, das am Heck befestigt den angehängten Nachen nachzog, das Schiff lenkte, soviel er konnte, jener aber, dem die Waren gehörten, sich ebendort im Schiff in sein Schwert stürzte. Da trat jener Schiffbrüchige an das Steuerruder und leistete dem Schiff Hilfe, soviel er konnte. Nachdem aber die Wogen sich gelegt hatten und das Wetter sich bereits gewandelt hatte, wird das Schiff in den Hafen geleitet. Jener aber, der sich in das Schwert gestürzt hatte, leicht verwundet, erholte sich leicht von der Wunde. Das Schiff samt der Ladung erklärt ein jeder dieser drei für das seine. Hier treten alle vom Geschriebenen her an die Sache heran, und aus der Kraft des Wortes entsteht die Streitigkeit. Denn sowohl was „das Schiff verlassen“ und „im Schiff bleiben“, schließlich was das Schiff selbst sei, wird durch Begriffsbestimmungen erfragt werden. Aus eben denselben Plätzen aber, wie der definierende Streitstand, wird die Sache behandelt werden.
postea aliquanto ipsos quoque tempestas vehementius iactare coepit, usque adeo, ut dominus navis, cum idem gubernator esset, in scapham confugeret et inde funiculo, qui a puppi religatus scapham adnexam tra- hebat, navi, quod posset, moderaretur, ille autem, cuius merces erant, in gladium in navi ibidem in- cumberet. hic ille naufragus ad gubernaculum ac- cessit et navi, quod potuit, est opitulatus. sedatis autem fluctibus et tempestate iam commutata navis in portum pervehitur. ille autem, qui in gladium in- cubuerat, leviter saucius facile ex vulnere est recrea- tus. navem cum onere horum trium suam quisque esse dicit. Hic omnes scripto ad causam accedunt et ex nominis vi nascitur controversia. nam et relinquere navem et remanere in navi, denique navis ipsa quid sit, definitionibus quaeretur. isdem autem ex locis om- nibus, quibus definitiva constitutio, tractabitur.
Nun, da jene Beweisführungen dargelegt sind, die auf die gerichtliche Gattung der Fälle abgestimmt sind, werden wir hierauf für die beratende und die darlegende Gattung Plätze und Vorschriften des Beweisens geben, nicht weil nicht jeder Fall sich stets in irgendeinem Streitstand bewege, sondern weil diesen Fällen dennoch gewisse eigentümliche Plätze zukommen, die nicht vom Streitstand getrennt, sondern auf die Zwecke dieser Gattungen abgestimmt sind.
Nunc expositis iis argumentationibus, quae in iudi- ciale causarum genus adcommodantur, deinceps in deliberativum genus et demonstrativum argumentandi locos et praecepta dabimus, non quo non in aliqua constitutione omnis semper causa versetur, sed quia proprii tamen harum causarum quidam loci sunt, non a constitutione separati, sed ad fines horum generum accommodati.
Denn wir halten dafür, daß in der gerichtlichen Gattung das Ziel die Billigkeit sei, das heißt ein gewisser Teil der Ehrenhaftigkeit; in der beratenden aber hält Aristoteles den Nutzen dafür, wir die Ehrenhaftigkeit und den Nutzen, in der darlegenden die Ehrenhaftigkeit. Daher werden auch in dieser Gattung des Falles gewisse Beweisführungen gemeinsam und auf ähnliche Weise behandelt werden, gewisse aber gesonderter an das Ziel, auf das man die ganze Rede beziehen muß, angeschlossen werden. Und wir würden uns nicht weigern, für jeden einzelnen Streitstand ein Beispiel beizufügen, sähen wir nicht, daß, wie dunkle Dinge durch die Rede klarer werden, so klare Dinge durch die Rede dunkler werden. Nun wollen wir zu den Vorschriften der Beratung fortschreiten.
nam placet in iudiciali genere finem esse aequitatem, hoc est partem quandam honestatis. in deliberativo autem Aristoteli placet utilitatem, nobis et honestatem et utilitatem, in demonstrativo honestatem. quare in hoc quoque genere causae quaedam argumentationes communiter ac similiter tractabuntur, quaedam separatius ad finem, quo referri omnem orationem oportet, adiungentur. atque unius cuiusque constitutionis exemplum subponere non gra- varemur, nisi illud videremus, quemadmodum res obscurae dicendo fierent apertiores, sic res apertas obscuriores fieri oratione. Nunc ad deliberationis praecepta pergamus.
Der erstrebenswerten Dinge gibt es drei Gattungen; und eine gleiche Zahl der zu meidenden auf der entgegengesetzten Seite. Denn es gibt etwas, das uns durch seine eigene Kraft an sich zieht, nicht indem es uns durch irgendeinen Vorteil einfängt, sondern indem es uns durch seine Würde anzieht, von der Art, wie die Tugend, das Wissen, die Wahrheit. Es gibt aber ein anderes, das nicht um seiner eigenen Kraft und Natur willen, sondern um der Frucht und des Nutzens willen zu erstreben ist; von der Art ist das Geld. Es gibt ferner etwas aus den Teilen dieser beiden Verbundenes, das uns sowohl durch seine eigene Kraft und Würde angelockt führt als auch einen gewissen Nutzen vor sich her trägt, um dessentwillen es um so mehr erstrebt wird, wie die Freundschaft und der gute Ruf.
Rerum expetendarum tria genera sunt; par autem numerus vitandarum ex contraria parte. nam est quiddam, quod sua vi nos adliciat ad sese, non emo- lumento captans aliquo, sed trahens sua dignitate, quod genus virtus, scientia, veritas. est aliud autem non propter suam vim et naturam, sed propter fruc- tum atque utilitatem petendum; quod genus pecunia est. est porro quiddam ex horum partibus iunctum, quod et sua vi et dignitate nos inlectos ducit et prae se quandam gerit utilitatem, quo magis expetatur, ut amicitia, bona existimatio.
Und aus diesen werden ihre Gegenteile leicht, auch wenn wir schweigen, erkannt werden. Damit aber die Darlegung müheloser überliefert werde, sollen die Dinge, die wir gesetzt haben, kurz benannt werden. Denn was zur ersten Gattung gehört, wird ehrenhaft genannt werden; was aber zur zweiten, nützlich. Dieses dritte aber, weil es einen Teil der Ehrenhaftigkeit enthält und weil die Kraft der Ehrenhaftigkeit größer ist, wird zwar überhaupt als verbunden und von doppelter Gattung erkannt, doch sollen die Dinge auf den besseren Teil der Benennung bezogen und ehrenhaft genannt werden. Daraus ergibt sich, daß die Teile der erstrebenswerten Dinge die Ehrenhaftigkeit und der Nutzen sind, die der zu meidenden die Schändlichkeit und die Unnützlichkeit. Diesen zwei Dingen sind also zwei große Dinge zugeschrieben, die Zwangslage und der Umstand; deren einer aus der Kraft, der andere aus der Sache und den Personen betrachtet wird. Über beide werden wir später deutlicher schreiben; nun wollen wir zuerst die Gründe der Ehrenhaftigkeit darlegen.
atque ex his horum contraria facile tacentibus nobis intellegentur. sed ut expeditius ratio tradatur, ea, quae posuimus, brevi nominabuntur. nam, in primo genere quae sunt, ho- nesta appellabuntur; quae autem in secundo, utilia. haec autem tertia, quia partem honestatis continent et quia maior est vis honestatis, iuncta esse omnino et duplici genere intelleguntur, sed in meliorem partem vocabuli conferantur et honesta nominentur. ex his illud conficitur, ut petendarum rerum partes sint ho- nestas et utilitas, vitandarum turpitudo et inutilitas. his igitur duabus rebus res duae grandes sunt adtri- butae, necessitudo et affectio; quarum altera ex vi, altera ex re et personis consideratur. de utraque post apertius perscribemus; nunc honestatis rationes pri- mum explicemus.
Was entweder ganz oder zu einem Teil um seiner selbst willen erstrebt wird, das werden wir ehrenhaft nennen. Da es daher zwei Teile besitzt, von denen der eine einfach, der andere verbunden ist, so wollen wir zuerst den einfachen betrachten. Es ist also in dieser Gattung die Tugend, die alle Dinge mit einer Kraft und unter einem Namen umfaßt. Denn die Tugend ist eine Haltung des Geistes, nach Art der Natur und der Vernunft in Übereinstimmung. Daher wird, wenn alle ihre Teile erkannt sind, die ganze Kraft der einfachen Ehrenhaftigkeit betrachtet sein. Sie hat also vier Teile: die Klugheit, die Gerechtigkeit, die Tapferkeit, die Mäßigung.
Quod aut totum aut aliqua ex parte propter se pe- titur, honestum nominabimus. quare, cum eius duae partes sint, quarum altera simplex, altera iuncta sit, simplicem prius consideremus. est igitur in eo genere omnes res una vi atque uno nomine amplexa virtus. nam virtus est animi habitus naturae modo atque rationi consentaneus. quamobrem omnibus eius par- tibus cognitis tota vis erit simplicis honestatis con- siderata. habet igitur partes quattuor: prudentiam, iustitiam, fortitudinem, temperantiam.
Die Klugheit ist das Wissen von den guten und schlechten und den weder guten noch schlechten Dingen. Ihre Teile sind: das Gedächtnis, die Einsicht, die Voraussicht. Das Gedächtnis ist das, wodurch der Geist jene Dinge zurückruft, die gewesen sind; die Einsicht das, wodurch er jene durchschaut, die sind; die Voraussicht das, wodurch etwas Künftiges gesehen wird, bevor es geschehen ist. Die Gerechtigkeit ist eine Haltung des Geistes, die unter Wahrung des gemeinsamen Nutzens einem jeden seine Würde zuteilt. Ihr Ursprung ist von der Natur ausgegangen; sodann sind gewisse Dinge aus der Erwägung des Nutzens in Gewohnheit übergegangen; hernach hat das, was sowohl von der Natur ausgegangen als auch durch die Gewohnheit gebilligt war, die Furcht vor den Gesetzen und die Religion geheiligt.
Prudentia est rerum bonarum et malarum neutra- rumque scientia. partes eius: memoria, intellegentia, providentia. memoria est, per quam animus repetit illa, quae fuerunt; intellegentia, per quam ea perspicit, quae sunt; providentia, per quam futurum aliquid videtur ante quam factum est. Iustitia est habitus animi communi utilitate con- servata suam cuique tribuens dignitatem. eius initium est ab natura profectum; deinde quaedam in con- suetudinem ex utilitatis ratione venerunt; postea res et ab natura profectas et ab consuetudine probatas legum metus et religio sanxit.
Das Recht der Natur ist das, welches nicht die Meinung erzeugt hat, sondern eine gewisse Kraft in die Natur eingepflanzt hat, wie die Frömmigkeit, die Pietät, die Dankbarkeit, die Vergeltung, die Ehrerbietung, die Wahrhaftigkeit. Die Frömmigkeit ist das, was einer gewissen höheren Natur, die man die göttliche nennt, die Sorge und den ehrfürchtigen Dienst zuwendet; die Pietät das, wodurch den Blutsverwandten und dem Vaterlande ein wohlwollender Dienst und eine sorgfältige Verehrung erwiesen wird; die Dankbarkeit das, worin das Andenken an Freundschaften und an die Dienste eines anderen und der Wille zur Erwiderung enthalten ist; die Vergeltung das, wodurch Gewalt oder Unrecht und überhaupt alles, was schaden wird, durch Abwehr oder Ahndung abgewendet wird; die Ehrerbietung das, wodurch Menschen, die durch irgendeine Würde voranstehen, mit einer gewissen Verehrung und Ehre für würdig erachtet werden;
naturae ius est, quod non opinio genuit, sed quaedam in natura vis insevit, ut religionem, pietatem, gratiam, vindicationem, ob- servantiam, veritatem. religio est, quae superioris cuiusdam naturae, quam divinam vocant, curam caeri- moniamque affert; pietas, per quam sanguine con- iunctis patriaeque benivolum officium et diligens tri- buitur cultus; gratia, in qua amicitiarum et officiorum alterius memoria et remunerandi voluntas continetur; vindicatio, per quam vis aut iniuria et omnino omne, quod obfuturum est, defendendo aut ulciscendo pro- pulsatur; observantia, per quam homines aliqua digni- tate antecedentes cultu quodam et honore dignantur;
die Wahrhaftigkeit das, wodurch jene Dinge, die zuvor sind oder gewesen sind oder sein werden, unverändert ausgesprochen werden. Das Recht aus Gewohnheit ist das, was entweder, leicht von der Natur hergeleitet, der Brauch genährt und vergrößert hat, wie die Frömmigkeit, oder, wenn wir etwas von jenen Dingen, die wir zuvor genannt haben, von der Natur ausgegangen und durch die Gewohnheit vergrößert sehen, oder was das Alter durch die Billigung der Menge zur Sitte geführt hat; von dieser Gattung ist der Vertrag, das Billige, das Geurteilte. Der Vertrag ist das, was zwischen gewissen Personen vereinbart ist; das Billige das, was gegen alle gleichmäßig ist; das Geurteilte das, worüber bereits durch die Aussprüche eines oder einiger entschieden ist. Das Recht aus dem Gesetz ist das, was in jener Schrift enthalten ist, die dem Volke vorgelegt ist, damit es sie beachte.
veritas, per quam inmutata ea, quae sunt ante aut fuerunt aut futura sunt, dicuntur. consuetudine ius est, quod aut leviter a natura tractum aluit et maius fecit usus, ut religionem, aut si quid eorum, quae ante diximus, ab natura profectum maius factum propter consuetudinem videmus, aut quod in morem vetustas vulgi adprobatione perduxit; quod genus pac- tum est, par, iudicatum. pactum est, quod inter ali- quos convenit; par, quod in omnes aequabile est; iudicatum, de quo alicuius aut aliquorum iam senten- tiis constitutum est. lege ius est, quod in eo scripto, quod populo expositum est, ut observet, continetur.
Die Tapferkeit ist die wohlerwogene Übernahme von Gefahren und das Ertragen von Mühen. Ihre Teile sind die Großgesinntheit, die Zuversicht, die Geduld, die Beharrlichkeit. Die Großgesinntheit ist das Erdenken und Ausführen großer und erhabener Dinge mit einem gewissen weiten und glanzvollen Vorsatz des Geistes; die Zuversicht ist das, wodurch der Geist selbst in großen und ehrenhaften Dingen viel an Vertrauen mit gewisser Hoffnung in sich gesetzt hat; die Geduld ist das freiwillige und langdauernde Ertragen schwerer und schwieriger Dinge um der Ehrenhaftigkeit oder des Nutzens willen; die Beharrlichkeit ist das beständige und immerwährende Verharren bei einem wohlerwogenen Vorsatz.
Fortitudo est considerata periculorum susceptio et laborum perpessio. eius partes magnificentia, fidentia, patientia, perseverantia. magnificentia est rerum ma- gnarum et excelsarum cum animi ampla quadam et splendida propositione cogitatio atque administratio; fidentia est, per quam magnis et honestis in rebus multum ipse animus in se fiduciae certa cum spe con- locavit; patientia est honestatis aut utilitatis causa rerum arduarum ac difficilium voluntaria ac diuturna perpessio; perseverantia est in ratione bene considerata stabilis et perpetua permansio.
Die Mäßigung ist die feste und maßvolle Herrschaft der Vernunft über die Begierde und über andere nicht rechte Antriebe des Geistes. Ihre Teile sind die Enthaltsamkeit, die Milde, die Bescheidenheit. Die Enthaltsamkeit ist das, wodurch die Begierde durch die Lenkung der Überlegung beherrscht wird; die Milde das, wodurch die Geister, die unbedacht zum Haß auf jemanden aufgereizt sind, durch Freundlichkeit zurückgehalten werden; die Bescheidenheit das, wodurch das Schamgefühl sich die Sorge um das Ehrenhafte und ein beständiges Ansehen erwirbt. Und diese alle sind um ihrer selbst allein willen zu erstreben, so daß ihnen kein Vorteil hinzugefügt wird. Dies darzutun, gehört weder zu diesem unserem Vorhaben und ist von der Kürze des Lehrens
Temperantia est rationis in libidinem atque in alios non rectos impetus animi firma et moderata domina- tio. eius partes continentia, clementia, modestia. con- tinentia est, per quam cupiditas consilii gubernatione regitur; clementia, per quam animi temere in odium alicuius * iniectionis concitati comitate retinentur; modestia, per quam pudor honesti curam et stabilem comparat auctoritatem. atque haec omnia propter se solum, ut nihil adiungatur emolumenti, petenda sunt. quod ut demonstretur, neque ad hoc nostrum institutum pertinet et a brevitate praecipiendi remo-
entfernt. Um ihrer selbst willen aber zu meiden sind nicht nur jene Dinge, die diesen entgegengesetzt sind, wie der Tapferkeit die Feigheit und der Gerechtigkeit die Ungerechtigkeit, sondern auch jene, die nahe und angrenzend zu sein scheinen, in Wahrheit aber sehr weit entfernt sind; von dieser Gattung ist der Zuversicht das Mißtrauen entgegengesetzt und deshalb ein Fehler; die Verwegenheit ist nicht entgegengesetzt, sondern beigeordnet und nahe und dennoch ein Fehler. So wird sich für jede einzelne Tugend ein angrenzender Fehler finden, entweder schon mit einem bestimmten Namen benannt, wie die Verwegenheit, die der Zuversicht, die Hartnäckigkeit, die der Beharrlichkeit angrenzend ist, der Aberglaube, der der Frömmigkeit nahe ist, oder ohne irgendeinen bestimmten Namen. Diese alle werden ebenso wie die Gegenteile der guten Dinge unter die zu meidenden Dinge gesetzt werden. Und über jene Gattung der Ehrenhaftigkeit, die in jeder Hinsicht um ihrer selbst willen erstrebt wird, ist nun genug gesagt.
tum est. propter se autem vitanda sunt non ea modo, quae his contraria sunt, ut fortitudini ignavia et iustitiae iniustitia, verum etiam illa, quae propinqua videntur et finitima esse, absunt autem longissume; quod genus fidentiae contrarium est diffidentia et ea re vitium est; audacia non contrarium, sed appositum est ac propinquum et tamen vitium est. sic uni cuique virtuti finitimum vitium reperietur, aut certo iam no- mine appellatum, ut audacia, quae fidentiae, pertinacia, quae perseverantiae finitima est, superstitio, quae re- ligioni propinqua est, aut sine ullo certo nomine. quae omnia item uti contraria rerum bonarum in re- bus vitandis reponentur. Ac de eo quidem genere honestatis, quod omni ex parte propter se petitur, satis dictum est.
Nun scheint über jene gesprochen werden zu müssen, der auch der Nutzen hinzugefügt wird, die wir dennoch ehrenhaft nennen. Es gibt also vieles, das uns sowohl durch die Würde als auch durch seine eigene Frucht führt; in dieser Gattung sind der Ruhm, die Würde, die Hoheit, die Freundschaft. Der Ruhm ist häufige Rede über jemanden mit Lob; die Würde ist eines Menschen ehrenhaftes und der Achtung und Ehre und Ehrfurcht würdiges Ansehen; die Hoheit ist ein großer Überfluß an Macht oder Erhabenheit oder gewissen Mitteln; die Freundschaft ist das Wollen guter Dinge für jemanden um eben dessen willen, den man liebt, verbunden mit dessen gleichem Wollen.
nunc de eo, in quo utilitas quoque adiungitur, quod tamen honestum vocamus, dicendum videtur. sunt igitur multa, quae nos cum dignitate tum quoque fructu suo ducunt; quo in genere est gloria, dignitas, ampli- tudo, amicitia. gloria est frequens de aliquo fama cum laude; dignitas est alicuius honesta et cultu et honore et verecundia digna auctoritas; ampli- tudo potentiae aut maiestatis aut aliquarum copiarum magna abundantia; amicitia voluntas erga aliquem rerum bonarum illius ipsius causa, quem diligit, cum eius pari voluntate.
Hier, weil wir von bürgerlichen Fällen sprechen, fügen wir der Freundschaft die Frucht hinzu, so daß sie auch um deren willen erstrebenswert zu sein scheint, damit nicht etwa jene, die meinen, wir sprächen über jede Freundschaft, zu tadeln beginnen. Gleichwohl gibt es welche, die meinen, die Freundschaft sei nur um des Nutzens willen zu erstreben; es gibt welche, die meinen um ihrer selbst allein willen; es gibt welche, die meinen um ihrer selbst und des Nutzens willen. Was hiervon am wahrsten festgestellt werde, dafür wird ein anderer Ort der Betrachtung sein. Nun mag dies so für den rednerischen Gebrauch dahingestellt bleiben, daß beide
hic, quia de civilibus causis lo- quimur, fructus ad amicitiam adiungimus, ut eorum quoque causa petenda videatur, ne forte, qui nos de omni amicitia dicere existimant, reprehendere inci- piant. quamquam sunt qui propter utilitatem modo petendam putant amicitiam; sunt qui propter se so- lum; sunt qui propter se et utilitatem. quorum quid verissime constituatur, alius locus erit considerandi. nunc hoc sic ad usum oratorium relinquatur, utram-
um beider Dinge willen die Freundschaft zu erstreben sei. Die Erwägung der Freundschaften aber wird, da sie teils mit religiösen Banden verknüpft sind, teils nicht, und weil sie teils alt, teils neu sind, teils aus der Wohltat jener, teils aus unserer ausgegangen sind, teils nützlicher, teils minder nützlich, aus den Würden der Sachen, aus den Gelegenheiten der Zeiten, aus den Diensten, aus den religiösen Banden, aus dem Alter angestellt werden. Der Nutzen aber ist entweder im Körper gelegen oder in äußeren Dingen; von welchen Dingen jedoch der bei weitem größte Teil auf den Vorteil des Körpers zurückläuft, wie im Gemeinwesen gewisse Dinge sind, die, um es so zu sagen, den Körper des Staates betreffen, wie Ländereien, Häfen, Geld, Flotte, Seeleute, Soldaten, Bundesgenossen, durch welche Dinge die Staaten ihre Unversehrtheit und Freiheit bewahren, andere aber, die schon etwas Großartigeres und minder Notwendiges bewirken, wie die ausgezeichnete Ausschmückung und Hoheit einer Stadt, wie eine gewisse hervorragende Größe des Geldes, eine Menge von Freundschaften und Bündnissen.
que propter rem amicitiam esse expetendam. ami- citiarum autem ratio, quoniam partim sunt religioni- bus iunctae, partim non sunt, et quia partim veteres sunt, partim novae, partim ab illorum, partim ab nostro beneficio profectae, partim utiliores, partim minus utiles, ex causarum dignitatibus, ex temporum opportunitatibus, ex officiis, ex religionibus, ex vetu- statibus habebitur. Utilitas autem aut in corpore posita est aut in extrariis rebus; quarum tamen rerum multo maxima pars ad corporis commodum revertitur, ut in re pu- blica quaedam sunt, quae, ut sic dicam, ad corpus pertinent civitatis, ut agri, portus, pecunia, classis, nautae, milites, socii, quibus rebus incolumitatem ac libertatem retinent civitates, aliae vero, quae iam quid- dam magis amplum et minus necessarium conficiunt, ut urbis egregia exornatio atque amplitudo, ut quae- dam excellens pecuniae magnitudo, amicitiarum ac societatum multitudo.
Durch welche Dinge nicht nur das bewirkt wird, daß die Staaten heil und unversehrt, sondern auch, daß sie groß und mächtig sind. Daher scheinen es zwei Teile des Nutzens zu geben, die Unversehrtheit und die Macht. Die Unversehrtheit ist die feste und ungeschmälerte Bewahrung des Wohlergehens; die Macht ist die Fähigkeit der zur Bewahrung des Eigenen und zur Schwächung des fremden Besitzes geeigneten Dinge. Und bei allen jenen Dingen, die zuvor genannt worden sind, muß man bedenken, was geschehen kann und was leicht geschehen kann. Leicht werden wir das nennen, was ohne große oder ohne jegliche Mühe, Aufwand, Beschwerde in möglichst kurzer Zeit vollbracht werden kann; geschehen aber könne das, was, obwohl es der Mühe, des Aufwandes, der Beschwerde, der langen Dauer bedarf und entweder alle oder die meisten oder die größten Gründe der Schwierigkeit hat, dennoch, wenn man diese Schwierigkeiten auf sich nimmt, vollbracht und zum Abschluß geführt werden kann.
quibus rebus non illud solum conficitur, ut salvae et incolumes, verum etiam, ut amplae atque potentes sint civitates. quare utilitatis duae partes videntur esse, incolumitas et potentia. in- columitas est salutis rata atque integra conservatio; potentia est ad sua conservanda et alterius adtenuanda idonearum rerum facultas. atque in iis omnibus, quae ante dicta sunt, quid fieri et quid facile fieri possit, oportet considerare. facile id dicemus, quod sine magno aut sine ullo labore, sumptu, molestia quam brevissimo tempore confici potest; posse autem fieri, quod, quamquam laboris, sumptus, molestiae, longin- quitatis indiget atque aut omnes aut plurimas aut maximas causas habet difficultatis, tamen his suscep- tis difficultatibus confieri atque ad exitum perduci potest.
Da wir also über die Ehrenhaftigkeit und über den Nutzen gesprochen haben, so bleibt nun übrig, daß wir über jene Dinge schreiben, von denen wir sagten, sie seien diesen zugeschrieben, die Zwangslage und den Umstand. Ich halte also dafür, daß dies eine Zwangslage ist, der durch keine Kraft widerstanden werden kann, so daß sie das, was sie zu tun vermag, dennoch um nichts weniger vollbringt, eine, die weder verändert noch gemildert werden kann. Und damit dies deutlicher sei, dürfen wir an einem Beispiel die Kraft der Sache, von welcher Art und wie groß sie sei, erkennen. Daß hölzernes Material von der Flamme verbrannt werden kann, ist notwendig. Daß ein beseelter sterblicher Körper zu irgendeiner Zeit untergeht, ist notwendig; und zwar so notwendig, wie es jene Kraft der Zwangslage fordert, die wir soeben beschrieben. Wenn Zwangslagen von solcher Art in die Erwägungen des Redens fallen, so werden sie mit Recht Zwangslagen genannt werden;
Quoniam ergo de honestate et de utilitate dixi- mus, nunc restat, ut de iis rebus, quas his adtributas esse dicebamus, necessitudine et affectione, perscriba- mus. puto igitur esse hanc necessitudinem, cui nulla vi resisti potest, quo ea setius id, quod facere pot- est, perficiat, quae neque mutari neque leniri potest. atque, ut apertius hoc sit, exemplo licet vim rei, qualis et quanta sit, cognoscamus. uri posse flamma ligneam materiam necesse est. corpus animal mortale aliquo tempore interire necesse est; atque ita necesse, ut vis postulat ea, quam modo describebamus, ne- cessitudinis. huiusmodi necessitudines cum in di- cendi rationes incident, recte necessitudines appella- buntur;
wenn aber irgendwelche schwierigen Dinge eintreten, so werden wir sie in jener oberen Frage, ob es geschehen könne, betrachten. Und auch dies glaube ich zu sehen, daß es gewisse Zwangslagen mit einem Beigefügten gibt, gewisse einfache und unbedingte. Denn anders pflegen wir zu sagen: „Es ist notwendig, daß die Casilinenser sich Hannibal ergeben“; anders aber: „Es ist notwendig, daß Casilinum in die Gewalt Hannibals gerät.“ Dort, beim oberen, ist das Beigefügte dieses: „außer wenn sie es vorziehen, vor Hunger umzukommen“; denn wenn sie dies vorziehen, ist es nicht notwendig; dieses untere ist nicht ebenso, deshalb weil, mögen die Casilinenser sich ergeben oder den Hunger erdulden und so umkommen wollen, es notwendig ist, daß Casilinum in die Gewalt Hannibals gerät. Was kann also diese Einteilung der Zwangslage bewirken? Beinahe möchte ich sagen: sehr viel, sobald sich der Platz der Zwangslage darzubieten scheint. Denn wenn die Zwangslage einfach ist,
sin aliquae res accident difficiles, in illa su- periore, possitne fieri, quaestione considerabimus. at- que etiam hoc mihi videor videre, esse quasdam cum adiunctione necessitudines, quasdam simplices et ab- solutas. nam aliter dicere solemus: necesse est Casilinenses se dedere Hannibali; aliter autem: ne- cesse est Casilinum venire in Hannibalis potestatem. illic, in superiore, adiunctio est haec: nisi si malunt fame perire; si enim id malunt, non est necesse; hoc inferius non item, propterea quod, sive velint Casili- nenses se dedere sive famem perpeti atque ita perire, necesse est Casilinum venire in Hannibalis potestatem. quid igitur haec perficere potest necessitudinis distri- butio? prope dicam plurimum, cum locus necessi- tudinis videbitur incurrere. nam cum simplex erit necessitudo,
so wird es nichts geben, worüber wir viel zu sagen hätten, da wir sie auf keine Weise mildern können; wenn es aber dergestalt notwendig sein wird, falls wir etwas vermeiden oder erlangen wollen, dann wird zu betrachten sein, was jenes Beigefügte an Nutzen oder an Ehrenhaftigkeit habe. Denn wenn du achtgeben willst, so jedoch, daß du das suchst, was sich für den Gebrauch des Gemeinwesens zieme, so wirst du finden, daß es keine Sache gibt, die zu tun notwendig sei, außer um irgendeines Grundes willen, den wir das Beigefügte nennen; daß es aber gleichermaßen viele Dinge der Notwendigkeit gibt, zu denen kein ähnliches Beigefügtes hinzutritt; von dieser Gattung ist es, daß die Menschen als Sterbliche notwendig untergehen, ohne ein Beigefügtes; daß sie sich der Nahrung bedienen, ist nicht notwendig außer mit jener Ausnahme: außer wenn sie nicht vor Hunger umkommen wollen.
nihil erit quod multa dicamus, cum eam nulla ratione lenire possimus; cum autem ita necesse erit, si aliquid effugere aut adipisci velimus, tum adiunctio illa quid habeat utilitatis aut quid honestatis, erit considerandum. nam si velis attendere, ita tamen, ut id quaeras, quod conveniat ad usum civitatis, re- perias nullam esse rem, quam facere necesse sit, nisi propter aliquam causam, quam adiunctionem nomi- namus; pariter autem esse multas res necessitatis, ad quas similis adiunctio non accedit; quod genus ut homines mortales necesse est interire, sine ad- iunctione; ut cibo utantur, non necesse est nisi cum illa exceptione extra quam si nolint fame perire.
Also, wie ich sage, jenes, was beigefügt wird, wird stets, von welcher Art es sei, zu betrachten sein. Denn zu jeder Zeit wird es darauf hinauslaufen, daß die Zwangslage entweder auf die Ehrenhaftigkeit auf diese Weise darzulegen ist: „Es ist notwendig, falls wir ehrenhaft leben wollen“; oder auf die Unversehrtheit, auf diese Weise: „Es ist notwendig, falls wir unversehrt sein wollen“; oder auf die Bequemlichkeit, auf diese Weise: „Es ist notwendig, falls wir ohne Unannehmlichkeit leben wollen.“ Und die höchste Zwangslage scheint die der Ehrenhaftigkeit zu sein; dieser am nächsten die der Unversehrtheit;
ergo, ut dico, illud, quod adiungitur, semper, cuius- modi sit, erit considerandum. nam omni tempore id pertinebit, ut aut ad honestatem hoc modo expo- nenda necessitudo sit: necesse est, si honeste volu- mus vivere; aut ad incolumitatem, hoc modo: ne- cesse est, si incolumes volumus esse; aut ad commoditatem, hoc modo: necesse est, si sine incommodo volumus vivere. ac summa quidem necessitudo vi- detur esse honestatis; huic proxima incolumitatis;
die dritte und geringste die der Bequemlichkeit; welche sich mit diesen beiden niemals wird messen können. Diese aber müssen oft untereinander verglichen werden, so daß, obgleich die Ehrenhaftigkeit der Unversehrtheit vorgeht, dennoch beraten wird, für welche vorzugsweise gesorgt werden müsse. Über diese Sache scheint eine gewisse bestimmte Vorschrift für immer gegeben werden zu können. Denn in der Sache, in der es geschehen kann, daß, wenn wir für die Unversehrtheit gesorgt haben, das, was gegenwärtig an der Ehrenhaftigkeit geschmälert worden ist, durch Tugend und Fleiß einmal wiedererlangt wird, wird die Erwägung der Unversehrtheit anzustellen sein; wenn dies aber nicht möglich sein wird, die der Ehrenhaftigkeit. So werden wir auch bei einer Sache von solcher Art, wenn wir für die Unversehrtheit zu sorgen scheinen, mit Wahrheit sagen können, daß wir die Erwägung der Ehrenhaftigkeit anstellen, da wir sie ohne die Unversehrtheit zu keiner Zeit erlangen können. In dieser Sache wird man entweder dem anderen nachgeben oder auf die Bedingung des anderen eingehen oder gegenwärtig stillhalten und eine andere Zeit
tertia ac levissima commoditatis; quae cum his num- quam poterit duabus contendere. hasce autem inter se saepe necesse est comparari, ut, quamquam praestet honestas incolumitati, tamen, utri potissimum consu- lendum sit, deliberetur. cuius rei certum quoddam praescriptum videtur in perpetuum dari posse. nam, qua in re fieri poterit, ut, cum incolumitati consulueri- mus, quod sit in praesentia de honestate delibatum, virtute aliquando et industria recuperetur, incolumita- tis ratio videbitur habenda; cum autem id non poterit, honestatis. ita in huiusmodi quoque re, cum inco- lumitati videbimur consulere, vere poterimus dicere nos honestatis rationem habere, quoniam sine inco- lumitate eam nullo tempore possumus adipisci. qua in re vel concedere alteri vel ad condicionem alterius descendere vel in praesentia quiescere atque aliud tem-
abwarten müssen, nur daß man darauf achte, ob der Grund, der den Nutzen betrifft, der Sache würdig scheine, weshalb von der Großgesinntheit oder von der Ehrenhaftigkeit etwas abgezogen werde. Und an dieser Stelle scheint mir jenes der Hauptpunkt zu sein, daß wir fragen, was jenes sei, dessentwegen, wenn wir es erlangen oder vermeiden wollen, uns irgendeine Sache notwendig sei, das heißt, was das Beigefügte sei, damit wir uns, je nachdem wie jede Sache beschaffen ist, dementsprechend bemühen und einen jeden gewichtigsten Grund als am heftigsten notwendig beurteilen.
pus exspectare oportebit, modo illud adtendatur, di- gnane causa videatur ea, quae ad utilitatem pertine- bit, quare de magnificentia aut de honestate quiddam derogetur. atque in hoc loco mihi caput illud vide- tur esse, ut quaeramus, quid sit illud, quod si adi- pisci aut effugere velimus, aliqua res nobis sit ne- cessaria, hoc est, quae sit adiunctio, ut proinde, uti quaeque res erit, elaboremus et gravissimam quamque causam vehementissime necessariam iudicemus.
Der Umstand ist eine gewisse Veränderung der Dinge aus der Zeit oder aus dem Ausgang der Geschäfte oder aus der Ausführung oder aus dem Eifer der Menschen, so daß sie nicht für solche zu halten scheinen, wie sie zuvor gehalten worden sind oder zumeist gehalten zu werden pflegen; so daß es schändlich zu sein scheint, zu den Feinden überzugehen, aber nicht in jener Gesinnung, in der Odysseus überging; und Geld ins Meer zu werfen unnütz, aber nicht in jenem Sinne, in dem Aristipp es tat. Es gibt also gewisse Dinge, die aus der Zeit und aus dem Vorsatz, nicht aus ihrer eigenen Natur zu betrachten sind; bei denen allen ist zu bedenken, was die Zeiten fordern, was der Personen würdig sei, und es ist zu beachten nicht, was, sondern in welcher Gesinnung ein jedes geschehe, mit wem, zu welcher Zeit, wie lange. Aus diesen Teilen, so meinen wir, müssen die Plätze zur Abgabe einer Meinung genommen werden.
Affectio est quaedam ex tempore aut ex nego- tiorum eventu aut administratione aut hominum studio commutatio rerum, ut non tales, quales ante ha- bitae sint aut plerumque haberi soleant, habendae videantur esse; ut ad hostes transire turpe videatur esse, at non illo animo, quo Ulixes transiit; et pe- cuniam in mare deicere inutile, at non eo consilio, quo Aristippus fecit. sunt igitur res quaedam ex tempore et ex consilio, non ex sua natura conside- randae; quibus in omnibus, quid tempora petant, quid personis dignum sit, considerandum est et non quid, sed quo quidque animo, quicum, quo tempore, quam- diu fiat, attendendum est. his ex partibus ad senten- tiam dicendam locos sumi oportere arbitramur.
Lob und Tadel aber werden aus jenen Plätzen genommen werden, welche Plätze den Personen zugeschrieben sind, von denen zuvor gesprochen worden ist. Wenn aber jemand es gegliederter behandeln will, so wird er es in Geist und Körper und äußere Dinge einteilen dürfen. Dem Geiste eigen ist die Tugend, über deren Teile kurz zuvor gesprochen worden ist; dem Körper die Gesundheit, die Wohlgestalt, die Kräfte, die Schnelligkeit; die äußeren sind die Ehre, das Geld, die Verschwägerung, das Geschlecht, die Freunde, das Vaterland, die Macht und das übrige, was als von ähnlicher Gattung erkannt werden wird.
Laudes autem et vituperationes ex iis locis sumentur, qui loci personis sunt adtributi, de quibus ante dic- tum est. sin distributius tractare qui volet, partiatur in animum et corpus et extraneas res licebit. animi est virtus, cuius de partibus paulo ante dictum est; corporis valetudo, dignitas, vires, velocitas; extraneae honos, pecunia, adfinitas, genus, amici, patria, poten- tia, cetera, quae simili esse in genere intellegentur.
Und bei diesen muß das gelten, was bei allen gilt; auch die Gegenteile, welche und von welcher Art sie seien, werden erkannt werden. Beim Loben und beim Tadeln aber muß man nicht so sehr darauf sehen, was der, um den es geht, am Körper oder an äußeren Dingen besessen hat, als vielmehr darauf, auf welche Weise er sich dieser Dinge bedient hat. Denn das Glück zu loben ist Torheit und zu tadeln Anmaßung, das Lob des Geistes aber ist ehrenhaft und sein Tadel nachdrücklich. Da nun für jede Gattung des Falles die Weise des Beweisens überliefert ist, so scheint über die Auffindung, den ersten und größten Teil der Rhetorik, genug gesagt zu sein. Da daher sowohl der eine Teil mit diesem und dem vorhergehenden Buch zum Abschluß geführt worden ist als auch dieses Buch nicht wenig an Schriftwerk enthält, so werden wir das, was noch übrig ist, in den verbleibenden Büchern sagen.
atque in his id, quod in omnia, valere oportebit; con- traria quoque, quae et qualia sint, intellegentur. vi- dere autem in laudando et in vituperando oportebit non tam, quae in corpore aut in extraneis rebus ha- buerit is, de quo agetur, quam quo pacto his rebus usus sit. nam fortunam quidem et laudare stultitia et vituperare superbia est, animi autem et laus ho- nesta et vituperatio vehemens est. Nunc quoniam omne in causae genus argumentan- di ratio tradita est, de inventione, prima ac maxima parte rhetoricae, satis dictum videtur. quare, quoniam et una pars ad exitum hoc ac superiore libro per- ducta est et hic liber non parum continet litterarum, quae restant, in reliquis dicemus.

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De Inventione

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